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Jüdische Zeitung · 1919-04-11 · 15 (11.4.1919) · p. Seite 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
15 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
Seite 1 (sequence 7)
Language
German
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s Kr. 15 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG 15 DER JÜDISCHE NATIONALFONDS Mitteilungen des Vereines Keren Xajemeth Lej Israel e: und P alästina-Amfes n RedaktionsscMttß im vorangehenden Sonnlag. Später-einlaufende Spenden werden ersi im nächsten Ausw'eis veröffentlich!. — Geldsendungen unr an das Postsp.-Kto 100.208 Tel. * *5-3-25. SAMMELSTELLE FÜR ÖSTERREICH WIEN ll/t. ZIRKUSGASSE NR. 33 Der «Jüdische Nationalfonds* ist dazu bestimmt. in Palästina Grund und Boden' als unveräußerliches Eigentum des jUdiacheaVollce» zu erwerbt n. . ESavis THeiech. Zur Palästinafrage ■ . (Fortsetzung.) Also nicht einseitige Industrie, sondern im Gegenteil „Landwirtschaft für alle“. Aber keines-' falls daneben ein Wegwerfen und Vergessen der Fähigkeiten, Fertigkeiten und Berufe, die unser einwanderndes Element mitbringt und in denen es sich in einer Unzahl vom Fällen vom ersten Anfang: an lohnend betätigen und jeder zu seinem Teil .an der alle Berufe umfassenden nationalen Wirtschaft mitwirken kann. Solche gartenbaulichen Erwerbsheimstäl!ten brauchen nicht mehr als 1 Hektar zu umfassen. 10.000 Hektar reichen danach, wenn wir die Fa- - milie’ auf fünf Köpfe rechnen, bereits' für. Zehntausendc von Seelen. Böhm führt in einer sehr unvollständigen Aufstellung etwas über 200.000 Hektar (gleich einem Fünfzehntel der Gesamtfläche (Palästinas) auf und sagt: „Daß man auf diesem Terrain rasch Zehntausende .ansetzen kann, wird niemand behaupten!“ Dann spricht er davon, daß man ja auch von den Arabern unbebauten oder mangelhaft bebauten Boden erwerben könne, daß aber, auch wenn wir das strikteste Enteignungsrecht erhalten, die Auseinandersetzung mit Besitzern und Pächtern sehr vorsichtig und behutsam gemacht-werd'en müsse. — Habe ich vielleicht Unvorsichtigkeit empfohlen? Allerdings begründet Böhm seine Vorsicht damit: „Wir können die Araber, von denen 40 Millionen in geschlossener Siedlung rings um uns wohnen werden, nicht gegen uns aufbringen.“ Hier steht der Orienitstatistiker (ich gehörezu dieser Sorte) vor einem Rätsel. Die Zahl der Araber zu bestimmenist nicht leicht. Ich würde Herrn Böhm'für einen solchen Beitrag zur bevorstehenden vierten Auflage meines „Levante-Handbuches" dankbar sein. Die richtigen Araber zählen etwa 4 Millionen. Auf 36 Millionen wird maximal die Zahl’ der arabisch Redenden geschätzt. Dies sind aber" weitaus vorwiegend nicht Araber, sondern aräbisierte Aegypter, Berber, Kabylen. usw.‘) Ihre „geschlossene Siedlung rings um uns“ sieht dagegen so aus, daß zwischen Palästina und dembewohnten Arabien eine Entfernung von weit über 1000 -Kilometer-' liegt; zwischen Syrien; Palästina und- Mesopotamien sind es 650;a) nach Tr-ipolitanien haben wir wiederum über 1000 Kilometer; von Nordsyrien trennt uns der christliche Libanon; von. der arabischen Bevölkerung Aegytens scheidet uns die Sinaiwüste; und von den Arabern . der Atlasländer gar die halbe Breiteausdehnung i des afrikanischen Kontinents. Bei Böhm ist das „geschlossene Siedlung“! .In Wirklichkeit gehen uns nur die Araber Palästinas an, und das sind 500.000 (wejnrn man die Christen himzurechnen will), etwa 600.000). Mit allen anderen haben wir gar keine, und selbst mit einem sehr großen Teil der palästinensischen Araber (Ostiordanland) nur sehr spärliche Berührung. Böhm hat etwas daran auszusetzen, daß ich gegen den üblichen Einwand, Palästina eigne sich aus . Mangel an Kohle und Eisen nicht iür 1 die Industrie, auf das Beispiel der Schweiz hinzuweisen pflege. Dies ist die „Analogie, die so bezeichnend für meine Argumentation und grundfalsch“ sei. Böhm sagt: „Zunächst beruht ein Teil der Schweizer Industrie auf der landwirtschaftlichen Produktion des Landes, z. B. Milch.