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Jüdische Zeitung · 1918-09-27 · 39 (27.9.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
39 (27.9.1918)
Date
1918-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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1 XIF. Jahrgang — Nr. 39 Redaktion und Administration: Wien II., Zirkutgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wien, Freitag, den 27. September 1918 Bezugspreis: Vierteljährig- 6 K ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 > An unsere Abonnenten! Die unerwartet neuerlich eingetretene, ganz bedeutende Erhöhung der Herstellungskosten unseres Blattes nötigt uns — wie alle Wiener Blätter — die Bezugsgebuhren für die „JÜDISCHE ZEITUNG“ ab I. Oktober zu erhöhen. Die Abönnementsgebuhren betragen vierteljährig K 6.— halbjährig.„ 12.— ganzjährig.„ 24.— Einzelnummer 50 h Ausland jährlich K 30.— Unsere Bezieher mögen versichert sein, daß wir nur im Interesse des Bestandes der „Jüdischen Zeitung“ die Erhöhung vorgenommen haben. Wir . bitten alle unsere Freunde, uns ihre Treue auch weiterhin zu bewahren und uns durch eifrige Propaganda unserer Zeitung das Durchhalten zu erleichtern. DIE VERWALTUNG Flüchtlinge Unter allen Schrecken und Unmenschlichkeiten des Krieges stehen die Unmenschlichkeiten - .obenan, die an .den Flüchtlingen getan worden sind. Kriegsflüchtlinge sind die Menschen, welche ‘ihre Heimat verlassen mußten, weil in die glückliche Ordnung ihres Lebens plötzlich und überraschend die Elementarkatastrophe des Krieges •hereinbrach, ihre Heimat und ihr Haus verwüstend. Unausdenkbar sind die Schrecken und Leiden dieser Zeit, wo in furchtbarer Panik alles Volk vor den feindlichen Horden fliehen mußte, in rasender Unordnung, gehetzt und beraubt, alles .zurücklassend. Mensch von Mensch gerissen, unter unsäglichen Qualen, unter Preisgabe des Teuersten, zufrieden mit der Rettung des nackten Lebens. Was wissen von dieser Hölle alle die in Ruhe und Ungestörtheit im Lande Verbliebenen! Vier Jahre ist es mm. seitdem die Flüchtlinge aus Galizien zu uns kamen. Es gab damals einen Moment, wo wirklich die Bevölkerung dieses Staates zu wissen schien, was sie diesen Leuten schuldig ist. die für alle das Leiden auf sich ge- .. liommen hatten. Es ist eine Selbstverständlichkeit, die kaum gesagt werden müßte, daß der Staat und die Gesamtheit alles zu tun hatte. Um das Los der Armen erträglicher zu machen, um., da Unwiederbringliches ihnen genommen war. wenigstens zu frosten und zu lindem. Wir alle wissen, was sich seitdem ereignet hat. So wie der Kriegsrausch überhaupt, so ist auch die ' Welle des Mitgefühls für die Flüchtlinge verflogen. Je unerträglicher der Krieg und seine Folgen wurden, umsomehr suchte auch die Erbitterung des Volkes ein Objekt und. so sonderbar dies klingen mag und so unverständlich es späteren Generationen sein wird, man entlud alle Wut auf das unschuldigste Opfer, auf jene Menschen, die selbst am schwersten durch den Krieg gelitten hatten, auf die Flüchtlinge. Die Lösung, dieses Rätsels menschlicher Bestialität ist leicht zu finden: die Flüchtlinge sind Juden. Ein tragisches Geschick hat es. gefügt, daß das jüdische Volk am schwersten vom Krieg ge- * troffen wurde. Die Gegenden im Osten, wo die jüdischen Massen wohnen, wurden als erste vom Krieg heimgesucht, die Juden, als das staatstreueste Element, konnten die Ankunft des Feindes nicht abwarten und flohen ins Innere des Landes. Plötzlich tauchten diese Gestalten in Wien auf. ein Bild des Jammers und Elends, der GeErochenlieit und Hoffnungslosigkeit, das fragende „Wohin?