Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion, und Administration: ' Wien IL, TaboratraBe 1 Fernsprecher Nr. 45-325 Nalional-jüdifches Ongan Mit der Beilage„Der jüdische Nationalfonds“ Wan, Freitag, dca 21. Februar 1959 Beznjeprels: Vierteljährig 6 J£ ganaj. 24 K, Einzelnummer 50 h Post»parkassenk«nto 133.404 Unser Wahlerfolg Der 16. Februar wird ein Markstein in der Geschichte der Juden Deutschösterreichs sein. An diesem Tag haben die Juden Wiens in unzweideutiger Weise zu erkennen gegeben, welche Entwicklung des Judentums sie wünschen. Nicht alle JudenWiens hatten Gelegenheit an der Wahl teilzunehmen. Durch eine Wahlgeometrie, die unter dem Deckmäntel der Demokratie nichts anderes als die schonungslose Beseitigung aller Minoritäten; zugunsten der zwei großen Parteien bezweckte, konnten auch die Juden unseres Staates, trotzdem sic ihrer Zahl nach auf eine weit höhere Minoritätsvertretung Anspruch hätten, nur im judenreichsten Wahlkreis, im II. Bezirk, einen eigenen Kandidaten aufstellen. Dieser Kandidat ist auch gewählt worden. Die Juden . des Wahlkreises Nordost haben gewissermaßen als Stellvertreter des ganzen deutschösterreichischen Judentums gehandelt. Es ist das Verdienst ihres enthusiastischen Eintretens für die jüdische Sache, daß im deutschösterreichischen Parlament auch die Juden vertreten seih werden. Robert Stricker wird als erster Abgeordneter der jüdischen Nation im Parlament einziehen. Die Bedeutung dieses Ereignisses liegt nicht »ur, in dem tatsächlichen Erfolg, sondern auch in seiner symptomatischen Bedeutung. Es hat sich diesmal klar -gezeigt, daß das alte assimilatorische , _ _ _ __ Retzen 5 verwiirzeirf glaubte, 7©ädKÄtig 'äbkewirt-' schäftet hat. Auch bei uns ist dasselbe eingetreten wie überall auf der ganzenWelt. In Rußland wurde das Judentum nach der Revolution ganz national, in der Ukraine haben die nationalen Gruppen überwältigende Majorität, der amerikanische'Judenkongreß war.: national, die Juden der Tschechoslowakei organisieren sich in nationalen Vereinigungen, in Polen wurden bei den; letzten Landtagswahlen nur nationale Juden und kein einziger Assimilant gewählt und in Wien ist Dr. Ofner, die Säule des assimilatorischen Judentums, gestürzt. Damit ist endgiltig das-Märchen aus-der Welt geschafft, daß die Assimi’.anten, welche noch immer in der Öeffentlichkeit sich als Wortführer des Judentums gebärden, eine Resonanz.im jüdischen Volke haben. Das Volk hat sich erhoben im Zeichen des Von Theodor Herzl aufgerichtelen Freiheitsideales. Vor 15 Jahren, als Herzl Starb, waren wir noch eine schwache Minderheit. Aber der große Mann hat es gewußt, daß der jüdische Volksgedanke siegreich sein wird, wenn -nur erst eine neue. Generation herängewachsen ist. Zwanzig Jahre lang hat eine kleine Schar begeisterter Anhänger' gekämpft, unbeirrt durch alle Mißerfolge. Herz und Sinn der Judenschaft schienen aus Granit’zü sein, die verknöcherten und morschen " Ideen der Assimilation Schienen unbesiegbar. Aber-unterirdisch hat der Erfolg sich vorbereitet und nun, bei den ersten Wahlen eines wirklich alle Schichten umfassenden demokratischen Wahlrechtes: hat das Volk sein Urteil .gesprochen. Weg mit der Lüge, mit dem ängstlichen Ducken und Kriechen. Wir wollen als Juden :uns nicht mehr dauernd entschuldigen müssen, daß -wir’ leben. Das aufrichtige Bekenntnis zum jüdischen Volkstum wirkt wie eine Erlösung in der jüdischen Gasse. Durch die Wahl Strickers wird zum erstenmal die Möglichkeit gegeben sein, daß ein Jude vor aller Öeffentlichkeit im Namen der Juden ausspricht, was die Juden au allen politisch«^.. Fragen zu sagen haben und was.-siefür siel# |lbst fordern. Es wird sich schnell die Uebe£z<ggung durchsetzen, daß nur er wirklich für die? jaden spricht Alle böswilligen Entstellungen, £llef lügenhaften Verleumdungen und Angriffe, dte von feindlicher Seite mit der billigen Begründung gegen das Judentum erhoben wurden, daß dieser oder jener Jude, daß eine feile 9udenpresseetwas getan oder gesagt haben, das ' dann verallgemeinert als die „Haltung der Jaden“ hingestellt wurde, werden, durch Strickers Worte und Taten entlarvt werden. Alles Unglück, unter dem Juden heute leiden, ist nur darauf zurückzuführen, daß sie falsche, selbstsüchtige, volksfremde Führer hatten. Strickers Wirken wird zweifellos dazu beitragen, daß eine Entspannung des. Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden sich allmählich anhahnt. Zwei Völker können nur auf Grundlage der gegenseitigen Aufrichtigkeit - und Achtung miteinander leben. -Ein einseitiges Sklavenverhältnis ist für das eine Volk entwürdigend, für das andere: die Verführung zu hochmütiger Bosheit. * Daher ist es von so unschätzbarem Wert, daß wir wenigstens einen Mann im Parlament haben werden, obwohl natürlich ein Einzelner kein entscheidender Machtfaktor ist Aber für uns Juden ist es darauf angekommen, wenigstens diesen einen Mann dort zu haben. In diesem Zusammenhang erscheint, es wirklich mehr als komisch, wenn die liberale und sozialdemokratische Presse in ihrer grenzenlosen Verlegenheit daß jetzt, jemand da sein wird, der ihre Heuchelei und Nichtswürdigkeit in der Judenfrage bloßlegt sich nicht entblödet, Vorwürfe gegen das jüdische Bürgertum zu erheben, weil es Dr. Ofner, den hervorragenden, Juristen -und', Sozialpolitiken nicht gewählt hat. Nun mag es ja' wirklich -traurig für. Deutschösterreich sein, daß alle besseren lntel- Jigenzemtallefbedeutenden:,.Köpfe,Ün$ Persönlich-; Franz Klein und Ofner, sondern die Herren Kunschak und Spalovsky die österreichischen Gesetze machen werdend Aber ist es .'nicht-eine unerhörte Zumutung, daß gerade die Juden auf das einzige ihnen zufallende Mandat verziohten sollen, nur um der Nationalversammlung einen guten Juristen zu geben, der in jedem anderen Wahlkreis unbedingt durchfiele, weil er zufällig israelitischer Konfession ist? Wenn die' Sozialdemokraten den Ofner wollten, so hätten sie ihn’ im Wahlkreis unterm Manhartsberg oder sonstwo kandidieren sollen. Aber auf der einen Seite antisemitische Plakate machen, jüdische Typen aus dem Kreise Dr. Ofners in beispiellos gemeiner Weise karrikieren und dann dem Fall Dr. Ofners im jüdischen Wahlbezirk eine Träne nachweinen, das ist ein in seiner Naivität verblüffender Zynismus. Die liberale Judenpresse hat allerdings allen Anlaß in Verlegenheit zu sein, und von „Verirrungen“ zu sprechen. Der jüdischnationale Abgeordnete wird schonungslos mit ihr zu Gericht gehen. Er wird es nicht dulden, daß ihre Untaten den Juden zur Last gelegt werden, er wird es nicht dulden, daß sie mit der unschuldigsten Miene der Welt auf jüdischen Rechten herumtrampelt -und den guten Namen des jüdischen Volkes besudelt. , -■ Von Bedeutung ist auch, daß die Wahl Strickers trotz dem Wahlrechtsraub an den galizischen Juden erfolgte. Damit ist der Einwand widerlegt, daß nur die Ostjuden jüdischnational gesinnt sind. Die Ostjuden sind hier Fremde, sie sind vom Wahlrecht ausgeschlossen, und trotzdem wurde der jüdischnationale Kandidat gewählt-Die ganze Jugend des jüdischen Volkes und alle die jung geblieben sind, stehen hinter ihm. In dies«' Stunde der Freude soll uns wahrhaftig nicht kleinliche Rachsucht bewegen. Wir hoffen vielmehr, daß das Wirken unseres Abgeordneten dem ganzen Jüdischen Volke zum Segen gereichen wird Endlich wird die Wahrheit über die jüdischnationale: Idee manifest werden.- Wir sind überzeugt, daß' dadurch noch viele zu uns kommen werden, die bis jetzt falsch unterrichtet waren. Die Wahrheit des jüdischnationalen Gedankens wird. Endlich wird die Wahrheit über die iüdischchen alle Kräfte und wir brauchen auch die, die uns bisher fernstehen. Wir werden sie mit offenen Armen als Brüder aufnehmen. 