Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438727-2438731--6116-2446161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 3 Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG Biawiaättterem eine AusbiMungsmöglictüfleit in Palästina selbst zu bieten. Als beste Form für die berufliche Auslese erscheint uns die Organisation von örtlichen Auswanderungsgruppen- Die Gruppenausvvanderun? ' bietet gegenüber der Einzelauswandorung folgende Vorteile: 1. Sie schafft dem Einwanderer in Palästina Anlehnung an Bekannte und Berufsgenossen aus seiner Heimat und schützt ihn vor Fremdheit und Vereinsamung. 2. Sie bildet einen Kern für gemeinsame wirtschaftliche Betätigung der Mitglieder der Gruppe in Palästina, z. B. für Bildufig von Konsumvereinen. Kredit- und Produktionsgenossenschaften: solche Genossenschaften sind in Palästina sehr wertvoll und sie gedeihen am besten, wenn ihre Mitglieder nicht zufällig zusammengewürfelt sind, sondern sich von früher her bereits kennen und einander vertrauen. 3 Sie bietet die Möglichkeit, durch einen engen, mehrjährigen Verkehr der Mitglieder untereinander vor der Auswanderung sich gegenseitig genau kennen zu lernen und arbeitsuntüchtige oder antisoziale Mitglieder auszustoßen. Das liegt im eigenen Interesse der Gruppe, denn sie soll ja auch in Palästina eine wirtschaftliche Einheit bilden und wird hier datm am ehesten gedeihen, 'wenn ihre Mitgliederharmonisch Zusammenarbeiten und ihre Privatinteressen mit den Interessen der Gruppe in Einklang zu halten wissen. Jede Gruppe soll nur so viel Mitglieder umfassen. daß ein enger Verkehr aller Mitglieder möglich ist. im Durchschnitt etwa 20—50. Welche Arten von Auswanderergruppen zu bilden sind, wird von der zukünftigen Entwicklung Palästinas abhäneen. Doch kann man als häufigste Typen etwa die folgenden 5 bezeichnen: a) Gruppen von jungen 14—18jährigen Jünglingen und Mädchen, die landwirtschaftliche A r b e i t e r in ■ Palästina werden wollen. Sie müssen gesund, kräftig und anspruchslos sein. Sie sollen der Gruppe mindestens zwei Jahre augehören und soviel Geld sparen, daß sie für die Kosten der lieherfahrt intd für die Hälfte ihres Unterhaltes im ersten Jahre -ihres Aufenthaltes in Palästina genügend Mittel haben (etwa 400 Goldfrancs. bei Zugrundelegung der Preisverhältnisse vor dem Kriege). Ein Teil der Mitglieder soll sich bemühen, sciton vor der Auswanderung in ihrem Heimatlande — oder, was besser ist; in Südeuropa, Algier. Kalifornien —■ die Landwirtschaft (besonders Gartenbau und Milchwirtschaft, die Mädchen auch Geflügelzucht und Haushalt) zu erlernen. Die Mitglieder, die. ohne landwirtschaftliche Kenntnis nach Palästina gehen, müssen wissen, daß ihnen dort eine 6—-S jährige Zeit schwe- •rer Arbeit (3—1 Jahre Ausbildung in' privaten Kleinbetrieben oder in Farmen, ebensoviel Jahre in Arbeitsgenossenschaften) bevorsteht, bis sie Aussicht haben, als Häusler. Kleinsiedler oder Bauern eine bescheidene Selbständigkeit zu erringen und eine Familie zu gründen. h) Gruppen von körperlich kräftigen, bis 30' Jahre alten Männern und Frauen (am besten Ehepaaren), die in Palästina Kleinsiedler werden wollen. Die Kleinsiedlung kann in Palästina nur bei tüchtiger Mitarbeit der Ehefrau gedeihe«. deshalb sollen nicht nur die Männer, sondern auch Ihre Frauen als Mitglieder in die Gruppe eintreten und der Kontrolle der Gruppe unterstehen. Auch die Mitglieder dieser Gruppe sind zu ihrem wirtschaftlichen Fortkommen in Palästina auf kooperativen Zusammenschluß (für den Absatz von Milch und Gemüse, für die Herstellung von Milchprodukten und Gemüsekonserven. für gemeinsame Bewässerungsanlagen) angewiesen. Auch bei'ihnen ist deshalb eine mindestens zweijährige Mitgliedschaft vor der Auswanderung als Bewährungsfrist notwendig. Sie müssen bei der Auswanderung die Uebcrfahrtskosten und das kur Ansiediung in Palästina notwendige Eigenkapitai (das bei Zugrundelegung ' der Preisverhältnisse vor dem Kriege 7000 Goldfrancs beträgt), sowie eine einfache Wohnungseinrichtung besitzen. Einige jüngere Mitglieder oder ' Söhne von Mitgliedern sollen sofort nach Grün- düng der Gruppe nach Palästina gehen, tun hier als landwirtschaftliche Arbeiter die Landwirt- -schaftzu erlernen und später bei der Uebersiediuag der ganzen Gruppe diese in die Arbeit einzuführen. c) Gruppen von .Pflanzern (Achusa- . Gruppen), in diese Gruppe können Leute bis zu 40 oder sogar 50 Jahren als Mitglieder eintrete;!. doch müssen sie gesund sein, um den Klimawechsel und das Leben in freier Luft zur Beaufsichtigung der Wirtschaft und zur Mithilfe bei leichteren Püanzungsarbeiten zu ertragen. Auch ' müssen sie zur Führung einer Wirtschaft erforderliche Umsicht (für. die Anordnung der Arbeit. ’ den Verkauf der Produkte) besitzen. Das eigene 'Kapital, das jedem Mitglicde (nicht auf ein Mal, “sondern in etwa 5 Jahresraten) zur Verfügung stehen maß. beträgt ca. 25.000 Goldfrancs. Da die Mitglieder erst dann nach Palästina übersiedeln können, wenn ihre Pflanzungen schon Ertrag geben (was mindestens 5 Jahre dauert), so werden diese Gruppen noch 5—6 Jabre nach ihrer Gründung und Anlage der Pflanzung in ihrer Heimat bleiben müssen. Es wird ihnen also Zeit genug bleiben, uni ihre Mitglieder auf Herz lind Nieren zu prüfen und ungeeignete Mitglieder unter Rückzahlung ihrer Einzahlungen auszustoßen (eine solche Bestimmung muß in das Statut der Gruppe aufgenommen werden). Die richtige Auslese ist bei dieser Kategorie besonders wichtig. Mitglieder mit pronoiiziert egoistischen oder antisozialen Neigungen sind deshalb durchaus unerwünscht. Ebenso wie bei den Kieiusiedlergruppen müssen sofort naeh Gründung eer Gruppe einige Mitglie- ' der oder Söhne von solchen als Arbeiter zur Erlernung der Landwirtschaft nach Palästina gesandt werden. Je größer die Zahl dieser jungen Leute ist, tun so besser ist es für das spätere Gedeihen der Gruppe. Am besten sollte jedes Mitglied einen Sohn (oder Tochter) nach Palästina entsenden. d) Gruppen von Handwerkern des gleichen Faches. Der einzelne Handwerker wird in Palästina mit dem billigen arabischen Handwerker schwer konkurrieren können: einer Handwerkergenossenschaft, die eine gemeinsame Werkstätte eröffnet und Maschinenhilie für die - Zubereitung des Materials benutzt, eventuell auch eine gemeinsame Verkaufsstelle für., den. Absatz “'der Produkte‘an die Konsumenten betreibt, wird dies viel eher möglich sein. Die zu bildenden Auswanderergruppen, deren Mitgliederzahl Lei den nicht für den Export arbeitenden Handwerkern wegen der relativen Beschränktheit des palästinensischen Inlandmarktesam besten 20 nicht übersteigt, müsse« wegen der späteren Notwendigkeit engsten beruflichen Zusanunenarbeitens besonders auf Auswahl berufstiiehtiger und verträglicher Mitglieder bedacht sein. Die Auswanderung soll erst nach zweijähriger Mitgliederschaft und erst dann erfolgen, wenn jedes Mitglied itebeu einer einfachen Wohnungsausstattung über Ueberlahrtskosten. Unterhalt für die ersten 6 Monate und Kosten für die Errichtung einer modern eingerichteten Werktstätte verfügt (im Durchschnitt für eine Familie von Mann. Frau und zwei Kindern je nach dem Handwerk und den erforderlichen Maschinen und Materialien ■ 3000 bis 5000 Goldfrancs). e) GruppenvonHand werkern verschiede n er F ä c he r. die in Palästina einzeln oder in Teilgruppen arbeiten, aber sich durch Gründung einer gemeinsamen Kreditgenossenschaft und eines Konsumvereins fördern wollen. Die zur Auswanderung erforderlichen Mittel sind dieselben wie bei Gruppe d. Alle Auswanderergruppen sind verpflichtet, wenn sie später die Begünstigungen organisierter (..registrierter") Auswanderer genießen wollen, ihre Gründung sofort dem Auswanderungsamte (siehe unten) ihres Heimatslandes anzuzeigen und demselben regelmäßig über