Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 15, sozialen -den Rang stneitig. Das wind' dar dautschösterreic bischen Soriafiiernoknatie auch in dter Internationale -niltint vergessen werden dürfen! . * Die Wahlbewegung in Wien. Die Wahlbewegung für den Wiener Gemeinderat bat nunmehr in vollem Umfange eingesetzt Die jüdischnationale .Partei ist in den Wahlkampf eingetreten und «entfaltet eine außerordentlich rege . Agitation. Die Judenschait Wiens wird sich der Einsicht nicht verschließen, welch große Bedeutung; es hätte, wenn bewußt jüdische Vertretr in den Gemeinderat einziehen, der bisher einseitig antisemitisch war. Nach dem großen Erfolg, den die Judenschaft des II. und XX. Bezirkes bei den Wahlen in die Konstituante errungen hat dürfen. wir auch den kommenden Wahlen mit den besten Erwartungen entgegensehen. Das zionistische Komitee hat: in mehreren Wiener Bezirken eigene Kandidatenlisten aufgestellt .Listenführer für den Gemeinderat im II. Bezirk ist Dr. Jakob Ehrlich, der von seiner Tätigkeit als Obmann des Jüdischen Nationalvereines aus der Zeit vor 460/Kriege noch allen Parteifreunden wohl bekannt ist und der nun nach der durch die Kriegsdienst!eistimg verursachten mehrjährigen Unterbrechung wieder in das aktive politische Lebern elmtritt. Der Listenführer für den- IX. Bezirk ist Dr. Bruno PoIIae.k, Präsident des Jüdischen Natienalrates für Deutschösterreich. Für die Landtagswahlen im II. und XX. Bezirk kandidiert Dr. Isidor Schalit einer der ersten Vertreter des Zionismus in Wien. In der vergangenen Woche haben bereits mehrere Wählenversammlungen stattgefunden, in welchen die Kandidaten und andere führende Mitglieder der Partei das jüdischnationäle Programm entwickeltem. Es ist mit Genugtung festzustellen, daß. die. Wählerschaft in immer höherem Maße ihr Verständnis iür die Richtigkeit und Notwendigkeit des zionistischen Programme« erweist * Das Programm der jüdischen Volkspolitik. - Wir berichteten kürzlich über den Artikel Doktor Zieglers in der Wiener Wochenschrift „Der Friede“, über „Nationalismus und Judentum“, welcher die Ziele des jüdischen Nationalismus in irreführender Entstellung darstellt um dann vor ihm zu warnen. Das letzte Heft des „Frieden“ (Nr. 64) bringt nun eine Erwiderung von Robert Weltsch unter dem Titel „Jüdische Volkspölitik“. In diesem Aufsatz werden die Anwürfe Dr. Zieglers scharf zürückgewiesen* und an der Hand der vier in dem Memorandum des Jüdischen Nationalraites für Deutschösterreich an die Regierung enthaltenen Punkte die wirklichen Zeile und Postulate der jüdischnationalen Politik dargelegt, erläutert ^und begründet. -Dadurch ist zum . erstenmal der nicht eingeweihten 0Öffentlichkeit ein informatives Material geboten, und es ist ein dankenswertes. Verdienst 1 der Zeitschrift „Der Friede“ und zeugt von der Objektivität ihrer Leitung, daß sie die Gelegenheit für diese Aufklärung , boL Denn sowohl den Juden als auch der gesamten Oeffentlichkeit kann die Judenfrage nur dadurch verständlich und lösbar.werden, daß sie mit aller Offenheit und dem guten Willen zur Wahrheit; und Verständigung diskutiert wird. * Antisemitische' Propaganda in München und Wien. Anläßlich der letzten Ereignisse in München wurden dort, wie gemeldet wird, Flugblätter antisemitischen Inhaltes verteilt und eine antisemitische Hetze eingeleitet, deren Wurzeln nur allzuklar sind. Es soll natürlich durch eine wüste Schimpferei gegen die volksfremden Elemente die allgemeine Unfähigkeit bemäntelt und der Zorn des Volkes auf die Juden abgelenkt werden, ßs ist eine sehr einfache Art der - Auseinandersetzung mit sozialen und Regierungsproblemeil, wenn man statt ernsthafter Maßnahmen zu wüster Demagogie greift. Dem gegenüber lohnt es sich nicht einmal, immer wieder das Argument geltend zu machen, daß Juden in beiden Lagern stehen und tätig sind. Vom jüdischnationalen Standpunkte aus kann immer nur wieder betont werden, daß die Juden, die den Zusammenhang mit ihrem Volke verloren haben und ihn auch gar nicht bewahren wollen, in keiner Weise für das jüdische