1 Max Roseafeid | Unter dem (rischen bindruck des schmerzlicbeabrelgnisäcs von Max U.senfetd’s Tod: gehen wh dieser Würdigung seiner Persönlichkeit von befreundeter Seile Kaum, bme zusammen hängende Darstellung seines Lebens und Wirkens, aas den Lesern unseres blaues gut benannt ist, behalten wir uns für einen späteren Zeitpunkt vor. Die ued. Mit tieftraurigem Herzen beißt es von einem großen jüdischen Menschen Abschied zu nehmen; Max Rosenfeid ist nicht mehr! .... Unzählige Male wiederholen wir es, sprechen es uns mechanisch vor und glauben es doch nicht Kann eineso lebendige, wirkende Kraft so jäh erlöschen? Konnte ein so hoch aufstrebender Springqueil, der aus den Tiefen der jüdischen Volksseele mächtig empordrang und in seiner kristallenen Reinheit nur das Edelste spiegelte, das jüdischer Geist seit Urbeifmn. in die Weit gebracht, so schnell versprühen? „Ein politischer Theoretiker, ein marxistischer Denker", so wird Max Rosenfeld klassifiziert, und bei aller Hochschätzung, die diesen , Seiten seines Wesens gezollt wird, übersieht - man, was in Wahrheit Max Rosenfeid war! Seine letzte Arbeit: Soziale Steintafeln („Jude“, 111/10), die sein Schwanengesang werden sollte, sein Testament an die Ueberlebenden, zeigt es; Er war ein vom höchsten Ethos durchglühter jüdischer Mensch, in dessen Seele das Feuer echt jüdischer Religiosität brannte, jener Religiosität, die das Göttliche offenbar sieht in dem gerechten Verhalten von Mensch zu Mensch. Er. in dem man einen Denket aus der Schule des ökonomischen Materialismus zu sehen gewohnt war,, der „Ideologien“ nur als Uebesrbau; über die von den Produktionsverhältnissen restlos bestimmten Fundamente der menschlichen Gesellschalt gelten lassen konnte, enthüllt sich hier als ein Fackelträger der sozialen Ideen des klassischen Judentums. Er hat den Mut, es auszusprecheiv daß nicht der Dekalog.' das höchste jsfc, wk das Bedeutendste in der jüdischen Religion. Die „So- . zialen Steintafeln“ sind es vielmehr, in die Moses, und die Propheten die Grundgesetze für die sozialen Einrichtungen des jüdischen Volkes eingegraben haben und die wir jetzt, wo wir in unser altes Land zurückkehren, hoch über uns aufrichten müssen. Denn wir wollen, wie Rosenfeld es sagt, „nicht nur die territoriale Lösung der jüdischen Frage, sondern .auch Erlösung des jüdischen Volkes“. Erlösung! Dies mächtig-tiefste Streben aller Religiosität des an dem Zwiespalt der Welt und der eigenen Seele leidenden Menschen,, nennt Rosenfeld, der kritische Marxist, der . materialistische Denker, unser Ziel. So zeigt sich, daß sein Sozialismus aus tieferen Quellen stammt, als aus bloßer Dialektik, er ist nichts anderes als das uriüdische Erbteil seiner Brust gewesen. Ist auch bei seinem großen Lehrer, Karl Marx, trotz dessen höhnischer Abweisung der Religion und der gänzlichen Verkennung des Wesens des Judentums, die Wurzel der sozialen Leidenschaft gleichen Ursprungs gewesen, so hat Rosenfeld diese Herkunft seines SoziaHsmus nicht wie Marx verleugnet Er hat vielmehr diesen tiefen Zusammenhang klar erkannt gewünscht, daß seine jüdische Mneme Ihn jmmSozSalisten bestnnme. daß die Sclbstbeireiung des jüdischen Volkes die Voraussetzung für die Verwirklichung eines jüdischen Sozialismus sei, und er hat trotz des Bekenntnisses zu dem Meister Marx, schließlich den Sozialismus als ein Vermächtnis urjüdischer ReUgionsschöphtng erkannt. Wer Max Rosenfeld näher gekannt hat wird sich über diese Entwicklung nicht wundern. Denn wer sein Wesen und Schaffen mit liebevoller Anteilnahme verfolgt hat, der hat. empfunden, daß Rosenfeld kein Einseitiger und kein Doktrinär gewesen ist daß seine Seele stets ztir Harmonie gestrebt hat Diese Harmonie zeigte sich in allem,! was er dachte und tat, sie offenbarte sich in seiner erstaunlichen Vielseitigkeit: Er war ebenso groß als Theoretiker, wie als Organisator, wie als Mann der praktischen Tat Sein Stil zeigte eine erstauniiehe kritische Schärfe des Gedankens und doch schwang sich seine Sprache auf den Höhepunkten seiner Darstellung zu geradezu künstlerischer Bildkraft aut Gibt es z. B. ein prägnanteres Wort für den . sozialen Geist des Judentums als Gebot seiner Religion, als das von ihm geprägte von den „Sozialen Steintafeln“? Er konnte sich nicht täuschen über sein* Bedeutung, freute sich herzlich mit jedem Erfolg und war dabei doch von einer schlichten Be-, scheidenheit die bei jüdischen Führern so selten, ist Er war voli Anerkennung, selbst für solche Leistungen, die tief unter den semigen standen, und ein neidloser Bewunderer alles Großen und, Schönen. Er war der Führer einer mit scharfen und unerbittlichen Waffen kämpfenden Partei und doch hat er ttauner den ehrlichen Gegner geachtet.