Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XUI. Jahrgang — Nr. 2 Redaktion und Administration: Wien II,, TaboretraSe 1 Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien» FraHaoi dien IO. Jänner 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 Ä ganij. 24 K, Emselnummer SO h Poatsparkaaaenkonto 133.404 Jüdischer Nationalkongreß in Prag (Spezialbericht der „Jüdischen Zeitung".) Der iiationaliüdische - Deiegiertentag, den der Jüdische Nationalrat für den tschechoslowakischen Staat für den 4 bis 6. Jänner nach Prag einberufen hat, ist zu einem Ereignis geworden, das iür die jüdische Entwicklung im neuen Sfaaite von weitreichender Bedeutung ist. Die Stimmung nationaler Befreiung nach dem Zusammenbruch des altösterreichischeu Absolutismus, die demokratische-Welle und freiheitliche Erhebung-der Völker haben auch, in den Kreisen des Judentums einen ungeaiimt'en Aufschwung der nationalen Bewegung. zur Folge gehabt, die schon wegen der weltpolitischen Stellung des - neuen tschechoslowakischen Staates dem ' tschechoslowakischen Judentum eine besondere Rolle bn GSsamtiudentum verschaffen wird. Die ' eigenartigen uafSonalpn Verhältnisse haben dazu geführt, daß große - jüdische Gruppen, die vorher der nationalen Bewegung völlig fern gestanden sind, sich derselben angeschlossen haben. So kam es, daß der erste Deiegiertentag im neuen Staate ein außerordentlich bunt und würdig zusammengesetztes Bild bot und den Beweis erbracht hat. daß ausschließlich die auf dem unlöslichen Zusammenhange miit dem gesamten jüdischen Volke der Weit beruhende nationale Bewegung zur Vertretung jüdischer Interessen berufen ist, nicht! nur vermöge ihres Programms, sondern auch durch ihren Umfang, der jetzt schon die Majorität aller Juden auch im tschechischen Staate umfaßt Die Eöffnungssitzung. Die Eröffnungssitzung am 4. Jänner abends gestaltete sich ungewöhnlich feSetfläch und eindriicfcsvoll: Der große Saal der Produktenbörse war mit blauweißen Draperien festlich dekoriert über dem Präsidium war das große Herzlbdld angebracht, während an den Seitenwänden die Bilder Wilsons und Masaryks, dem besonderen Charakter von Zeit "und Ort der Tagung Rechnung trugen. Im Saale-hatten sich'über 300 Delegierte aus . allen Teilen Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Slowakei versammelt Eine unübersehbare Zahl von Gästen. füate':de3jäbHKb1e8bendeir^^UfU^tk^^c4teTt^a«^g'u:»g: ahs- Teä des'.Saales hisi'äMfdastetrie Plätzchen, vitote Stehend von der bekannten Botschaft Masaryks. mußtenwegen Raummangel mit ihrer Bitte um schlag wird mit großer Begeisterung zum Beschluß erhoben. Hierauf ergreift! als erster Redner Herr Dr. Hugo Bergmann das Wort zur hebräischen Eröffnungsansprache. Der Natibnairat habe beschlossen, daß die erste Rede, die auf dem Kongresse gehalten wird, hebräisch sein müsse, nicht etwa um leerer Demonstration w.Teii, sondern weil die hebräische Sprache dSe deutlichste Bekundung der Einheit des jüdischen Volkes ist, der Ausdruck der Grundsätze* für die der Nationalrat etaitrltt- Dr. Bergmann weist darauf hin, wie eng das Wiedemqrwachen eines Volkes mit der Wiederbelebung seiner alten Sprache verknüpft ist und zeigt den ParaSeläsmus in der Entwicklung der jüdischen und der tschechischen nationalen Bewegung. Noch vor hundert Jahren habe einer der ersten Vorkämpfer der. tschechischen Sprache, Dobrovsky, Zweifel geäußert, ob diese Sprache