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Jüdische Zeitung · 1919-02-28 · 9 (28.2.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion nnd Administration: Wien ft., Tabarstraße ( Pernanrpchpr Nr. 45-325 Nalion&l~jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien« Freitag, «len 28. Februar 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 S. ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 Das jüdische Martyrium Kaum noch sind die Tränen getrocknet, die wegen der Greueltaten in Westgalizien und Polen, wegen der Blufaächte von Lemberg, geflossen sind, und schon hören wir Nachrichten von neuen Untaten, deren Opfer unser Volk geworden ist, Untaten, die ihresgleichen in der Geschichte nicht haben Die Lage in Polen hat sich ein wenig beruhigt, der offene' Pogrom hat dem stillen Pogrom Platz gemacht; und nun sind in der Ukraine'die. entmenschten Horden einer verwilderten Soldateska über die Juden hergefallen und haben ein grauenhaftes Blutbad angerichtet Ueber diese Pogrome sind bisher keine zuverlässigen Nachrichten zu uns gelangt, und es besteht keine Möglichkeit!, eine völlig authentische Darstellung zu erlangen. Dennoch lassen die Gerüchte, die ln Ostgalizien in Umlauf sind, keinen Zweifel mehr darüber, daß tatsächlich die Pogrombewegung in der Ukraine riesige Dirnen-' sionen angenommen hat Nach den von . einem Gewährsmann nach Wien gebrachten Meldungen wurde am 15. Februar in Proskurow beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung massakriert Vierhundert jüdische Familien sollen hingemordef worden sein. Es gibt nur ganz wenige Familien, welche verschont bliebem Die Veranstalter dies Pogroms waren ukrainische Kosaken der Pelljura- Armee, welche schon vorher in mehreren Städten Ostgaliziens und auch in dem nordungarischen- Munkacs die jüdischen Geschäfte ausgeplündert und die Juden bestialisch mißhandelt haben. Eine andere Meldung berichtet von einem regelrechten mehrere Todesopfer und zahlreiche Verwundungen, ganz abgesehen von dem Sachschaden. Die jüdische Bevölkerung Ostgaliziens wird bereits seit längerer Zeit von. den ukrainischen Behörden drangsaliert Ihre Lage ist völlig verzweifelt, weil sie von dem Verkehr mit der Landbevölkerung abgeschnitten und dem Hunger und Elefid - preisgegebeu rst Viele Hunderte. Männer, Frauen und Kindersterben täglich in der jüdischen Gasse vor Hunger. Dieses ..unbeschreibliche . Elend bleibt der Welt verborgen, und nur ab und zu dringt ein Hilferuf zudenwestlichen Brüdern. Die Hölle scheint ausgebrochen zu sein, und teuflische Bestialität entlädt sich gegen die Juden. Die Pogronrnachrichten aus der Ukraine werden sicherlich in der ganzen Welt Entrüstung' und Abscheu wecken.' Sre werden auch politische Folgen haben. Als vor einigen Wochen die Nachrichten von den Pogromen in Polen durch die Welt gingen, da wurde ganz offen ausgesprochen, daß ein Volk, das sich derartiger Untaten schuldig macht, auf den Namen einer zivilisierten Nation keinen Anspruch hat In dem pobiäsch-ukraimschen Konflikt trug dieser Umstand wesentlich dazu bei, die Sympathien der Kulturwelt zu Ungunsten der Polen, dadurch indirekt zugunsten der Ukrainer, zu verschieben. Nun zeigt es Sich, daß auch die . Ukrainer für die Selbstregierung nicht reif sind. Die ukrainische Regierung hat den Juden die Autonomie gegeben und auch die westnkrairtische Republik (OstgaMzäen) stellte der jüdischen Nation alle Minderhett'srechte in Aussicht. Es ist kehl Grund anzunehmen, daß der Verständigungswille der Regierung kein ehrlicher gewesen wäre. In der Praxis aber hatte noch immer jedes untergeordnete militärische oder politische Organ die Möglichkeit, die Juden nicht nur zu schikanieren und zu allerlei Zwangsarbeiten; haranzuziehen, sondern auch in ganz mittelalterlicher Weise zu mißhandeln. Die Einführung der Thägelstrafe gegen die Juden ist ein bezeichnender Beweis. Der Krieg hat in dem Volk, das schon vorher zu Gewalttaten geneigt war, jeden. Rest von-, Menschlichkeit ausgetflgt v Die Schreckenstage Chmielmckss, die Tage von Home! und Odessa sind wiedergekqmmen. Der Krieg Ist aus, aber des Blutes scheint noch .