Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 14 (4.4.1919)
- Date
- 1919-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion rfnci Adminiitratioe: Wien; II.. Tahoratraüe I Fernsprecher. Nr. 45-323 National«jüdtfches Ongan Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wlain, Freitag, den 4. April 1919 Bezasapreis: VierteljJhrig 6 K ganzj. 24 K. Einzelnummer 50 h Postsparkassenksnto 133.404 Das jüdische National« komitee in Paris Nachdem die Palästinaforderung des jüdischen Volkes von der Friedenskonferenz im Prinzip akzeptiert wurde und damit der zionistische .Anspruch ein für allemal dier ganzen Welt klar gemacht ist. bleibt noch die beinahe schwierigere Aufgabe zu lösen! der Welt das Wesen unserer «ationalÄi Fordeningeh in der Dihspora begreiflich zu machen. Eine Zeitlang schienes, als ob die unter dem Banne des Völkerbundgedankens und des Selbstbestinanüngsrechtes stehende Welt nun koaseqaenterweise daran gehen müßte, die Frage der nationalen Minderheiten in allen Staaten zur Zufriedenheit aller bisher .Unterdrückten, insbesondere der kleinen und schwachen Nationen, zu megelit. Die Hoffnung, die man auf das Verständnis derjenigen Völker setzte, die selbst erst <ans der Unterdrückung befreit wurden, hat,- wie so Sflfele Hoffnungen der letzten Zeit getrogen. Der .kühne Traum von einer völligen Neugeburt der -Welt aus einem, neuen Qeisfe nach Hinrwegraumung des alten Schuttes ist vorläufig noch wicht Wahrheit geworden. Die kleinen Völker, die basier unterdem Drucke eines fremden Imperiaüsnras leiden müßteu.umd Jetzt von diesem Drucke bereit sind, haben sich für ihre historische Auf-, stabe nacht rat erwiesen. Sie . haben sich als richtige. Freigelassene gezeigt; welche die Macht, ’dtfe sie einst an sich spüren mußten, Jetzt selbst äi^osten wrflen tnid sie lassen ihren neuerwachtein Imperialismus ganz ungeniert - spielen. Die Fiktion,. daß , durch. die Zerstörung - des früheren i^eme: reiner. Natipnalstaäten ‘^te&nden sSrid, 3bt!dew ^Nationen das 'Scheinr-echt, sich nunmehr als Herren zn, gebärden..- In Wirklichkeit leben auf allen den neu konstituierten Territorien.neben der herrscheiwSMi, Natfpn nationale Minoritäten, .we’che .Mrschönungslbsen Unterdrückung preisgegebea ißad and gegen die; trotz dem von Wilson proklamierten Grundsatz vom Schutz des geheiligten Rechtes der kleinen Nationen^ ein förmlicher Äusrotfungskrieg geführt1 wird, mit. den brutalen Waffen des Pogroms oder mit, den etwas feineren, aber nicht minder giftigen des wirtschaftlichen Boykotts. _ . ' Am schwersten geferffen und am schwersten -eattäuschtsind die Juden;1 welche schutzlos wie klein zweites Volk der WiHkür der herrschenden Naffenea preisgegeben'sind. Die Jude« sind nicht *ür an der freien Entfaltung ihres nationalen .Wesens, daS keinerlei Aggressivität und keinerlei Beemträchtvgiing anderer Völker zuläßt, gehindert, sondern sie sind auch En ihrer physischen Existenz auf das schwerste bedroht. Die nationale Heimstätte in Palästina wh-d diese‘Judenfrage in ihrem vollen Umfang nicht lösen können. Se’bst ior günstigsten Fall wird mir eine relativ kleine -Zahl' jährlich nach Palästina auswandern können. 1lie Mehrzahl muß in ihren gegenwärtigen Wohn- 1ändern. verbleiben und es müssen hier solche prfiKsche, rechtliche und wirtschaftliche Verhältaüse geschaffen werden, daß diese Minderheiten nicht erwürgt werden können. Das jüdische Volk will nicht untergeben. Es wehrt sich und erhält sän» Existenz mit allen Mitteln. Aber es ist ein Verhängnis nicht nur für die Juden, sondern auch für die' anderen Vö’ker, wenn das jüdische Volk % einem Verzweiflungskämpf um seine Existenz hßueingenötigt wird Der Vorwurf, daß die Juden kt höherem Maße als andere Bürger Berufe parasitären Charakters ausüben, fällt auf die Ankläger zurück; welche durch ihre Nichtachtung .and Bekämpfung S. des primitivsten jüdischen Lebensrechtes die Juden In einen wirtschaftlichen -Verzweiflungskämpf^ hineindrängen. Und alle die Erscheinungen nationaler Halbheit und kultureller Verkümmerung, an denen unser gesellschaftliches Leben leidet, stad eine Folge