Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XII. Jahrgang Nr. 34 Redaktion and Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien^ Freitag, den 23. August 1918 — 15. Elul 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 X ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 h Postsparkassenkonto 133.404 Ein Buch öes Gedenkens Es wird jetzt oit davon gesprochen, daß der Zionismus dein Stadium der Verwirklichung entgegengeht. Darunter stellt man sich etwas sehr Politisches, etwas sehr Entscheidendes, einen grollen Erfolg, die Anerkennung unserer Forderungen bei den Mächten der Welt vor. Dabei vergessen wir immer allzu leicht, daß die Sache noch eine andere Seite hat, nicht nur eine politische, abstrakte, sondern auch eine menschliche, konkrete, daß die Verwirklichung sich nicht in Aktenbündeln vollziehen wird, sondern irgendwo draußen aui Feld und Acker und Flur und Weinberg, in der weiten Ebene und auf den schwarzblauen Bergen Judas, in wirklichem, neuenstehendeii. von menschlicher Krait, menschlichem Glück und menschlichem LCid getragenen Leben. Wir. die wir hier Zionismus treiben, die aus tiefster Ueberzeygung von der Wahrheit der Idee minier wieder vor anderen ihre Richtigkeit beweisen, wir liier in Schreibstuben, an grünen Tischen und in Versammlungssälen, wir Politiker, Redner, Agitatoren. Organisatoren, loumalisten, das ganze Heer der im Dienste des Zionismus arbeitenden Menschen, wir alle sind noch fern von der Verwirklichung des Zionismus; nur allzusehr ist er ein Gegenstand unserer Gedanken, aber er ist nicht die Selbstverständlichkeit unseres täglichen Lebens. „Welchen Wert aber hat ein Ideal, das nicht im tagtäglichen Leben verkörpert und verwirklicht wird?“ Unsere notwendige Arbeit hilft, Bedingungen und Voraussetzungen schaffen. Aber das Wesentliche, das wirklich Lebendige im Zionismus entsteht anderswo: gewinnt Gestalt im konkreten aufbauenden Leben in Palästina. Soeben ist im Jüdischen Verlag in Berlin in deutscher Uebersetzung ein Buch erschienen, das schon früher in hebräischer und jüdischer Sprache bekannt war: „Jiskor, ein Buch des Gedenkens an gefallene Wächter und Arbeiter im Lande Israel“. *) „ Ein Buch?-des Gedenkens ., .Wir haben in den letzten Jahren so viele Tote gehabt, daß Totenklage und Schmerz des Gedenkens beinahe alltäglich geworden sind. Die Welt ist von Sterben und Verwesung erfüllt und das Schrecklichste an dieser Zeit ist die Tatsache, daß der Tod selbst nicht mehr eine erschütternde Tragödie, sondern die schauerliche Begleiterscheinung des Tages geworden ist Dieses Buch des Gedenkens ist aber nicht nur ein Bericht von Toten, es ist ein Bericht von Leben, von einem so starken, so schönen, so jüdischen Leben, daß uns vor dem Wunder dieser aufwühlenden Kunde selbst die niederdrückende Tatsache für einen Augenblick zurücktritt: daß die Träger dieses Lebens tot sind. Dieses Buch ist kein literarisches Ereignis, so erstaunlich gut auch die einzelnen Aufsätze geschrieben sind. E>iests Buch ist em zionistisches und menschliches Dokument, ein dauerndes Zeugnis menschlicher und zionistischer Größe. Es wirkt so überwältigend, weil hier Einheit ist; die Einheit der Idee und des I cbens. Nicht mehr iahen Blut und Gedanken ausei uander, nicht reibt sich der Wille im Kampfe mit dem tausendfachen Zwiespalt auf. Zionismus ist hier kein Problem mehr. Er ist Glück und Erfüllung; er ist Heroismus des ganzgewordenen jüdischen- Menschen. 