ö£ch&' genug geflossen. Die - ganze Tragödt©' dieses Znsammenbmehes der Menschheit wird mtstrierffen- Juden und Araber Die „Times“ veröffentlichen einen Artikel unter dem Titel „The FutureArab State“. Anknüpfend an die Forderungen dies Emirs F eis ul an der Pariser Konferenz, hebt der Verfasser die Verwand&choft der Rasse und der geschichtlichen Beziehungen zwischen Arabern und Juden hervor. Die Periode der Größe des arabischen Reiches „wurde oft das goldene Alter' der jüdischen Rasse genannt. Trotz ihrer Trennung war immer ein© starke Verwandtschaft zwischen den beiden Völkern“. Zum aktuell politischen Stand der Frage übergehend, führt der Artikel aus:;,Es ist zu hoffen, daß die Konferenz das Problem der Aufteilung der türkischenVerlassenschaitalsem Ganzes behandelt Nach den Arabern die Juden und ihre Hoffnungen auf nationales Leben in Palästina; nach den Juden die Armenier. Die Zukunft des Ostens, bald eigene nationale Gemeinwesen aufrichten zu können, hängt in großem Maße von der Uebereinsfinrniung dieser drei Völker ab; jedes ist an dem Geschick des/andern interessiert. Es wäre, ein .Unglück, wenn der ottomanische Brauch, der diesen Gegenden eine, äußerliche Einigung gab und nichts dazu tat ihren materiellen, moralischen und intellektuellen Fortschritt zu entwickeln, nun durch Eifersüchteleien der Völker abgelöst würde. Man erwartet einen arabischen Staat der sich von Damaskusbis Bagdad erstreckt Er wird schwerlich ein geschlossener Staat sein, aber es wird ein Staatenbund unter der Autorität des Königs von Hedschas werden. Er wird unter einer Schutzmacht stehen und wird gerne sich däe Fähigkeiten der Juden tin Palästina nutzbar.machen, wie das alte arabische Reich die der Juden in Afrika und Spanien. Auf diese Weise werden die Juden einen Palästina überschreitenden Bereich für ihre Fähigkeiten finden,, denn richtig erwogen* .ist Palästina .ein, kleia'.es Land, und ' dif-Krafta äer.beiden'Völker; wird dann in Harmonie^ü’-der' Wiederbelebung des Ostens arbeiten. Dazu sind zwei wesentliche Vorbedingungen erforderlich. Die eine ist daß die,, J udenh ei t den vollen Wiederbesitz Palästinas erhalte,»es darf keine palästinensische Irredenta geben. Die andere ist daß die Jüdenheit in Palästina sich frei macht von den kosmopolitischen Finanzkreisen, die den Osten, geschäftlich ausbeuten, einen eigenen kolonialen Tyrus der Zivilisation schafft nicht nur im Lande, sondern auch aus dem Lande, daß sie eine eigene Kultur unter dem Einfluß der MenschheRsideale des Völkerbundes aufbaue. Die Araber haben alles Interesse daran, die Juden in, .der, Verwirklichung dieser Ideale zu unterstützen.“ Für die aufrichtige Geneigtheit sowohl der Juden als der Araber, sich aVs gute Nachbarn zu vertragen, liegen von beiden Seiten vollwertige Beweise vor. ln Nr. 3 der .Palästina-Novelle“ wird in einem Artikel „Julis et Arabes“ zitiert was der zionistische Führer, Sokolow, schon früher über die gegenseitigen / Beziehungen der beiden Völker gesagt hat: „Wir denken an eine wahrhafte Entente Cordiale zwischen Juden, Arabern uad Armeniern, ein solches Bündnis ist im Prinzip durch hervorragende Vertreter der drei_ Nationen angenommen worden. Wir sieben mit brüderlicher Sympathie die Schaffung des arabischen Reiches» das eine semitische Nation in Ruhm und Freiheit wsederherstellt Unsere Rassen waren in der Vergangenheit geeint unsere Geschicke werden in der Zukunft verbunden sein.“ ln demselben Aufsatze wird auch auf die Erklärung des Emirs FeisuL die er in England gegeben hat, hinge wiesen. Es heißt dort: „Die beiden Hauptzweige der semitischen Familie, verstehen sich gegenseitig. Die Araber sind nicht eifersüchtig auf die Zionisten und werden ihnen freie Hand geben; auch die Zionisten haben die arabischen Nationalisten einer gerechten Behandlung auf ihrem Boden versichert „Dieselben Gedanken finden sich auch in einem Memorandum des Emirs, das der „Temps“, allerdings mit ganz anderer Tendenz, in seinem Leitartikel JLes Ambitions du Hedjaz“ am 11. Februar auszugsweise veröffentlichte. Es heißt dort an einer Stelle, diaß bezüglich Palästinas „die Araber mit den Juden absolutim Einverständnis stehen.“ Drei Punkte sind. Wie der vorgenannte Aufsatz der „Palestine Nouveile“ ausführt, zwischen Juden und Arabern klarzustellen. 