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Jüdische Zeitung · 1918-10-04 · 40 (4.10.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XII. Jahrgang — Nr. 40 Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgisse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wien, Freitag) den 4. Oktober 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 6 JE ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkasaenkonto 133.404 Montag, 14. Oktober, halb 7 Uhr Großer Konzerthaussaal VERSAMMLUNG 9» Das jüdische Volk und der Friede if Entscheidende Stunden Die Zukunft Palästinas Mit überraschender Schnelligkeit haben die militärischen Ereignisse im Orient in der letzten Woche eine Wendung erfahren und eine neue Weltlage geschaifen. Alle Völker der Welt verfolgen mit Spannung und beispielloser Erregung den Fortgang der Geschehnisse. Auch das, jüdische Volk ist von gesteigerter Erwartung erfüllt. Alle Teile des Volkes wissen, daß die nächsten Wochen von weittragendster Bedeutung sein werden. Die Schicksalsstunde des jüdischen Volkes ist gekommen. Die englische Armee und ihre Hilfstruppen, unter denen im offiziellen Heeresbericht auch die jüdische Freiwilh'genlegion genannt ist, haben ganz Palästina besetzt und sind in unauihaltsamem Vorgehen gegen. Norden Man . wird die Annahme wagen dürfen, daß für die englische Position im weiteren Verlaufe des Weltkrieges eine militärische Bedrohung zumindest unwahrscheinlich ist. Damit sind aber die Voraussetzungen gegeben, in Palästina auch politisch eine neue Lage zu schaffen Es wurde bereits eine Nachricht verbreitet, wonach die Engländer die Zivilverwaltung im eroberten Gebiet einführen. Die englische Regierung, hat durch eine feierliche Erklärung der zionistischen Organisation mitgeteilt, daß sie ihre Zustimmung zur Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erteilt. Durch diese Maßnahme soll die Stellung der Juden in ihren gegenwärtigen Wohnsitzen keine rechtliche Anfechtung erfahren. Dieser historische Akt vom 2. November 1917 hat im jüdischen Volk ein Gefühl überströmender Dankbarkeit, aber auch die Entschlossenheit zur Mobilisierung aller geistigen und materiellen Kräfte hervorgerufen. Das jüdische Volk weiß, daß es einen Augenblick der Größe durchlebt, wie es ihn seit seiner Zerstreuung nicht gekannt hat. Es fühlt, daß alles davon abhängt, daß das Volk sich diesem historischen Moment gewachsen zeigt. Ein ungeheurer Enthusiasmus und Tatwille hat es er=" griffen. Die zweitausendjährige Sehnsucht soll ..erfüllt werden. Das jüdische Volk: ist ..überzeugt, daß es bei allen Mächten Verständnis für seine Forderung finden muß. Beide Mächtegruppen haben den Grundsatz der Befreiung der kleinen Nationen und des Selbstbestimmungsrechtes der Völker anerkannt. Wenn trotzdem die Zentralmächte bisher die zionistischen Wünsche etwas zurückhaltend behandelt und sich mit Sympathiekundgebungen begnügt haben, so war dies durch die Rücksicht auf die verbündete Türkei geboten, welche in einem verhängnisvollen Mangel an politischer Weitsicht und aus engherzigen Besorgnissen sich nicht entschließen konnte, . den zionistischen Wünschen entgegenzukommen und dadurch einen Faktor ‘ von beträchtlicher Bedeutung für sich zu gewinnen. Die Türkei (und mit ihr die Zentralmächte) hätte durch ein entsprechendes Verhalten die Stimmung der Judenschaft der ganzen Welt gewinnen können; und die Verwirklichung der zionistischen Pläne hätten eine gewaltige Machtsteigerung des türkischen Reiches bewirken können. Heute liegt es nicht mehr in der Macht der Türken, diesen politischen Fehler gutzumachen. Das jüdische Volk aber in seiner Gesamtheit hat keinen Anlaß, für eine der Mächtegruppen Partei zu nehmen. Jede agressive Tendenz liegt ihm völlig fern. Das jüdische Volk wünscht für sich eine nationale Heimstätte, die für alle Zukunft von den Schrecknissen des Krieges verschont bleiben und der friedlichen Entwicklung des Volkes dienen soll. Es verlangt daher, daß die Begründung des neuen jüdischen Gemeinwesens von allen Mächten anerkannt und durch internationales Uebereinkommen gewährlöstet wird. Wenn auch Oesterreich es bisher verabsäumt hat, seine Geneigtheit zur Unterstützung der jüdischen Wünsche kundzugeben, so mag daran eine bedauerliche Untfeschätzung der Bedeutung der zionistischen Bewegung schuld sein. Die österreichische Regierung war leider nicht genug informiert und die österreichische Judenschaft hat es daran fehlen lassen, durch ein imposantes, einiges Eintreten für den Zionismus auch der Regierung dessen Bedeutung darzutun. Dadurch haben die österreichischen Juden Oesterreich nicht genützt Die Regierung hat bis in die jüngste Zeit ihre Ratgeber in jüdischen Angelegenheiten unter Männern gewählt, die mit dem Volke keinen Zusammenhang hatten und der Regierung kein richtiges Bild von der Stimmung in der Judenschaft, auch der . des Auslandes, geben konnten. Oesterreich hat keinen Grund, sich den Forderungen des Zionismus entgegenzustellen, vielmehr ist es eine Leichtigkeit, eine weitgehende Interessenharmonie darzutun. Und