1. Ch .Brenner sieht in der jüdischen Entwicklung drei Stufen: zuerst kam die „Aufklärung“, die die engen Fesseln sprengte und den Satz aufstellte: sei Jude zu Hause und Mensch draußen . . . Dann kam der Nationalismus. Er predigte den Krieg gegen die Assimilation und sagtp: sei Jude zu Hause und Jude draußen. Alle Waffen der Wissenschaft wurden angewendet, um die Existenz der Nation zu beweisen, und wählend man Beweise und Theorien suchte und fand, gifig unser Volk draußen in der Welt zugrunde, zerbröckelte, verblaßte, blieb ohne eigenes Leben- und ohne Kultur und ohne Boden unter den Füßen. Und endlich kam der jüdische Einzelne und sprach dies eine Wort aus: Arbeit. Nur die elementare Arbeit verleiht Rechte, nur sie ist eine Gegenwart. Nicht „sei so“ oder „sei anders“ — ich, der jüdische Einzelne, b i n Mensch in meinem, Hause und Mensch, wenn ich hinausziehe, Mensch durch meine menschliche Arbeit. Ich brauche nicht Nation-albewußtsein zu predigen und alles'mit Beziehung auf den Nationalismus zu tun, denn mein ganzes Alltagsleben ist tatsächlich nationales Leben. Von diesen Einzelnen wird hier erzählt Eine lebendige Flamme ist die Zionssehnsucht in ihren Herzen. Sie sind erfüllt von. fanatischer Liebe zum jüdischen Volk: aber nicht die berühmte „Wirklichkeit“, -nicht das jüdische Volk draußen in der' ludengasse vermag' sie zu ent- .*) Mit einem Geleitwort von Martin Buber: Deutsche Ausgabe mit 3 Exkursen und' Glossar. Preis Mk. 6.50. ilamnnm mid zu Taten zu treiben. Sie leben in dem hinreißend schönen Traum von einem Volke, das nicht Wirklichkeit ist:'sie machen sich aui, um dieses Traumland zu finden, es auf der Erde zu schaffen: selbst, durch ihrer Hände Arbeit. Sie verlassen die Heimat ihrer Geburt, sie verlassen ihre Wissenschaft, ihr Studium, ihr Handwerk. Familie und gewohnte Umgebung, sie lassen alle Güter und allen Komfort unserer zivilisierten Welt, ja sie lassen die Gotteslehre selbst, die ihnen in geliebten Büchern gereicht wurde. Sie kennen nur e i n Gebot. und nur einen Weg. sie müssen gehen, übermächtiges Gesetz zwingt sie. der Befehl ist an sie ergangen und sie haben nicht Ruhe und Rast, bevor sie mit ailer Inbrunst ihres Herzens dem einen geheiligten Dienst sich ergeben haben. Das sind die Menschen. in denen der Zionismus Wirklichkeit geworden ist. in dereri Leben er nicht als Theorie, sondern als Idee gewirkt hat. Es zieht sie in die Ferne, in eine Welt, die noch nicht da ist und die erst werden so.l Sie gehen die unendliche Landstraße. durch den soimendiirchgliihten Sand der Wüste, sie haben nicht Rast und nicht Maß. nicht in der festgefügten Ordnungder Kulturen ist ihre Heimat, sondern ihre eigene Seele schreibt ihnen die Ordnung ihres Lebens vor. schrankenlos verlangt sie nach Freiheit und Entfaltung, nach schaffender Arbeit. Die Welt da draußen, die geliebte Welt, fordert den Einsatz des ganzen Menschen, sie sträubt sich und er ringt mit ihr aus lauter Liebe, und er läßt sie nicht, sie segnete ihn denn. Das Zeichen, in dem er sich mit ihr vermählt, heißt: Arbeit. Arbeit ist nicht bloßes . Händewerk. Sie ist nichtein mechanisches, physisches Tun iin Gegensatz zum geistigen. Eine sozialökonomische Klassifikation kann diesem Biegriff nicht gerecht werden. Diese Arbeit ist zu liefst vom Geiste erfüllt, sie entspringt der Einsicht von der Notwendigkeit ei.ner Einheitlichkeit des Lebens, der Sehnsucht nach Einheit, naöh natürlichem Wachstum und Harmonie. Die Krankheit des jüdischen Volkes, von der sich auch sein nationaler Ast nicht befreien konnte, ist die Loslösung vom natürlichen Leben, das Schweben in der unwirklichen Sphäre wirtschaftlicher Mittelbarkeit und einer abstrakten