“ im Blicke, ein Sirinbild des heimatlosen, durch, die Jahrhunderte wandernden jüdischen Volkes. Darum empfand sofort das Judentum des Hinterlandes die Flüchtlingsnot als seine Angelegenheit. Aber umsomehr muß immer wieder laut daran erinnert werden: die Flüchtlinge sind keine jüdische Angelegenheit.. Nicht jüdische Märtyrer sind dies. Es ist keine j ü d i s c h e S a c h e ge we s e n. i ü r d i e di es e Menschen gelitten haben. Alien Menschen dieses Staates .sei es gesagt, allen denen, die selbst . oder deren Familien die tanze Zeit-über, vielleicht etwas unbeauemer als sonst, aber doch ungestört lind ohne Bedrohung von Leben und Gut gelebt haben. Die Flüchtlinge waren Opfer des Krieges. Der Krieg aber ist keine jüdische Sache. Das jüdische Volk hat seinem innersten Wesen nach eine tiefe Abscheu vor sinnlosem Blutvergießen. Das jüdische Ideal ist das Reich des ewigen Friedens. Das jüdische Volk hat kein Verständnis für inmeralistische Ziele, für den Machtkampf der Staaten Es will nur. daß jedem Volk gerechte Freiheit zu friedlicher Entwicklung und geistiger Entfaltung gegeben werde.. Tausendfache Lügner sind die. welche heute wagen, den Juden eine Schuld an dem Kriege oder ein Interesse an seiner Fortführung zu unterschieben. Ganz andere Mächte haben den Krieg entfesselt, ganz andere Interessen ermöglichen noch heute seme unsinnige Weiterführung. Die Juden Galiziens waren unschuldige Opfer einer ihnen zuinnerst fremden Sache. Es wird die Lüge erfunden, daß die Juden mehr als andere im Kriege verdient haben. Der brutalste Egoismus gönnt den jüdischen Flüchtlingen den Bissen Brot nicht, den sie in der Bitternis der Fremde verzehren müssen, man gönnt ihnen nicht Licht und Luft. In'Oesterreich sind alle Völker in diesem Punkt einig und in Ungarn wagt die magyarische Herrennatton. dieser dickste Kriegsgewiuner des Weltkrieges (dessen i letzter Tag allerdings noch nicht gekommen ist), mit den galizischen Juden das^sgusamste Spiel zu treiben. Die magyarische Nation, die rücksichtsloseste Völkerbedrückerin der Welt, sieht heute noch nicht, was in der Welt vorgeht, und ihre famosen Führer haben heute die beinahe kindisch anmütende Kühniieit. neue Pläne der Völkerunterdrückung zu schmieden.. Die russischen Heere, die Ungarn bedrohten, würden in den Karpathen aufgehalten: Galiziens Bewohner waren nicht so glücklich. Aber die ungarische Nation kennt kein Erbarmen und sie weist die heimatlosen österreichischen Juden, die für die ungarische Sache gelitten haben, aus ihrem Lande. Ungarn, ist dick und fett geworden: aber jss fiat sich mit unauslöschlicher Schmach und Schande vor dem Richterstuhl der Menschheit bedeckt hi Wien werden die Flüchtlinge bezichtigt, die Wohnungsnot verschuldet zu haben, als ob sie zum besonderen Vergnügen hierheraekommen wären. Statt daß Staat und Gemeinde rechtzeitig gegen die Wohnungsnot durch eine soziale Bau- Pölitik vorgesorgt hätten, hilft man sich durch Schimpfen auf die Flüchtlinge. Mau beschuldigt die Flüchtlinge der Verschleppung von Lebensmitteln, des Schleichhandels, macht Razzien, auf sie. durchsucht die Kaffeehäuser der Leopoldstadt, will durch tendenziöse Zeitungsmeldungen