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Jüdische Zeitung · 1919-03-28 · 13 (28.3.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIII» Jahrgang — Nr. 1$ Bedaktion and Adniinistra^io*: Wien II., Taborstrefie I Fernsprecher Nr. 45-325 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds“ Wi«By Freitag, rfea 28. MSrz 1919 Bezugspreis: fierteljahrig 6 Ä ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h ' PoBtsparkassenkonto 133.404? Zum Parteitag |p e&ier bsd«Jtimg$'Vollen und bewegten Zest tritt der zionistische Parteitag Deutschösterreichs zusammen. Es Ist der erste deutschösterreicfaische Parteitag; das Arbeitsfeld der von der Wiener. Zentrale geleiteten Organisation ist geographisch zusammengeschmolzen, seitdem es kein Oesterreich mehr gibt Und trotzdem ist unsere - Partei ein wichtiger Bestandteil der Weltorganisation geblieben, da Wien eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, ein jüdisches Zentrum von besonderem Qharakter und der Volksarbeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens die größten Möglichkeiten bietet. Die Gesundung des jüdischen Lebens kann aber nur durch den Zionismus kommen. Das beginnt das Volk auch zu verstehen, und so kommt es, daß der deutschösterreichische Parteitag diesmal nicht viel weniger organisierte* Zionisten vertreten wird als frühere Parteitage, die noch von ganz Oestereich beschickt waren. Die .Zahl der Zionisten' ist in den letzten Monaten gewaltig gewachsen, nicht nur dank der Erfolge und der Tatsachen, die die Richtigkeit des Weges ' selbst den früher Skeptischen offenbar machten, sondern fraglos auch dank der Rührigkeit der Biocistischen Propaganda. Nicht. nur die Notwendigkeit einer den neuen staatsrechtlichen Verhältnissen angepaßten Neukpnstitulerung, sondern auch das Anwachsen der Bewegung und die Erweiterung des Arbeitsptogrammes stellt aber die Partei zunächst vor die Aufgabe, dip organisatorischen Verhältnisse neu' zu regeln. Die wichtigste Voraussetzung für eine fruchtbare Arbeit ist eine gut funktionierende . Organisation. Leider batte mau in Wien für diese Ptijpdn&/ Es,fst ein Erbteil dös alten Öester- .'refci^Vdafi eher dieses Problem immer etwas leichtfertig höiweggegangen wurde und man sich für/ den technischen AufBdii der Partei nicht ge- »fgend-Interessierte. Die Folge davon ist, daß die Tätigkeit' hnmer wieder durch die oft desolaten S^ganfeator^öhejri. Verhältnisse beeinträchtigt wird, . während dne-gr-un diegende Ordnung und Ausbau des technischen Apparates eine Förderung der Ajrfjelt gewesen wäre. Im Gegensatz zti Deutsch- ', fand .muß mgii b®f unsdiese Binsenwahrheit im-’ ' «er nöcfiwiederholen und dies hat auch zur Folge,, daß jifr einer Zeit, -wo die wichtigsten und entscheidendsten Probleme des Zionismus, zur Diskussioti sfehen, unser Parteitag lediglich zum 7 Zwecke organisatorischer Beschlüsse zusammenberufen. wird,. In dem voii des Parteileitung vorgeiegten neuen Stätutenentwurf wird die Organisation auf dem Prinzip^ der einheitlichen Ortsgruppe aufgebaut. Es wird, also, der Zustand akzeptiert, der in Deutschland seit langem In Geltung ist und sich vorzüglich bewährt hat. Damit wird der bei uns oft ins Uebermaß gesteigerten Egenbrödelel der Vereine die Spitze abgebrochen; denn obwohl die Vereine zur Pflege ihrer Sonderzwecke bestehen* bl eiben, wird (ihnen, doch die . Funktion der organisatorischen Zelle der Partei genommen. Jeder Zionist ist vor allem. Mitglied der Ortsgruppe; welchem Verein er sich sonst an- «chjießen will; bleibt ihm unbenommen, eine Voraussetzung ziir Ausübung der politischen'zionistischen Rechte bildet die. Veremszugehörigkeit nicht mehr. Aber auch in einem andern wichtigen ,P»nkt : bringt das Statut - eine Aenderung. Das ganze .Gebiet der „Gegen wartsarbeit inklusive der Landespolitik soll in das Arbeitsprogramm der Partei: aufgenommen werden. Dämit soll den gegenwärtigentatsächlichen Verhältnissen Rechnung getragen und die durch das. Nebeneinanderbestehen von zionistischer Organisation und Naüonalverein entstandene Verwirrung, durch welche einerseitsx die. Propaganda, andererseits die Evidenzi erschwert wurde, beseitigt werden. Es soll ferner durch/diese Maßnahme die Landespolitik der Kontrolle und der Leitung'seitens der dem : Partdtäg verantwortlichen'^Parteileitung unterstellt. WCTden. Auch jetzt schon haben in der .j.aationalen Bewegung in Wien— im Gegensatz :.