Volk repräsentativ sind. Ihre Handlungen sind nicht Sache des jüdischen Volkes, sondern Sache derer, deren Geschäfte sie besorgen. Aber es ist doch bedauerlich und tragisch, daß Juden lautersten Charakters und edelster Leidenschaft, Persönlichkeiten, wie Kurt Eisner dne war, sich von den Beschimpfungen des erbärmlichsten, geistverlassenen Spießbürgertums besudeln lassen müssen. In ihrem-Schicksal ist Tragik, das Schicksal der entwurzelten, assimilierten und unernsten jüdischen Szenenreißer ist nur eine Folge der Entartung. Die Münchener Vorgänge haben mehrere Wiener Blätter veranlaßt, auch liier mit einen antisemitischen Hetze einzusetzen und den Antisemitismus als Rezept zum Schutz gegen den Kommunismus zu verschreiben.. Nicht hur die alldeutsche „Republik“, das Blatt der Schwerindustrie, die den Niedergang Ludendorffs und der Hohenzollem nicht verschmerzen kann, ergeht sich in blindwütigen Aufreizungen zu Pogromen, auch das „Neue Wiener Tagblatt“, das augenscheinlich große Angst vor dem die Kapitalistenklasse bedrohenden Umsturz hat, bläst in_ dasselbe Horn. Durch diese Hetze solldie öffentliche Stimmung in Wien vergütet werden. Der Grund ist klar: wenn .die großer Schar hungernder Arbeitsloser sich empören wird, so soll der Anschein erregt werden, daß nicht die Not, der zu steuern die Regierung sich beispiellos unfähig erweist, sondern daß die Juden die Schuld tragen. * Einigungsbestrebungen im Judentum. Wie wirerfahren,. hat anfangs April In Paris eine. JÜDISCHE ZEITUNG Sitzung der Vertreter sämtlicher großer jüdischer Organisationen staatgefunden. Teilgenommen haben die Delegierten der zionistischen Organisation, des amerikanisch-jüdischen Kongresses, der Nationalräte, der Liga der britischen Juden, der Alliance usw. Es wurde über die Möglichkeit einer gemeinsamen Plattform beraten. Die Verhandlungen sollen fortgesetzt werden. Auch in Berlin haben Verhandlungen zwischen den Zionisten und den übrigen Organisationen stattgefunden, und es wurde eine Einigung insoferne erzielt, als das außenpolitische Programm der Zionisten, insbesondere also die Palästinafarderung und die Forderung nationaler Minderheitsrechte für die Juden der neugebildeten Staaten von den' liberalen Juden akzeptiert wurden. * Ein .tschechischer Staatsmann über die Judenfrage. Der Minister des Aeußern der tschecho-siowakischen- Republik, Professor B e n e s c h. hat in Paris eine aus den Herren Dr. Hugo Bergmann, Norbert Adler und Oswald Freund bestellende Abordnung der Pariser Delegation des' Jüdischen Nationalrates für den tschecho-äowakischen Staat empfangen und mit ihr die Lage der Juden im tschecho-siowakischen' Staat; in einer einstündigen Unterredung ausführlich erörtert Der Minister erklärte, daß er sich in der Judenfrage von der gleichen Anschauung leiten Tasse wie Präsident Masaryk. Er anerkenne die Berechtigung und den hoben moralischen Wert der national-jüdischen Bestrebungen und versichere, daß die tschechische Regierung den Juden nicht nur volle bürgerliche und religiöse Gleichberechtigung sondern auch die von ihnen geforderten nationalen Minderheitsrechte geben-werden Gleichzeitig verurteilte Benesch den wachsenden Antisemitismus in Böhmen und sagte, daß die Regierung alles zur Bekämpfung des Antisemitismus aufbieten müsse--denn an der Haltung zur Judentrage sei die Kulturhöhe jedes Volkes am besten zu messen. — Die leitenden Staatsmänner der Tschecho-Slowakei haben bereits in vielen Erklärungen den Antisemitismus verurteilt. Gleichzeitig aber wächst die Judenfeindsch^ft im ganzen Staat und steigert sich an manchen Orten zu oedrolilicher Feindseligkeit -Die unerhörte antisemitische . Hetze eines gewissen-, Teiles -der tschechischen Prese wird stillschweigend toleriert. Die jüdische Oeffentlichkeit hat ein Recht zjr-fordem, daß die tschechische Regierung ihre Kulturhöho dadurch dokumentiert daß sie endlich energisch gegen den Antisemitismus einschr eitet * Die Lage der Juden in der Groß-Ukraine. Die Verhältnisse in der Groß-Ukraine sind nach wie vor äußerst trübe. Die