Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'v XH.JalrfHq» — Nr. 5 iUdaktiua an« Adsiiiitntiun Wie* IL, Tabortfraffe I FmiarMthrr Nr. 4Ö-32& Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds* Wlaa, Fr«Na( map ISIS liaHprali: Vierteljährig 6 X gansj. 24 X, Einelaanmer B» I Pmt<puk*w*iik«gtft 133.404 Nationalrat - Wahlen Der provisorische Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich hat nunmehr seine wichtigste Aufgabe erfüllt: er hat die Wahlordnung beschlossen, nach welcher das jüdische Volk in Deutschösterreich sich eine Vertretung und Repräsentanz bilden soll. Die Ausschreibung der Wahlen wird demnächst erfolgen. Die Juden werden dann ein politisches Organ haben, dessen Legitimation niemand wird anfechten können. Dieser Nationalrat wird zweierlei wichtige Aufgaben haben: Einerseits muß er den Zusammenhang mit dem über die ganze Welt verstreuten Jüdischen Volk aufrechterbalten, andererseits wird er für die Juden in Deutschösterreich ein (Programm der politischen Forderungen und der inneren Arbeit festzusetzen und durchzuführen haben. Der provisorische jüdische Nationalrat hat m den 3 Monaten seines Bestandes viel boshafte Anfeindungen zu ertragen gehabt Während man in ehrlichen christlichen Kreisen durchaus Verständnis für sein Wesen hatte, hat die asshniiaiorische jüdische Gruppe gegen ihn mobilisiert Teil aus Unwissen und Unverstand, teils aber auch aus unzweifelhaft unlauterer Absicht wurde vor der Oeffentlichkeit immer wieder die Anschauung verbreitet der Nationalrat wolle die Juden in einen Gegensatz zum Staat bringen. Die Leute, die. sich jahrelang um jüdische Dinge nicht scWafen haben, die die lebendigsten Elemente des Judenvolkes, vor allem die Jugend, durchgemacht hat verstanden einfach nicht worum es sich handelt und ließen sich allen möglichen Unsinn einreden.' Man brachte den jüdischen Nationalrat sogar in Gegensatz zur deutschösterreichischen Nationalversammlung (!) und verdächtigte die Nationaljuden, daß sie keine rechten Staatsbürger wären. Demgegenüber hat der jüdische Nationalrat festgestellt, daß er die Selbstverwaltung nur in allen Angelegenheiten des jüdischen Lebens anstrebt Die Jüdischnationalen haben immer eine aktive, auf das Staatswohl gerichtete Politik gemacht und sie denken nicht daran, aus dem Staatsleben auszuscheiden. Im Gegenteil, gerade durch das mannhafte Bekenntnis zum. eigenen Volk, durch verantwortliche Führung der jüdii sehen Angelegenheiten, durch offene Auseinandersetzung mit den anderen können wir unsere Stellung festigen; und den starken Rückhalt müssen wir bei unserem eigenen Volk suchen, das einen politischen Machtfaktor darstellt Darin kommt uns die Entwicklung entgegen, die «len Gegensatz zwischen innerer und äußerer Politik, das Prinzip der „Nichteinmischung“ in innere Fragen, ad absurdum geführt hat Der jüdische Nationalrat Ist trotz der Angriffe schnell populär geworden. Die Bedrängten and Unterdrückten haben sich an Ihn gewandt, er hat in ungezählten Fällen Schutz und Hilfe gewährt, er hat die Rechte der Juden als Staatsbürger .verteidigt. Vor allem aber haben die Juden des Auslandes, und zwar sowohl der Länder der ehemaligen Monarchie als auch der anderen Staaten, in ihm allein diejenige Stelle gesehen, an die sie sich mit brüderlichem Vertrauen wenden konnten. Der Nationalrat konnte schnell den Kontakt mit allen jüdischen Volkssplittern hersteilen. Dies war von größter Wichtigkeit, als unsere verfolgten Brüder In Polen eine Stütze brauchten; und es gibt jetzt die Möglichkeit, eine einheitliche Vertretung des jüdischen Volkes vor dem ^Weltforum zu bilden. Die Vertreter aller Jüdischen Nationalräte werden in diesen Tagen eins Vertretung in der Schweiz bilden, deren Deputierte gemeinsam mit den Delegierten der zionistischen Weltorganisation und des amerikanischen Judenkpngresses die Forderungen des ' Jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz stellen werden. Dem sich