“ — Können wir Milchwirtschaft nicht auch, in Palästina haben?. Zu meiner Zeit war in Palästina die Milch in Jaffa und Jerusalem zwar spärlich und teuer, in anderen Teilen des Landes aber war sie billiger als in der Schweiz, besonders in Galiläa, wo sie auch vorzügliche Qualität zeigt Geregelter Futterbau, der in Palästina die besten Aussichten hat, könnte uns ähnliche Vorbedingungen schaffen. Im übrigen stehen aber in der Schweizer Ausfuhr (1913) die Textilwaren mit 566’ Millionen Francs weitaus an erster- Stelle. Dann kommt die Ausfuhr von Uhren mit 183, die Maschinen-, Eisenwarenusw. -Ausfuhr mit 150 Millionen. Erst dann folgen Käse, Schokolade und Milch zusammewrenommen mit 176 Millionen , Francs. Geradte an Textil robstowen (und auch an Eisen) muß aber die Schweiz alles einführen, nicht nur für ihre Ausfuhrindustrie, sondern auch für ihren sehr erheblichen Eigenbedarf, während wir"in Palästina glänzende Möglichkeiten für die Produktion der Textilstoffe haben, so daß wir in dies.em wichtigsten Industriezweige der Schweiz sehr Viel bessere -Bedingungenvorfinden. Wie man hienach meinen Vergleich als unberechtigt zurückweisen kann, ist mir rätselhaft. Gilt doch sowohl für . die Schweiz, was ganz parallel für unser neues Palästina gelten wird, daß nämlich ein tüchtiges, fleißiges und intelligentes Volk die *) In Syrien. *) Von Damaskus nach Bagdad braucht! die Kamelkarawane 28 Tage. Es wird zwar bald auch gute-Bahnverbindungen und sonstige moderne Verkehrsmittel geben, aber es ist nicht eben ■wahrscheinlich. <Jbß die Araber Me'mDotamiens per]Schlafwagen oder Luftschiff herbeiel'en werden.', um uns unangenehm-zu werden. Zu naher Nachbarschaft werden sie auch durch die schnellsten Reisewege nicht werden. Grundlage der Industrie und der gesamten Volkswirtschaft bildet. Aber warum erwähnt Böhm nicht mein Schulbeispiel von der ägyptischen Zigarettenindustrie, wo im nächsten Nachbarlande Palästinas trotz Verbots des Tabakanbaues und Fehlens jeden anderen Erfordernisses (sogar der Abwesenheit einer einheimischen oder sonstwie billigen Arbeiterschaft) auf solchen Grundlagen die größte Industrie des Landes entstanden ist? Oder das andere von mir ebenfalls häufig zitierte Schulbeispiel der Spitzenindustrie. *) Hiezu ist weder Kohle noch Eisen (wenn man von den dabei verwendeten Nähnadeln absieht — etliche Gramm für eine ganze Werkstätte —), noch eine Menge importierten Materials notwendig: Und wenn auf den Kanarischen Inseln innerhalb weniger Jahre aus einem Zeitvertreib der Frauen und Mädchen eine Industrie werden konnte, die 15.000 bis 20.000 Arbeitskräften jährlich 10 Millionen Francs an Arbeitslohn brachte, so kann ich nicht einsehen. weshalb bei uns in der viel edleren Technik der Nadelarbeitspitze nicht Achnliches erreicht werden sollte. Daß der Erfolg bisher nicht größer geworden ist, war nicht meine Schuld. Aber hier wenigstens lag vor, was Böhm beim Bezalel mit Recht bestreitet, nämlich ' eine " rentable und hochstehende Produktion. . Freilich, wenn Herr Böhm den „Fehlschlag“ (wobei ich mit gewissen Einschränkungen ihm zustimme) des ..Bezalel“, den Fehlschlag der Verbindung von Kunstgewerbe mit Landarbeit, wie auch an anderer Stelle den Fehlschlag der Arbeitergenossenschaften und sonstige Mißerfolge — teilweise und komplette — erwähnt, so kann ich dazu nur sagen, daß meist .ein hervorragendes Ungeschick in technischer und kaufmännischer Leitung die Ursache gewesen ist, zum anderen Teil allzu häufig die Zaghaftigkeit und Kleinheit der Versuche uitd schließlich bei den von Europa aus geleiteten