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Jüdische Zeitung · 1919-03-14 · 11 (14.3.1919) · p. Seite 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 1 (sequence 6)
Language
German
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rtr. 11 Beilage zur JÜDISCHEN ZEITUNG 5==^ DER JÜDISCHE NATIONALFONDS Mitteilungen des Vereines Keren Kajemeth Leiisrael » und Palästina-Amtes es Redaktionsschlnß am vorangehenden Sonntag» Spater einlaufende Spenden werden erst im nächsten Ausweis veröffentlicht. — Geldsendungen unr au dos Postsp.-Kto. 100.208 Tel.45-3-25. SAMMELSTELLE FÜR ÖSTERREICH WIEN ll/i. ZIRKUSGASSE NR. 33 Der „Jüdische Nationalfonds* ist dazu bestimmt, in Palästina’Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum des jtldischenVolkea zu erwerben. \ Die Verkauf stelle des J. N. F. befindet sich im II. Bz. Schmelzg. 7, wo unsere sämtliche Materalten u. s. w. verkäuflich sind. Mitteilungen des Palästina- Amtes Eiazelinteresse und Gesamtinteresse. (Dir Verhältnis zueinander bei Landwirtschaft, Reederei, Industrie, Bankwesen, Handel, Versicherungswesen und Gewerbe.) L Eite der schwierigsten Fragen der Wirtschaftspolitik in Palästina wind es sein, den -Spielraum für das Selbstänteresse des einzelnen gegenüber den der Allgemeinheit als Ganzem vorbehaltenen Wintschaftsbefugnissen abzugrenzen. Der moderne Staat pflegt vor allem jene Unternehmungenzu verstaatlichen, die überwiegend im allgemeinen Interesse tätig sind, die bedeutende Kapitalskraft und eine ziemlich gleichmäßige Wirtschaft erfordern. Diese Wirtschaft wind gewöhnlich von einer mehr schematisch als intensiv arbeitenden Beamtenschaft geführt, welche am wirtschaftlichen ’ Erfolge der Betriebsführang größtenteils uninteressiert ist, aber doch selten gewissenlos arbeitet oder arbeiten kann. Das wirtschaftliche Ergebnis dieser Beamtenwirtschaft— war 'meist finanziell wenig günstig, oft auch geradezu verlustbringend. Daß bureaukratische Wirtschaftsführung keineswegs em Ideal bedeutet, das ist heute wohl ganz unbestritten, es gibt-nur Betriebe, für welche sie besser, und" andere, für welche sie schlechter geeignet ist En Beispiel für das erstere ist der Forstwirischafts- " betrieb,'für das letztere kaufmännische oder industrielle Betriebe. Daß die Beamtenschaft im Ganzen nicht zufriedenstellend arbeitet, ist am besten aus den vom Staate selbst ausgehenden Reformbestrebungen ersichtlich. Um die Vorzüge des Privatbetriebes nnt denen des staatlichen Beamtenbetriebes zu vereinigen, besonders aber die Nachteile des letzteren zu vermeiden, sind die mamgfachsten Projekte aufgetaucht, z. B. eine Gewinnbeteiligung der Beamten, die viel zu gering bemessen war, um anfeuernd zu wirken u. a. m. Für' aussichtsreich halte ich eineu KompromäßvorscMag. den der gemischten Wirtschaft; man überläßt natürlich nur bei hiezu geeigneten Unternehmungen den Betrieb der Privatinitiative, der Staat beteiligt sich nur mit1 Kapital, nimmt durch’ seine Vertreter Antel! an der Verwaltung des Unternehmens, partizipiert am Risiko, am Gewinn und Verlust . ■ Welche Wirtschaftsform kn konkreten Falle geeignet ist hängt von der Art des Betriebes und vom Interesse der Gesamtheit an demselben ab. Außer der letzteren und dem Eigentümer haben an jedem Betriebe noch Interesse seine Arbeiter und Beamten, die Konsumenten und gewisse andere Produzenten. Eine feste Einteilung läßt sich nicht geben, das Interesse der Volksgesamtheit an industriellen Betrieben ist graduell nach den Bedürfnissen und Voraussetzungen jedes Volkes, Landes und Klimas verschieden, von der unentbehrlichen Lebensnotwendigkeit an gefangen bis zu beinahe