durchsetzenden jüdischen Volksgedanken Ist es zu danken, wenn das |fidische Volk diesmal nickt ohne Vertretung bleiben wird wie 187A Nun ist die Zeit gekommen, wo auch bei ans in Deutschösterreich der Jüdische Volksgedanke in die Massen getragen werden mnß. Es ist bei uns besonders schwer, weil der Wiener Jüdische Großstadtbbrger der richtige Bourgeois- Typus ist. schwerfälliz und begriffsarm, ohne Schwung, ohne Idealismus und ohne Gefühl für höhere Werte. Der Kongreßgedanke beherrscht jetzt überall das jüdische Leben. In Deutschland haben die Vorbereitungen schon greifbare Formen angenommen, in Tschechoslowakien hat der Kongreß schon stattgefunden und den jüdischen Nationalrat bestätigt, ln Amerika hat der Kongreß getagt, in der Ukraine tagt das jüdische Vorparlament. Wenn die Juden Deutschösterreichs nicht mittun, so werden sie von der jüd!- schen Bewegung, und von der. jüdischen Zukunft ausgeschlossen bleiben. Man hat die Legitimation des jüdischen Nationalrates, der. sich selbst stets als Provisorium betrachtet hat, angefochten.1 Wohlan, jetzt wird es sich zeigen, wie das jüdische Volk entscheidet Jeder Jude, der sich zürn Jüdischen Volke zugehörig erklärt soll wählen. Die gewählte Körperschaft wird die unbestrittene Vertretung des jüdischenVolkes in Deutschösterreich sein. Daher muß sich jeder Jude an den Wahlen zum Nationalrat beteiligen, ob er mit der bisherigen Politik des provisorischen Nationalrates einverstanden ist oder nicht Wer nicht wählt, hat kein JRecht spätere Beschlüsse wfrd der GSdänl(r&•der^dnfSSr^5;WmveHf£5ima in seinem vollen moralischen Sinn im Judentum zur Geltung kommen: Der gewählte Nationalrat wird eia verantwortliches Organ sein. Durch die Wahlen zum Nationalrat soll in die träge Masse des Wiener Judentums Leben und Bewegung getragen werden. Es wird sich zeigen, ob die deutschösterreichische Judenschaft zur Aktivität reif ist Der Wahlaufruf des Jüdischen Nationalrates Juden und Jüdinnen! Nur Im Wahlkreise \ Wien, Nord-Ost: Leopoldstadt—Brigittenau— Floridsdorf können Vertreter des jüdischen Volkes im Wahlkampfe Mandate erringen. Wenn also die iüdischen Wähler dieses Wahlkreises nicht ihre Pflicht erfüllen und jüdisch wählen, dann bleiben alle Juden ohne Vertretung. Antisemiten und solche, denen Euer Wohl und Wehe gleichgültig ist. werden die Gesetze erlassen und den Staat verwalten. Die Juden, welche heute von Feinden ärger als ie bedroht werden, sind dann ohne jeden Schutz. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Seid dessen eingedenk und wählet hur die Kandidaten, welche durch Ihr Programm verpflichtet sind, offen und rückhaitslos für das iüdische Volk einzutreten, nicht aber solche, die am Tage der Wahl jüdisch tun und nachher allen anderen dienen, nur nicht ihrem Volke; wählet solche Kandidaten, die als volksbewußte, aufrechte Juden für die tatsäciüche Gleichberechtigung unseres Volkes arbeiten: wählet solche, die gegen den Abfall und für die Erhaltung des Iüdischen Volkes arbeiten und die für die Erziehung unserer Jugend in iüdischem Geiste sorgen wollen. Wählet die Kandidaten der iüdischen Nationalpartei! Der Jüdische Nationalverein für Deutsch- Österreich. * KANDIDATENLISTE. der Iüdischen Nationaipartei für den Wahlkreis Wien, Nord-Ost: 1. Ingenieur Robert S t r i c ke r, StaatjsbatetraL 2. Dr. Leopold Plaschkes, Advokat 3. Erna Patak. Erholungsheim-Inhaberin. 4. Jakob P i n k a s. Kaufmann. 5. Karl Blume, Obmann des iüdischen Handlungsgehalfenverbandes. 6. Isidor Biaß, Zahntechniker. 7. David Nebenzahi, Privatbeamtor. I. Int Fedor Ackermann, Oberkommissär. Die Rumänische Judenfrage und die Friedenskonferenz Reuter meldet ans Bukarest: „Das Judenproblem bat nun seine eesetzliche Lösung gefunden. Im Amtsblatt wird ein Dekret veröffentlicht das sämtlichen in Rumänien sich aufhaltenden und angemeldeten Ausländern, iür die keine fremde Regierung zuständig ist. d 1 e Na ti onaI ität gewährt. Ausgenommen bleiben nur die Fälle von Verrat. Spionage und Fahnenflucht.