ihre Mitgliederzahl. Vermögensstand. Ausbildung der Mitglieder usw. zu berichten. Das Auswanilerunssamt soll bei der Bildung von Auswanderungsgruppen helfen und auf Abfassung richtiger Staturen hinwirken. Es hat durch eine oeriodische Zeitschrift alle für die Auswanderer nützlichen Informationen, besonders über den Arbeitsmarkt in Palästina, den Auswauderungsgruppen bekannt zu machen. Es soll ferner über die Auswanderergruppen durch Vermittlung örtlicher Vertrauensleute (etwa der Vorstände der zionistischen Vereine) eine Kontrolle ausüben und Gruppen mit zweckwidrigen Bestrebungen oder antisozialen Tendenzen zu einer inneren Reionn auffordem. Es soll ihnen bei Außerachtlassung der Warnung (durch Verweigerung des Approbationszeugnisses, d. h. des Zeugnisses, daß der Auswanderung der Gruppe keine Bedenken entgegenstehen) die Vergünstigungen registrierter Auswanderer entziehen. Die Vergünstigungen der vorn Auswanderungsainte approbierten („registrierten") Auswanderer. die durch den Besitz des Approbationszeugnisses des Auswanderungsamtes und durch die Eintragung in das Register des Auswanderungsamtes sollen in Folgendem bestehen: a) Vergünstigung für die Ueberfahrt durch Vertrüge mit Schiffahrtsgesellschaften. b) . Freie Untersuchung durch Aerzte des Auswanderungsamtes vor der Auswanderung und Ausstellung eines Zeugnisses über die Freiheit von ansteckenden Krankheiten. Der Inhaber eines solchen Zeugnisses kann bei der Ankunft in Palästina wegen ansteckenden Krankheiten nicht in sein Heimatftind zurückgesandt, sondern, falls die Revision der palästinischen Sanitätsbehörde doch das Vorhandensein einer ansteckenden Krankheit ergibt, nur einer Zwangshandlung zur Abwendung der Ansteckungsgefahr unterworfen werden. c) Provisorische Unterkunft im Ankunftshafen bis zur Uebersiedlimg an den endgültigen Wohnort. . d) Arbeitsnachweis durch das Arbeicsvermiuiungsamt in Palästina. e) Kreditgewährung durch die öiientiiehen Kreditinstitute (Genossenschaftsbank. Agrarbank und städtische Hypothekenbank). f) Unentgeltliche medizinische Hilfe in dem ersten Jahre nach der Einwanderung. g) Versicherung gegen Unfall in Ausübung des Berufs durch die Bertusverbände. Durch die Androhung der Entziehmig dieser und vielleicht noch anderer Vergünstigungen wird das Auswanderungsamt einen wirksamen Druck ausüben können, um unerwünschten Auswanderern oder Auswanderergruppen die Auswanderung nach Palästina zu erschweren. Voile Wirksamkeit werden die Warnungen des Auswanderungsamtes allerdings erst dann erlangen, wenn die öffentliche Meinung in Palästina die Autorität der Auswanderungsämter dadurch unterstützt, daß sie den nicht registrierten Einwanderern ihren Unlaäkobs Traum Dies ist kein Buch und kein Schauspiel, dies ist beinahe Erfüllung. Es ist Zeugnis für unsere Auserwähltheit und unsere unsterblichen Rechte auf unser Volkstum und Land. Außerdem ist es Selmsucht auf das Werk „König David", zu dem Jaäkobs Traum das Vorspiel ist. Sie stießen sich Sn ihrem Leib. Doch fremd ist Edotn seiner Mutter um Jaäkobs willen. Da er zu ihr kommt, den Segen fordern, den sie ihm entzogen, ihrem Erstgebornen. „Was soll denn dir der' Segen von Abrähams Gott? Fremd bist du und du riechst nach fremden Weibemi" Und findet Mutterworte erst tun Jaäkobs Leben. Jaäkob aber steigt mit Idnibägl den steilen Weg empor, und seine Sorge gilt dem Lamm, das weiß und zitternd ruht an seiner Brust Und wie er dort den Knecht zum Mann gemacht das Lamm getränkt, das Lager hat bereitet da kommt' der, mit dem fm Mutterleib er einst geruht Mit Edlem soll Jaäkob kämpfen? Bezwungen von der Liebe, von der Auserwähltheit, schließt heue Blutsgememschaft Edom und Jaäkob. Nun ruht er dort auf jenem heiligen Stein, und Stein und Quell sie klagen zu Jaäkob. Die Boten. Gottes treten zu Jaäkob und drängen ab vom Lager SamaeL Berufen bist du! Nimm’s nicht an! Die Stürmte Gottes übertönt