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Jüdische Zeitung · 1918-12-06 · 49 (6.12.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
49 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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v /; ■ '* * * '.*» -- XII.. Jahrgang — Nr. 4® Nalional-jüdifches Organ Bedaktioa „i Ad.iim.ir.ita«, Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds“ Wien II., Zlrkusgässe 33 —;—- Fernsprecher Nr. 45-325 »len, Freitag, den 6. Dezember 1918 I Bezugspreis: Vierteljährig & £ ganzj. 24 K, Einzelnummer 60 h Postaparkaeaenkonto 133.404 Vermessenheit Dienstag wur.de die Oeffentlichkeit durch Mao Erklärung überrascht, mit der eine Anzahl von Privatpersonen israelischer Konfess-or sich dagegen verwahren, daß der Jüdische Nationalrat als Vertretung der Juden auftritt. Sie «yersichern, daß sie sich „nach Heimat, Sprache und Erziehung als Deutsche und als vollberechtigte Bürger der deutschösterreichischen Republik" fühlen. Das Band, welches die Judenschaft verbindet, sei ausschließlich das konfessionelle. Die " ganze Aktion wird von der österreichischen ■ israelitischen Union geleitet. Diese Protesterklärung ist eine so schlechte, hinterhältige, verächtliche Tat, daß es notwendig ist, ihr mehr Beachtung zu widmen, als sie verdient. Sie beleuchtet die entarteten gesellschaftlichen Verhältnisse im Judentum und ist nur aHS diesen besonderen Verhältnissen zu erklären. Was ist geschehen? In der schwersten und kritischesten Zeit, In einer Zeit des Umsturzes, der Bewegung and der Gefahr, als die Staatsgewalt sich bankerott erklärte und die Völker selbständig di* Führung ihrer Angelegenheiten übernahmen, sind die Vertreter der jüdischnationalen Parteien zu- . sanunengetreten, damit auch das jüdische Volk licht ohne Vertretung bleibt. Sie habfen den Jüdischen Nationalrat aus ihren Vertrauensmännern gebildet, welcher bis zur Einberufung einer demo- -kratisch gewählten jüdischen Nationalversammlung provisorisch die Vertretung und dio Angelegenheiten des jüdischenVolkes in Deutschösterreich führt Die Männer, welche den Jüdischen Nätkmalrat bilden, kennen kein anderes Interesse als das Wohl des jüdischen Volkes. Sie haben in den-letzten Wochen in sorgenvoller, ununter- ‘brochener, unermüdlicher Arbeit Tag und Nacht •für das jüdische Volk gearbeitet und ihr eigenes v persönliches Wohl und Wehe mit der Sache des ' ■ Volkes verbunden. Sie wissen, daß die ungeheure - Mehrheit des jüdischen Volkes der ganzen Weit *Ät Ihnen in > unverbrüchlicher Gemeinschaft verbunden ist. Das jüdische Volk steht heute in einer entscheidenden Schicksalsstunde,' die jüdischen Massen blicken mit Bangen und Hoffnung in die Zpkiirift. Iri' dieser geschichtlichen Stunde kommen ein ' paar Herren, die ihr Judentum nur dazu haben, um es zu verleugnen und zu protestieren. Leute, die mit der jüdischen Masse überhaupt keinen Zusammenhang haben, die ihre Zukunft ganz und gar von der des Volkes trennen, diese Lebte belästigen die Oeffentiichkeit mit einer Erklärung ihres nationalen Glaubensbekenntnisses. In keinem Volke der Welt wäre heutzutage etwas Aejhnliches möglich. Nur die Juden haben es so lange geduldet, daß einige Plutokraten sich als Volksvertreter aufspielen. Den Juden des Ghetto hat es imponiert, wenn irgend ein Jude in der. pichtiüdischen Welt zu Rang und. Stellung gelangt Ist. Diese Ghettopsychologie beherrscht bis heute diejenigen jüdischen Kreise, die in der Entwicklung stehen geblieben sind, sie wollen nicht sehen, daß das jüdische Volk mündig geworden ist und daß es heute wahrhaftig ganz andere Sorgen har, als daß irgend ein Jude Universitätsprofessor wird. Es ist eine Eigenschaft der Größen von gestern, daß sie sich in die neue Zeit nicht finden können. Auch die ungarische Gentry hat noch an dkm Tage, bevor den Grafen Tisza die tödliche Kugel traf, für die ungarische Nation gesprochen. Es wird im Judentum nicht anders’ sein, als-bei den anderen Völkern.