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Jüdische Zeitung · 1918-08-30 · 35 (30.8.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
35 (30.8.1918)
Date
1918-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang — Nr. 35 Naltonal-jüdifches Organ arr Redaktion und AdmhsUtrarion: Viep!!.. Zifl»i»fl»«8P 3? Fernjpreebpr Nr. 4IF32Ö Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Uten, Frfftpg, d«B 90. Ipgiwt 1918 — 28* El«l 5810 Btzttupreis: Vierteljährig 5 & gawj. 20 X, Einzelnummer 40 h Poatiparkawenkonto 133.404 Zurück zur Einheit! Die zionistische Bewegung hat neben vielen erhebenden auch traurige Perioden zu verzeichnen. Die unglücklichste ist entschieden jene, welche nach dem .Tode Herzls ihren Anfang nahm' und viele Jahre gedauert hat. Sie ist durch völlige Stagnation, den Mangel einer einheitlichen und zielbewußten Leitung und das Ueberwuchern kleinlicher, von Lokal- und Tagesbedürfnissen diktierter Bestrebungen gekennzeichnet gewesen. In diesen Zeitabschnitt fällt auch die Zertrümmerung der Österreichischenzionistischen Qesamtpartei und die mit dem zionistischen Einheitsgedanken durchaus unverträgliche Bildung dreier gesonderter .Landesparteien,“, der westösterreichischen, gali,- zischen und bukowinaischen. Es hat eine Zeit gegeben, in welcher man , über diese bedauerliche Wandlung nicht sprechen konnte, ohne peinliche .Diskussionen zu entfesseln, welche von Anklagen gegen Personen und einzelne Gruppen erfüllt waren. Der verhängnisvolle Zeitpunkt liegt aber heute so weit zurück, daß ' jedes Interesse an etwaigen persönlichen Schuldfragen geschwunden ist. ln ausreichender Distanz vom Momente, der Trennung erkennt man. daß sie eine aus den mißlichen Verhältnissen resultierende Zersetzungserscheiuung war und die Wünsche und Verfehlungen von Personen und Gruppen dabei eine nur untergeordnete Rolle gespielt haben. Damit entfällt jeder Grund oder Vorwand, der Aussprache über diesen Gegenstand weiterhin auszuweichen und die Forderung auf Wiederherstellung der österreichischen Ge-" samt.partei noch jünger zurückzustellen. Die Dreiteilung hat der Bewegung nicht genützt. Ihre eifrigsten Verfechter,’soferne es noch solche gibt, .werden sich vergeblich bemühen, günstige Resultate anzuführen, welche durch die Teilung erzielt wurden. An Schlagkraft nach außenhin hat die Partei vieles eingebüßt. An Ansehen hat sie nicht gewonnen, "denn mit der Teilung hat die Partei den augenfälligsten Ausdruck der Wirksamsten Kraft im Zionismus, den Ausdruck des ha t i oha 1 e n Ei nIi ei ts g e d an k eil $ preisgegeben. Man hat viel von den angeblich so grundverschiedenen Verhältnissen im Osten und Westen gesprochen und von der durch die Teilung ermöglichten Anpassung an diese Verhältnisse und besseren Ausnützung günstiger politischer Gelegenheiten. Die Hoffnungen'haben sich aber als eitel erwiesen. Es sei nur daran erinnert, daß die kleine einheitliche Partei trotz ihrer kurzen politischen Vergangenheit ein in seinen Grundzügeti noch’ heute maßgebendes politisches Programm darstellt; im Jahre 1906 die Schaffung jüdischer Reichsratswahlkreise durchgesetzt und im Jahre 1907 vier Reichsratsmandate erkämpft hat. Die geteilte Partei konnte die errungenen Positionen nicht festigen, geschweige denn in einer dem Fortschreiten des zionistischen Gedankens entsprechenden Weise ausbauen. Auch die innere Entwicklung der Partei wurde durch die Teilung gehemmt. Die Fühlungnahme zwischen den einzelnen Landesparteien ist nur oberflächlich, oft