Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438721--6016-2446053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kedaktion und Administration. Wien II., Zirkussass« 33 Fertixiirecher Nr. 45-325 Nalional'jüdifches Organ Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds" Wien» Freitag, den 22. lovemfaer ISIS Bezugspreis: Vierteljä' rig 6 & ganzj. 24 X, Einzeliiuumier &• h Pnsr<|iarkassi-nlcoiit(> 133.404 Srandeis Friedensdilegketep 9meita Nach übereinstimmenden Meldungen neutraler und englischer Blätter wurde Bundesoberrichter Louis D. Brandeis» der Führer der amerikanischen Zionisten» vom Präsidenten Wilson zum Delegierten Amerikas bei der Friedenskonferenz ernannt. Die von den Wiener Blättern wiedergebenen Meldungen weichen in den Angaben von einander ab, nur bezüglich der Delegierung von B>andeis besteht Uebereinstimmung. Nachstehend die Nachrichten: Die Flüditlingsfrage Niemals war das Los der Kriegsflüchtlinge ein so tragisches wie heute. Die Flüchtlinge muß- - ten zu Kriegsbeginn infolge der russischen Invasion ihre Heimat verlassen. Sie waren Märtyrer des österreichischen Staates. Sie haben in der doppelten Verbannung vier Jahre unter unsäglichen Leiden gelebt und auf den Tag gewartet, wo ihnen der Friedensschluß die Rückkehr und die Wiederaufnahme einer friedlichen Tätigkeit gestatten wird. Dieser Friedensschluß ist aber anders gekommen, als man glaubte. Der Staat, für den die Flüchtlinge gelitten haben, existiert nicht mehr. An seiner Stelle sind mehrere einander feindliche Staaten entstanden. Die Flüchtlinge, die früher beim Staate auf rücksichtsvollste Behandlung Anspruch hatten, sind plötzlich „feindliche Ausländer“. Aber damit nicht genug. Die Rückkehr in Ihre Heimat ist den Flüchtlingen auch aus dem Grunde unmöglich, weil Galizien, dieses unglückliche Land, nach dem allgemeiner, Waffenstillstand von einem neuen unseligen Kriege verwüstet wird. Es ist unbegreiflich, daß die Entente es zuläßt, daß der Konflikt zwischen Polen und Ruthenen mit den Waffen ausgetragen wird. In dem Augenblick, wo der Grundsatz des Völkerbundes und der schiedsgerichtlichen Austragung aller Streitigkeiten gesiegt hat, müßte mit allen Mitteln diesem neuen Verbrechen entgegengewirkt werden. Aber abgesehen von diesem Bi uderkrieg, tobt noch ein anderer, häßlicherer,, grauenhafterer Krieg in Galizien. Das polnische Volk weiß den Augenblick seiner Befreiung nicht anders zu feiern, als durch systematische Vernichtung und Ausrottung des wehrlosesten Bevölkerungselementes, der Juden. Den jüdischen Kriegsflüchtlingen ist es unter diesen Umständen ganz unmöglich, nach Galizien zurückzukehren. Sie würden in den sicheren Tod fahren. Angesichts dieser Sachlage ist es eine moralische Pflicht des deutschösterreichischen und tschecho-slowakischen Staates, den Flüchtlingen bis zur Beseitigung dieser Schwierigkeiten das Verbleiben, in ihren gegenwärtigen Aufenthaltsorten zu gestatten. Es wäre eine Unmenschlichkeit sondergleichen, wenn man jetzt die Flüchtlinge ausweisen wollte. Präsident Wilson und seine Alliierten, die den Kampf für die Menschlichkeit auf ihr Panier geschrieben haben, könnten die Rechtfertigung eines solchen Vorgehens niemals anerkennen, insbesondere ist es ganz unverständlich, daß der tschecho-slowäkische Staat, der sich als Verbündeter der Entente betrachtet, die härtesten via Ui ahmen gegen die Flüchtlinge trifft Wie wir erfahren, wurde ein Befehl erlassen, daß bis zum 1. Dezember alle Flüchtlinge das tschechische Gebiet verlassen müssen. Wenn schon die Menschlichkeit die tschechischen Machthaber nicht zur Milde bewegt, so sollte ihnen wenigstens die politische Klugheit sagen, daß sie durch ein solches Vorgehen den Fluch der Barbarei auf sich laden, und daß das jüdische Volk, dessen amerikanische und englische Vertreter