Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XU. Jahrgang — Nr. 48 Nalional-jüdifches Organ Redaktion und Administration: 8 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien II., Zlrkutgasse 33 I - -^ernaPrecher Si. 45-325 » | Wien, Freitag, den 29. November 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 6 X ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkasaenkonto 133.404 1 Ententeoffiziere in Lemberg Wien, 27. November. Wie soeben offiziell gemeldet wird, ist eine Mission von Fntenteoiflzieren ans Budapest zur Beruhigung der Bevölkerung und zur Feststellung des Tatbestandes nach Lemberg abgegangen. laimntion bei der stöweöis&en Regierung Der Jüdische Nationalrat erhielt vom Verbandsbüro der „Poale Zion“ in Stockholm folgendes Telegramm: Stockholm. Der Parteivorstand der schwedischen Sozialdemokratie beschloß gemäfi Vorschlag Branting*s: 1. An Ae polnischen Sozialisten einen dringenden Appell zu richten zwecks energischer Maßnahmen zur Abstellung des Mordens und der Plünderungen; 2. bei der schwedischen Regierung zu intervenieren, damit de nach Einziehung entsprechender Informationen durch den schwedischen Gesandten in Wien die Schritte der holländischen Regierung tatkräftigt unterstützt; eventuell anderen Mächten vorzuschlagen, sich nicht gemäß englischer Erklärung mit der Verweigerung der Mithilfe beim Wiederaufbau zu begnügen, sondern aktive Maßnahmen zu. ergreifen. ' Einberufung des jüdischen Hongresses inHmeriho Stockholm. (TeL d. J. P. B.) Die amerikanische iüdlsche Presse iordert einstimmig nachdriickliehst die ehebaldigste Einberufung des iüdiiehen Kongresses. Darauf hat die KongreÄexekutive die Arbeit, die seit dem Eintritt Amerikas in den Krieg geruht hatte, bereits wieder angenommen. Der Kongreß dürfte bereits sehr bald zusammentreten. Der Nachricht über die Einberufung des jüd. Kongresses in Amerika kommt außerordentliche' Bedeutung zu. Der Kongreß wird die Forderungen des gesamten Judentums der Welt sich zu eigen machen und mit! dem ganzen Gewicht des amerikanischen Einflusses vertreten. Angesichts der fürchterlichen Judenpogrome in Galizien und Polen und angesichts der systematische» Entrechtung der Juden in anderen Ländern ist eine derart! wirksame Kundgebung, \wie es der amerikanische Judenkongreß sein wird; für das gesamte Judentum der Welt eine unaufschiebbare Notwendigkeit > Judenmassacre in Lemberg Pogrome in Polen und Galizien Die große Zeit Seit Wochen durchtobt Galizien ein Bürgerlurieg, dessen Schrecken die schlimmsten Geschehnisse der letzten Jahre in den Schatten stehen. Am Ende des Weltkampfes rafft sich Polen auf und wird zur kriegführenden Macht. Ueberall senken sich die Waffen, die allzu lang von ihrer Heimat Getrennten kehren zurück — da wird neu die Kriegsfackel entzündet und der polnische Generalstab veröffentlicht Schlachtenberichte, Siegesbulletins, von denen das Leraberger, allein 600 Tote auf feindlicher Seite verzeichnet. Reiche Siegesbeute fiel den Helden in die Hände: Uhren, Kleider, Schuhe, Hemden und was sonst noch der friedliche Haushalt birgt. Zahlreiche Gefangene wurden abgeführt — niemand weiß wohin. Der vernichtete Feind floh in voller Auflösung — halbnackt, barfüßig, demütig um ein Stück Brot bettelnd, über die schneebedeckten Landstraßen, vqn Lemberg nach Grodek, von Gro- . deck nach Przemysl. * Der Feind — das sind die Juden. Sie. die still und demütig die Schrecken dieses ganzen; Krieges über sich ergehen ließen, sie, die abge-; stumpft gqzen Wechselfälle heute diesen, morgen [ jenen Feind — und nie einen Freund als Herrn * über ihr Leben sahen, sie, die in verschwiegener unwandelbarer Treue zu ihrem einzigen Gott sehnsüchtig dem Tag entgegenharrten, der die Verwirklichung der uralten jüdischen Hoffnung auf Weltfrieden und Vöikerversöhnung bringen sollte, sie, die schinerzverklärt aus tausend Wunden bluten, — sie solle» diesen Tag nicht miterleben! Morituri te salutanf! Und das Morgenrot leuchtet über hochgetürmten Judenleichen-- •*' * Die Polen leugnen. Ihre Vertuschungspreßbureaus im Ausland arbeiten Tag und