Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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mm XIII. Jahrgang — Nr* 15 Nalional-jüdifches Organ Redaktion nnd Admini.tration: MH der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wf«n II., Taiiorairaße I ____ Fernsprecher Nr. 45-325 m.«f Fr.*.,,, d.« II. April 1919 Bezugepireis: Vierteljährig 6 £ ganzj. 24 K, Einzelnummer 60 A Poataparkaaaenkonto 133.404 Die nächste Nummer erscheint in verstärktem Umfang als Pessach-Festnummer. Illusion lind.; Wirklichkeit In dieser entscheidenden Phase des Zionismus ist es notwendiger als jemals, daß die Zionisten sich über die Tatsachen und Möglichkeiten der politischen und praktischen Arbeit genau Rechenschaft geben und sich vor Täuschungen und Unklarheiten-hüten. Es ist ein alter Fehler unseres politisch wenig geschulten Volkes, dessen äußere Geschichte seit zwei Jahrtausenden fast ausschließlich eine Leidensgeschichte, eine passive und keine akthre war, daß es immer gern sich der-Vorstellung hingibt, sein Schicksal könne von außen her Irgendwie bestimmt werden. Auch jetzt, wo die Erwartungen auf das Höchste gespannt sind, hat es den Anschein, als ob wir gern auf ein Wunder warten würden, das uns das Ziel unserer Wünsche irgendwie in den Schoß wirft und daß wir. dann enttäuscht sind, wenn wir mit Schwierigkeiten zu tun haben, an die wir nicht gedacht haben. Seit "der englischen Erklärung vom NjjveniB.er 1917 hat sich im Bewußtsein des Volkes immer mehr der Gedanke festgesetzt.,daß der Judenstaat: unmittelbar vor seiner Errichtung steht'und daß die Friedenskonferenz-' einfach durch ihr Machtwort den Staat schaffen wird. Wenn es sich gezeigt: hat,, daß dieser. Akt doch etwa ein.': Mißlingen unserer Pläne, sondern In den Tatsachen tl.ef , begründet. Die Forderungen, welche von der zionistischen Delegation der Frie- ’denskonferenz vorgelegt wurden, haben in manchen zionistischen'Kreisen Unzufriedenheit und Bedenken heryorgerufen, da diese Forderungen nicht den hochgespannten Erwartungen entsprachen! Es äst daher notwendig, sich ganz klar zu machen, daß wir einen" Jiidenstaat in einem Land,, wo wir bisher nicht wohnen und nur eine winzige Minorität bilden, welches bisher kulturell und zivilisatorisch keineswegs auf moderner Höhe steht und für Selbständigkeit auch keinerlei Voraussetzungen bietet, nicht schlechthin fordernkönnen.. Was wir fordern können, ist nur, daß solche Bedüignnr"*t geschaffen werden, die uns ermöglichen, durch unsere Arbeit die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß im geeigneten Augenblick unsere Siedlung zu einem Judenstaat wird. - In diesem. Sinn sind die politischen Bemühungen' der zionistischen Leitung zu verstehen. Es ist nicht leicht, bei den Großmächten Verständnis für die besondere Lage und die besonderen Bedürfnisse des jüdischen Volkes zu 'Y ecken. Das größte Verständnis und Entgegenkommen hat England bewiesen, und die zionistische Politik hat durch eindeutige Erklärung einen. Zusammenhang mit der englischen Politik herzustellen gesucht Die britische Verwaltungs- Praxis hat den Beweis erbracht, daß sie die Entwicklung freier nationaler Gemeinwesen mit selbständiger Kultur durchaus zuläßt. Und bevor wir nicht imstande sind. Verwaltung, Regierung und Schutz des Landes selbst zn -übernehmen, bedürfen wir eines derartigen starken Sachwalters! Es darf aber nicht .übersehen werden, daß: durch diesen Anschluß an England für den Zionismus neue Probleme: entstanden sind, die äuch bei der Behandlung: de^ Frage vor dem Friedenskongreß in* Erscheimmg ’getreten sind. Die Rivalität der Großmächte; welche auch in der neuen Epoche,, dfe zum’Völkerbund hinüberführen soll, nicht aufgehört 'hät, beeinträchtigt’ auch die Lösung der ,Palästiirafrage und' zwingt die zionistische Leitung, mit gyoßer Vorsicht zu Werke zu gehen, um ihre Position nichts zu gefährden. Das jüdische Volkdarf sich-mchtder IUusIoe bingeben; daß seine Ansprüche’ glatt und reibungslos , allgemein anerkannt! werden! Noch immer bestehen mächtige Gegner und wir müssen bei aller ...... Selbstsickerheit und Zuversicht den Tatsachen ins Auge sehen. Die beachtenswerteste Gegnerschaft findet die zionistische Forderung bei Frankreich. Frankreich ist zwar