mit den jüdischen Flüchtlingen aus Galizien sich ebenso solidarisch fühlen wie wir, all seinen Einfluß aufbieten wird, um dieses Vorgehen vor der Welt ins richtige Licht zu setzen. Wir haben 'dem jungen tschecho-slowakischen Staat der von einem aufstrebenden Volke aus eigener Kraft und mit bewunderungswürdiger Energie aufgebaut wurde, unsere Sympathie nie versagt Wir haben immer gemeint, daß dort die Gedanken der Freiheit und Demokratie Verwirklichung finden werden. Durch solcher Mab ahmen wie die erwähnte, begibt sich aber der neue Staat ins reaktionärste Fahrwasser und beginnt die neue Aera seiner Geschichte mit einem dunklen Punkt Wir hoffen, daß es gelingen wird, diese unvernünftige und unmenschliche Ausweisung noch im letzten Moment rückgängig zu machen. Der Wiener tschechische Bevollmächtigte Tusar hat einer Abordnung des Jüdischen Nationalrates erklärt daß er selbst einsieht daß eine Rückbeförderung der Flüchtlinge unter den gegebenen Verhältnissen völlig ausgeschlossen ist Es gibt nur eine einzige Konsequenz, die ein gesittetes Volk aus dieser Einsicht ziehen kann: die Ausweisung zurückzu- .ehraeiL Es scheint, daß der Leidensweg der Flüchtling^ noch immer nicht zu Ende ist Wann wird der Retter kommen diesem Volke? d4J4A.\4AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA Das Ergebnis des Krieges darf nicht durch «Ine tcrstlidigung oder ein Kompromiß geordnet werde.*, fb »lern endgültig und ein für allemal mit voller u^Atldeutlger Annahme des Grundsatzes, daß die ImV^ssen der Schwächsten ebenso heilig Aid wie die \\ttcressen der Stärksten. 7'llson, Rede am 27. September. ..N. Fr. Pr.“: Zürich. 18. November. Schweizer Blätter melden: Mit W i * .• werden L a n s 1 n g, der frühere Staatssekretär Hort Senator Curtis uud der Bundesoberrichter Brandeis zur Friedenskonferenz eintreifen. „Fremdenbi.“. Gent, 18. November. (Tel. d. „Fremdenblatt“.) „Petit Journal“ meldet. Wilson wird auf seiner Europarcise von L an sing. R o e d. Hoevre. Brandeis und Brownoup begleitet sein. Wilson wird nur den ersten Sitzungen der-Friedenskonferenz beiwohnen. Die Schreckenstage in Galizien dauern an. Immer wieder laufen beim Jüdischen Nationalrat ln Wien grauenhafte Meldungen ein. Eine Fülle von Einzelheiten enthalten die im Nowy Dziennik und in der „Wiener Morgenzeitung“ veröffentlichten Schilderungen. Wir entnehmen diesem Material einige Tatsachen, die wir im Folgenden wiedergeben. Przemysl Przemysl. Der Jüdische Nationalrat erhielt von authentischer Seite nachstehenden Bericht: Sofort nach Besetzung der Stadt durch polnische Truppen am 11. d M. hat eine Plünderung jüdischer Geschäfte und Wohnungen begonnen. In der Nacht vom 11. auf den 12. November wurden folgende in der Hauptstraße (Franciskanska) befindliche jüdische Geschäfte von uniformierten Legionären erbrechen und von ihnen sowie dem zahlreichen Vorstadtgesindel ausgeraubt: Streng, Wiiczer, Nacht, Ochsenberg, Eisner, Patron. Katz, Spachner, sowie sämtliche Juweliere: Löwenthal, Krochmai, Orbach, Klang, Goldberg, Goldblatt. Noch am hellen Morgen wurden Waren von dort weggetragen und auf Wagen weggeführt Die polnischen Militärposten haben die Plünderer weder gestört noch aufgehalten. Es muß festgestellt werden, daß kein einziges der benachbarten christlichen Geschäfte an gerührt wurde. , Unter dem gemein erlogenen Vorwände, daß von jüdischer Seite auf die Polen geschossen wurde, sind am nächsten Tage und an den folgenden alle jüdischen Wohnungen durchgestöbert und vielfach ausgeraubt worden Anläßlich dieser Plünderzüge sind mehrere Juden mißhandelt der Jude Abraham Rot er auf der Stelle ermordet worden. Die Totenliste Ist damit nicht erschöpft Es gibt kein jüdisches Haus, in welchem die uniformierten Räuber nicht die meisten Wertsachen konfisziert hätten. Bei den Bürgern Melech- Gans, Moses