sich als Kültursprache eines aufstrebenden Volkes eigne. Der rastlosen Arbeit des ganzen Volkes sei es gelungen, nicht nur Sprache und Kultur zu beispielgebender Höhe zu bringen, sonderavauch schließlich das ersehnte poltitsche Ziel zu erreichen. (Lebhafter BeifalL) Es folgen die Begrüßungsansprachen der Herren Leo Herr mann für däe Ztonüstiscbe Weltorganisation, Dr. W e 11 s c h für den Jüdischen NafGonainat für Deutschösterrejcfe, Herz für den Jüdischen Nationalrat für Ostgatizien. Sodann verliest Sekretär Dr. Gold stein die eingelaufenen Telegramme und Begrüßungsschreiben, aus welchen bervorzuheben sitod das Telegramm der Zionistischen Führer Sokol ow und Weizmänn aus Paris* Lord Rothschild aus London, des EAC., des Kopenhägener Bureaus, sowie zahlreicher zionistischer Landesverbände des Auslandes. Vom Altmeister der tschechischen Literatur Alois Jirasek äst ein außerordentlich herzliches Begrüßungsschreiben eingelaufeK.; ' - . Hierauf erstattete Dr* Singer sein Referat über die. ethische \,-B.edifru dex Aus- Die neue Adresse der „Jüdischen Zeitung“ lautet: Wien 18., Taboratraße I. Die Verschleppung der Wahlreform Einlaß abgewiesen; werden. An den Tischen und in den Fauteuils haben die Mitglieder des Nationalrates sowie auswärtige Vertreter, weiters Entenfegäste, insbesondere tschechische Persönlichkeiten sowie die Vertreter der Tagespresse Platz genommen. - Pünktlich um halb 8 Uhr erschien das Präsidium des. Jüdischen Nationairates unter der Führung seines Präsidenten Dr. Ludwig Singer, stürmisch akklamiert, im Saale. Dr. Singer eröffnefe die Versammlung und gab zunächst einen .kurzen Rückblick auf die Vorgeschichte der Tagung. Er teilte mit, daß Präsident Masaryk sich durch seinen Sekretär kurz vor Beginn der Versammlung telephonisch entschuldigt hatte, da er infolge anderweitiger drängender. Abhaltung im letzten Moment verhindert war, der Einladung Folge zu leisten. Der Präsident des Verbandes tschechischer Schriftsteller ünd Künstler, Regisseur JarosTav Kvapil, hatte sich zwar efrngefunden, mußte jedoch noch vor Beginn der Tagung Weggehen. Dr. Singer begrüßte ferner die zahlreichen anwesenden tschechischen Abgeordneten und Schriftsteller, vor allem den Vertreter des sozialdemokratischen Klubs dler Nationalversammlung Abg Kouscha, die Vertreter der tschecliischen sozialistischen Partei, den Vertreter der tschechischen demokratischen Partei Abg. Ncmoc, Schriftsteller Prof. Sekauina, Prof. Kader ab ek u. a. Ferner begrüßt Dr. Singer den Sekretär des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation Herrn Leo Hermann, das Mitglied des Präsidiums des Lemberger Jüdischen Nationalrates Herrn Herz sowie den Sekretär des Wiener Jüdischen Natäonalrates Dr. Weltsch; weiters das Präsidium des Landesverbandes der mährischen Ruitusgeirteäinden, das mit dem Vorätzenden Dr. Hilf an der Spitze vollzählig erschienen äst, sowie prominente Vertreter des Landesverbandes der schlesischen Rultusgemeinden, weiters den als: Gast erschienenen Oberrabbtner Dr. B r o d y, den Präsidenten der beiden B‘nai B‘räth-Logen Dr. Haas sowie, die Vertreter der anderen, großen jüdischen Organisationen und. Vereine, schließlich, die ef- "chiencnen Delegierten der naffionafljüdischen Organisationen, die sich dem. Natioraalrat unterstellt haben. Besonders herzlich begrüßt Doktor Singer die Delegation aus der Slowakei, däe sich in einer Starke von 17 Mann