ganz unterbrochen, der Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen Organisationen auf ein minimales Maß reduziert. Die Teilung , hat auch innerhalb der geschaffenen kleinen Kreise nicht, wie man'annehmen möchte, ausgleichend und vereinheitlichend gewirkt. Im Gegenteil Im. engen Rahmen der Landesorganisationen sind die Gegensätze härter aneinandergeraten und Streitigkeiten, welche in der großen Reichsorganisation kaum über eine einmalige Auseinandersetzung und Entscheidung hinausgediehen wären, haben hier eine ganz ungebührliche Bedeutung erlangt und beherrschen immer und immer wieder die Tagesordnung, zum Schaden jeder positiven Arbeit. Die Frage der Gegenwarisarbeit, der innerpolitischen Betätigung, der Kulturarbeit und der ‘ Stellung zur nichtzionistischen Judenschaü werden in den Sohderorganisationen gesondert und zum Ueberdrusse oft behandelt, ohne daß die geschaffenen Einzelparteitage, besser gesagt zionistischen Rumpfparlamente, zu autoritativer Entscheidung gelangen könnten, denen sich die Streitteile dauernd fügen. Der unterlegenen Gruppe bleibt noch immer der Hinweis darauf, daß die oder jene Frage in-der anderen Landespartei noch nicht geklärt oder aber in anderem Sinne entschieden worden ist. Das gibt zu endlosen Wiederholungen und effektiven Verfehlungen gegen die Parteidisziplin Anlaß. Das abschließende und einigende Machtwort kann da nur die alle österreichischen Zionisten umfassende Reichsorganisaficn sprechen. ' Der Zustand der Spaltung .ist in normalen Zeiten von vielen ernsten und weitblickenden Zionisten schmerzlichempfunden worden. Heute wirkt er unerträglich. Die Frage des.Judenstaätes in Palästina ist hart an die Entscheidung gerückt und die grundlegende Regelung; der österreichischen Verfassung steht nahe bevor. Wenn je eine stoßkräftige und vom einheitlichen Willen aller österreichischen Zionisten getragene Reichsorganis&d® notwendig war. SO in diesem entscheidenden Zeitpunkte. Worauf können wir aber tatsächlich hinweisen? Auf drei schwächliche, von schmalbrüstiger Kirchturmpolitik und tüftelnden Provinzialismus mühselig gezeugte Kreisorganisationen! Wir müssen Über den österreichischen Reichs- Parteitag zur Österreichäschen Reichsorganisation kommen. Die Sache ist dringlich und verträgt keine Verschleppung. Darum soll jeder Gesinnungsgenosse in seinem Kreise tür die Idee der Einheit der zionistischen Partei in Oesterreich wirken. Ing. Robert Stricker. Die Judenfrage in Litauen Kulturautonowie oder konfessionelle Selbstverwaltung. - Dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm ♦wird aus den politischen Kreisen der deutschen Juden geschrieben; Wie bekannt, hat der Reichskomnüssär iür die Ostseegebiete und Litauen, v. Falkenhausen, einer Abordnung des „Komitees für den Osten" eine „weitgehende kulturelle Autonomie"' für die jüdische Bevölkerung Litauens in Aussicht gestellt. Man war nach dem Wortlaut der Erklärung Falkenhausens geneigt, i« diesem Versprechen die Anerkennung der jüdischen Nationalität in Litauen seitens Deutschlands und eine entscheidende Wendung in der Ostjudenpolitik Deutschlands zu sehen.