nicht nur der österreichische Staat auch die einzelnen an ihre Neuordnung schreitenden österreichischen Völker können an dem Zionismus, der ihren Bestand in keiner Weise beeinträchtigt, nur einen wertvollen Bundesgenossen finden. Wir wünschen, daß Oesterreich endlich die richtige Information über die Judenfrage erhalte. Wenn die österreichischen Juden durch ein ablehnendes oder kleinmütiges Verhalten der österreichischen Regierung ein Eintreten für den Zionismus erschweren, so untergraben sie eine wichtige . politische Position Oesterreichs. Darum ist es höchste Zeit, daß auch die österreichischen Juden aus ihrer Lethargie erwachen und endlich begreifen, was in der Welt eigentlich vorgeht. In allen Ländern hat die Judcnheit geradezu ein Rausch ergriffen. Das österreichische Judentum muß noch in letzter Stunde erweisen, daß es der Größe der Stunde gewachsen ist: es muß als Glied der in alle Länder zerstreuten jüdischen Nation seine Stimme erheben, seine Solidarität mit dem Judentum der ganzen Welt bekunden und mit allen Kräften mitarbeiten, damit es an dem Aufbau der nationalen Heimstätte Anteil habe. Juden Oesterreichs! In diesem Augenblick müssen alle kleinen Bedenken und alle Zaghaftigkeit überwunden werden. Von der Einigkeit anderer Völker müssen wir lernen Das Schicksal Palästinas und damit des jüdischen Volkes wird entschieden werden. Eine neue Epoche der Weltgeschichte ist für uns angebrochen. Letzte Nachrichten Oberrabbiner Dr. Chajes beim Kaiser Mittwoch erschien der Oberrabbiner von Wien, Dr. Chajes, über Berufung beim Monarchen in Reichenau in Audienz. Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, mit Dr. Chajes unmittelbar nach seiner Rückkehr von Reichenau zu sprechen, und wir sind in der Lage, nach Schluß des Blattes noch folgende Nachrichten zu veröffentlichen: Der Empfang war ein sehr freundlicher. Der Kaiser zeigte sich über die Judenirage informiert und stellte an den Oberrabbiner eine Reihe von Fragen, die vornehmlich das Ostjudenproblem, die zionistischen Bestrebungen und die Palästinafrage betrafen. Es war deutlich zu bemerken, daß der Monarch den Ausführungen des Oberrabbiners mit großer Aufmerksamkeit und Interesse folgte. Nähere Einzelheiten werden noch veröffentlicht werden. Die österreichische Staatskrise Die Lage auf den Kriegsschauplätzen, insbesondere der Abfall Bulgariens, haben auch in unserer inneren Politik eine ganz ueue Lage geschaffen. Man weiß, daß der Krieg seinem Ende zugeht und daß es insbesondere für Oesterreich darauf ankommt, die Voraussetzungen für setxe Beendigung zu schaffen. Allmählich beginnt auch bei den Regierenden ein Dämmern, warum es in diesem Krieg eigentlich geht; die Völker haben es längst gewußt. Es wäre kindisch, jetzt von einem Zwang durch äußere Ereignisse zu sprechen. Begriffe wie Sieg oder Niederlage gelten heute nicht mehr. Die Situation kam: es bringen, daß für den Besiegten seine Niederlage zum Glück gereicht, daß die Menschheit sich anders gruppiert als in kämpfende Heere. Die Völker ringen um ihre Freiheit und es gibt nur einen gemeinsamen Feind, den Geist des nun beendeten Zeitalters. Nicht Staaten werden die Sieger in diesem Kriege sein, sondern Ideen. Wir haben immer schon den Gedanken vertreten, daß es die historische Mission und die Idee des österreichischen Staates ist. in der Völkerbefreiung vorauzugehen und als erster nicht in Phrasen und Proklamationen, sondern durch die Tat und durch die konkrete Form seines inneren Aufbaues der Welt das Beispiel zu geben, wie kleine Völker in einem gemeinsamen Staatengebilde alle Freiheiten des nationalen Auslebens und gleichzeitig die Vorteile des Großstaates genießen können. Leider waren die österreichischen Staatsmänner dieser Aufgabe nicht gewachsen, sie haben sie nicht einmal begriffen. Eine falsche Ideologie des Obrigkeitsstaates, die von den Deutschen und den Ungarn verbrecherisch genährt wurde, hat Oesterreich völlig zerrüttet und dem Willen zum Staate den Boden abgegraben. Jetzt in der Not will man in Eile einen Ausweg finden; die völlige Verwirrung der Begriffe und die herrschende Unklarheit führen natürlich zu' einem kläglichen Resultat. Die Eröffnung des Parlaments hat ein trauriges Bild ergeben. Einerseits die extremen separatistischen Wünsche der Nationen, andererseits völlige Ratlosigkeit der Regierung. Herr Hussarek wußte sich nicht anders zu helfen, als nach einem langen, belanglosen, von niemandem beachteten Gerede in einigen allgemeinen Phrasen seinen Willen auszusprechen, den Völkern eine „nationale Autonomie“ zu gewahrem Heute, wo die Völker bereits viel weiter gehende Wünsche haben, wo Hussarek selbst, wie die Blätter halbamtlich mitteilten, den-Tschechen uud Südslawen den Staat angetragen hat, um sie zum Eintritt in die Regierung zu bewegen, kommt ein solches Versprechen zu spät Die nationale Autonomie war immer die Forderung der untcj drückten Völker und hätte noch vor zwei Jaii Eindruck machen und den österreichischen danken retten können. Heute verlangen

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