-Die Demokratie ist auch bei uns nicht aufzuhalten und sie wird mit den Notabein uud Volksverrätern abrechnen. Charakteristisch ist der Inhalt dieser Erklärung. Die Herren wagen es nicht, sich offen zur deutschen Nation zu bekennen. Sie sagen bloß, daß sie sich „durch Heimat, Sprache und Erziehung“ als Deutsche fühlen. Mit dieser Verschwommenheit wird sich das jüdische Volk nicht abfinden. Wir verlangen eine eindeutige Erklärung, damit wir wissen, wer zu uns gehört und wer nicht. Der zweite Satz, daß sich die Unterzeichner als „vollberechtigte Bürger der - deutschösterreichischen Republik“ fühlen, ist eine offenkundige Denunziation und eine Infamie sondergleichen. Was anderes könnte dieser Satz be- ’ deuten wollen, afs daß die Jüdischnationalen sich nicht als „vollberechtigte Bürger der deutschösterreichischen Republik“ fühlen. Das ist eine bewußte Entstellung. Die Jüdischnationalen sind selbstverständlich ebenso gute, vielleicht bessere Staatsbürger als die Unterzeichner. _ Ihnen liegt wirklich , am Wohle der Gemeinschaft^ und nicht nur an ihrer persönlichen Stellung. Wer nicht versteht, daß Nationalität mit Staatsbürgerschaft nichts zu tun hat. und daß der Staat über den Nationen als Institut der Gebietshoheit steht, dem Ist nicht zu helfen. Aber selbst für die Bös- willigsten hat. der Jüdische Natiorialrat es gleich in seinem ersten Manifest deutlich ausgesprochen, daß' die Juden in Deutschösterreich als treu« Staatsbürger am Aufblühen des'Staates jnitarbeiten wollen.- Nicht nur in unserem Interesse, sondern auch imjnteresse des Staates wollen wir, daß die Jiulenfraee gelöst wird. .Nur durch eine In London .wird, einer telegraphischen Meldung des Jüdischen PreßbUros in Stockholm zufolge, in nächster Zelt ein Kongreß der Zionisten der alliierten und neutralen Länder stattfinden. Zn dem Kongreß w.erden die Mitglieder des E. A. C. S o k o I o w. Schmariah I. w In und Dr. J acobson erscheinen. Weiters werden erwartet die russischen Zionisten Isaak und Boris Gold* bere sowie die amerikanischen Zlonlstenfiihrer Stephan Wlse und Justlce Iouis D. Brandeis. Kongress in Bmerüte Haag. 4. Dezember. (TeL d. Jiid. Ztg.) Wie das iüd. Korr.-liureau aus New-York erfährt, wird der jüdische Kongreß am f5. Dezember zusa inmentreten. Die Bestattung der Mergep Pogromopfec Donnerstag, den '28. November, fand die Bestattung von über 60 Opfern des Pogroms, der zurückgebliebenen Reste der Therarollen und anderer ritueller Behelfe statt, lim 9 Uhr früh hat der Trauerzug das uiedergebrannte* alte Bethaus verlassen. Die Leichen waren bereits auf dem Friedhofe aulgebahrt. An der Spitze des Trauer- , zuges trug Prof. Dr. Hausner die zurückgebliebenen Resre der Thorarollen, dann folgten Jüdische Offiziere, gleichfalls L'eberreste der Thorarolien tragend. Am Lelchenzuxe beteiligten sieb 3M8 Personen. Allseits hörte man herzzerreißend» Weinen. Am Friedhole sprachen Rabbiner Brau Je jiddisch. Rabbiner Dr. Gut man und der Vizepräsident der Kuitusgemeiude Dr. W asser hebräisch. Dr. Wasser Ist während der Rede zusammengebrochen. Schließlich hielt Gesinnungsgenosse Dr. Wasobltz. anknfioiead an Chanuka und alle Juden zur Solidarität autrofeadt eine tiefempfundene Rede. Englische Politiker füp den Zionismus Englisches Stimmen. Der 2. Naven^e^^dg^jjahreata:». der briti?- sehen Erklären' zugunsten des Zionismus, wurde von der gesamten Judenheil Englands als nationaler Festtag gefeiert in London fand an diesem Tage im Opernhause eine große zionistische Demanstrationsversammlung statt. Professor Weizraana und eine Reihe britischer Staatsmänner traten als Redner auf. In den anderen jüdischen Zentren Englands und Schottlands fanden am gleichen Tage ebenfalls Festversammlungen statt, im ganzen Lande wurden aus diesem Anlaß Festgottesdlensto abgehalten. Für die zionistischen Zwecke, namentlich iür den Palästinawiederaufbaufond. .wurden gelegentlich des Festtages große Sammlungen durchgeführt. Lord Rohere Cedi. Vize-Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten und Mitglied des Parlaments, hat am Jahrestage der englischen Regierungserklärung die folgende Botschaft gesandt: Inmitten des Mord- und Vendchtunstswerkes dieses Krieges steht die .zionistische Bewegung als ein großes Streben nach praktischem Idealismus da. In seinem Gelingen liegt ein Versprechen nicht nur für das jüdische Volk, sondern für die gesamte Weltkultur. Möge ihm weiterer Erfolg beschieden sein, und möge ihm Immer mehr die Gunst Gottes und der Menschheit zu Teil werden. Der frühere