der Knebelung und Fesselung des wahrhaften jüdischen Wesens. Darum ist-es unfaßbar, daß die Völker in ihrer wahnsiattieen . Verblendung, die, einfache Wahrheit nicht begreifen wollen, daß ein Volk nur dann anständig sein und sein wahres Wesen; sein Bestes offenbaren kann, wenn es an der Entfaltung seines nationalen Charakters nicht gehindert wird und wenn ihm das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit an Steife efnes ewigen Sklavenbewußtseins gegeben wird. Der Zehn-Männerrat in Paris hat sich bisher, soweit bekannt geworden ist, ausschließlich mit Territorialfragen befaßt und das schwierige Problem der nationalen Minderheiten unerörtert gelassen. Bei der Fülle, von Aufgaben und ^angesichts der einander widerstrebenden Interessen der beteiligten Großmächte kann dies weiter nicht auffallen. Es ist wahrscheinlich, daß die Fragen der nationalen 'Minderheiten gar nicht von der Konferenz selbst entschieden, sondern dem Völkerbund übertragen werden. »'Die Jüdischen Förderungen wurden bereits von de,n Nationalräten hi den einzelnen Ländern und besonders nachdrücklich von dem jüdischen Kongreß in Amerika formuliert. Das jüdische Volk kann nur dann hoffen, daß ihm eine halbwegs friedliche und gedeihliche Entwicklung gesichert wird, wem* seine Rechte als internationale Rechte anerkannt und verbrieft werden und gleichzeitig durch die.Errichtung eines Internationalen Tribunalesfedern Rechfsbruch .vorgebeugt wird. Die Frage’ 3er Minderheitsrechte der jüdischen Nation ist,besonders kompliziert in^ den östlichen;Ländern, vor-afienrin Polen und in 'der Ukraine, Die Polen wehren sich noch Immer mit aller Macht gegen die Gewährung nationaler .Rechte an’die Juden. Sie; ' suchen, durch Proklamferung von bürgerlicher, und‘religiöser Gleichder Phrasen das' SchuIdbeK' inielite-.v;eöiflwhteBr Bäd^dCT'i^ogfume vor den Augen der 0 Öffentlichkeit zu verwischen. Iq der Ukraine wurde zwar nationale Autonomie allen Minderheitsnationen . gewährt, eine endgültige Beurteilung ist aber heute noch unmöglich, da die chaotischen Zustände in der Ukraine und der Kampf mit dem Bolschewismus die Konturen des verfassungsmäßigen und des tatsächlichen Lebens gar nicht erkennenlassen. So viel steht jedenfalls fest, daß in legislatorischer Hinsicht die ukrainische Autonomie vorbildlich für die Gestaltung der rechtlichen Verhältnisse der Juden in der Diaspora sein wird. * Die schwierige Aufgabe, die Welt über das Wesen der jüdischen nationalen Forderungen aufzuklären, obliegt, dem Ausschuß, welcher sich gegenwärtig in Paris auf dem Kongreß der Delegierten aller jüdischen Nationalrätd gebildet hat Durch die Beteiligung der führenden nationaljüdischen Politiker aus dem Osten hat diese Konferenz eine große Bedeutung gewonnen und es. kann keinem Zweifel unterliegen, daß sie bei der Entente den Anspruch durchsetzen wird, als kompetente Instanz für die Fragen der jüdischen •Minderheiten in der Diaspora anerkannt zu werden. Bisher sind noch wenig Nachrichten von der Konferenz zu uns gedrungen. Aus dem Wenigen jedoch geht hervor, daß die Konferenz in großzügiger Art zu arbeiten begonnen hat. Es wurden mehrere Kommissionen eingesetzt und die Aus-» ärbeitung eines Memorandums begonnen. Das Generalsekrefariat liegt in den Händen Leo Motzkins, dessen tiefes politisches Verständnis und ungewöhnliche Klugheit eine Gewähr für die gewissenhafte Führung der Agenden bildet. Es kann auch nicht ohne Eindruck bleiben, daß die führenden Vertreter der -amerikanischen Juäenheit an der Konferenz teilnehmen. Bemerkenswert Ist vor allem, daß Louis Marshall, der hoch vor wenigen Jahren ein engagierter, Gegner des Zionismus und des nationalen Judentums war. sich jetzt mit großer Vehemenz für die nationalen ■Forderungen einsetzt. Es ist natürlich klar, daß die von . der-Konferenz eingesetzten Kommissionen eine ungeheure Arbeit zu bewältigen haben werden und daß diese Arbeiten sich noch längere Zeit hinziehen werden. Eine große Verantwortung liegt in den Händen dieser Männer, [die; in Paris zusammengekommdn sind. Das jüdische Volk verfolgt ihre Tätigkeit mit gespanntester