das Volk glauben machen, daß die galizischen Juden an der Hungersnot schuldig sind. Wir wollen gewiß keinen einzigen Schleichhändler rechtfertigen. Aber das eine sollte man endlich einsehen. daß der Schleichhandel angesichts des herrschenden Systems, bei dem völligen Fiasko der staatlichen Ernährungswirtschaft, eher ein Verdienst als eine Schuld ist Die höchsten amtlichen Stellen und jeder Mensch im Volk« ist sichlängst darüber klar, daß ohne Schleichhandel die ganze städtische Bevölkerung schon verhungert wäre. Der Schleichhandel hat uns gerettet. Und vielleicht wurde hier wieder die von Sombart ausgesprochene Anschauung bestätigt, daß gerade die Juden überall, wo eine Lücke im wirtschaftlichen Organismus klafft, wohltätig eingreifen. indem sie die wirtschaftliche Funktion, die zur Beseitigung der Gefahr nottut. übernehmen. Daß der Schleichhandel notwendig war. daran trifft die Schuld nicht die Schleichhändler und am wenigsten die Juden, sondern die Bauern, die ihre Produkte dem Staate vorenthielten, um auf ungesetzlichem Weg höhere Gewinne zu erzielen. Die Bauern leben im Ueberiluß. während die städtische Bevölkerung darbt; und nur durch den Schleichhandel: der die Erwerbsgier der Bauern benützte, um wenigstens etwas Nahrungsmittel für die städtische Bevölkerung zu verschaffen, wurde diese gerettet Die Zwischengewinne der Schleichhändler verschwinden gegenüber den geradezu phantastischen Reichtümem. die die Bauern angehäuft haben. Nur siebt man diese nicht weil sie m behaglicher Ruhe auf ihrem Landsitz leben und warten können, bis man zu ihnen kommt, die jüdischen Schleichhändler aber, die den aufreibenden und gefährlichen Vermittlerdieust besorgen, sind allen Blicken ausgesetzt und ziehen das ganze Odium auf sich. Es ist eine der infamsten Fälschungen und Heucheleien, wenn gerade die Vertreter der Partei, die am meisten sich auf die Bauern stützt und deren Organ es wagen, gegen die Juden diese Anklagen zu erheben. Wenn diese Partei wirklich christlich wäre und Christi Worte kennte, so wüßte sie. daß sie am allerwenigsten berechtigt ist. einen Stein zu werfen. Das im Entstehen begriffene polnische Königreich hat den jüdischen Flüchtlingen, die zur Zeit der Invasion der deutschen Heere ins Innere Rußlands geflüchtet sind... die Rückkehr nach Polen verboten. Man weiß heute zur Genüge, welche Rolle die Polen hüben und drüben im Kriege gespielt haben. Der polnische Chauvinismus aber, der ia übrigens auch mit dem ungarischen Unterdrückungssystem zu liebäugeln beginnt, kennt weder Gerechtigkeit noch Menschlichkeit. Heute aber beginnen die Menschenrechte und Völkerrechte in entscheidender Weise der oberste Grundsatz der neuen Weltordnung zu werden. Die Handlungsweise der Bedrücker wird ihnen zu einer furchtbaren Anklage vor der Welt. Man hat den jüdischen Flüchtlingen, die Mir den Staat durch den Krieg Unsägliches gelitten haben, nirgends Dank gewußt. Man iiat sie zu „Fremden“ und „Ausländern“ gestempelt. Man hat sich wenig bemüht um ein liebevolles Eingehen auf die Eigenart der Vertriebenen. Mau wollte nichts Gutes sehen und verzerrte ihr Bild zu einem grauenhaftem Phantom. Man haßte sie. weil sie zufällig Juden waren. Die Schicksalsgesciiiclite des jüdischen Volkes im Gaiuth ist um ein Kapitel reicher geworden DaerstistdieSacheder Flüchtlinge eine jüdische Sache geworden. Wir Juden sind nicht blind gegen die