die Boten und den, der noch im Abfall heiß, ihn liebt — In dieser Nacht ringt Gott mit Jisro-eL Und als der Morgen anbricht weiß Jaäkob. daß er erwählt-zu tragen Gottes Last und Gottes fihne bis in ew‘ge Zeiten. Sara IRäppeiport, *. „Jdik b» Traum“'von Richard Beer-Hofmann erschien im Verlage von S. PisA-r, Berlin. Es ist iUs Vorspiel «fej* Trilogie »Künlg David*4. Ein jüdisches Sainmelbuch Das Erscheinen des vierten Jahrganges des Jüdischen Nationalkalenders fiel!in eine bewegte Zeit da der große Umsturz in der Weit begann. Die Feiertage, die das jüdische Jahr einleiten, waren diesmal keine Tage nachdenklicher Rückschau und besonnener Einkehr, sondern Tage erwartungsvollen Vorwärtsschauens und ruheloser Aufbruchsstimmung. Jetzt wo wieder ruhigere Zeiten der Arbeit eingetreten sind, möge mancher daran erinnert werden, der es bisher unterlassen hat zu diesem Jahrbuch zu greifen, das, in der Kriegszeit geschaffen, sich schnell eingebürgert hat .und populär geworden ist Der Jüdische Nationalkalender ist kein Kalender im alten, hausbacken gemütlichen Stil, er ist ein zionistisches Hausbuch, aus dem reiche Anregung geschöpft werden kann. Dr. Osias Thon zieht in einer tiefen und geistvollen Studie „Die Erneuerung alter Rassen" eine Parallele zwischen. den längst gestorbenen Völkern des Altertums und dem jüdischen Volke. Die alten Völker sind unter deutlichen Entartungserscheimmgen lange vor ihren Staaten gestorben; in Juda aber wurde zwar der Staat mit Waffengewalt zerstört, das Volk aber lebt weiter. Diese Anomalie nicht verstanden zu haben, ist die Schuld der Völker, welche das staatenlose Volk als eine verkörperte Unnatürhchkeit mit Mißtrauen betrachteten. Die Erneuerung des jüdischen Volkes ist daher nicht ein letztes Aufüackem, sondern die Wiedergeburt der Kraft Der natürliche Entwicklungsprozeß muß dort wieder ansetzen, wo er unterbrochen wurde. Die physische und seelische Degeneration muß überwunden werden. Wenn Thod hiebet, in — wie es uns scheint — polemischer Absicht die Ueberzeügtmg ausspricht daß Palästina me ein „jüdisches Albanien oder Montenegro“ werden kann und als Beweis auf die Leistungen einzelner Juden des Galuth verweist so scheint uns dieses Argument allerdings wenig beweiskräftig und es kann gefährlich sein, die Eratartungstendenzeit die zweifellos heute im jüdischen Volk die Oberhand habend zu unterschätzen und dabet einen Ton von Seibstgerecbrigkeit mitsciiwingen zu lassen, die dem Autor sicherlich ganz ferne liegt Wir glauben, daß es gerade in diesem Moment notwendiger äst als Jemals, alle guten Geister im Volke wachzunden und die Verantwortung in ihm zu wecken.. Zion wird nur dann in Palästina entstehen, wem* wir, aber Anfechtungen bewußt unsere Kräne auf seinen Aufbau konzentrieren. Können wir bei Thon die Besorgnis nicht unterdrücken, die Schlußabsätze seines ausgezeichneten Aufsatzes könnten im angedeuteten Sinne mißverständlich wirken, so halten wir die in der Abhandlung von Heinrich Margulies „Europäisches im Zionismus" zutage tretende Anschauung vollends für gefährlich. Margulies scheint mir in seiner gründlichen, im Anschluß an das neue Buch von Karl Renner „Selbstbestimmungsrecht der Nationen" durchgeiührten Untersuchung der Nationalitätenfrage in der Identifizierung der Judenfrage mit anderen nationalen Fragen entschieden zu weit zu gehen. Dies nannte ich darum gefährlich, weil der Zionismus eines starken ethischen Impulses bedarf und dieser Impuls nicht gefördert wird, wenn man dem Volk den Glauben an seine geistige Verpflichtung nimmt. Im übrigen soll nicht verkannt werden, daß wesentliche Elemente der zionistischen Ideologie europäisches Gemeingut sind Margulies entwickelt eine außerordentlich interessante Theorie, die die Wurzeln des Nationalismus in dem doppelten Gebiet der Wirtschaft uud der Idee sieht Von da aus verfolgt er die Stuten der Nationsb3dimg und zeigt