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Jüdische Zeitung · 1918-12-20 · 51 (20.12.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
51 (20.12.1918)
Date
1918-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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National'! XU. Jahrsaag— Nr.il Organ Redaktion und Administration: Wen II., Zlrkugasse 33 . Fernsprecher Nr. 45-32ä r Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag» den 20. Dezember 1918 B»zi|Spreis: Vierteljährig 6 -K gaazj. 24 X, Einselniuuaer SO h PoeUparkaaaenkoato 133.404 Juden! Wir stehen vor dem verfceiliincsvriten Wendepunkt unserer Geschichte, zu .dem die ent* scfdossene Tat nationaler Vorkämpfer den Weg gebakat bat. Das lang ersehnte Ziel des Ifidlschea Volkes. Im eigenen Lande wieder;Se8haft zn werdep, reift, der Erfüllung entgegen.. Machtvoll« YöUrer und Regierungen haben ielerllch gelobt, unsere nationale Wiedergeburt Im Lande, der Väter mit allen Kräften zu fördern. Der Friede Wird uns vor die Durchführung gewaltiger Aid* gaben stellen. Er darf uns nicht* unvorbereitet -Hadem Schon jetzt müssen die Grundpfeiler zum Wiederaufbau des jüdischen Palästina errichtet werden. Das Fundament ieder nationalen Kolonisation ist der Boden. Der Jüdische Natlonalfond ist begründet worden, um den freien Boden Palästinas . als unveräußerliches Eigentum des Ifidlschea Volkes zu erwerben und damit .'den nationalen - Charakter der ifidlschea Siedlung dauernd zu verbürgen. Verfügt das jüdische Volk ln seiner Gesamtheit über das wichtigste Kolonlsationsmlttel. den Boden, so Ist auch .die gesunde Grundlage für die Entwicklung des zukünftigen palästinensischen Gemeinwesens geschaffen. Der Bestand der jüdischen Siedlung ist nur gesichert, wenn das jüdische Volk wieder mit der heimatlichen Scholle verwächst und den Ertrag des Bodens eigener Hände Arbeit verdankt. Der Boden Palästinas soll frei sein für jeden unter uns. der Ihn selbst bearbeiten wilL Für die Schaffung einer selbstarbeitenden iüdischen Bauernschaft aber ist die Ansiedluug der vermögensschwachen und besitzlosen iüdischen Massen unentbehrlich. Diese Massen-können nur unter Mitwirkung eines - nationalen. Landfondsseßhaft gemacht werden. . Durch die Erbpacht auf Nationalfondboden werden die Ansiedler vom Bodenkaul entlastet, und doch ~ bleiben;die Früchte ihrer Arbeit ihnen und Ihren' Nachkommen erhalten.; Darüber hinaus sichert eine groß angelegte JLandpolitik des-NatioDalfoiids den sozialen . Fort- - ' scgHtt des palästine'nsischcfe-Geinehiwesens. Wemi. die-Steigerung der Grundrente'nicht wenigen Bevorzugten, sondern. der Allgemeinheit zugute, kommt, wenn der Boden den breiten Massen nicht vorenthalten werden kann, dann sind dem freien Spiel der Kräfte Grundlagen geschaffen, die eine gesunde soziale Entwicklung gewährleisten. Ge- .aossenschaften werden entstehen. , wo sie einem ökonomischen Bedürfnisentsprechen, daneben wird genügend Raum für die Privatinitiative bleiben zur großzügigen Entfaltung der wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas. Die Bedeuutng des. Jüdischen Nationalfonds ist bereits tief in das Bewußtsein der Juden aller Schichten gedrungen. Der Jüdische Nationalfond hat sich auch im Kriege als ein unzerreißbares und zugleich einigendes Band bewährt, das die gesamte national empfindende Judenbelt umschließt. Ungeachtet aller Hemmungen der Zelt haben sich im Kriege seine Jahreseinnähmen verdoppelt Erhebliche Beträge sind Ihm aus den Schützengräben zugeflossen. die namhaftesten aus den so schwer heimgesuchten Gebieten jüdischer Mässeiisiedlung. Zur Durchführung der gewaltigen Aufgaben aber, die dem Jüdischen NationaHond in einem zukünftigen jiidlscbeir Palästina zufallen, sind ganz andere Beträge als die heutigen Spenden erforderlich: Hunderte und Aberhunderte von Millionen. Wir vertrauen darauf.