Staatssekretär. Herbert Samuel. schreibt: Die Geschichte Palästinas erstreckt sich über Tausende von Jahrei voHer Wechselfälle, aber die soeben verstrichenen zwölf Monate werden sicherlich . in dieser langen Geschichte von besonderer Bedeutung bleiben. Sie begannen mit einer politischen Erklärung durch die englische Regierung, die von den alliierten Mächten unterstützt wurde, von der großen ‘Mehrzahl der Juden aller Länder mit Begeisterung und Dankbarkeit aufgenommen wurde und die Aussicht auf Erlösung des alten Landes von Trübsal und Unterdrückung sowie auf das Wiedererstehen einer wirksamen und' eigenartigen Kultur auf dessen Boden eröffnet» Sie enden mit einem völligen militärischen Sieg, welcher die Erfüllung des mit Erklärung gegebenen Versprechens nicht nur möglich, sondern sicher macht. In der Zwischenzeit hat die zionistische Kommission, der dank der Energie und dem Takt ihrer Leitung Erfolg beschieden war. durch Ihre Tätigkeit an Ort und Stelle mit der Lösung vieler Probleme begonnen, die sich darbieten und die eines nach dem andern überwunden werden müssen. John Bright schrieb 1848: ...Die Freiheit ist unterwegs, und dieses Jahr verspricht ein großes Jahr hi der europäischen Geschichte zu werden.“ Siebzig Jahre später können wir diese Worte wiederholen und diese Verheißung auf die Geschichte nicht nur Europas, sondern auch Palästinas und schließlich der ganzen Welt anwenden. Marquis of Crewe sandt* dl« folgende Botschaft: Der iüöggUL Kroß« Steg in Palästina. 4m einen Trlümpfir^uer klugen, 3,tratest» undt die» Tainetfifeit vieler Völker, die unter den englischen Fahnen kämpfen, bedeutet, bezeichnet: die erst» Wiederkehr des Tages der britischen Regierungserklärung. Wir hoffen, daß das Vaterland de» jüdischen Volkes, dem diese» ab seiner Heimat ontgsgensiehr. für immer gesichert ist Der französische Sozialistenführer Albert Thomas über den Zionismus Der Sozlailsteuiührer Albert Thomas» dar .int Laufe des. Krieges eine Zeltlang französischer Munitionsminister war and fetzt als Delegierter des Friedenskongresses genannt wird hat sielt folgendermaßen über den Zionismus ausgesprochen: „In westeuropäischen Ländern wird die zionistische Bewegung manchmal mit Argwohn von denen betrachtet, die als hervorrag ernte Diplomaten oder tiefsinnige Deuter staatlicher Probleme gelten möchten. Wird dicht der Zionismus die englischen Interessen gegenüber den traditionellen Interessen Frankreichs ln Syrien und Palästina unterstützen? Wird er picht vielleicht gar das Deutschtum im Jütischen Lande rin» führen? So werden dje vornehmsten Projekt« von selbstsüchtigem Ehrgeiz behandelt ln Wirklichkeit können wir . durch aufrichtige Unterstützung des Zionismus, durch seine Verknüntane mit der großen Bewegung zur Befreiung der Menschheit, der er entspringt, gerade dazu verhelfen, daß er von allem befreit wlrtfc was Um zur Erstarrung oder Entartung bringen könnte. Wenn wir Demokraten und Sozialisten den Zionismus mit voller Sympathie begrüßen, so geschieht das. well er vor altem die völlige Freiheit der Juden ln den Ländern verbürgt, wo sie keine gleichen menschlichen Rechte erlangen konnten. Aber wir begrüßen Ihn auch vor allem, weil der Zionismus eine der höchsten Aeußerun* gen und eines der vollendetsten Wahrzeichen des Strebens nach einem freien nationalen Leben bedeutet welches die Ursache des fetzigen Krieges Ist und das morgen die Grundlage zum Wiederaufbau der Welt bilden wird. Wenn rin Volk, das seit Jahrhunderten aus seinem Land» gerissen und wie Staub über die Erde verstreut Ist heute sein Heltmatland wieder auibauen wüi. um ein Land zu haben, ln dem es sich wieder vereinigen kann, so ist uns das ein Beweis für die neue Macht, die in der nationalen Idee liegt. Der Zionismus Ist nicht nur eine abstrakte Idee. Er ist mit ieder Faser mit der modernen Demokratie verbt»»den. Alle Völker, für die die Demokratie nicht nur ein bloßes Wort ist Engländer. Amerikaner. Franzosen, verlangen seine moralische und materielle Unterstützung. Der Krieg wird Ihn zn seinem Ziele führen. Die Liga der Nationen wird nicht vollständig sein, wenn nicht das Jahrhundertelang unterdrückte Jüdisch* Volk in ihr seinen Platz erhält.

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