vollständigem Desinteressement abgestufi. Solche unentbehrliche Notwendigkeiten sind . allgemein und überall Wasser, Echt und Wärme in Form von elektrischer oder Dampfkraft. Diese wird jedes Gemeinwesen wohl oder übel selbst bewirtschaften müssen. Ungeheuer wichtig sind auch Verkehrsanlagen. Doch bestehen — wie gesagt — in allen diesen Fällen Unterschiede nach Land, Volk und Klima. So ist in den wärmeren . Ländern der Ackerbau einfach eine. Frage der Bewässerung, oder für ein besonders einseitig produzierendes Land sind jene Einrichtungen, welche zur Erzeugung, Erhaltung und'Verwertung seiner besonderen Produkte dienen, eine Lebensnotwendigkeit Das oben Gesagte gilt auch für Palästina. Wasser, licht und Kraft sind unbedingte Lebensnotwendigkedten. Auch Bergbau und Pretroleumgewinnung gehören dazu, fraglich ist nur, wie viel von diesen bis jetzt dort sehr wenig betriebenen Produktionszweigen rieh wird entwickeln können. Ferner Verkehiseänrichinngejt wie Straßen und Eisenbahnen, die'gesamte landwirtschaftliche Produktion, soweit sie nicht reine Luxuserzeugnisse hervorbringt — ein sehr seltener Fall — und über den eigenen Bedarf des Landes hinaus erzeugt. Endlich sind jene Industriensehr -wichtig, welche eine Verwertung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ermöglichen, also die gesamte Nahrungsmittel- und Bekleidungs-, sogar Genußmittelindustrien. Wirklich vollkommen interesselos wird die Gesamtheit nur den allerwenigsten Luxusindustrien gegenüberstehen und das nur;-dann, wenn man die Interessen der Arbeiter und Beamten dieser Betriebe und die indirekten Interessen der Volksgesamtheit daran vernachlässigt Um alle die Betriebe mit einem Male zu vergesellschaften, müßte der Staat oder das Kolonlsaüonsinstrument der einzige Unternehmer sein, das gesamte Volk ein einziger, fest geschlossener WirÜschaftskörper von -Konsumenten Arbeitern, Beamten und sonstigen Interessenten. Dergleichen mag rieh in der Theorie sehr schön ausnehmen, ist aber praktisch unmöglich. Einerseits soll dem Koloniisationsfaktor oder- Wirtschaftsamt als Vertreter der Volksgesamtheit ein gewisser nach der Wichtigkeit des Betriebes für die Gesamtheit abgestufter Einfluß auf jedes landwirtschaftliche und industrielle Unternehmen gewahrt bleiben, andererseits bat aber diese Bewirtschaftung oder Mitbewirtschaftung durch Organe der Gesamtheit ihre schweren Mängel. Der Interessenlosigkeit der Beamtenschaft ließe sich zwar gerade in Palästina recht gut begegnen; das jüdische Volk ist geistig genug entwickelt und durch - jahrhundertelange Erziehung viel zu sozial veranlagt, als daß ihm das Interesse des Volksgenossen, überhaupt des Mitmenschen gleichgiltig oder nicht erkennbar sein sollte. Die Vergesellschaftung des Wirtschaftslebens wird auch weit genug vorgeschritten sein, um das jedem augenfällig zu machen. Aber gleichmäßige, aufopfernde Arbeit mit allen körperlichen und geistigen Kräften in einer Sache von jemandem zu verlangen, der an dieser Sache doch nur indirekt, nur, auf Umwegen, zumindest nicht augenfällig interessiert ist, wäre ein von vorn herein zum Mißlingen bestimmter Versuch. Man braucht ja nicht soweit zu gehen, das Bebel’ sehe Wort; „Ohne . Profit raucht kein Schornstein“ für unbedingt und uneingeschränkt richtig zu erklären, aber es ist doch besser, wirtschaftlicher und klüger, " die Unermeßliche Triebkraft des Selbstinteresses nicht auszuschalten, sie vielmehr lieber ih deai 3)jienst der Volksgesamtheit zu stellen. Wie läßt sich nun das Selbstinteresse des Einzelnen bis zu einem gewissen Grade wahren und dabei doch ~ das Gesamtinteresse nicht vernachlässigen? < Leider nur