oder kontrollierten Unternehmungen auch mangelndes Verständnis für die gegenseitigen Erfordernisse. Herr Böhm wendet sich auch gegen meine Auffassung von der Ueberlegenheit des Maschinenbetriebes in der Landwirtschaft Der Maschinenpflug; sei für Palästina nicht geeignet, - weil es j.vor allem1 eia Hügelland“-istand-weil „die flache Pflügung des Arabers“ die richtigere sei.'Wenn Palästina .vor allein ein Hügelland ist so sind die ebenen Teile doch immerhin groß genug, um einer vieljährigen Einwanderung auch großen Stiles zu genügen. Wir müssen ja nicht gerade mit dem Dampfpflug aufs Gebirge hinaufklettern, nur um Herrn Böhm Angriffsflächen zu bieten. Und so flach wie der primitive Pflug des Arabers kann der Maschinenpflug auch arbeiten, man muß ihn nur entsprechend einstellen. Solche Einwürfe sind von einer rührenden Unbeholfenheit Wir brauchen aber Gehirne, die auch wirklich schwierigen Lagen gegenüber das Richtige finden (wenn es auch gelegentlich einmal das Zurückstellen einer Einzelaufgabe sein muß). Nun zu Böhms Verteidigung „unserer besten Fachleute wie Ruppin und Oettinger“ Oettinger ist für mich erledigt, , da er sich durch weitgehende .Anerkennung seines striktesten Widerparts (Prof. Ballod) selbst hinreichend wider legt *) Außerdem mögen andere darüber streiten, ob er seine zweiprozentigen Rentabilitäten auseinandersetzt, um sie zu empfehlen oder aber um davor zu warnen. Mich interessiert dieses Rätsel nicht genug. Was Ruppin betrifft so habe ich mich gegen den Ruppin des Lichtheimschen Referates wenden müssen. Ich habe aber bereits in Wien einen Unterschied zwischen Ruppin und den Ruppin ist e,n gemacht und bezweifelt, ob das von Lichtheim Angeführte tatsächlich Ruppins Ideen entspricht Durch einen glücklichen Zufall war Ich dann m der Lage, auf der Reüse von Wien nach Brünn das Ruppinsche Material, aus dem Lichtheim geschöpft hatte, zu lesen und es war mir auf den ersten Blick unverständlich, wie man diese Unterlagen in der gegenwärtigen politischen . und ■ wirtschaftlichen Situation benutzen konnte. Ruppins Arbeit stammt offensichtlich aus der Zeit vor dem 2, November 1917 (dem Datum der englischen Regierungserklärung), vor der britischen’Eroberung Palästinas und ebenso vor dem ungeheuren Rückschlag in der Situation der Juden Osteuropas. Es war also für ein ganz anderes Palästina und für eine ganz andere *) Aus dieser meiner. Anregung ist immerhin'die größte Einzelindustrie des Landes (mit 400 Arbeitskräften vor dem Kriege) entstanden. *) Wem es zu unbequem ist, es im Original nachzulesen (Oettingers Aufsatz im „Juden“ 1916, Seite 346, „Ein neues Besiedlungsschema für Palästina“), der wird die wichtigsten Stellen in meinem demnächst als erweiterter Sonderdruck erscheinenden Aufsatz „Massenwanderung und Massensiedlung“ finden. Dort werden Oettingers und Ballods Auffassungen und auch deren gegenseitige Beurteilungen einander gegenübergestellt sein. Jüdische Lage geschrieben' als die gegenwärtige. Das aber halte ich nicht für möglich, daß Ruppin diese beiden grundsätzlich verschiedenen politisch-wirtschaftlichen Situationen etwa dl» gleichen Lösungen oder auch nur ähnliche empfehlen könnte. Wenn er es doch tun sollte, werde ioh mich mit meinem guten Freund» Ruppin in dieser Sache ebenso energisch auseinanderzusetzen haben, wie mit den Ruppinisten. die vor lauter Autoritätsglauben selbst derart von den Ereignissen überholte Meinungen ihres Meisters als ein Heiligtum und als einen Ewigkeitswert verfechten. Wenn 'die Ruppinisten wenigstens noch sagen würden, so sagt Ruppin und wir glauben, es. weil er es sagt Aber sie sagen: das sagt Ruppin, und wie könnte es anders sein (so daß sie mit ihrer eigenen Urteilskraft Ruppins vermeintliche Ansicht „unterstützen“). Und es gibt Ruppinisten. die noch weiter