Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JÜDISCHE ZEITUNG Seite d treter der großen Demokratie der westlichen Halbkugel. hat seine volle Zustimmung zur britischen Erklärung und seine Sympathie für die wiederkerstellende Arbeit der Zionistischen Kommission in Palästina ausgedrückt. Wir haben ietzt volle Gewißheit von. der vollkommenen Solidarität der alliierten Mächte in bezug auf unsere nationale Sache. Trotz der schrecklichen Opfer unseres Volkes während des Weltchaos ist unsere Zukunft nie so verheißungsvoll gewesen^ Möge der Deklarationstag in einer Weise gefeiert werden, die dein großen historischen Ereignis würdig ist. das den Beginn einer neuen Epoche für das jüdische Volk anzeigte.“ Warum wir Zionisten zur Vertretung der Judenschaft Oesterreichs berufen sind Von D r. Egon Zweig, dzt. Graz: „Die Welt ist aus den Angeln“ und alles eilt, sich neu einzurichten. Nicht zuletzt unser Vaterland Oesterreich wird von dem Umsturz schwer beti offen und seine Völker sind sofort zu Nationalversammlungen zusammengetreten, um ihre Forderungen kundzutun und durchzusetzen. Und wir Juden? Geht uns diese Entwicklung nichts an? Jeder Jude, mag er politisch noch so unorientiert sein, mag er unsere Gemeinschaft für ein Volk, für eine Konfession oder für. was immer halten, wird mit ängstlicher Spannung nach jener autoritativen Vertretung ausschauen, die bei der Liquidierungstagfahrt für ihn, für die Juden mutig das Wort führt, ' unsere Gefühle, Wünsche und Forderungen zum Ausdruck bringt. Ach, er wird vergebens ausschauen, denn diese Vertretung ist nicht da! Die österreichische Regierung hat die Reichsratsabgeordneten der Völker als den Grundstock der zu bildenden Nationalversammlungen bezeichnet. Wir Juden aber, im Reich zerstreut, in den territorial abgegrenzten Wahlkreisen überall zur Minderheit verdammt, vermochten nur ein oder zwei Männer ins Parlament zu entsenden, die sich als unsere Mandatare fühlen und betätigen. Angesichts dieser durch die allgemeine Verfassung gegebenen und aus unserer eigenen Kraft kaum zu ändernden Sachlage haben die zionistischen Parteitage, seit jenem zu Wien 1902, immer wieder darnach verlangt, daß wir Juden Oesterreichs uns eine Gesamtvertretung schaffen, welche, durch Gesetz oder Verordnung anerkannt, die an 600 Kultusgemeinden des Reiches zu einer kraftvollen und angesehenen Einheit zusammeniasse. Wir forderten beileibe sieht, daß dieser Gesamtverband zionistisch, daß er auch nur jüdischnational sei; bloß aus dem allgemeinen gleichen Wahlrecht aller Juden Oesterreichs sollte er hervorgehen, damit ihr wahrer Wille offenbar und wirksam werde. Gerade das aber wollten die Machthaber in den Kultusstuben nicht. Sie, die sich an die niederbrechende Fiktion eines bloßen Konfessionsjudentums klammerten, voran der Präsident der Kultusgemeiude Wien, ließen sich von uns Zionisten nur widerwillig vorwärts schieben und schlugen schließlich — nach Jahr und Tag — für die ersehnte „Judenschaft“ eine kniffig ausgesonnene Verfassung und Wahlordnung vor. So sollten nicht die 1,300.000 Juden Oesterreichs nach einheitlichem Grundsatz vor die Urne treten, sondern die nach 600 verschiedenen Statuten gewählten, liier und dort auch von der -Regierung ernannten Kultusvorstehungen hätten ihre Delegierten für den Gesamtverband zu entsenden, ferner sollten die national und wahrhaft religiös gesinnten Ostiuden (wenn die Zionisten schon auf ihrer Einbeziehung bestanden) durch die kleine Minderheit der aufgeklärten, liberalen Westjuden hoffni-ngslos maiorisiert und jedenfalls die Rabbiner aller Art mundtot-gemacht werden. Natürlich erhob sich gegen diesen verzerrten Plan eines jüdischen Gesamtverbandes allenthalben heftiger Widerstand. Umsonst versuchten wir Zionisten ihn mi^ dem Hinweis zu beschwichtigen. man solle den Verband nur endlich einmal schaffen und seine nötige- Umformung