«twa zu den Verhältnissen in Polen — ausschließlich führende Zionisten gearbeitet Auch alle anderen Gebiete der Gegenwartsarbeit die der Wohlfahrt des Volkes dienen, wurden von Zionisten geleistet oder initiiert AH dies entzog sich aber der organisatorischen Erfassung und führte daher oft zu einer Zersplitterung der Kräfte. Heute, wo der Zionismus vor seiner Verwirklichung steht ist. die Vorbereitung des Volkes seine wichtigste Aufgabe; picht nur etwa die Vorbereitung zur Auswanderung, die in der nächsten Zeit nummerisch jedenfalls noch minimal sein wird, sondern die Erziehung zum Gefühl des Zusammenhanges mit der ganzen, lebendigem Nation und zum Bewußtsein der Verantwortung für die Zukunft des Volkes. Als Instrument einer solchen auf die Gesundung des Volkslebens hinzcelendeu Arbeit müssen auch die gegenwärtig leider so unzulänglichen jüdischen Gemeinden angesehen werden. In. der letzten Zeit ist es den Zionisten gelungen, in die meisten Gemeinden Deutschösterreichs Vertreter zu ehtsenden. Die Parteileitung muß dafür sorgen, daß durch die Wahl von . Zionisten in die Gemeindevorstände nicht nur Personenänderungen sondern auch eine grundlegende Aenderung des Arbeitsprogrammes und der Methoden der Gemeinden erreicht wird. In diesem Sinne muß die Parteileitung ein konkretes Gemeindeprogramm ausarbeiten und mit den in den Gemeinden tätigen Gesinnungsgenossen in ständigem Kontakt bleiben, wobei natürlich auf die große Verschiedenheit der Bedürfnisse der Wiener Großgemeinde und der kjeinen Provinz- gemeinden Rücksicht zu nehmen ist. Auch das ist nur möglich, wenn dfe Aufnahme dieser Aufgaben in das Parteiprogramm offiziell sanktioniert wird, wodurch die Parteileitung danndem Parteitag gegenüber dre ganze: -Verantwortung (für diese. Die Lösung'dieses o^nhätarischen Problems tod ’ die Wahl eflier entsprechenden Parteileitung, der rhren. großeij'Aufgaben;gemäß ein ausreichender Stab •'von* Aii&rheitent.;und Beamten beigegeben und ein .' hinlängliches Budget bewilligt werden muß, ist die fundamentale’ Aufgabe des Parteitages. mfissen uns .erst die Organe schaffen,'die daran, einen Ausbau unserer gesamten Tätigkeit ermöglichen. Der lm Dezember tagende Parteitag; der Zionistischen Verentigung für Deutschland hgt mitten in die zentralen Probleme des Zionismus und. d.er. Palästinaarbeit hineingeführt. Die Einberufung, eine* jüdischen Kongresses in Deutschland war dort der wichtigste Gegenstand des Landesprogfamms; in der Palästinafrage wurden in eingehende* sachlicher Weise die Kernfragen erörtert und es wurde sogar zum Zweck der Fortführungdieser Diskussion ein zweiter Delegiertentag für den 22. März einberufen. der durch Diskussion der Streitfragen in der „Jüd. Rundschau“ vorbereitet wurde. Wir müssen schauen, daß wir auch bald so weit kommen Gerade aus dies,em Grunde aber müssen wir die Organisationsfrage ernst nehmen. Die Parteileitung Ist sich zweifellos selbst dessen bewußt, daß die von ihr festgesetzte-Tagesordnung des Parteitages keineswegs den'Bedürfnissen genügt. Aber die zionistische OeffeütHchkeit wird einsehen. daß der fragmentarische Charakter der Tagung, die nicht einmal eine Palästinadebatte vorsieht, ein notwendiges Nebel ist. eine Folge der leidigen Zustände ist, .vter die wir uns nicht -täuschen dürfen. Wir könne« nur den Wunsch aüssprechen. daß sobald als. möglich nach Regelung der Organisationsfrageii auch bei uns eine neue Tagung Zusammentritt die den sachlichen Fragen gewidmet ist Dies ist umso nötiger, als in vier Monaten bereits der nächste Kongreß stattfiriden soll. Die deutschösterreichische Landsmannschaft darf nicht unvorbereitet znm Kongreß kommen. Die nächsten Wochen nach dem Parteitag müssen intensivster-Arbeit und der Vorbereitung des Kongresses gewidmet sein. Der Kongreß wird. Entscheidungen von einer Tragweite zu" treffen haben wie kehr früherer. Wir müssen ehie starke, arbeitsfähige; Organisation schaffen, um für die an uns herantreienden Aufgaben gerüstet zu sein. Die Diktatur der Jugend Die Spannung, mit der die ganze zionistische Welt die Vorgänge der Weltpolitik verfolgt hat, von der die politische Lösung der Judenfrage erwartet wird, löst sich allmählich, und während wir noch in politische Fragen aller Art verstrickt sind, tritt an uns bereits das zentrale Problem der Verwirklichung unserer Idee heran. Je selbstsicherer uns der Erfolg des Zionismus gemacht haf, um