Nachrichten über den Massenmord in Prosktirow und In Fel-szt y ft ..w.ei^len leider., durch alle .von.. dort kommenden Berichte bestätigt. Äuch -Tn; der übrigen Ukraine soll nach den Angaben von in Wien eingelrolfenen Augenzeugen die Situation äußerst bedrohlich sean, da bei der völligen Unsicherheit und Ungeordnetbeit der Verhältnisse und angesichts des dauernden Kampfes zwischen den einzelnen militärischen Abteilungen die Regierung vollständig machtlos ist Die Juden sind das am schwersten betroffene Opfer dieser Lage. Der Minister für jüdische Angelegenheiten Rewuzki soll geäußert haben, daß während seiner Ministerschaft bereits 80.000 Juden Eh der Ukraine umgebracht wurden. Wenn auch diese Zahl übertrieben und vielleicht auch ungenau überliefert ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die Juden in der Ukraine gegenwärtig ein Martyrium erleiden wie nie zuvor. Es erweist sich, daß -die Ukraine nicht imstande ist, aus eigener Kraft sich selbstzu regieren. Es ist höchste Zeit, daß diejenigen Mächte, die noch über Macht und Disziplin verfügen, hier eingreüen, bevor es zu spät wird. Das Elend der Hinterbliebenen nach den Gemordeten, insbesondereder Waisenkinder, soll entsetzlich sein. In Wien hat sich ein Hilfskomitee gebildet, welches Donnerstag, den 17, d. M., eine große Trauerversammlung abhält, bei der Oberrabbiner Dr. Chajes, Abgeordneter Stricker und ander sprechen werden. * Englischer Protest gegen die Pogrome. Dem Jüdischen Preßbureau in Stockhohn wird aus London telegraphiert: Die Zionistische Orgahisation Englands veröffentlicht eine Erklärung, in der sie die polnischerseits aufgestellte Behauptung, in Krakau wäre eine „jüdisch-bolschewistische Verschwörung“ entdeckt worden, dementiert und feststellt, daß derlei Anschuldigungen nur mit der Absicht in Umlauf gesetüt werden, die Juden zu verleumden und ihre Interessen zu schädigen. Die Zionistische Organisation veranstaltete am 9. April eine große Protestversammlung in Queenshall in London wegen der Judenpogrome in Polen und der Ukraine. Den Vorätz in der Versammlung lührte Lord Parmoor. Lord Buckmaster war einer der Hauptredner. * Polnische Handelsinteressen. Das Polnische Komitee in London veranstaltete eine Zusammenkunft englischer Kauileute mit der Absicht, eine polnische Handelskammer in London zu gründen- Der Versammlung wohnte Grat Szultovski, ein spezieller Abgesandter der politischen Regierung, bei. Einer der anwesenden Engländer, der das Wort ergriff, drückte, auf die Judenpogrome verweisend, seine Unzufriedenheit ityit dem gegenwärtigen Stande der Dinge m Polen aus,.der die Aufnahme des Handelsverkehrs mit diesem Lande zurzeit unmöglich mache, und sagte, daß auch seine jüdischen Geschäftsfreunde, mit denen er immer in bester Beziehung gestanden hätte, geäußert hätten, sie könnten mit Polen keine geschäftlichen Verbindungen anknßptcn, so lange das Seite 7 jüdische Leben dort bedroht ist. Szultovski erklärte im Namen der polnischen Regierung, daß die Geschichte Polens, wo die Juden Jahrhunderte lang in Ruhe und Frieden gelebt hätten, die Toleranz des polnischen Volkes beweise; an. den. Pogromen iß Galizien seien zumeist die Ukrainer schuld. (!) Die Polen und Juden würden nach dem Kriege freundschaftlich Zusammenleben, und die Jurden würden im neuen Polen volle Freiheit genießen. * Ein jüdisches Institut für Kunst und Wissenschaft in Palästina. Das Kopenhageuer Zionistische Bureau berichtet: Herr E. S. Kadoorie, der Vorätzende der Zionistischen Vereinigung in Shanghai, hat an die Herren Weäzmamv Sokolow und Kessler ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Anläßlich des kürzlichen Besuches des Zimro-Sextetts, das unter den Auspizien der Petrograder Zionistischen Vereinigung nach. Amerika reist, um. für die jüdische Akademie für. Kunst und Wissenschaft in Palästina zu agitieren, freue ich mich, 'sagen zu können, daß ich mich entschlossen habe, diesem . verdienstvollen Plan meine moralische, und finanzielle Unterstützung, zu gewähren. Ich glaube, es ist sehr notwendig, daß eine - jüdische Akademie für Musik, Kunst, Landwirtschaft, Skulptur, Ingenieurwesen, Li-' terato etc. in Palästina errichtet wird, und daß Sie zur Erhebung eines Fonds , von mindesten». 