im Sinne des wahren Volkswillens getrost der Entwicklung. überlassen. Der Streit dauerte fort, . manch günstige Gelegenheit, die Anerkennung des Gesamtverbandes von der Regierung zu verlangen, wurde verpaßt und die. Kultusmachthaber ließen ihn endlich — nicht ungern — in die Versenkung fallen. Nun dieser Weg zu unserer autoritativen Vertretung verlegt ist, drängt sich die Frage auf, ob nicht etwa eine ad hoc zusammentretende, von den Kultusvorständen Oesterreichs zu beschickende Tagung oder wenigstens der Kultusvorstand Wiens, als der bisherigen Reicfishauptstadt, mit ihren heute gewiß mehr als 300.000 Juden aus Ost und West berufen wäre. Und wieder muß man schmerzvoll ab- 'Winken! Fast alle diese Kultusvorsteher, insbesondere aber jene Wiens, können und dürfen nicht beanspruchen, heute als Vertreter der jüdischen Masse auf- -zutreten, da jene es seit Schaffung der Kultusgemeinden verabsäumt, ja geradezu verschmäht haben,' sich ihre Legitimation aus .den Händen dieser Masse zii holen. Die Kultusvorsteher haben durch, ihr ängstliches Fernhalten vom Gros des Volkes verlernt, mit ihm zu fühlen und zu denken und sind daher, wenn sie selbst willens wären, es zu tun, ganz unfähig, die Gefühle und Gedanken des Volkes nach außen zu vertreten. Klingt dies Urteil nicht zu hart? Auf diesen- Einwand der Selbstprüfung drängt sich auch schon vor unser rückschauendes Auge anklagend Bild auf Bild jenes jahrzehntelangen erbitterten Kampfes, den die Machthaber, voran der Wiener Kultusstube gegen die jüdische Masse — unritterlich genug! — geführt haben, um sie von der Mitbestimmung am Gemeindeleben auszusdiließeu und um die süße Herrschaft für die dünne und entjudete, aber reiche Oberschicht zu behaupten. Der heutige Kultuspräsident war es, der, noch bevor er so hoch aufgestiegen, jene Kultuswahlordnung ausgedacht und ausgezirkelt hat, die seither durchihre raffinierte Volksfeindlichkeit fast europäische „Berühmtheit“ erlangen konnte. Daß d;es Wahlrecht auf diejenigen eingeschränkt war, welche Kultussteuer zu zahlen hatten, mochte noch hingehen; wenn aber anderwärts 3 und <1 Kronen als Mindestgrenze genügten, waren es hier in Wien 20 Kronen, bezw. im Jahre der ersten Steuerzahlung 40 Kronen, also — vor dem Kriege — nicht geringe Beträge. Diese Steuer mußte aber iiberdiesi durch drei aufeinanderfolgende Jahre pünktlich gezahlt sein, sonst war das Wahlrecht wieder verwirkt. Richtete sich die hohe Mindeststeuer gegen die „Proleten“. so zielte die Seßhaftigkeitsklausel gegen •die „Fremden“, zumal gegen die „Polnischen“. Wie nahe lag es da, „aufsässige Elemente“ nicht za besteuern oder doch die Steuer bei ihnen nicht eiiiznheben, um so die Zahl der lästigen Wähler herabzudrücken! Noch aber blieben ihrer viele Tausende. Um ihnen nun die Teilnahme am Wahlakte zu verleiden, wurden die Kultusvorsteher nicht etwa nach Bezirken oder doch Bezirksgruppen gewählt, wo man doch die verdienten Männer dieses Kreises gekannt und gerne gewürdigt hätte; nein, die ganze Wählerschaft Wiens, von Floridsdorf bis Favoriten, von Hietzing bis Kaiserebersdorf, wurde in einen Wahlkörper gepreßt und diesem von der Seitenstettengasse her eine lange Liste dort genehmer Kandidaten vorgesetzt, welche, der großen Mehrzahl der Wähler unbekannt, sie nicht zur Urne locken konnten .Wozu das auch? Die Angestellten und Lieferanten des Kahal, immerhin paar Hundert an der Zahl, wurden zur Wahl der offiziellen Liste kommandiert und — damit Basta! Da trat die zionistische Partei auf und warf si’h — auf die Parole Herzls, ihres großen Führers, hin — in den Wahlkampf. Und von Gang zu Gang — in jedem zweiten Jahr — stieg, an den Wällen des reaktionären Wahlstatuts empor, die Br mdung der oppositionellen Stimmen hoch und höher, bis Dr. Stern, der Kultuspräsident selbst, sich in die Stichwahl gedrängt sah - undsein Mandat nur mühsam