so schwerer drückt auf uns die Frage: was sollen wir nun tun. w i e soll unsere Heimstätte aussehen, wie wollen wir, nunmehr ganz Freie, das Schicksal unseres Lebens gestalten, damit es in unserem Bilde, unser würdig werde. Die Freiheit konnten uns die geben, die uns bisher m Fesseln hielten; wozu wir diese Freiheit nützen wollen, das ist unsere Sache Niemals zuvor ist die ganze Problematik der Errichtung eines Gemeinwesens so offenbar gewesen wie in unserer heutigen Zeit, wo die Grundfesten der bisherigen Ordnung, die ehemals als unverrückbar galten, zusammengebrochen sind und überall in der Welt aus einem Chaos sich ein Neuaufbau der Gesellschaft vorbereitet. Jetzt erst werden die verzehrenden Schäden der alten Gesellschaftsordnung erschreckend klar und wir sehen gleichzeitig, mit welcher Ratlosigkeit die europäische Welt dem Problem der Erneuerung gegenübersteht. Es gelingt nicht, der gesetzten Aufgabe gerecht zu werden, da man sie ausschließlich als eine Angelegenheit der ökonomischen Interessen betrachtet. Der Zusammenbruch der alten Weh ist aber nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein geistiges Phänomen, weil das alte Bürgertum nicht nur ein sozialer, sondern ein geistiger Typus ist. Wenn eine Klasse nur auf Grund ihrer ökonomischen Funktion zur Macht berufen wird., so ist keine Garantie gegeben, daß nicht dieselben ökonomischen Machtinstmkte durch sie zur Geltung kommen, die die Krankheit des alten Systems verschuldet haben.; Die Umschichtung, die nottnt, ist vor, allem, ein geistiger Vorgang. Ih deniiZumnß' der göttliche •Funke wieder eine Wohnung haben. Die zionistische Praxis, muß also vor allem diese neue, bisher nirgends bestehende Einstellung gewinnen. Ihr wichtigstes Problem ist es. das Leben in Zion auf solchen geistigen Grundlagen äufznbauen, da# die Freiheit die iüdische Menschengemeinschaft." nicht an einen Abgrund, sondern auf einen Gipfel führt. Wenn wir dem Geiste die Macht gebet» wollen, so erweist sich sofort die Schwierigkeit, daß es keine äußerlich erkennbare Klasse der Geistigen gibt, der eine Funktion überfragen werden kann. Dennoch gibt .es in jedem Volke eine Menschengruppe, die in engerer Beziehung zu den geistigen Dingen steht als das übrige den Lebensnotwendigkeiten dienende Volk. Es ist keine bestimmte Klasse, sondern für jeden Menschen gibt es eine Zeit seines Lebens, da er sich aus dem Getriebe der Zwecke loszuiösen und den höchsten Werten hinzugeben bereit ist. In de» entscheidenden Jahren des Lebens, m weichen sich das beispiellose Wunder des Bewußtwerdens des geistigen Ich vollzieht, in welchem der fortschreitende Prozeß des physischen und psychischen Wachstums als revolutionierender Umsturz über den Menschen hereinbricht, erscheint ihm die göttliche Trias: Geist, Schönheit, Sittlichkeit, zum erstenmal, und wird der hinreißende Leitstern am Himmel seines Daseins. Der junge Mensch, der "noch nicht im Wrrtschaftsgetriebe zermürbt wurde, der noch das wesentlich Menschliche unzerstört in seiner Seele hat, der noch durch Größe zu tiefst ergriffen, durch die sittliche Aufgabe im Innersten erhoben, im Bewußtsein der Einmaligkeit seines Lebens und des Wunders der Welt erschauert, vermag allein, was die gealterten und mechanisierten Seelen nicht mehr vermögen: den Geist ins Leben zu bringe» Darum kann die Rettung eines Volkes nur von der Jugend aasgehen und das Volk muß diesen Wert der Jugend rechtzeitig erkennen und muß ihr die Möglichkeit geben, ihr Amt zn erfüllen. Bel allen Völkern hat man in kritischen Zeiten sich der Jugend besonnen und von ihr, die die Trägerin der Zukunft ist, die Heraufführung glücklicherer Zeiten erhofft Weil man die Jugend als „Nachwuchs“ 'zu bestimmten Zwecken brauchte, hat man die Bedeutung ihrer Bildungsfähigkeit geschätzt. Was uns'not tut, ist aber etwas grundsätzlich anderes: Nicht der Jugend neue, nach den „Interessen“ der Erfahrenen festgesetzte Zwecke stellen, sondern sie das Lebe» ihrer spezifischen Geistigkeit führen lassen. Dazu Ist es allerdings notwendig, daß die jüdische Erziehung in Erez Israel sich von all den Begriffen frei macht, die das europäische .ETziehungswesen geprägt hat -Den Weg zu diesem Ziel, das selbst nur du Mittel zur Regeneration des Volkes ist, weist das soeben erschienene Buch von Dr. Siegfried Bernfeld: „Das Jüdische Volk und sein* Xi

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