Fehler der eigenen Volksgenossen. Wir betrachten es als heilige nationale Aufgabe, das Böse aus unserem Volke auszurotten, die Irregefiihrten und die' durch eine grausame Entwicklung auch seelisch zu Krüppel Gewordenen wieder zu auirechten Menschen zu erziehen, die Untätigen zu produktiver Arbeit fähig und willig zu machen. Aber angesichts dieser beispiellosen Hetze, dieser böswilligen Verleumdungen, angesichts dieses lauernden Verfolgerblickes können wir nicht anders, als uns vor aller Welt solidarisch zu erklären und den Verfolgten als Brüdern die Hände entgegenzustrecken. Wie das Auge des verstehendeil, liebenden, mitfühlenden Bruders die Flüchtlinge sieht, das zeigt ein kleines Buch, das dieser Tage erschienen ist: „Jüdische Flüchtlinge“, von Otto Abeies. Hier schildert ein Mann, der Gelegenheit hatte, mit «len Flüchtlingen auch abseits vom Markte zusammenzukommen, seine Eindrücke und Erfahrungen. Hier erscheinen Szenen und Gestalten vor unserem .Blick, die königliche Würde atmen, aui denen der Hauch Gottes ist, Typen von edelster Menschlichkeit, von bescheidenem, ehrfürchtigem Wesen und von überströmender Menschenliebe. In diesem Buche wird immer wieder gesagt: nicht die ihr lärmend auf der Straße seht, nicht die wenigen Geschäftigen und Geldsüchtigen sind die wahren Repräsentanten dieses Volkes, sondern die große Mehrzahl, die ihr nicht seht, weil euer Blick beengt und der Liebe leer ist; all jene, die stolz und stumm in der Verborgenheit sitzen, die um den Geist und um Gott bemüht sind, die in allem Unglück und bei aller Schwere (ies Schicksals die Zuversicht und den Glauben nicht verlieren und die Güter der Menschlichkeit über alle Schätze der Welt setzen. " Mit dem feine« Blick des künstlerisch Empfindenden sind diese Menschen gesehen; und die Leidenschaft reißt den Autor immer wieder zur Polemik mit der ungerechten Meinung der Welt hin. Er selbst ist nicht blind gegen Fehler und erkennt den Jammer des entarteten jüdischen Typus. Aber darauf kommt es vor allem an, daß wir uns dagegen verwahren, daß man ein ganzes Volk in eine bestimmte Kategorie einteflt und so klassifiziert, ohne Verständnis dafür, daß in diesem wie in allen Völkern die Mannigfaltigkeit unserer Menschenwelt zur Erscheinung kommt. Vielleicht sind die verschiedenen Typen ausgeprägter als anderswo. Aber das berechtigt nicht, nur den einen Pol zu sehen und darnach zir urteilen. Das Urteil der Walt über die jüdischen Flüchtlinge hat der Welt das Urteil gesprochen. R. W. Die Kämpfe In Palästina Nach der durch die Sommerhitze gebotenen Pause sind am 19. d. M. die kriegerischen Operationen in Palästina durch eine Offensive der Engländer wieder aufgenommen worden. Zum besseren Verständnis der Berichte sei bemerkt, daß während des Krieges eine Bahn gebaut wurde, welche von der Linie Haifa—Deraa in Afule abzweigt und über Massudich und Tul- Kerem nach Lydda an der Bahn Jaffa—Jerusalem rührt.' Vor Massudich geht eine kleine Abzwei gung nach Nablus. Die westiordanische Front der Engländer war vor Beginn des Angriffes ungefähr parallel der Grenze Judäa—Samaria und zwar südlich -davon. Bei einem Vorstoß im jüdischen Bergland wären große Schwierigkeiten zu überwinden gewesen. Die Engländer zogen es daher vor, unter dem Schutze der Schiffsgeschütze längs der Küstenebenen an der westlichen Flanke ihrer

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