retten konnte. Ein anderer hätte sich durch diese persönliche Eriahnmg über die Stärke der Volksströmung belehren lassen und demnach die demokratische Opposition freiwillig — z. B. auf Grund des Verhältniswahlschlüssels — in die Kultusstube zu gemeinsamer Arbeit herangezogen. Nicht so Dr. Stern! Er vertraute nur der Gewalt und versuchte es nochmals mit der Wahlgeometrie. Auf de sogenannte „allgemeine Kurie“, die 24 Mandate zu vergeben hatte, wurde die „Kurie der Höherbesteuerten“ aufgepfropft. Mit 12 Mandaten ausgestattet, blieb sie einer kleinen Gruppe, nämlich jenen Vorbehalten, die jährlich mehr als 200 Kronen Kultussteuer zahlen konnten. Aber zugleich durfte diese neuprivilegierte Kaste ein zweitesmal — in der allgemeinen Kurie — mitwählen. So"wurde zu einer Zeit, als die ganze Welt ringsum sich zur Erweiterung der Volksrechte durchrang und als die „Judenpresse“ der Liberalen vom Schlage des Herrn Kultuspräsidenten in Freiheit und Fortschritt machte, im Wiener Kahal ein neuer Hinterhalt gelegt zum Schutz des Geldsackes. der Plutokratie! Kein -Wunder, daß def Zorn der Zionisten, die sich als Vorkämpfer der Volksrechte fühlten, hoch aufschäumte und daß damals sogar ein österreichischer Minister mißbilligend sagte, das allgemeine gleiche Wahlrecht dürfe vor den Kultusstuben nicht stehen bleiben. Doch Dr. Stern blieb hart. Zwar hat er wiederholt, um die Empörten einzulullen, eine Demokratisierung des Kultuswahlrechtes feierlichst versprochen, aber er hat sein Manneswort gebrochen. Und durch das schnöde Beispiel Wiens ermuntert, haben dann auch die Geldjuden der Provinz die- Herrschaft über „ihre“ Kultusgemeinden hartnäckig festgehalten und sich hinter reaktionären Wahlordnungen gegen den Ansturm der Volkswünsche und gegen alle modernen Ideen feindselig verschanzt. Wenn nun im Jahre 1912 die Wiener Zionisten sich zu einem Wahlkompromiß bereitfanden und zwei ihrer Vertrauensmänner in den Kultusvorstand sandten, so geschah dies in der Hoffnung, durch eifrige Mitarbeit das Mißtrauen drüben zu brechen und so den Alten die Ideenwelt der Jungen näherzubringen. Auch während des Krieges wurden wir nicht müde, jeden Zwist mit den Alten zu vermeiden, um so die friedliche Vereinigung aller auf einer gemeinsamen jüdischen Plattform zu ermöglichen. In Amerika, in Rußland und anderwärts, in Deutschland schier ist es geglückt. Hierzulande leider hielten wir noch nicht so weit. Da bricht der Sturm über Oesterreich und uns Juden zugleich herein. Wenn uns die Alten ietzt nicht felgen können oder wollen, in der Stunde der Gefahr für unser Volk, dürfen wir Zionisten müßig feiern oder gar jenen das Wort lassen, die sich Kultusvorsteher nennen? Sie haben es verhindert, daß das Volk eine autoritative Vertretung hat, die sich auf dem allgemeinen gleichen Wahlrecht aufbaut. Wir haben diese Vertretung unermüdlich gefordert und be- Zur Mreitung für Palästina J1SKOR: Ein Buch des Gedenkens, Geleitwort von Buber. geb. K 13.— EREZ ISRAEL, Heit 1. geb. K 1.50 EREZ ISRAEL. Heft II. geb. K 2.20 HÖFLICH: Der Weg in das Land, geh. K 4.40 geb. K 6.— RUPPIN: Die Judenheit der Gegenwart, 3. Auö. geh. K 12.—; geb. K 16.— BALLOD: Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet R 1.60 DENKMAL für Jechiel Tschlenow K 0.50 TRIETSCH: Jüdische Kolonisation u. Emigration geb. K 24.— SCHECHTER: Palästina. Seine Geschichte und Kultur geh. K 8.