eöngefunden hat — Dr.' Sänger beantragt die. Absendung einer HuREgungsdepesche an Präsidenten Masaryk, den unerschrockenen .Vorkämpfer für Wahrhelt und Gerechtigkeit, zu dem auch das jüdische Volk mft Vertrauen und Verehrung aufsieht Dieser Vor- Ein Brief an die in dler dieser dten Zionismus als die moralische Regenerationsbewegung des Judentums bewertet hat, sowie mät Bezug auf cEe Erklärungen Balfours, Brantmgs und anderer prominenter Persönlichkeiten, bezeichnet Dr. Singer aits dSe rtatio- ■ nalen Ziele des jüdSschen Volkes zwei Forderungen: die Heimstätte und die nationale Wiedergeburt. In der Diaspora werde unser nationales Leben sich zwar nicht voll entfalten, aber es werde im kulturellen Leben der Gemeinden einen gewissen Ersatz finden* Er verweist auf die Perspektiven, die sich aus der Möglichkeit einer Befruchtung der europäischen Kultur durch den unverfälschten orientalischen Geist ergeben. Das Zentrum unseres Geistes wird das jüdische Palästina sein* Im Zusammenhang mit ihm ‘ müssen wir vor allem unsere Jugend erziehen. Als Vorbedingung unserer nationalen Regeneration bezeichnet-Dr. Singer den Sieg des Geistes über die Materie im Judentum (Lebhafter Beifall.) Der nächste Referent Rudolf Kohn, Präsident des Jüdischen Sozialistenrates, spricht über „Das jüdische Volk und der Sozialismus“. Er schildert die besonderen Schwierigkeiten des jüdischen Proletariats und verweist auf die Notwendigkeit der Berufsumschichtung, dis aius nationalen und sozialen Gründen notwendig ist Es sei daher uneriäßBcb, daß im jüdischen Volk mit der Sozialisierung sofort begonnen werde. Der Sozialisierung müsse allerdings eine Demokratisierung vorangehen. Das jüdische Volk als einziges habe diese Demokratisierung noch nicht durchgeseiüzt Redner stellt daher die Forderung einer sofortigen demokratischen Umwandlung der Kuütusgemeäden in Volksgemeinden. (Lebhafter BeifalL) Nach der Rede des Delegierten Kohn meldet sich der Vertreter der tschechischen Sozialdemokratie Abgeordneter Kouscha zum Wort! und begrüßt mit warmen Worten den Kampf des jüdischen Proletariats. Er weist auf däe Solidarität hin, die die jüdische zionistische Arbeiterpartei stets mit der tschechischen verbunden halt und reicht unter stürmischem Beifall der Versammlung dem Vertreter der PoaJe Zion Rudolf Kohn die Hand. Dn S. Lieben spricht ttamens der orthodoxen Juden in althebräiscber Sprache über „Das Verhältnis der konservativen Judenzum NatitooaJjudentum“. Er setzt.auseinander, was? die gesetzestreue Judenschaft bewogen hat; in gegenwärtigen Augenblick Siicb;mifc den Nattonaßuden zu einer politischen Einheit zirsammenzuschSeßen, ohne dadurch ihren Anspruch aufzugeben, daß einzig das gesetzestreue Judentum den wahrten Geist des Judentums verkörpere* (Lebhafter BeifalL) des Jüdischen Nationalrates Wiener Kultusgemeinde. Das Präsidium des Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich hat an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien am 7. Jänner 1919 folgendes Schreinen gerichtet: „Zwischen dem provisorischen Jüdischen Nationalrat für Deutschösterreich und dem Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ist am 5. November 1918 eine Vereinbarung getroffen worden, au! Grund deren eine Permanenzkommission eingesetzt wurde, deren Aufgabe u. a. die Vorbereitung einer auf demokratischer Basis aufgebauten Wahlordnung für den Kultusvorstand sein sollte. Der Entwurf