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Jüdische Zeitung · 1918-09-13 · 37 (13.9.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
37 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Xi!. Jahrgang — Nr. 37 National-jüdifches Orfian Bedaktion and Administration i Wien I!., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 13. September 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 5 -K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 A Poetsparkassenkonto 133.40# „Religiöses Zentrum“ Die „Budapestcr Korrespondenz“ verbreitet eine Meldung aus Kohstantinopel, wonach der Großwesir TaJaat Pasclia den Abgesandten jüdischer Organisationen eine Erklärung abgegeben hat, deren. Wortlaut veröffentlicht wird. Die Nachricht wurde bisher von keiner offiziellen Seite bestätigt, aber auch nicht dementiert. Jedenfalls wurde die Erklärung nicht jener Abordnung abgegeben, über deren Verhandlungen in Konsiantinopel wir seinerzeit berichtet haben und in welcher die zionistische Organisaton führendvertreten war. .Diese Verhandlungen endeten, wie bereits berichtet, damit, daß der Großwesir die Abschat- ' fung aller noch heute gegen die Juden bestehenden Beschränkungen in Aussicht stellte und eine Kommission zur Präzisierung der zu erlassenden gesetzlichen Bestimmungen eingesetzt wurde. Auch die durch die „Bud. Korr.“ verbreitete Erklärung enthält die Zusicherung der Abschaffung der erwähnten Beschränkungen und ein paar recht freundliche Worte über die Nützlichkeit der jüdischen Einwanderung. Es steht aber ein Wort darin, an dem wir — so grausam paradox dies auch sein mag — notwendig Anstoß nehmen müssen. Der Qroßwesir betont seine Sympathie für die Schaffung eines „jüdischen religiösen Zentrums in Palästina“. Das Wort „religiös“ kann nicht unabsichtlich gesetzt sein; und so sehr auch das jüdische Volk hofft und wünscht, daß Erez Israel wieder der natürliche Mittelpunkt, der Urquell seiner lebendigen Religion werden soll, so können wir doch in einer politischen Kundgebung dieses Wort nicht unwidersprochen hinnehmen, da es in diesem Zusammenhang nur die Bedeutung einer restriktiven Interpretation haben kann. Der Argwohn läßt sich nicht unterdrücken, daß der führende Staatsmann der Türket von einem „religiösen Zentrum“ gesprochen hat.’ weil er Bedenken trug, das in Aussicht zu stellen, was das jüdische Volk fordert: eine nationale Heimstätte. Das jüdische Volk-will eine nationale Heimstätte in Palästina. Es will dieses Heim, wo es endlich sein eigener Herr ist und sein Leben nach seinen eigenen Grundsätzen einrichten kann, wahrhaftig nicht aus Machtgelüsten oder imperialistischem Eroberungstrieb. Wer die Geschichte und das Wesen des jüdischen Volkes nur annähernd versteht, wird die Lächerlichkeit einer solchen Annahme olrne weiteres erkennen. Das jüdische Volk will nichts anderes, als in Freiheit, ohne die Fessel einer von fremdem Geiste geschaffenen Kultur und ohne die ewige Anfechtung einer unterdrückenden und feindseligen Mitwelt sein eigenes, natürliches, organisch aufgebautes Leben führen, es will dieses Leben natürlich auch durch seinem Wesen entsprechende, ans den Bedürfnissen der Volksseele entstandene Institutionen regeln. Die Welt, die so viel und so jämmerlich falsch von „jüdischem Geiste“* spricht, wird mit Fug und Recht erst dann einen Gegenstand für diesen Begriff haben, wenn das aus ungehemmtem und ungebrochenem jüdischen Geiste gewordene Zusammenleben der jüdischen Menschen im eigenen Lahde Sichtbar werden wird. Die soziale und religiöse Produktivität der Juden wird in dieser Gemeinschaft sich auswirken und manifestieren. Nichts anderes, will das jüdische Volk, als daß man ihm Ruhe gönne, sein eigenes Leben zu führen. Jede aggressive Tendenz gegen andere Mächte liegt ihm gänzlich fern. Die Entente hat in wirklich genialer Weise erfaßt, woraui es dem jüdischen Volk ankommr. Und da ihr daran gelegen war, die Sympathien der Judenschaft zu gewinnen, hat sie ohne viel Zögern ihre Bereitschaft erklärt, dem jüdischen Volk zu seiner nationalen Heimstätte zu verhelfen. Der bekannte Brief Balfours vom 2. November 1917 gebraucht die Worte „national home“. Alle späteren Kundgebungen der Eutenteregierungen haben denselben Sinn. Erst kürzlich hat wieder Balfour gelegentlich des' Empfanges der amerikanischen medizinischen Expedition in einer überaus warmen, beinahe überschwänglichen Ansprache rückhaltlos die Erifdlung der jüdischen Wünsche zugesagt'. Wir sind weit entfernt davon; diese