Nacht. Sie greifen nach allein, auch nach dem. Widersinnigsten, das sich morgen schon als lächerlich erweisen muß. Bald heißt es: die Juden sind Bolschewisten, bald: sie kämpfen auf ruthenischer . Seite. .Vierundzwanzig Stunden vor dem Ein- ., marsch, der Poleh.'JnjLemberg. verüeß-dej. letzte Ruthene'die'-SfafäFunä~erst hach dem Einmarscfcci begannen die Brandstiftungen — trotzdem ist es schon zu lesen, daß nicht die Polen, sondern die Ruthencn das: Judenviertel angezündet haben. Ueher die ganze Weit verbreitet sich der Schrei des Entsetzens über die Schreckenstage polnischer Herrschaft — und. dennoch wird beteuert, daß überhaupt Pogrome nirgends stattgefunden hätten. Es gibt ia: genug Rabbiner, die man mit dem Revolver in der Hand zwingen'kann, es schriftlich zu bestätigen. Und wenn es gar zu schlimm wird, erklärt man mit frommem Augenänfschlag. liebenswürdig wie stets, man wäre in tiefster Seele bestürzt, aber wer könne etwas ausrichtea’gegen Marodeure, Deserteure, Plünderbanden? " ' Nicht umsonst istdas polnische Wahrzeichen ein weißer Adler im roten Feld: Unschuldsmiene . inmitten Pogromblutes — das ist die polnische Fahne — — * Wir Juden, haben nie dem Freiheitsstreben des. unterdrückten Polenvolkes unsere Sympathie — versagt. Aber, von einer Nation, die ihre Freiheit nnr als Phrase verwendet, um unter ihrem Schutze die Schreckenszeit des Zarismus wieder atiflcben zu lassen, wenden wir uns mit Grauen ab. Genug der Worte. Die Welt beginnt zu erkennen, welche Schuld sie auf sich nimmt, wenn sie Polen die Freiheit gibt, ohne gleichzeitig Garantien dafür zu schaffen, daß diese Freiheit auch den niclitpolnischen Völkern auf polnischem Staatsbereich zugute kömmt und daß die Freiheit , in den „inneren polnischen Angelegenheiten“ nicht zur Anarchie und wüsten Zerstörung führt „Ich war dreißig Jahre Fürsprecher von Polens Unabhängigkeit, jetzt aber'ist all meine Hoffnung auf die menschliche und freiheitliche Gesinnung des polnischen Volkes zusammengebrochen“ — das ist das traurige Bekenntnis des großen Polenfreundes Georg Brandes. In Schweden, in Holland, in der Schweiz erheben sich nichtjüdische Stimmen und fordern eine internationale Untersuchung der polnischen Greuel. Schon hat. England warnend seine gewichtige Stimme erhoben. Es wird nicht bei - Worten bleiben. Die Welt .kann nicht dulden, daß die neuanbrechende Zeit besudelt wird. Die Mächte werden zu prüfen haben, ob Polen eine Regierung besitzt Ist es der Fall, so muß sie zur Verantwortung gezogen werden. Ist es nicht der Fall — und die Beteuerung der Machtlosigkeit gegenüber . Exzessen von Marodeuren .deutet darauf hin — so muß von dritter Seite ln diesem Lande endlich Ordnung geschaffen werden. Die Welt lebt in der Hoffnung, daß der furchtbare Weltkrieg in der Schaffung eines internationalen Schiedsgerichtes seine Sühne finden wird. Wir Juden treten-als erstes Volk vor dieses Fonim und erheben Anklage! Das Blut unserer grauenhaft hingemordeten Brüder schreit zum Himmel. Möge die neue Zelt beweisen, daß es ihr Ernst ist mit ihren Idealen und daß sie nicht in Heuchelei vergeht wie die frühere. - - —g— Klefce. Herr Dr. Adolf Rothfeld, Advokat aus Lemberg, der soeben aus Kielce, wo er Militärdienst leistete; eingetroffen ist. erstattete folgenden- Bericht: Am 11. November L J. fand ln Kielce ein jüdisches Massenmeeting .statt, an welchem sämtliche jüdische Parteien teilgenommen haben. Bei diesem Meeting wurden Resolutionen angenommen, mit welchen die Anerkennung der jüdischen Nation in Polen und Zuerkennung von nationaler, ökonomischer und politischer Autonomie verlangt wird, gleichzeitig wnrde das Entstehen des freien, unabhängigen, vereinigten Polen seitens der Versammlung mit Freude begrüßt und es wurde in einer Resolution die Bereitschaft der jüdischen Bevölkerung ausgesprochen, an dem Aufbau des polnischen Staates teilzunehmen und dabei freudig mitzuarbeiten. Ueberhanpt war die Stellung der Versammlung zur polnischen Frage eine überaus freundliche. Es wurden zwar Rechte verlangt aber zugleich hat man sielt auch zu den Pflichten