mittels eines Kompromisses, welches je nach der Art der Produktion verschieden aussehen wird, wie, das ist eine Frage der Verhältnisse im konkreten Fall und läßt sich vom Schreibtisch aus nicht, bestimmen. Nul einige allgemeine Grundsätze seien hier gegeben. Für die Landwirtschaft in allen ihren Zweigen ist die Frage so gut wie beantwortet Die Beteiligung der Gesamtheit besteht einfach In ihrem Eigentum am hauptsächlichsten Produktionsmittel, an Grand und Boden; den der Landwirt in Pacht oder Erbpacht erhält Er bleibt dabei von jeder Hypothekarverschuldung unbelastet das Erträgnis bleibt bis auf gewisse geringe Pachtzinse und Steuern sein Eigen. Die Möglichkeit und Vorteälhaftigkdt dieser Lösung hier zu beweisen, ist nicht Sache dieser Ausführungen, das haben andere bereits viel besser getan als ich es könnte. Am schlagendsten hat es wohl ex contrario das Privateigentum au Grund und Böden mit seinen unleidlichen Grundbesitz-, Ernähnmgs- und sozialen Folgeerscheinungen bewiesen. Wasser, Licht Kraft und Bahnverkehr dagegen mag -das Wirtschaftsamt um jedem Preis in eigene Regie übernehmen und das Selbstinteresse der Leiter, Beamten- und Arbeiter durch Prämien in den'verschiedensten Formen anstacheln, durch Geldprämien für besondere pflichttreue Dienste, für hervorragende geistige Leistungen, .für Tatkraft, Initiative und ähnliches, ferner durch Ehrenpreise und sonstige Auszeichnungen. Derartiges wind nicht schwer durchzuführen sein'. Eine Schlffahrtsunternebmung ist kein risikoloses Geschäft es-bedarf bedeutender Initiative, geschäftlichen Blickes und auch Wagemutes, es ähnelt in seiner ganzen Führung einem industriellen Unternehmen. Genaue Kenntnisse hierüber fehlen mir, doch scheint mir eine Schiffahrtsunternehmung zur Vergesellschaftung wenig geeignet zu san. Ich halte die Einflußnahme der Gesamt-, heit gegenüber dem Selbstinteresse des Reeders durch Kapitalsbeteiligung an dem Untermelunen für am vorteilhaftesten — bin aber gerne bereit mich eines besseren belehren zu lassen. Bei der Industrie ist das Selbstinteresse ein Faktor von derartiger Tragweite, daß seine Ausschaltung ihr Gedeihen wahrscheinlich überhaupt verhindern würde. Aber wie dieses notwendige Selbstinteresse nun in Einklang bringen mit dem Gesamtinteresse? Am .richtigsten erscheint zu diesem Zweck die Beteiligung des Staates oder der Kolonisationsbehörde an der ' industriellen Unternehmung. Im Rahmen einer Industrieförderangsaktion, welche ja wahrscheinlich nicht ausbleiben dürfte, ist es zunächst leicht möglich, durch ein Erbpachtverhältnis an Grund und Boden einerseits dem zu gründenden Industrieunternehmen zu nützen; diese erspart einen erheblichen Teil des Grümdungskredites, eine schwer amortisable Vorbelastung, die oft wie em Bleigewicht den Aufschwung eSnes Unternehmens hemmt, wenn die Gründung gerade in eine Zeit ungünstiger Konjunktur fällt Andererseits kann sich das Wirtschaftsamt als Eigentumsverwaltef. von Grund und Boden so von vornherein Einfluß au! das Unternehmen sichern, der allerdings sehr maßvoll ausgeübt werden müßte.'Der Unternehmer muß genau wissen, woran er ist und vor Willkürakten richergestellt sein. Nicht daß ich etwa Mißtrauen oder Vorurteile, gegen das KoloüisationsInstrument hätte, . aber schließlich hat alles Menschenwerk seine Fehler und auch ein gutes Werkzeug kann zu schlechten Zwecken verwendet werden. Dann wird das Wirtschaftsamt selbst oder' eine von ihm beaufsichtigte Bank wahrscheinlich auch Kreditgeber des Unternehmens sein — wieder eine Beeiinflussungsmögtiehkeit. Weiters ist eine Beeinflussung durch die Steuebehörde möglich. Als glitte! der