Zusicherungen der Enicntestaaismänner schon als Erfüllung zu nehmen. Vielmehr wissen "vir, daß die Anerkennung der zionistischen Wünsche in derselben Linie liegt, wie z. B. die Anerkennung der österreichischen sklavischen Nationen durch die Entente, daß sie ein wohlüberlegtes Kriegsmittel ist. Es besteht überhaupt ein Parallelismus zwischen Oesterreich und der Türkei. Beider Staaten Nationalitätenpolitik ist durch und durch verfehlt. Die Entente hat das Geheimnis erkannt, daß das Volk dem ■ Herzen näher ist als der Staat Mit seinem Volk verbindet jeden Menschen natürliche Zusammengehörigkeit und Liebe, für den Staat sprechen nur Nützlichkeitserwägiingen. Werden letztere erschüttert, dann ist das Verhältnis zum Staat heillos untergraben." Mit’ dieser Tatsache muß die Regierung des Staates, wenn sie eine gute Regierung Wilson über den Zionismus Das Kopeuhagener zionistische Büro berichtet: Von der amerianischen zionistischen Organisation wurde eine Botschaft des Präsidenten Wilson publiziert, welche das Interesse für die voh Prot. W'efzmann und der zionistischen Kommission in Palästina unter den Auspizien der britischen Regierung angeführte Wiederaufbauarbeit insbesondere die aufrichtige Freude über die Grundsteinlegung der hebräischen Universität in Jerusalem zum Ausdruck bringt. Präsident Wilson fügt hinzu: „Ich ergreife gern Gelegenheit, um meiue Genugtuung über den Fortschritt der zionistischen .Bewegung in den Vereinigten Staaten und den alliierten Ländern seit der im Namen der britischen Regierung abgegebenen Erklärung Balfours und seit der Zustimmung Großbritanniens zur Einrichtung Palästinas als nationaler Heimstätte für das jüdische Volk auszusprechen.“ Eine Erklärung öes Großwesirs Wie die „Bndapesfer Korrespondenz“ ans KonstantinopeL erfährt, hat der Großwesiir T a- Iaat Pascha die Verhandlungen zwischen den Delegierten-der jüdischen Organisationen Mitteleuropas und der türkischen Regierung mit folgender Erklärung abgeschlossen: „Ich bin erfreut, daß die Verhandlungen mit den Delegierten der verschiedenen jüdischen Organisationen ein tatsächliches Ergebnis gezeitigt haben. Die türkische Regierung hat den Beschluß gefaßt, alle einschränkenden Maßnahmen abzuschaffen und alle Hindernisse für die Einwanderung und Niederlassung der Juden in Palästina aufzuheben. An die entsprechenden Instanzen sind die strengsten Befehle ergangen, um dem jüdischen Volk in Palästina gemäß’ den Traditionen der Türkei wohlwollende Behandlung auf der Grundlage vollkommener Gleichberechtigung mit den anderen Elementen zu sichern. Ich versichere Sie wiederholt meiner Sympathie mit den Plänen zur Schaffung eines jüdischen religiösen Zentrums in Palästina auf dem Wege einer wohlorgamsierien Einwanderung und Kolonisation. Ich bin fest von der Nützlichkeit der Niederlassung von Juden in Palästina für das türkische Reicli überzeugt und ich bin gewillt, dieses Werk unter den Schutz der türkischen Regierung zu nehmen und es durch alle trat den souveränen Rechten des türkischen Rciche's vereinbaren Mittel und ohne die Rechte der uichtiüdischen Bevölkerung, zu beeinträchtigen, zu fördern. Ich habe die feste Hoffnung, daß die Arbeit der Speziaikommisskm. weiche ernannt wird, tun ein detailliertes Projekt bezüglich dieses Werkes auszuarbetten, in Kürze beendigt sein wird, und werde datut erireut sein, die jüdische Delegation hier wieder zu begrüßen, um unsere Besprechungen f o r t z.ti s e t z en." sein will, rechnen. Sie muß es so einrichten, daß Volksinteressc und Staatsinteresse zusanunemal-' len Wenn im Rahmen des Staates dem Volk die Möglichkeit gegeben ist. seine nationalen» Bedürfnisse in weitgehender Weis? zu befriedigen, so daß es einsieht, daß "durch den Schutz des Staates gerade das Wachstum seiner nationalen Kultur am besten gesichert ist, dann wird die Nation iür den Staat einstehen und dies wird die beste Sicherung des Staates sein, der dann keiner Gewaltmaßregeln und Unterdrückung zu seiner Erhaltung bedarf. Wenn es aber umgekehrt ist, wenn die Regierungen mit Blindheit geschlagen sind und eine Bevölkerung in eine staatliche Zwangsjacke -stecken wolleu. wo ihrem nationalen Ausleben Schranken gesetzt sind, so wird dieses Zwangsgebilde auf trügerischem Boden gebaut sein; der natürliche Trieb des Volkes wird sich durchsetzen und der Schaden wird schließlich nicht auf Seiten des Volkes sondern des Staates sein. Wenn der Großwesir einsielit. daß die Einwanderung von Juden in Palästina der Türkei eine Vermehrung