-daß unser leidgeprüftes Volk die . historische Große des Augenblicks in seiner beispiellosen Bedeutung erfaßt Wir wenden uns darum an alle, die die großen Mög-- lichkeiten begreifen, welche in der Durchführung des Nationalfondgedankens liegen. Wir fordern sie auf, den Jüdischen Natlonalfond zn einem machtvollen Werkzeug der jüdischen Neubestellung Palästinas auszugestalten. Wir wenden uns an die jüdischen Massen, die bisher den Jüdischen Natlonalfond mit ihren Spargroschen gefördert haben. - Wir wenden uns an die Vermögenderen In unseren Reihen, deren Opterwllligkeit sieh in Zukunft vervielfachen muß. Wir richten unseren Rui an die uns bis jetzt noch fernstehenden Juden aller Länder. : Wir appellieren schließlich an die jüdischen Körperschaften, Gemeinden. Orden. Synagogenvereine, Volksbanken und Gewerkschaften. Juden aller Länder und aller Stände! \ .. . Stellet euch in den Dienst des Jüdischen Natjonalfonds. gewähret ihm eure moralische und materielle Hilfe zur Sicherung des nationalen : Bodens. - ' Geulah tittnu la-arez. Bereitet dem väter- - liehen Boden Erlösung. Bereitet dem landlosen ’ Volke den Boden neuen Lebens. Haag. 5679. Das Verwaltungskomitfje des jüdischen Nationalfonds. - Weizmann bei Baifour Haag. 16. Dezember. (TeL <L Jfid. ZtgJ Ans London wird telegraphier«; Pf«L Chain» Writzmann. der Führ» der von der englischen Regierung nach Palästina entsandtenzionistischen Komuilnftm, wurde vom Minister des Aeußcrn, Mr. Baifour, ln längerer Audienz empfangen und fTtffrgrtwhrf», Qm eingehend über die Forderungen des. iüdischen Volkes zn Informieren. Papier gegen Blut! . Die Preßkampagne der Polen Ist auf dem Höhepunkt aagelangt Die Methode, mit der die polnischen Machthaber, die polnische totefiigenz den fürchterlichen Ereignissen begegnen, ist wahrhaftig charakteristisch. Es Ist der Gipfel der Jesuitenmorai Unzählige Fetzen Papier werden in Bewegung gesetzt, um durch Verbreitung talscher Nachrichten und erlogener Darstellungen das grauenhafte Bfld vojt Strömen Blutes und Fetzen Measchenfleisches zu verwischen. Es ist wahrhaftig beschämend für dieses Volk, das eänsi als ritterlich gegolten hat, daß sich in seinen Reihen auch nicht ela einziger verantwortlicher Mann gefunden hat der mannhaft und offen das Verbrechen seines Volkes bekannt hätte. Auch die Sozialdemokratie hat geschwiegen, die schwedische und holländische Sozialdemokratie hat dies als unauslöschliche Schande gebrandmarkt. Von großer Bedeutung Ist daher ein Aufsatz des polnischen Schriftstellers Andreas S t r u g, der . am. 6. Dezember im „Robotnik“ -'erschienen ist; er appelliert an das Wahrheitse mp finden und' Gewissen des freien demokratischen Polens und spricht seine Beschämung über die bisherige Verschweigungstakik aus. Auch der Krakauer „CzOs“ baür/drei Wochen nach dem Pogrom die- Sprache gefunden. Es -Ist erfreulich, daß gegeni.ühf.rjlen .^bscdutej;noejt kettfo aufrecht erhaltenen Lügen der übrigen Presse diese Blätter wenigstens jetzt die Wahrheit gestehen; immerhin ist es sonderbar, daß über so ungeheuerliche Vorfälle die Nachrichten aus Lemberg erst auf dem Umweg über die ganze Welt nach Krakau gelangen. Bne ' besondere Beleuchtung verdient! ein Zirkular des. polnischen Korrespondenzbureaus im Haag, das so unverschämt ist. daß man es nicht ehunal zu veröffentlichen gewagt hat und nur den verschiedenen Amtsstellen zu ihrer Information zusandte. Dieses Schriftstück, das in unsere Hände gelangte, enthält folgende Punkte: 1. Die polnischen Juden haben niemandem das Mandat erteilt, eine fremde HiHe gegen das gemeinsame Vaterland der christlichen und israelitischen Polen anzurufen. Die deutschen, österreichischen und holländischen Gesellschaften, welche für die polnischen Juden sprechen, seien nicht -legitimiert, was schon daraus hervorgeht, daß sie zionistisch sind, während die Majorität der polnischen Israeliten orthodox (chassädisch), daher den Zionisten feindlich sei 2. Die Tatsache, daß alle Meldungen üher die angeblichen Pogrome aus deutschen und österreichischen Quelen kommen, beweisen deren politische Tendenz. .Die Meldungen haben antipolnischen Charakter und wollen durch Vergrößerung der inneren Schwierigkeiten die definitive Ordnung Polens verhindern.! 