Gedankenwelt. Wir brauchen wieder ein unmittelbares, natürlich auigebautes Leben, und dieses beginnt bei der Urproduktion. Daher brauchen wir unsere eigene Urproduktion, wjr brauchen Menschen, welche die elementarsten wirtschaftlichen Funktionen übernehmen, welche gewissermaßen den Nährboden für das ganze Volk bereiten. Diese Einsicht aber führt für Einzelne sofort zu der Konsequenz, daß sie selbst es sein müssen, die diese Arbeit tun. Aus einem Gefühl der Abneigung gegen jedes parasitäre Dasein und der Liebe zur Reinheit haben diese Menschen mit glühender Leidenschaft sich der jüdischen Arbeit ergeben, und sie haben dorr, in der Verteidigung nicht etwa materieller Güter, sondern der geheiligten Idee, ihr Leben gelassen. Von diesen Toten bringt uns das Buch „liskor“ Nachricht Von Berl Schweiger, dem 17jährigen Jüngling mit den Lachgrübciien, der es in Judäa nicht aushielt, wo Würmer an seinem Ideal nagen, der ein ganzer Zionist sein will und danmi nach Galiläa ging, Arbeiter und Wächter zu werden, der Mann mit der Sehnsucht nach dem Beduinenleben und mit der trunkenen Begeisterung von der Schönheit des Landes. Und Jakob Plotkin. der als 40jähriger Mann mit seinen zwei Söhnen nach Palästina geht um Bauer zn werden, der zur Zeit der Revolution als „bürgerlicher Zionist" in die Reihen der Selbstwehr eingetreten ist dessen Frau nicht versteht, wie ein Geschäftsmann Fellache werden kann. Und Abraham Josef Baral, der schon in früher Jugend ein Thoragelehrter war, dann aber als Wächter nach Galiläa zog, und Scbmueli. der schwächliche Pionier aus der Intelligenz, der sich ganz nur der Arbeit mit Pflug und Hammer weihen wollte, bis sein Herz zersprang. Und Chaskal Nissanow, der kaukasische Bergjude, der in Baku zunächst Sozialdemokrat, dann Zionist wird und unter unsäglichen Schwierigkeiten über Galizien nach Palästina wandert in Krakau die Nächte durcharbeitet um das Reisegeld zu verdienen, und dann in Galiläa einer der Gründer des Haschomer wird, der kühne und verlegene Kämpfer. Und Meier Chasanowitsch, mit der schweifenden Seele, der leidenschaftlich verzückte, ekstatische Mensch mit der großen Kraft, in arabischer Tracht mit dem geliebten arabischen Roß und mit dem treffsicheren Gewehr. Und der kleine Setzer Achduti, der bei der Nachricht von einem' Ueberfall aus der Druckerei weglief und Wächter wurde. Und Mosche Barski, das Dorikind aus der Ukraine, der tapfer kämpfend gegen sechs arabische Räuber neu und dessen Vater seinen Kameraden einen aufrichtenden Trostbrief schreibt Und Berl Clay, der gebildete „Amerikaner", der „praktische Idealist“, der ..starke Mann mit dem weichen Lächeln“, der Typus des neuen Juden, der — wie es Jehuda Leib Gordon voräusgesagt hat — aus dem Schmelztiegel Amerikas geläutert hach Palästina gekommen war. Von diesen und noch anderen erzählt uns das Buch: die Gestalten dieser Helden werden lebendig aus den Darstellungen, aus der Wiedergabe von Szenen und Worten ihres Lebens. Diesen Wächtern und Arbeitern kommt, so sagt Martin Buber in der Einleitung, der mißbrauchte Name Helden in Wahrheit zu. Jüdische Helden: weil sie die stolze Sache, der Europa und Amerika um Lohn dienen, die Gevaltsache der Scheinkultur, die alle Güter zu vergeben hat. verschmähten, und sich der dürftigen. preisgegebenen, schier aussichtslosen Sache des werdenden Geistes, die auf der Flucht ist, zuwandten. Während wir von ihnen lesen, erreicht uns die Nachricht, daß in der Kolonie Merchawja, der Siedlungsgenossenschait in Galiläa, ein Ueberfall stattgefunden hat, welchem der Wächter Mosche