Hirt Langsam, Dr. Rosenbach wurden Beträge von Je 50.000 bis 80.000 Kronen geraubt Besondere Banden von Legionären überfielen den Tempel and di* „Az Est“ meldet aus London: Wilson wird an den Vorbereitungen der Friedenskonferenz teilnehmen. Er kommt im Dezember nach England in Begleitung des Staatssekretärs des Aeußern Lans i n g. des Lebensmitteldiktators H o o v e r. des Senators R o o t. des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes Br and eis und des Vorsitzenden der Abteilung für internationales Recht Scot t an. Diplomatische Kreise erklären. Wilson werde sicher gegen jeden Friedensschiuß auftreten. der Haß und Revanüiegeliiste zur Folge haben könntet Beizer Klaus, zerrissen Thorarollen und richteten schließlich Verwüstungen an. Dienstag, den 12 <L M. früh wurden alle auf der Straße angetroffenen Juden, sowie alle Angehörigen der jüdischen Miliz verhaftet, unter Schimpfworten und Kolbenschlägen in eine Kaserne gefülirt, dort unwürdig behandelt und mit der Hinrichtung bedroht, dann aber nach“ zwei bis vier Tagen fieigelassen. Keinem einzigen Juden ist auch nur der Schein eines Delikts oder eines illoyalen Verhaltens nachgewiesen worden. Diese Feststellung ist wichtig mit Rücksicht auf die mit unverschämter Hartnäckigkeit seitens aller Polen wiederholten Verleumdung, daß die Juden aus Maschinengewehren das polnische Heer beschossen hätten. Seither stockt alles Leben in der Stadt. Kein Jude wagt sich auf die Straße hinaus, da jüdische* Leben und Vermögen vogelfrei sind. Obwohl dio polnischen Behörden dem organisierten Raub keinen Widerstand entgegensetzen wollten (oder bestenfalls konnten), haben sie die jüdische Miliz entwaffnet und aufgelöst. Angesichts der brutalen Bajonettherrschaft mußte die empörte jüdische Oeffentlichkeit sich auch diese Gewalttat gefallen lassen. Der jüdische Volksrat hat in seinem scharfen Protest die Verantwortung für die jetzige Situation dem polnischen Nationalrat übertragen. Das bisherige Judentum ist momentan machtlos. Es wendet sich an die auswärtige Judenheit mit der dringlichen Bitte, ihm in den schweren Augenblicken behilflich zu sein. Möge der Hilferuf in alle jüdischen Zentren dringen! Wir fordern moralische Unterstützung! Informiert Europa über die uns drohende SchandWirtschaft! Die jüngsten Machthaber verweigern uns nicht bloß national* Anerkennung, bürgerliche Rechte, sondern da» primitivste Freiheits- und Lebensrecht. Will uns das zivilisierte Europa zu Hilfe kommen? Sollten die Polen sehen, daß sie uns straflos auf diese Weise behandeln dürfen, dann würde für alle polnischen Juden die Stunde der blutigsten, barbarischesten Unterdrückung geschlagen habet* Brüder, helft uns! Branting für das jüdische Volk Das „Kopenhagener Zionistische Bureau“ berichtet: Die Zionistische Organisation in Stock holm veranstaltete am 2. November eine große* Volksversammlung, die sich zu einer großartigen Kundgebung der jüdischen Bevölkerung Stockholms für den jiidisch-natlonaten Gedanken gestaltete. Der bedeutende sozialdemokratische Führer Skandinaviens Branting und der Bürgermeist;r Lindhagen bekannten sich in längeren Ansprachen zum vollen Anschluß an die jüdischen Forderungen bezüglich Palästinas und der nationalen Autonomie in der Diaspora und brachten ihre Ueberzeugung zum Ausdruck, daß diese Forderungen jetzt zur Erfüllung gelang;:: werden. Branting betonte ausdrücklich. daß er in Namen der Internationale spreche. - (Telegramm der „Jüd. Zeitung“.) Der Londoner Korrespondent des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm telegraphiert; daß anläßlich der zu erwartenden Abhaltung des Friedenskongresses in Versailles die atnnten<ä»hft Organisation ein Cureau in Paris einrichtet, welches von Nahum Sokolow geleitet werden soll. Der Pogrom in Galizien Schreckenstage in Przemysl