3. Es ist nicht zu leugnen, daß m den letzten Wochen Plünderungen von Banden in Galizien vorgekommen sind, deren Opfer oft Juden waren, weil diese in Polen die kleinen Kaufleute, insbesondere Lebensmiftelhändler darstellen. Diese Exzesse* tragen keinen politischen Charakter, wofür man die polnische Nation verantwortlich' machen könnte. Aehhliche Ausschreitungen, seien a'uehin Transsyivanienl Böhmen, Nordungaim vorgeiallen. Daß von (fiesen Ausschreitungen nicht die Rede ist, beweist, daß die Meldungen eine andere Tendenz haben als die ßeschützung der jüdischen Interessen. " Aus dieser, kurzen Inhaltsangabe geht* hervor, daß das Lügendokument Sa wesentlichem den gleichen Inhalt hat wie die erste Kundgebung des Herrn Galecki. Auf (fei albernen Verdächtigungen, die jüdische Publizäslik arbeite im Dienste^ der Zentrabnächte, einzugehen, erübrigt sielt. Tatsächlich können jai nur (Sa Juden der an Polen angrenzenden Länder, za denen ununterbrochen Flüchtlinge und Hilferufe der gemarterten Brüder aus der polnischen Hölle dringen die Information der Wett besorgen. Ebenso albern ist der Hinweis auf (Ke Pogrome in Böhmen und Ungarn. Wir haben selbstverständlich niemals unterlassen, auch über die judenfehl (Bichen Ausschreitungen in anderen Ländern offen zu berichten, und unsere Anklagen in die ‘Welt zu . seuden. Niemand wird aber behaupten können, daß die Exzesse in- Mähren und Ungarn, so scheußlich sie an sich waren, an die Schandtaten des Lemberger Pogroms auch nur im entferntesten heram-eichen. Außerdem ist es erwiesen, daß l. B. in Mähren die tschechoslowakische Regierung wirklich gegen die Pogrome eingeschritten ist, und daß an vielen Orten durch die Haltung der Sokoin Ausschreitungen verhindert wurden. In Polen aber waren es polnische Legionäre unter Führung von Offizieren, welche gemordet! und geplündert haben, welche den entfesselten Pöbel nicht nur nicht im Zaume hielten, sondern noch anspornten. Ohne (Me Schandtaten von Holleschau oder der Slowakei zu beschönigen oder zu entschuldigen, muß doch der Umstand beachtet werden, daß der Antisemitismus Sn diesen Gegenden zum Teil auf das Verhalten der assimifettorischen Großjuden zurückzuführen ist welche sich zu Trägern der deutschen und magyarischen Unte rdrüc kerpoB ttk bergegeben haben. Die Folgen allerdings* ireffeii nicht diese Führer: sondern die unschuldigen Kleinjuden. In Polen aber ist es anders. Dort hat das Judentum, wenn überhaupt so nur pqlmsche assimilatorische Politik getrieben. Das Gros der Juden war stets jüdtschnational. die Juden in OsfeaMen haben sich gesträubt, sich als Werkzeuge der polnischen Unterdrückungspolittk gegen die Rnthenen mißbrauchen zu lassen. Dies ist der politische Hmtergrund des polnischen Pogroms. Die Masse ist antisemitisch und verhelfet; die Führer aber haben nicht nur nicht entgegengewiirkt, sondern sie haben den Pogrom als politisches Strafmittel aufgefaßt und gefördert. Deshalb trifft! (He polnische Intelligenz, die polnische Regierung cfie Schuld und die volle Verantwortung für das Verbrechen. Es wird dafür gesorgt werden, daß aktenmäßige, unzweideutige Beweise dem Wettforum vorgelegt werden. Mit Genugtuung läßt sich feststeilen, daß die schwedische und holländische Presse, sowie ein überwiegender Teil der englischen Presse den polnischen Lügen keine Beachtung schenkt Nur die französische Presse und Oeffentüchkeit hat sich bisher zum Teil täuschen lassen. Die Antwort, die Picbon auf die sozialistische Interpellation in der Kammer erteilt hat. zeigt daß er unter dem Einflüsse polnischer Informationen steht. Die Verdrehung und Denunziation der Pogrommeldungen als „aus deutscher Quelle stammend“ scheinen doch einigermaßen zu wirken. Die polnische Schtacihita. welche den ganzen Weltkrieg über so schändlich wie keine zweite Nation Verrat geübt hat welche Rußland verraten hat und Deutschland verraten hat welche die Juden je nach Bedarf als russenfratndlich oder deutschfreundlichdenunziert hat welche in. österreichischen Ministerfauteuils lümmeKe und gleichzeitig (Ke Zertrümmerung Oesterreichs betrieb, der die deutsche Okkupationsmacht in weitgehendstem Entgegenkommen die Juden als Opfer hmwari und dfe jetzt füf die Judtenunterdrüc ktrng Deutschland verantwortlich macht spjeit elegant Lieb-Kind vor französischen Kabinetten. Wir vertrauen auf düs Demokratien des Westens, daß säe, über Schmteteheiei erhaben, Gerechtigkeit üben und alDes daransetzen werden. düe Wahrheit zu erfahren. Auch- (fiesest traurigste Scblußfcapitel des Weltkrieges wM aufgeklärt werden.

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