“ Diese Reutermeldung, die die Naturalisation der „Fremden“, als welche die Juden bisher in Rumänien gesetzlich galten, berichtet ist trotzdem mit Vorsicht aufzunehmen. Es rst abzuwarten, wie weit es sich bei diesem „Dekret“ um eine ernste gesetzliche Maßregel und wie weit es sich um eine Demonstration vor der zivilisierten Welt handelt der kein guter Wille zugrunde liegt. Jedenfalls ist es hoch willkommen, das kt dieser Stunde das Kopenhagener zionistische Büro eine Sondernummer seiner Mitteilungen herausgibt die der rumänischen Judenfrage gewidmet!st „Die rumänische Judenfrage", heißt es darin, „wird in der nächsten Zukunft in ihr letztes entscheidendes Stadium treten. Die kommende Frie* denskonferenr wird sich mit ihr zu beschäftige» haben. Das iüdische Volk und die gesamte gesittete Menschheit hegt die zuversichtliche Hoffnung. daß das Friedenstribunal auch den Leiden der Juden in Rumänien ein Ende bereiten wird Die feierlichen Versicherungen der englischen, französischen und der anderenalliierten Regierungen, dieser Frage eine dauernde und gerechte Lösung* zj. geben, bilden eine Garantie dafür, daß die Hoffnung der schwer geprüften, iüdischen Bevölkerung. ins. Rumänien auf jlen, Erfolg jfafcg' geie „jvnnenungeu“' schildern sodann die Unzulänglichkeit des auf Grund des Bukarester Friedens kn März 191& erlassenen Naturalisierungsgesetzes und veröffentlichen den vollen Text des Gesetzes samt Durchführungsbestimmungen. Ueber die Praxis der rumänischen Behörden heißt es dort: „Es hat sich leider bewahrheitet, was dis Kenner der rumänischen Verhältnisse vorausgeseben haben, nämlich, daß die Behörden, d. h. fast rler ganze Verwaitungsapparat des Landes, einen wahren Obstruktionsfeidzug gegen das Gesetz organisiert haben. Jeder Beamte, jeder Richter, jeder Offizier usw. interpretierte das Gesetz in einem den Juden feindlichen Sinne. So wurden die rumänischen Juden ht die Lage versetzt, sich zu fragen, ob es nicht ratsamer wäre, das Gesetz überhaupt abzulehnen und die Lösung der Frage dem Friedenskongreß zu überlassen. Nach einer Anwendungsperiode von einigen Wochen wurde es jedermann klar, daß das Gesetz undurchführbar ist und den rumänischen Juden unmöglich die Gleichberechtigung sichern kann. Die rumänische Judemrage ist also heute noch gänzlich ungelöst Die Lösung der rumänischen Judenfrage erwartet das iüdische Volk von der Friedenskonferenz.“ Nun meldet Reuter ein neues Dekret, das — ohne Parlament! — gar nicht Gesetzesform hat Keinesfalls, darf durch dieses Dekret die gründliche Erörterung der rumänischen Judenfrage bei der Friedenskonferenz als überflüssig erscheinen. Dafür muß die jüdische Vertretung sorgen. Der Friedenskongreß und der Völkerbund müssen Garantie« für den Schutz der Juden schaffen. Oberrabbiner Dr. Chajes in Budapest. Die Versammlung von Sozialisten gesprengt. (Originalbericht der „Jüdischen Zeitung".) M B u d a p e s t. 28. Jänner Der Vortrag des Wiener Oberrabbiners Doktor Chajes wurde hier mit größter Spannung erwartet. Bereits Sonntag früh mußte der Kartenverkauf eingestellt werden, da ein zu großer Andrang befürchtet wurde. Vormittag verbreiteten sich bereits Gerüchte, daß die Kommunisten die Versammlung stören wollen. Sonntag vormittag hatte der antisemitische Verein „Erwachendes Ungarn“ eine Versammlung angesagt. Der Staatssekretär Landler, selbst Jude, soll eine Redo gehalten haben,;n der er sagte, es werde vormittag die antisemitische und dafür nachmittag auch die iüdische Versammlung gestört werden, damit man nicht sagen könne, die Sozialdemokraten seien eine Judenschutztruppe. In diesem Sinn wurde dem Butlapester I.-R. 32 der Befehl erteilt Die Versj.inmlung war auf den Straßenplakaten für >13 Uhr angekündigt. in den Zeitungen jedoch war irrtümlich die Stunde >s4 angegeben. Infolge dieses Umstandes wurd nigstens ein Teil der Versammlung geretti Ü3 Uhr war der große Saal bereits von ein