gegenüber dem polnischen Staate bekannt. Es sind Aufrufe an die jüdische und polnische Bevölkerung herausgegeben worden, welche die obige Stellungnahme der Kielcer Juden wiedergeben. An der Versammlung beteiligten sich auch die jüdischen Offiziere und Soldaten, welche den polnischen Eid geleistet wobei sie jedoch ausdrücklich erklärt haben, daß sie dies Äs polnische Staatsbürger jüdischer Nationalität tun. Auch ich ergriff dort das Wort und habe in einem den Polen gegenüber höchst versöhnlichen Tone gesprochen. Ich bemerke noch, daß die Versammlung im Theätersaale, welcher auf der Hauptstraße der Stadt Kielce gelegen ist stattfand. Die Versammlung war gegen halb 6 Uhr zu Ende und als wir den Theatersaal verließen, bemerkten wir gegenüber dem Saale eine Menschenmenge, bestehend aus meistens jungen, mit Stöcken bewaffneten Polen. Als die Juden den Tbeptersaal zu verlassen begannen, warf sich die Menge auf sie und begann einzelne Personen mit Stöcken zu beleeen. Es entstand eine Panik und die im Saale befindliche Menge wnrde aufgefordert sie möge vorläufig im Saale verbleiben- Im Saale erschien plötzlfch der stellvertretende Kommandant der städtischen polnischen Miliz ließ alle Frauen hinausgehen und als dies geschehen warforderte er die verbliebenen Männer auf. die Waffen abzngeben. Es stellte sich heraus, daß absichtlich eine Version verbreitet wurde._wonach ans der jüdischen Menge auf einen Legionär geschossen worden sei. Dies wurde zur Bemäntelung und Begründung des Pogroms kolportiert Die Anwesenden erklärten, sie haben keine Waffen, worauf eine Personendurchsuchung vorgenommen und tatsächlich bei niemandem eine Waffe vorgeiunden wurde. Plötzlich drang eine bewaffnete Menschenmenge in den Saal und es begann in dem Saale ein regelrechter Pogrom, wobei mehr als 200 Juden, die ganz wehrlos waren, verwundet wurden. Hieraui begab sich die Menge in die Judengasse und es begann die Plünderung von Geschäften. Es wurde vom polnischen Stationskommando eine Assistenzwache abverlangt. Als diese iedoch entsandt wurde, beteiligten sich die Soldaten selbst an der Schlägerei, so daß sie zurückgezogen werden mußten. Der Haß der polnischen Bevölkerung kam in vielen krassen Fällen zum Ausdruck. So z. B. wurde ein Arzt, Dr. Jankowski, zu einem schwerverwundeten Burschen ins Theater -gerufen. Als er kam. untersuchte er nicht einmal den Kranken, sondern schaute den mit Blut Bedeckten an und sagte: .Juz zdechl“ (schon krepiert) und entfernte sich, ohne dem Verwundeten Hilfe geleistet zu haben, obwohl er ncch am Lehen war Zur Begründung des Pogroms wurde in der Stadt überall die Version kolportiert, daß während der Versammlung feindliche Reden gegen die Polen gehalten worden seien und Rufe wie: Es lebe die Revolution, es lebe Lenin und Trotzki! laut geworden seien. Diese Version ist grundfalsch, denn sowohl ich. als auch viele andere Teilnehmer, die vom Anfang, bis zum Ende der Versammlung anwesend waren, können bezeugen, daß kein einziger feindseliger Ruf gegen die polnische Nation oder den polnischen Staat ertönte. Am nächsten Tag. d. i. am Dienstag, den 12. November, begannen gegen 12 Uhr mittags die Pogrome von neuem und dauerten bis zirka 6 Uhr. Es wurden zusammen über £00 Leute verwundet, von denen 13 bereits am 17. d. M. tot waren, welche Zahl sich inzwischen bedeutend vergrößert haben wird. (Die erste Liste über 108 Verwundete und 3 Tote wurde beigebracht Die Red.) Die Veranstalter der Versammlung wurden verhaftet doch am nächsten Tag freigelassen. Als sie beim Stadtpräsidenten intervenierten, gab er zur Antwort: Man müßte zur Sicherung der Juden die Miliz -im 100 Mann vergrößern, dazu sei Jedoch ein Kapital von 300.000 Kronen notwendig, welches die Juden erlegen sollen. Der Regiertmgskommissär Bukowinski verlangte, als man bei ihm intervenierte, die Juden mögen 2000 Ellen Leinwand für die polnischen Soldaten erlegen. Der Pogrom wurde somit zum Anlaß genommen, um von den Juden verschiedene Kontributionen zu erpressen. Zuf Sicherung des jüdischen Lebens und Vermögens wurde aber seitens der kompetenten j El