gehen. Diese halten Ruppins Ziffern für ein optimistisches Maximum und reduzieren sie noch auf die Hälfte und auf ein Viertel! ■ Wenn solchen Hähden die Leitung oder Beeinflussung des bevorstehenden Ansiedlungswerkes anvertraut sein soll, so kann man sich allerdings darauf gefaßt machen, daß das politische Wunder, das uns zugefallen ist, uns sehr schnell entgleitet, Herr Böhm freilich verdenkt es mir, daß ich mit meiner scharfen Opposition gegen solche Möglichkeiten die Autorität der Leitung untergrabe und möchte mich veranlassen, meine Bedenken statt in der Oeffentlichkeit nur auf Deleeiertentagen (Herr Böhm übersieht, daß diese ebenfalls öffentlich sind) und in Ausschüssen vorzutragen. Dies ist stets auch mein Weg gewesen, nur daß ich mich in wichtigen Dingen nie mit der Ablehnung seitens solcher kleiner Zirkel zufrieden gegeben habe, und auch jetzt ist meine öffentliche Propaganda für ein angemessenes Tempo unseres Siedlungswerkes nichts anderes als eine bitter notwendige Flucht in die Oeffentlichkeit Diese Oeffentlichkeit allein kann unsere’ Leitung an dem zwar vergeblichen aber dermoeb schädlichen Versuche hindern, sich der Massenwanderung, die heute möglich und nötig ist in den Weg zu stellen. Schließlich gibt Böhm zu Ende seiner Ausführungen (in der Verteidigung gegen einen anderen Diskussionsredner) zu,, daß auch er — in anderen Fragen — einmal opponiert hätte. Also Autoritätsglaube und Respekt vor der Leitung nur soweit es ihm paßt! Ich erlaube mir, dasselb© Recht für mich in Anspruch zunehmen, und wenn ich dabei öfters mit den oberen Instanzen in Konflikt geraten bin, so wird es eben daran liegen, daß ich mich intensiver mit allem, was zum Ansiedlungswesen gehört befaßt habe, und daß die Unzulänglichkeit aller bisherigen Leitungen gerade auf diesem Gebiete mich daher mehr stören mußte als andere. Herr Böhm unterstellt mir, ich hielte die Ansiedlung von Zehntausenden für eine „kinderleichte“ Sache. Ich habe es in meinem Vortrage ausgesprochen, daß ich dieser Ansicht durchaus nicht bin. Ich habe auch bei jeder Gelegenheit in diesem Sinne geschrieben. Zum Beispiel heißt es gleich im Anfang meiner Arbeit ..Massenwanderung und Massensiedlung“ (in „Volk und Land“, Heft 2, Seite 1): „Die vor uns stehende Aufgabe kann auch, von den größten Optimisten nicht als „leicht“ angesehen werden. Auswanderung und Kolonisation sind Komplexe, die alle Verhältnisse normalen Lebens umfassen und darüber hinaus noch vieles Unnormale, weil eben Auswanderung und Schaffung neuer Existenzen keineswegs das Uebliche sind und nur für den geringsten Teil der Menschheit in Frage zu kommen pflegen. Die tatsächlichen Schwierigkeiten sind also reichlich genug. Wir brauchen sie aber nicht durch eingebildete Hindernisse, wie die Mutlosigkeit und die Unkenntnis sie zu sehen pflegt, noch zu vermehren. Aut der andern Seite sind aber auch die Schwierigkeiten nicht außer Acht zu lassen, die aus dem Verbleib jener Judenmassen in ihren jetzigen Auf- . enthaltsländern oder abs ihrer Wanderung nach den bisher üblichen Emigrationszielen sich ergeben müßten: So kühn es klingen mag: bei allen Schwierigkeiten biete Palästina den. zur Auswanderung gezwungenen jüdischen Massen den Ausweg des geringsten Widerstandes!“ Ich glaube nicht, daß man das Gegenteil dessen, was Herr Böhm mir in den Mund legt, klarer ausdrücken kann. Ich bin hferausgeiorefert worden, ti:er auf Einwände zu erwidern. Ich hoffe, dem Leser dabei auch manches Positive geboten zu haben, möchte aber versuchen, noch ein wenig hierüber hinauszugehen, indem ich in aller Kürze zusammenfasse;1 wie ich mir die „große“ Einwanderung denke. Der Auswanderungsdrang umfaßt in zwingender Stärke einen sehr großen Teil der Ost- ■ii :ii :i H M. ■\ J: 1

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