25,000 Lst hierfür auffordern. Ich bin bereit, den Betrag von 1000 Lst zu spenden, falls Sie einige weitere Spenden gleichen Betrages für den Fond» zusammenbekommen.“ * Kongreß der griechischen Juden. Die „Agence d’Athenes“ medet: Die jüdischen Gemeinden. Griechenlandstraten vor kurzem zu einem Kongreß zusammen, den der Großrabbiner von Saloniki eröffnete. Er stattete den alliierten Mächten, und insbesondere Griechenland für ihre Sympathie für das zionistische Ideal seihen Dank ab. Nachden Beratungen nahm der Kongreß eine Resolution an. m welcher er von der Friedenskonferenz Gleichberechtigung in politischer und religiöser, Hinsicht für die'Jaden aller Länder, die n a tio-, nale Autonomie dort, : wo die Juden sie wünschten, forderte; ferner die Schaffung der politischen tmd ökonomischen Bedingungen für die Wiedererrichtung eines" jüdischen Palästinas innerhalb seiner historischen. Grenzen unter der Sachwalterschaft Englands und schließlich den Eintritt der jücfischen Nation in die Gesellschaft der Nationen yerlapgte... Die griechische Rede des jüdischen Advokaten Samuelides, der die Wiederauferstehung- Judäas begrüßte, rief eine begeisterte Ovation hervor. . * Ein jüdischer Schriftsteilei-- tmd Künsttervereln in .Zürich, Am IÖ. März wurde in Zürich eine „Vereinigung jüdischer Forscher, Schriftsteller tmd Künstler“ gegründet, dSe zum Zeichen, daß sie wie die gleichnamige Gesellschaft in Wien dieselben Ziele verfolgen wird, auch den Namen „Hamach“ amnahm. Der neuen Vereinigung hat äch unmittelbar nach ihrer Gründung fast che ganze in Zürich lebende Kolonie jüdischer Schriftsteller und Künstler zum Schutze ihrer gemeinsamen Interessen zur Verfolgung der kulturellen Bestrebungen des jüdischen Volkes angeschlossen, ’um ersten Vorätzenden wurde Redakteur Dr. S: D. Stefnberg gewählt, die Wissenschaftler! sind im Präsidium durch Dr. iraed. RafaM Becker, die Künstler durch den Maler und Graphiker Gregoire Rabinowitz vertreten: Dem Vorstand gehören unter anderen Professor Henryk Glycenstein und der Dozent des RabbinersemLnars in Florenz J. Sonne an. Die Züricher ^Vereinigung „Haruach“, die auch die außerhalb Zürichs, insbesondere in der Wesfcschwefz wohnhaften jüdischen Schriftsteller und Kimstier zum Anschluß an ihre Bestrebungen auffordern wird, hat ihren Sitz im „Jüdischen Heim“, Taktcker 50, amgeschlagen. Sie gedenkt sofort mit praktischen Arbeiten za beginnen und plant für die allernächste Zeit eine Ausstellung der einheimischen und fremdländischen jüdischen Künstler, um dem Notstand, in dem ein Teil der jüdischen Maler und Bildhauer lebt begegnen zu können * Berliner Beratungen über die jüdische Frage. Am 31. März fand in der Geschäftsstelle des Auswärtigen Amtes für die Friedensverhandlungen eine Sitzung zur Beratung der jüdischen Frage bei den Friedensverhandlungen statt bei welcher die Sachverständigenkommisäon die Forderung nach Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt Beseitigung aller beschränkenden Gesetze und. Bestimmungen und die Zuerkennung der nationalen und kulturellen Autonomie in den neugebiideien Staaten nach den Wünschen der Mehrheit der dortigen Juden' aufstellte. Ferner verlangte die genannte Konunisäon die Festsetzung solcher politischen, administrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, daß seine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheit getragenen, autonomen Gemeinwesen (common wealth) gesichert wird. Ferner wurde unter lebhaftem Beifall Entschädigung für Pogromopfer durch den betreffenden Staat verlangt, endlich Einsetzung eines internationalen Ausschusses mit der Aufgabe, darüber zu wachen, daß die Grundsätze und Beschlüsse der Friedenskonferenz hinsichtlich der Juden durchgeführt werden. Am die Vorlesung der Forderungen schloß sich eine allgemeine Diskussion an, bei der sich die Vertreter der Regierung lebhaft beteiligten.