— RATH: Lehrbuch der hebr. Sprache, geb. K 13.20 Die gesamte zionistische Literatur stets lagernd in National-jüdische Buchhandlung R. LÖWIT, WIEN, 1„ Rotenturmstraße Nr. 22. trieben; wir fordern sie noch heute, in voller Ueberzeugung, den Willen der überwiegenden Mehrheit darzustellen, aber warten können wir nicht: So lange jene autoritative Vertretung der Judenschait in Oesterreich, bezw. in seinen Teilstaaten nicht zustandegebracht ist, muß und wird die zionistische Partei die Sache des jüdischen Volkes unbeirrt und unerschrocken führen. Eine riesige Manifestation des Lemberger Judentums (Von unserem Korrespondenten.) _ Pie . semischtnationale Landeshauptstadt Galiziens hat noch nie eine so grandiose, eine so massenhafte und spontane Kundgebung der jüdischen Einwohner gesehen wie die Manifestation am 26. Oktober. Dem Rufe der zionistischen Partei folgend, haben fast sämtliche jüdischen Häuser Flaggenschmuck angelegt. Von den Balkons, welche mit Teppichen, Emblemen und jüdischen Bildern — vorwiegend Herzlbildern — geschmückt waren, wehten die blau-weißen Fahnen und die Fensterscheiben waren mit den vom J. N. F. herausgegebenen Uluminationszetteln beklebt. Mehr als 30.000 Personen beteiligten sich am Demonstrationszuge und an den vier Monstre-Versammlungen, welche im Riesenhofe des Hauses Nr. 5 der Kossatojagasse, im ukrainischen „Narodnyj dim“, im Hofe desselben und auf dem Platze vor demselben stattianden, da der Saal die immer mehr zuströmenden Mengen nicht fassen konnte. Im Saale des „Narodny Dim“ eröfinete Gg, Dr. Fischei W a s c h i t z die Versammlung mit einer hebräischen und jüdischen Ansprache, in welcher er ausführte, daß „es unsere Pflicht sei, ifäch vier Jahren des Weltkrieges, wo wir das erste Mal uns öffentlich versammeln können, die Stimme des Volkes für die Verwirklichung unserer nationalen PostuJate zu erheben. Zuerst müssen wir unsere Blicke den Vorgängen m Palästina zuwenden. Unserer jüdischen Legion in Palästina, welche die herrlichen Traditionen der Makkabäer aiiiirischt, gilt unser erster Gruß. (Nicht endenwollender Beifall.) Jahrtausende lang lag die jüdische Fahne im Staube, die jüdische .Legion hob sie wieder in die Höhe.“ Hierauf wurde ein Präsidium, bestehend aus den Herren Gg. Dr. Leon Reich und den Poale-Zionisten Fels als Vorsitzenden und den Herren Gg. Dr. Schmorak und Ehrlich als Beisitzer gewählt, worauf Dr. Reich das Wort zum Referate erhielt, in welchem er unter großer Begeisterung der Versammelten ausiührte: „Trotz der Qualen des Krieges haben wir heute freudige Mienen und demonstrieren unsere Freude vor aller Welt, weil sich ein Ereignis zugetfagen hat, welches alle Trauer von unseren Gesichtern verscheucht: Palästina ist in unseren Händen!“ (Jubelnder Applaus.) Der Redner schilderte nun die Entwicklung unserer Idee seit 20 Jahren und wendete sich zum Schlüsse an diejenigen Juden, gegen welche wir bis ietzt gekämpft haben, mit der Aufforderung, daß sie uns beim Aufbau und Umbau unserer nationalen Gemeinschaft helfen! Es sprachen noch namens der jüdisch-nationalen akademischen Jugend Gg. Natan Katz, welcher die jüdischen Väter und Mütter zur Aussöhnung mit ihren Kindern aufrief, damit der Friede in die jüdischen Familien wieder einkehre; H. Fels namens der Poale Zion, welcher den gefallenen Kämpfern huldigte. Gg. Josef Boksenbaum, welcher die Machenschaften des Löwenstein an den Pranger stellte, H. Dr. Einäugler namens der jüdisch-sozialdemokratischen Partei, Frau Karl namens der jüdischen Frauen, ein reichsdeutscher jüdischer Offizier, welcher die Grüße der Jüdisch-Nationalen Berlins überbrachte und der ukrainische Student Terenczuk, welcher seine Zustimmung der jüdisch-akademischen Jugend ausdrückte und sie zum Kampfe begrüßte und Ing. Anseim Reiss (Poafe Zion), worauf Gg. Moses Waldmann die Resolution verlas, welche per Akklamation beschlossen wurde. Die 7 Punkte umfassende Resolution begrüßt die jüdische Legion und enthält die bereits mehrfach wiedergegebenen nationalen Forderungen. Bemerkenswert ist der Absatz, der die junge Freiheit der polnischen und ukrainischen Nation begrüßt und die Polen auffordert, dem Beispiel der Ukrainer in der Gewährung nationaler Rechte an das jüdische Volk zu folgen. Zum Schluß wird dem Oberrabbiner Dr. Chajes der Dank und! dem Dr. Löwenstein Mißtrauen und Empörung ausgesprochen.