arbeitswilliger, geistig hochstehender Menschen, eine Stärkung durch Kapitalzufluß und neue wirtschaftliche Antriebe, ein Element friedlichen Fortschrittes bringt, so muß er sich dessen bewußt sein, daß diese gewaltige Förderung dem türkischen Staate nur daun zuteil werden kann, wenn das jüdische Volk in Palästina auch wirklich das Gefühl hat, zu Hause zu sein und unbehelligt seine Kräfte entwickeln und entfalten zu können. Die Interessen des jüdischen Volkes werden sich dann mit dem Interesse der Türkei decken. Es ist ganz falsch, ängstlich vor dem Worte „national“ zurückzuschrecken und jede nationale Gruppe innerhalb des Reiches schon für eine Bedrohung der Integrität des Reiches zu halten. Das Gegenteil ist der Fall. Jede nationale Gruppe, der die unerläßlichen Freiheiten für ihre notwendigen Lebensbedürfnisse gegeben werden, wird ein loyaler Bestandteil'des Reiches: nur eine unterdrückte Gruppe, der ihre Rechte vorenthalien werden, wird ein Herd der Unzufriedenheit, des Unfriedens sein. Das Beispiel Oesterreichs spricht Bände. Wenn der Großwesir wirklich die Absicht hatre, nicht nur der ungarischen Orthodoxie (man wird wohl nicht iehlgehen, wenn' man dort die Quelle der Budapester Meldung sucht) einige Höflichkeiten zu sagen, sondern dein jüdischen Volk gegenüber in klaren Worten politische Erklärungen zu geben, die auch für die Haltung des jüdischen Volkes Folgen haben können, so hätte er weniger verklausuliert sprechen müssen. Daß wir in Palästina auch ein geistiges und religiöses Zentrum erhoffen, ist unsere Sache. Von der Türkei verlangen wir die Einräumung eines nationalen _ Hemres. Wenn die Türkei mit der bei den Mitiel- ’ machten überhaupt unglückseliger weise üblichen zurückhaltenden Art brechen und dem jüdischen Volk die Gewährung seiner Wünsche, deren Verwirklichung dm Rahmen des türkischen Reiches der Türkei von größtem Nutzen sein könnte, rückhaltlos in Aussicht stellen würde, dann würde das jüdische Volk diese Erklärung mit der dankbarsten Gerinnung aumehmen und die Türkei hätte sich durch ein einfaches politisches Mittel schon im \oriiinein ein patriotisches Element gesichert. Dum; hätte das jüdische Volk auch nicht nötig, die Erfüllung seiner Forderungen bei den Feinden der Türkei.zu suchen. Die Grundsteinlegung der Universität Anläßlich der Grundsteinlegung der Universität in Jerusalem sandte im Namen der englischen Regierung Minister Balfour folgende'telegraphische Begrüßung: „Empfangen Sic meine herzlichen Glückwünsche iür die Zukunft der hebräischen Universität am Skopusberg. Möge sie ihren erhabenen Zweck mit! wachsendem Erfolg im Laufe der Jahre vollbringen. Meine herzlichen Glückwünsche auch jenen, die unermüdlich an der Gründung dieser Schule des Wissens arbeiteten, die dem Fortschritt der Menschheit dienen wird.“ Im Namen der französischen Regierung las Kapitän Coulandre folgende Begrüßung vor: „Die Regierung der französischen Republik ist glücklich, ihrer Sympathie für die Gründung der Jüdischen Universität Ausdruck zu geben. Sie äußert den innigen Wunsch, daß von hier aus die großen Gedanken von Brüderlichkeit und des Idealismus ausstrahlen mögen, mit denen das Judentum in den Jahren, wo es allen Verfolgungen widerstanden har, aufs engste verknüpft ist Es wünscht daß in der neuen, vom Ehrgeiz und Gewalt befreiten Weit die Juden, die es wünschen, in Palästina in Frieden mit den anderen. Völkern ein geistiges und soziales Heim iit\den mögen.“ Diese Begrüßungen wurden ins Hebräische übersetzt und mit lauter Begeisterung empfangen. Der Sinn des jüdischen Nationalismus Von Max Brod.*) „ Für mich unterliegt es keinem Zweiiel. daß ein „Jüdisch-Nationaler“ kein „Nationaler“ im heute üblichen Sinne des Wortes sein darf. Es ist die Sendung der jüdischen Nationalbewegung, des Zionismus, dem Worte „Nation“ einen neuen Sinn zu geben. Das im tiefsten Grunde Unheilbare, Unheilvolle des Nationalbegriffs hat dieser Krieg enthüllt. Die Völker verbluten an ihren Nationalbegriffen, die ihr Nationalirrsinn sind. So wird man dann oit, wenn man sich als tKiomst bekennt, gefragt und wohl auch angegriffen: warum man denn die Juden, die sich endlich aus .dem Wahn eines egoistischen Nationalbewußtseins freigemaebt hätten, die zu einem großen Teil kosmopolitisch fühlten, in diesen Wahn zurückiühren und damit *) Wir entnehmen diesen Teil einem Auisg „Der Zionismus“, der in der Wiener WochenscjT „Der Friede“ erschienen ist. (S. Zeitschr.-Scf

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