1. Die Frage der Grenze, die für den arabischen Staat, der sich eines weit größeren Umfangs erfreuen wird und nur eine dünngesäte Bevölkerung hat, nicht dieselbe tebensw^hjg& Bedenffngltetf zeugt daß man den Arabern einen „Körria&r; eine Verbindung zwischen dem Nord- und Südteal ihres Landes gewähren muß. Allein sie sind ebenso überzeugt, daß die Araber diese Forderung auf das unbedingt notwendige Minimum beschränken und daß sie stats eingedenk sein werden, Palästina bei Palästina zu belassen; 2. Wünschen die Juden, daß die Araber mit ihnen gemeinsam die geheimen Verträge der Ententemächte vom Jahre 1915, die beide gleicherweise schädigen, bei der Konferenz zu annullieren suchen. 3. Daß die Araber, die ln ihrem Lande ein arabisches Kulturzentrum errichten wollen, auch das volle Verständnis auibringen für die gleichen nationalen Bestrebungen der Juden in Palästina. bar, wenn wir sehen, welches Erbe der Krieg in den Seelen hinterlassen hat;. Das Blutbad von Proskurow ist ein Flammenzeichen, welches die ganze Welt in Aufruhr setzen muß. Das jüdische Volk eijjiebt Anklage gegen seine Feinde. Durch Jahrhunderte haben wir grenzenloses Martyrium geschleppt Die Gebeine unserer Väter sind auf unzähligen Scheiterhaufen verkohlt Die Sünden der Welt haben wir auf uns nehmen müssen, ln Strömen ist unser Blut geflossen für die Verbrechen anderer. Auch heute sind wir die Opfer einer Verirrung der Menschheit an der wir keine Schuld!'-tragen, nnd die gegen unseren Wüten und im Widerspruch .mit den von uns verkündeten Ideen hereingebrochen ist Das jüdische Volk ist das Gewissen, welches der Menschheit den Spiegel ihrer .Untaten vorhält; wir werden ein lebendiges Zeugnis sein, wenn die Menschheit wieder zur Besinnung kommt. Aber das jüdische Vblk hat auch in den Zeiten der größten Not den Glauben an die Erlösung nicht verloren. Wir wissen, daß sich in diesen Tagen vielleicht unser Schicksal entscheidet Ueberall sind wir bedroht und gelästert Unser Himmel ist mit düsteren Wolken umhangen. Aber um so inniger müssen wir uns zusammen tun und einander brüderlich helfen. Niemals konnten alle. Juden so sehr fühlen,' wie sie aufeinander angewiesen sind und wie ihr Schicksal von Ihnen selbst abhängt Auch heute, nn Angesicht der schrecklichen Ereignisse, haben wir den festen Glauben uod dfe Hoffnung, daß die Stunde der Erlösung unseres Volkes nfcfat mehr fern ist Wien oder Berlin Von Heinrich MarguIIes. Der Ausgang der Wahlen läßt keinen Zweifel, daß dier .Anschluß Deutschösterreichs an Deutsch- Hand — falls nicht däe Entente noch in letzter Stunde Einspruch erhebt — in kürzester Frist vollzogen wird. Unter diesen Umständen 'Scheint es möglich, daß der in Aussicht genommene Delegäertentag des zionistischen Landesverbandes nochmals um einige Wochen verschoben wird. Er wird sich ja diesmal nicht darauf zu beschränken haben, Rechenschaftsberichte entgegenzunehmen und zu besprechen, sondern es liegt ihm ob. die zionistische Landespartei aus jenem Zustand der organisatorischen Auflösung herauszuführen, in welche sie durch den Zerfall der Monarchie geraten äst Es hat aiber wenig Sinn, neue organisatorische Grundlagen auszuarbeiten, sich darüber zu streiten und sie anzunehmen, wenn eine völlige Neuregelung der Verhältnisse, wie sie durch ein Zusammenlegen mit der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ gegeben wird, vor -der Tür steht. Auf .dieses voraussichtliche Zusammenlegen hat ach gegenwärtig unser Interesse zu konzentrieren. Eine Reorganisierung -der Landespartei hat nur 'Insofern eine Bedeutung, als es notwendig ist, eine Parteivertretung zu schaffen, welche genügend aktionsfähjg ist. um die bevorstehen len Verhandlungen mit Berlin zu führen. In diesem Sirme allerdings fet die Neukonstituierung von ganz außerordenthaher Wichtigkeit, denn es ist außen Zweifel, daß diese Verhandlungen große- Andorfie« rangen stellen werden. Es ist ganz selbstverständlich, daß von einer einfachen Fusion nicht die Rede kann. Dazu ist die Verteilung der jüdisches Kräfte eine viel zu ungleichmäßig». Deutschland hat bei seiner Bevölkerung von 60 MüSoneti insgesamt nur zirka 600.000 Juden gehabt, von denen ein großer Prozentsatz überdies in den Ostprovinzen ansässig äst welche Deutschland jetzt

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