sollte von der Permanenzkommission innerhalb vier Wochen fertiggestellt und vom Kultusvorstand binnen weiteren vier Wochen erledigt werden. In der ersten Sitzung der Permanenzkommission am 15. November 1918 wurden die Delegierten des Jüdischen Nationalrates beauftragt, den Entwurf einer Wahlordnung auszuarbeiten, und ehemöglichst der Permanenzkommission vorzulegen. Dieser Entwurf sollte dann Gegenstand der Beratungen und Beschlußfassungen sein. Hierüber sagt das Protokoll der Sitzung wörtlich: Die vom Kultusvorstand delegierten Mitglieder werden dann diesen Entwurf in Beratung ziehen und sohin wieder der Permanehzkommission vorlegen. Am 13. Dezember waren die vom Kultusvorstand bestimmten Mitglieder der Permanenzkommission im Besitze des Wahlentwurfes. Trotz wiederholter Urgenzön der nationalen Mitglieder fand erst am 2<L, Dezember eine Sitzung derP^rmanenzkommisgioai^^.iJsKMesec, .-erkjärierdeF^arsffZähtii^'Hem'Höfrat Rappäport, daß in eine Beratung'der ausgearbeiteten Vorlage nicht eingegangen werden könne, weil Herr Doktor Pappenheim es übernommen habe, eine andere Wahlordnung vorzulegen. Trotz, der wiederholten Hinweise der nationalen Mitglieder der Permanenzkommission, daß dieser Vorgang den getroffenen Vereinbarungen direkt widerstreite, daß es sich als eine ganz zwecklose Zeitverschwendung darstelle, jetzt eine Gegenvorlage auszuarbeiten — wenn man dies wollte, hätte es gleich von Anfang an geschehen können — blieb es dabei, daß Herr Dr. Pappenheim einen neuen Wahfordnungsentwuri möglichst bis zum 15. Jänner ausarbeiten solle. Der Jüdische Nationalrat sieht sich veraur laßt, den von seinen Delegierten eingenommenen' Standpunkt auf das nachdrücklichste zu unterstützen. Es widerspricht völlig dem Geiste der getroffenen Abmachungen, denen zufolge die Wahlordnung in kurzer Zeit (8 Wochen) hätte verabschiedet werden sollen, wenn die Delegierten der Kultusgemeinde 15 Tage nach Empfang der von unseren Herren in drei Wochen ausgearbeiteten Wahlordnung erklären, wertere 18 Tage im Ganzen also mehr als 4 Wochen, zu benötigen, wobei nicht einmal erzielt werden konnte, daß der gesetzte Termin des 15. Jänner als ein feststehender betrachtet wird. Der Provisorische Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich macht den geehrten Vorstand der Israelitischen Kcltusgemeinde Wien darauf aufmerksam, daß er zu seinem Bedauern genötigt wäre, aus dem Versuche einer weiteren Verschleppung der Wahlordnung die Konsequenzen zu ziehen und dem Vorstande die Verantwortung hiefür zu überlassen. Hochachtungsvoll Adolf Böhm. Dr. .J.. Margulies.“ Zum Schloß spricht Dr. Max Br o d über den jüdischen Nationalismus. In dem Augenblick, wo wir nicht mehr ein kleines Häuflein sind, sondern dir eiviertel des Judentums dieses Staates hinter uns steht, müssen war uns der Verpflichtung bewußt sein, den jüdischen Nationalismus vor den Gefahre.', zu bewahren, düe ün jedem Nationalismus schlummern, Däe jüdische Wettamschauung der Liebe und Gerechtigkeit sei berufen, dlfe Funktion der Völkerversöhnuog und Verbrüderung zu übernehmen. Wir müssen uns fredhaJben von jedem Chauvinismus, aber auch den Chasrvtitisnms der andern Völker durch unsere Einfluß, durch unser Beispiel müdem. (Lebhafter BeifalL) Nach, einigen. geschäftsardnungsmäßSgen Mitteilungen schließt Dr Singer unter stürmischen Kundgebungen die Versammlung. Die Versammlung erhebt sich und singt die Hatükwah.