-Das war auch die Auffassung der nationalen jüdischen Presse. Nun finden wir in den „Neuen jüdischen Monatsheften“ die Antwort des deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen Annes aui Eingaben des „Vollzugsausschusses jüdischer orthodoxer Organisationen im Gebiete der Mittelmächte“,. Frankfurt a. Main, und der „Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands“. Berlin. In dieser Antwort wird den Juden Litauens „das Recht aui Pflege selbständiger jüdischer Kultur einschließlich-.weitgehenden Selbsiverwahungsrechtes auf dem Gebiete .des Schulwesens, zur Pflege der jüdischen Eigenart und jüdischer Ueberlieieruugen“ zuerkannt. Aber diese Antwort schließt mit folgendem Satze, der alles wieder über den Haufen wirft: „Inwieweit bei dem inneren Aufbau des litauischen Staates die Juden als besondere - Nationalität zu behandeln sejn werden, muß dem Willen und der Einsicht seinerBewohner überlassen bleiben. Es ist nicht zu zweifeln, daß bef gegenseitigem Entgegenkommen und Verständnis alle in Litauen vereinigten Völkerschaften einschließlich der Juden dort eine, glückliche Zukunft finden werden.“ Ajjs dieser Schlußbemerkung geht klar hervor, daß die deutsche Regierung nach wie vor nicht daran denkt, deu Juden Litauens zur Erlangung ihrer vollen nationalen Gleichberechtigung zu verhclrem, da ja nationale Gleichberechtigung ohne, nationale Anerkennung ein Nonsens wäre. Daß. die deutsche Regierung das Selbstbestinanungsreciu. der Bevölkerung Litauens gerade da hetworkehrt, wo es sich um die Sicherung der Rechte der Juden handelt, ist bezeichnend genug. Es ist nach dieser Stellungnahme des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes ganz unbegreiflich, w ieso der Reichskotnmissär in seiner Erklärung von einer .jüdischen kulturellen Autonomie" in Litauen sprechen konnte. Denkt man in de*! deutschen Regierungskreisen an eine Ordnung der jüdischen Angelegenheiten in Litauen nach dem Muster der seligen „Verordnung, die jüdische Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau -betreffend“, die seinerzeit als jüdische Autonomie in die Weh hinausposaunt wurde und die den Juden tatsächlich nichts gebracht hat? gesinnte Gäste aus dem Osten usw.“ meint der Herr Dekan in seiner an die Oefientlichkeit gerichteten Zuschrift und will somit in der deutschen OcfientUchkeit glauben machen, daß die jüdische Studentenschaft des Ostens (denn nur um diese handelt es sich) ihnen nicht einmal gut gesinnt ist. Welche Beweise führt der Herr Dekan zur Unterstützung seines der jüdischen Studentenschaft gemachten Vorwurfes? Keine! Er kann sie nicht führen, weil er sie auch nicht besitzt Dieser Vorwurf ist aber geradezu eine Heuchelei. Denn sonst nimmt man es mit der „freundlichen Gesinnung“ nicht so genau, wenn es sich um Arier 1 tändelt Die Juden sind zweifellos österreichfreundlich gesinnt aber Ihr Abstammungsfehler wiegt schwerer als die Gesinnung. Dagegen gibt es arische Studenten, die sich in Feindseligkeiten gegen die Monarchie ganz offen hervortun. Nur die arischen nicht- ■ deutschen Studenten der Wiener Hochschulen haben großen Anteil am Verrat des Vaterlandes — nun braucht das nur in den Berichten des Kriegspressequartiers naehzulesen. Diese werden aber mit größter Liebenswürdigkeit behandelt und die staatstreiren'galizisohen Juden werden verfolgt. Aber audh die jüdischen Studenten des Ostens sind Oesterreicher mid haben das Recht zu verlangen, daß, wenn der Feind in ihre Heimat iiercinbricht ihre Mütter und Schwestern schändet. ihr Hab und (hit raubt sie wie Bürger an der österreichischen, deutschen Hochschule empfangen werden. Keine Gnade. abcr_ ihr Recht verlangen die jüdischen Studenten. „Die deutschen Hörer standen an den Fronten und Semester aui Semester im Dienste usw.