Segalowitsch zum Opfer iiel. Von ihm spricht M. Lazar im „Lemberger Tagblatt“ vom 16. August, von dem „21jährigen Koloß mit den teuersprühenden Augen und den geballten Fäusten“, wie er am Grabe Chasanowitschs Wächter zu werden gelobte. Auch er gehört nun zu den Toten, ist gefallen wie sein Vorbild. Jiskor. Drüben im Lande stehen ihre Gräber, Heiligtümer des neuen Jischub. Ueber diesen Gräbern werden wir bauen müssen. Laßt uns ihrer gedenken. Robert W el tsch. Lernfreiheit t Das Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger enthält folgende Bestimmungen: Art. 1. Für alle Angehörigen der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder besteht ein allgemeines österreichisches Staatsbürgerrecht. Art. 2. Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich. Art. 4. Die Freizügigkeit der Person und des Vermögens innerhalb des Staatsgebietes unterliegt keiner Beschränkung. Art. 17. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei Art. 18. Es steht jedermann frei, seinen Beruf zu wählevt und sich fiir denselben auszitbilden. wie und wo er will. Das österreichische Staatsgrundgesetz kennt also nur österreichische Staatsbürger, die sich aufhalten und ausbilden können, wo und wie sie wollen. Die Zugehörigkeit zu irgendeinem Kronland ist in keiner Weise relevant. Trotzdem werden die galizisr.hen Juden von der Wiener Universität ausgewiesen. Diese Maßregel ist nicht nur rechtswidrig und unerhört grausam, sondern sie ist auch gerade im Hinblick auf die herrschenden Verhältnisse eine harte Unduldsamkeit gegenüber denjenigen.* die die schwersten Opfer des Krieges zu tragen haben. Man weiß, wie sehr es einem galizischen Studenten schwer fallen kann, unter den heutigen Verhältnissen nach Galizien zurückzukehren. Durch die Sperre der Wiener Universität ist tatsächlich vielen jungen Leuten die Fortsetzung ihrer Studien ganz unmöglich gernacht. Ganz abgesehen von der darin liegenden Härte wirtschaftlicher Natur, ist dieser Ausschluß zahlreicher begabter junger Leute von der Wissenschaft gewiß nicht im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts. Es ist bedauerlich, daß auch in der Wissenschaft längst nicht mehr die Förderung der Erkenntnis, sondern die Politik und die politische Voreingenommenheit ausschlaggebend sind. Im zaristischen Rußland war die Prozentnorni an den Schulen eingeführt, die den Juden den Besuch höherer Lehranstalten unmöglich machte. Noch vor dem Kriege hat an den deutschen Universitäten die Hetze gegen die „Ausländer“ eingesetzt um die russischen Juden, die dort Zuflucht gesucht hatten, auch von dort zu vertreiben. Auf Oesterreich hat diese Bewegung selbstverständlich übergegriifen. Aber was letzt versucht wird, überschreitet schon alle Grenzen. Jetzt handelt es sich nicht um wirkliche Ausländer, sondern ein Kronland spielt gegen das andere .Ausländer“ aus. Man redet vom „deutschen Charakter“ der Wiener Universität und nimmt das zum Vorwand, um die anderen Nationen, insbesondere die Juden, beispiellos zu schikanieren und schließlich ganz zu vertreiben. Die .Wiener Universität ist aber keine deutsche und auch keine «iederösterreichisehe Anstalt, so wenig, wie Oesterreich ein deutscher Staat ist. Die Wiener Universität wird aus staatlichen Mitteln, aus Steuergeldern aller österreichischen Staatsbürger erhalten, sie gehört allen österreichischen Völkern und zumindest die l ernireiheit muß ihnen dort gewährt werden Der Staat hat die Verpflichtung, allen seinen Völkern die Möglichkeit einer Ausbildung zu geben. Wenn man beginnt, von natiu- .f *w *n*~*X?»