nicht gegen eine jüdische Siedlung in Palästina, es hat aber bedeutende Einwände gegen die englische Sachwalterschait und auch die, Grenzfrage gegenüber Syrien' macht Schwierigkeiten. Die Haltung'Frankreichs ist seit Beginn der Diskussion eine offen oder verschleiert gegnerische. Schon am 27. Februar zeigte sich dies in unliebsamer Weise durch das Auftreten Silv^in Lews, der als französischer Agent unter der Maske eines Vertreters französischer Juden der zionistischen Forderung entgegentrat Die Berichterstattung über die Sitzung durch die offizielle Agence Jiavas war tendenziös entstellt Es wurde damals dort behauptet, Sokolow und Weizmann hätten die Errichtung eines souveränen Judenstäaits gefordert unid Liew «ei 'dieser Forderung entgegengetreten und habe sich für eine nationale Heimstätte erklärt Diese Art der Berichterstattung gab der englischen Zeitung „Times“ Anlaß zu der Bemerkung, nur gänzlich uninformierte Leute könnten derartiges behaupten. Damit war dem französischen offiziellen Bureau eine deutliche Abfertigung gegeben. Die französische Presse setzte nach dem 27. Februar ihre Kampagne gegen den Zionismus fort. „Matin“ brachte Aeußerungen verschiedener Persönlichkeiten, darunter auch ein Interview mit dem arabischen Führer Emir Feisul, welches antizionistische Aeußerungen enthielt und von’Feisul durch seinen Brief an Frankfurter feierlich desavouiert wurde. Es scheint indes; daß allmählich eine Einikommt. Silvain Lew selbst, der noch kurz zuvor in allen möglichen Tönen gegen den Zionismus protestiert .hatte,, hat später im „Petit Parisien“ die Erfüllung der zionistischen Forderungen als vollendete Tatsache erklärt Keineswegs ist es aber sicher, daß die Widerstände von dieser Seite endgültig überwunden sind. - Auch von anderer Seite sind Widerstände gegen die zionistischen Ansprüche geltend gemacht worden. Der Papst hat m einer Könsistorialversammlung am 10. März eine viel bemerkte Rede gehalten, in der er sichdagegen aussprach, daß Palästina in nichtchristlfche Hände gegeben wird. Eine deutliche Anspielung auf den Zionismus ist zwar dabei nicht erfolgt trotzdem wurde von katholischer Seite, und zwar wieder vor allem vom französischen Klerus auch dieses Moment für die Gegnerschaft gegen unsere Forderungen ausgebeutet Am schmerzlichsten ist es, daß auch jüdische Verbände es nicht unterlassen, gegen den Zionismus zu wählen. Die Liga der britischen Juden hat ein Memorandum überreicht, in welchem sie gegen «he zionistischen Bestrebungen Stellung nimmt und Lucien Wolf ist soweit gegangen, den Ausschluß aller politischen und ökonomischen Privilegien zugunsten irgend einer Rasse oder Religion in Palästina zn verlangen. In einer Sitzung des „Board of deputies“ wurde allerdings gegen . diese Stellungnahme Lucien Wolfs, der dazu kein Mandat hatte, Verwahrung eingelegt. Aber auch in Amerika haben sich einzelne Juden gefunden, welche den einmütigen Beschluß des von allen Juden gewählten Kongresses zn desavouieren streben. Daß die Alliance nicht zurückbleibt bedarf nicht erst gesagt zu : werden. Diese Tatsachen sind umso bedauerlicher, als dadurch in die Friedenskonferenz, die absolut nicht gründlich über die jüdische Frage informiert ist, Verwirrung hineingetragen wird. Mt all diesen Widerständen mußte unsere politische Leitung rechnen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Nach allem, was-von Paris verlautet scheint unseren Führern gelungen zu sein, alle, maßgebenden Faktoren von der Richtigkeit und Legitimität des zionistischen Standpunktes zu überzeugen. Gegenwärtig wird die Frage in •Spezralkommisskmen weiter behandelt. Der Judenstaat wird nicht ineinem-Tage erbaut, werden. Nach dem Friedensschluß, sobald auch 'die militärische Verwaltung Palästinas aufhören wird, wird erst die intensive Arbeit einsetzen, welche Palästina zu einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk machen soll. Nur von der Intensität dieser Arbeit wird es abhängen, ob in absehbarer Zeit auch eine weitergehende staatsrechtliche Autonomie gefordert werden kann, als sie jetzt gewährt werden kann. Wir müssen uns darüber klar sein, daß ~ auch unser jetziger politischer Erfolg nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht seit beinahe vierzig Jahren von unseren Pionieren die aufreibendste, aufopferndste Arbeit in Palästina geleistet worden wäre. Ebenso wie wir politisch die Früchte ihres Schweißes einhehnsen, so wird es von uns abhärigen, ob die Generation nach uns auch unsere Arbeit in politische Erfolge wird umsetzen können. Das jüdische Volk muß sich von der Illusion befreien, daß das angestrebte Ziel von außen beschert werden kann. Wir müssen der Wirklichkeit ins Auge sehen. Unsere Arbeit ist schwer und wird langsam reifen. Wir müssen alle Kräite anspannen.’ Nur auf uns kommt es an. Nach dem Parteitag Der letzte Parteitag hat uns gelehrt, wie ein zionistischer Parteitag nicht aussehen soll. Wir haben keinen Anlaß, uns diese Tatsache zu verbergen. Das zionistische Judentum hat im. Gegensatz zu dein Ghettojudentum, wie es noch heute in der Kultusgemeinde und in verschiedenen jüdischen Vereinen lebendig ist, stets die Pflicht zur Selbstkritik erkannt Der Parteitag hat gezeigt daß unsere Organisation in Oesterreich auf erschreckend tiefem Niveau steht ln den Diskussionen war von dem Sdhwung der zionistischen Idee wenig zu merken, die wichtigen zionistischen Probleme blieben völlig unberührt es fehlte an jener Sachlichkeit dre unerläßliche Voraussetzung für die Lösung unserer -schwierigen Aufgabe» ist, W^r ^s schon ein beschämendes Moment, daß in dieser Zeit der Entscheidungen bei uns eine wesentlich organisatorische Frage iro Vordergrund des Interesses stand, so hat vollends der Parteitag bewiesen, daß die durch die Desorganisation geschaffenen Verhältnisse tiefer wirken als bloß auf den äußeren Rahmen Das völlige Auseinanderfallen von zionistischer und politischer Organisation hat es ermöglicht daß zahlreiche Parteigenossen ihr Betätigungsfeld, in der Tagespolitik fanden, ohne sich ihrer Verantwortung dem ganzen Komplex der zionistischen Probleme gegenüber bewußt zu sein. So schwand allmählich auch das Gefühl dafür, daß der Zionismus eine innere Revolutionierung des Judentums bedeutet und daß diex zionistische Politik selbst ein Exponent dieses Prozesses der inneren Umwandlung ist. Wenn dieses Bewußtsein nicht immer wach bleibt, so liegt die Gefahr nahe, daß mit den äußeren Formen der Tagespolitik auch der Geist dieser Politik herrschend wird und daß man vergißt daß für den Zionisten auch diese Formen, deren er sich notgedrungen bedient, nur Mittel für einen ganz anders gearteten, ganz hohen Zweck ist Der Parteitag, dessen äußerer Rahmen schon keineswegs-der Würde der Tagung entsprach und dessen Vorbereitung fraglos zu wünschen übrig ließ, hat aber noch ein Zweites gezeigt: Unserem Parteileben fehlt das intellektuelle Element. Der Zionismus verfügt über eine große Anzahl geistig hochstehender und intellektueller Männer. Leider aber halten sich diese vom Parteileben fern oder kommen doch nicht in entsprechender Weise zur Geltung. Die erfahrenen Parteimitglieder können bestätigen, daß noch nie ein Parteitag in Oesterreich ein so zerfahrenes Bild geboten hat wie dieser. Gerade in diesem Moment bedürfen wir der! Mithilfe unserer intellektuellen Kräfte dringender als jemals. Es ist notwendig, daß unsere Organisation sich ein Vorbild! an der zionistischen Vereinigung für Deutschland nimmt, wo eine großzügige und systematische Intellektuellenpropaganda eingeleitet wurde. Es dürfte nicht Vorkommen, daß in der Debatte über ein politisches Referat ausschließlich taktische Einzelfragen und Personenfragen eine Rolle spielen und der ganze Komplex der gegenwärtigen politischen Probleme, von denen auch die Judenfrage nicht unberührt bleibt, unberücksichtigt bleibt, worauf als Einziger Dr. Kadfsch hingewiesen hat. Es muß auch gesagt werden, daß die Studentenschaft in dieser Hinsicht völlig versagt. Schon der letzte Studententag hat bewiesen, daß unsere Akademiker keineswegs die Reife' besitzen wie bei.anderen Parteien, z. B. bet der sozialistischen. Daß dieser Uebelstand diesmal so kraß zutage trat, wird vielleicht das Gute haben, daß die neue Parteileitung dieser ernstesten Frage ihr Augenmerk zuwenden wird.; Die organisatorische Frage Ist auf dem Parteitag: nur provisorisch gelöst worden. Die neue Leitung wurde beauftragt, zunächst in den einzelnen Orts- und Bezirksgruppen die einheit- Aw i