“ meint der Herr Dekan. Der deutsche Hörer hatte, nachdem er eingerückt .war, ein Hinterland, ein Heim, das sich seiner kümmerte. Die jüdischen Studenten Galiziens waren gleich obdachlos, verarmt und die nicht einrücken mußten, den' tschechischen Bauern Böhmens und Mährens, den slowenischen aus Steiermark rücksichtslos ausgelieiert. Und wenn manchem von ihnen das Glück, .(besser-das Unglück) beschießen war, die Gastfreundschaft der Wiener Kommune und ihrer machtvollen tschechischen Hausbesorger (Hauptsache, daß sie Arier sind) in Anspruch zu nehmen, so mußten sie mit geradezu bitterer Geduld die Anträge der Herren Kunschak und Genossen auf zwangsweise Internierung und zwangsweise Straßenreinigung der jüdischen, so scltwer heimgesuchten Flüchtlinge anhören. Es erübrigt sich, hier noch den Herrn Dekan aufmerksam zu machen, daß unter den Gästen, die die Säle der Wiener medizinischen Fakultät füllten. SO Prozent Frauen waren, ein Umstand, der klar genug beweist daß die Majorität der jüdischen Studenten des Ostens gleich ihren deutschen Kollegen seit Kriegsbeginn im Felde stehen und auch „Semester auf Semester im Dienste iür Volk und Vaterland verlieren“. Wien, August 1918. stud. nied. K. Der Numerus ciausus an der Wiener Universität Auch eia Beitrag zur „Wiener Wohnungsnot“. Wir erhalten noch folgende Zuschrift aus Studentenkreisen: Der „Wiener Mittag“ vom 24. Angust 1918 brachte unter dieser Kopfschrift einen Aufsatz,' in dem eine Zuschrift der Wiener medizinischen Fakultät auszugsweise zur Veröffentlichung gelangt. Zum Schüsse heißt es darin: „Während Tausende der an der Wiener Alma mater- Rudolphina hennatberechtigten deutschen Hörer an den Fronten standen und Semester aui Semester - im Dienste für Volk und Vaterland verloren, füllten uns nicht einmal freundlich ‘gesinnte Gäste aus dem Osten die Säle unserer Hochschule." ,,Füllten u.ns*nicht einmal freundlich jüdische Schulen und nicht Judenschulen Eine Antwort an die „Reichspost“. Die Nummer 7/8 der „Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung“ brachte in der Rubrik „Vorschläge“ als ersten die Gründung eines Rechtsschmzbureans gegen judenfeind- Uche Angrilie mancher gewissenloser antisemitischer Professoren. Diesen durch Hunderte von emperenswerten Vorfällen begründeten Vorschlag glossiert die „Reichspost“ in ihrer Abendausgabe vom 14. August folgendermaßen: „Das kann noch nett werden, wenn der jüdische Uebermut in der bisherigen Weise zunimmt! Es gibt gegen derartige Projekte außer dem Haslinger noch ein anderes probates Mittel, und dieses heißt: Reinliche Scheidung der jüdischen von den christlichen Schülern! Für die Juden Judeivschulen mit jüdischen Lehrern, iür che Christen christliche Schulen mit christlichen Lehrern! Dann brauchen die Judenschulen kein „Rechcsschutzbureau“ und die christlichen Professoren und Schüler kein ^Insektenpulver.“ Mit den in gewohnten Reichspoststil gehaltenen Bemerkungen wollen wir uns nicht weiter beschäftigen. Das Schreien vom „jüdischen Uebermut“ und selbst die überaus pädagogische Zultilienalime des spanischen „Haslinger“ wird nichts nützen, die jüdischen Schüler werden nicht länger stillschweigend oder bloß murrend die Gemeinheiten der christlichsozialen oder deutschnatfonalen Parteimänner vom Katheder aus sich geiallen lassen. Im Privatleben kann jeder Lehrer machen, was er will, in der Schule aber hat er nicht christlichsozial und nicht deutschnational zu sein, sondern nur Lehrer, Erzieher der ihm an- "errrauten Jugend. Jeder Professor oder Lehrer, tkr sich gegen dieses Gebot der Menschlichkeit

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