Erwartung und mit darkbarer Anerkennung. Von der Tätigkeit und von den Erfolgen der Pariser Konferenz wird es abhängen, ob die Juden fürderhin in ihren Wohnländem weiter Parias oder ob sie freie und glückliche Menschen sein werden. __ Die KonstHuierung des Pariser Komitees Der jüdische Nationalrat erhältaus Bern vom 31. März folgende telegraphische Mitteilung: Das Komitee für die nationalen Rechte der Juden in der Diaspora hat sich in Paris konstituiert Es nehmen teil: Die Delegationen der jüdischen .Nationalräte; der zionistischen Weltorganisation und des amerikanisch-jüdischen Kongresses. In den ersten Sitzungen wurde über dfe.. Schritte verhandelt, um die Friedenskonferenz für .die Anerkennung des Prinzips der nationale» Gleichberechtigung der Juden m der Diaspora zu gewinnen. Die Frage wurde einer engeren Kommission übprlassen. Vorsitzender der Kommission ist J n 1 i a n Mack, der Präsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses, Zu Vizepräsidenten wurden gewählt: die Herren Louis Marsh a l1 (Amerika), Dr. Reich (Lemberg), •R o s o f f (Rußland), Dr. Thon (Krakau), Ussischkin (Odessa). Zum Generalsekretär wurde Leon Motzkin bestellt. Es wurden foP gende Kommissionen eingesetzt: für Politik, unter dem Vorsitze von Sokolow, für Entschädigungen der Kriegs- und Pogromopfer (Vorsitzender Mars hall), für Presse (Vorsitzender Dr. Reich) und zur Ausarbeitung ehies Memorandums (Vorätzender Motzkin). Von den galizischen- Delegierten gehört Dr. Michael Ringel den Kommissionen für Politik und Presse an, Dr. Tennenbaum der Kommission für Entschädigungen, Dr. Reich tmd Dr. Th oh. der Memorandumkommission. Eine Massenversaimnlune Jn London für Haag, (i. C. B.) Aus London wird anläßlich der ZionisWnkonferenz gemeldet; daß dort eine Massenversammlung stattgefunden hat; wobei alle Redner nationale Minderheitsrechte für die Juden verlangt haben In den Ländern, wa diese Forderung gestellt wird. Herbert Bentwich präsidierte dieser Versammlung. Oberrabbiner Hertz (London) wies auf die Wichtigkeit der nationale» Rechte bin. Motzkin (Kopenhagen) betonte die Notwendigkeit dieser Rechte; die für die übergroße Mehrheit des jüdischen Volkes eine Lebensfrage geworden sind. Ros off (Petersburg) sprach für die russische^ Juden, die diese Forderung einstimmig stellen. Färbst ein (Warschau) berichtete kn Namen der polnischen Juden; die kn Jüdischen Nationalrat ihre Vertretung gewählt haben? das polnische Judentum habe bei den letzten Wahlen deutlich bewiesen, daß es die Assimilation verwirft - und nationalistisch ist So itn e (Galizien) schil- -derte die Steilung der Juden im Streite zwischen Polen und Ukrainer. Die nationalen Rechte sind für . die Juden eine unbedingte Garantie für die Bürgerrechte. Leo Hermann (Prag) sprach im Namen der Juden der tschechisch-slowakischen .Republik. Die demokratischen Parteien und Masaryk haben den"Juden die Anerkennung der nationalen Rechte verbürgt Es sprachen noch dio Vertreter der amerikanischen Juden, Rabbiner Leventhal und Barondess (New-York). Stern (Jugosläwiep) und Morris Meyer (Poale-Zion). Die Redner protestierten auch gegen das eigenmächtige Auftreten einiger englischer Notabein, die der Friedenskonferenz; ein Memorandum eingereicht haben, das die Juden der betreffenden Länder nicht beachtet Es wurde eine Resolution angenommen, worin von der Friedenskonferenz nationale Minderheitsrechte verlangt werden. Präsident WUson und die nationalen Forderinge» der Juden. Präsident Wilson hat während seines kurzen Aufenthaltes m Amerika eine Delegation des amerikanisch-jüdischen Kongresses empfangen hat und ihr seine Unterstützung der jüdischen Forderungen betreffs Palästinas versprochen. Der Delegation gehörten Stephen Wise» Julian Mack, Louis Marshall und Richards, an. Die Delegation überreichte dem Präsidenten auch die Resolution des jüdischen Kongresses in Bezug auf die Judenfrage m Polen. Rumänien und Tschecho-Slowakien. Der Präsident verhielt sich zu den Forderungen sehr sympathisch und versprach, sich auf der Friedenskonferenz um die Sicherstellung der jüdischem Rechts zu bemühen.