Industrieförderungsaktion müßte einem neu gegründeten Unternehmen bestimmte Zeit hindurch vollständige Steuerfreiheit gewährt werden, nach Ablauf dieser Zeit soll das Wirtschaftsamt berechtigt sein, die geschuldeten Steuern entweder wirklich einzuheben, oder sie zu stunden, oder aber mit diesen Steuerbeträgen die Gesamtheit am Unternehmen zu beteiligen, oder endlich, sie dem Unternehmen überhaupt zu erfassen. Gegen letztere Maßnahme habe ich ernste Bedenken, derartiges wirkt meist in höherem Grade erschlaffend als anfeuemd auf den Unternehmungsgeist des Durchschnittsmenschen. Aber es gibt Fälle ungünstiger Konjunktur, unverschuldeter Schwierigkeiten und Unglücksfälle, in denen solche Maßnahmen immerhin angezeigt sein können. Für ähnliche Angelegenheiten, aber für leichtere Fälle, in momentan ungünstigen Verhältnissen käme die Steuerstundüng in Betracht. Sehr viel verspreche ich mir voriger Beteiligung der Allgemeinheit durch'-Mas * Wirtschaftsamt-1 an dem Industrieunternehmen in der Höhe der Steuer. Das läßt sich ebenso vierwerten, um den- Einfluß auf ein Unternehmen mit dieser nicht refüriierbaren Einlage zu partizipieren, was besonders bei jenen Unternehmungen wichtig ist. die etwa bei der Gründung die Hilfe des Kolonfsattonsamtes, seinen Boden oder den Kredit seiner Bank nicht in Anspruch genommen haben, seies, daß. sie selbst genug Mittel -besaßen, sä es, daiß sie rieh von anderen, vielleicht ausländischen Banken finanzieren ließen. Das Mittel, die Industrie immer bis zu elinem gewissen Grade in der Hand zu haben, ist die Kapitalsbeteiligung des Staates, mag diese diurch das Wirtschaftsamt dem Unternehmen aufgezwungen werden oder freiwillig erfolgen. Nur darf das nie soweit gehen; daß das Wirtschaftsamt Haupt- und der Unternehmer Nebeninteressent wird. Eine Betätigung bis zu einem Drittel des Anlagekapitals halte ich für das zulässige Höchstmaß einer staatlichen' Beteiligung, wenn uibbt durch Lahmlegung des Unternehmungsgedstes das Unternehmen geschädigt werden soll. Das git natürtibh nicht für Unternehmungen, an denen die Gesamtheit ein besonderes Interesse hat Bei diesen wird, eine höhere Kapitalsbetäligung, in bestimmten Fällen überhaupt Durchführung durch tos Wirtschaftsamt mit eigenen Mitteln angezeigt sein. Wie weit man im einzelnen Falle zu gehen hat ist Sache der Abschätzung der Wichtigkeit und der Aussichten eines Unternehmens. Daß das Wirtschaftsamt niemals gezwungen sein darf, einer von Beginn an für faul gehaltenen Unternehmung sich zu betätigen, erübrigt rieh festzustellen. Aehnliches wie für die Industrie gilt für die Banken. Auch hier; wird das Wirtschaftsamt rieh am besten diurch Kapitalsbeteiligung gläch bä der Gründung seinen Einfluß sichern. Die Beteiligungs- Summe kann dann durch Stehenlassea der Steuer in der Bank erhöht werden. Nur wird bei den Banken im allgemeinen eine etwas höhere Kapitalsbeteiligung als bä Industrieunternehmungen angemessen sein. Verschieden von diesem Ausgleich zwischen Einzel- und Gesamtiinteresse hä Landwirtschaft; Reederei, Industrie und Bankwesen »wird rieh der Ausgleich bei Handel, Gewerbe, dem damit im Zusammenhang stehenden Verlagsystem und bete Versicherangsgeschäfte vollziehen. Die Einordnung dieser teils überlebten, teils von Grund auf räormbedürftigen Wirtschaftszweige in tos Wirtschaftssystem Palästinas soll in einem folgenden Artikel besprochen werden. Wien, Sm März 1919. Fritz Rodek. Der erste Diskussionsabend des Paiästinaämtes. Ueber die bevorstehenden Aufgaben zum Aufbau Palästinas sprach Wertet Mitglieder für den Verein „Jüdischer National-Fonds“. I

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