Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion and Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Natienalfonds“ XII. Jahrgang'— Nr. 33 Naiional-jüdilches Organ Wien, Freitag, den IG. August 1918 — 8. Elul 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 Ä ganzj. 20 X, Einzelnummer 40 h Poataparkassenkonto 133.404 Die Krisis Des ungarischen Judentums i. Der Antisemitismus im Parlament.; Wir haben schon öfter darajf hingewiesen. wie in Ungarn die Hydra des Antisemitismus allmählich zu einem unheimlichen Gespenst erwachsen ist. ln der verflossenen Woche ist die Stimmung auch im Parlament radikal zum Ausbruch gekommen. Es ist nichts mehr zu verbergen, und die magyarischen Staatsbürger jüdischer Konfession sind in einer fatalen Situation tmd in begreiflicher Aufregung. Immer wieder wurde ja in tausend Tonarten in die Welt hinausposaunt, daß Ungarn das klassische Land ist. durch dessen Existenz die Möglichkheit der Assimilation klar erwiesen wird, das Land, das keinen Antisemitismus kennt und seine Staatsbürger trotz ihrer israelitischen Konfession als magyarische Nationsgenossen restlos verspeist hat Der korrumpierende Einfluß dieser Ideologie hat dem ungarischen Judentum nicht gerade Nutzen gebracht Die ungarischen Juden waren immer Ueberpatrioten. Sie haben dem jüdischen Volk wahrhaftig nie zur Ehre gereicht. Aber auch die Mühe des würdelosesten Verhaltens war vergeblich. Die ungarischen Juden werden unzart aufgerüttelt Im ungarischen Volk ist die antisemitische Bewegung heimiscli geworden, von klerikaler und feudaler Seite, von Magyaren und Nichtmagyaren wird eine großzügige judenhetze betrieben.. Die Zwischenfälle im Parlament sind nur ein Exponent dieser Stimmung, eine Illustrationsprobe für die ganze Welt Da ilog das Wort ..Saujud" nur so Irin und her. da wimmelte es von „Wucher" und „lästigen Ausländern". der Abgeordnete Straniawski hielt eine wirklich mustergültige antisemitische Hetzrede. . .JUmLnuh die Verteidigung. .Schwerstes Geschütz mußte herhalten. Der Herr von Ungarn selbst Graf Tisza, und dann der Ministerpräsident Dr. Wekerle wandten sich, auf iüdischmagvarische Veranlassung hin. gegen den Antisemitismus. Die Leute sind klug und wissen, was für eine Macht der jüdische Einfluß politisch und wirtschaftlich bedeutet. Anderseits aber müßten sie fürchten, an Popularität zu verlieren, wenn sie uneingeschränkt gegen den Antisemitismus Stellung näiimen. Tisza begann nach dem alten Rezept: er bestätigte, daß die Juden als Staatsbürger vielfach ihre Pflicht erfüllt haben, ja, er führte sogar Beispiele an aus seiner persönlichen Erfahrung: die ungarischen Juden merken gar nichts von. dem Beleidigenden dieser Argumentation. Dann fuhr Tisza fort: „Das Uebel bei uns liegt darin, daß die Beschäftigungszweige. bei denen in Verbindung mit dem Krieg die Mißbräuche meistens Vorkommen, zum größten Teil in den Händen der Juden sind. Demzufolge werden die Mißbräuche, die auf diesem Gebiete begangen werden, zuin großen Teil von den Juden verübt. Wir stehen unleugbar der Gefahr gegenüber. daß diese berechtigte Entrüstung und Verbitterung, die gegen diese Handlungen und gegen diejenigen, die sie begehen, herrsche», einen koniessionellen .Charakter annelimeu. Gegen diese Art muß jedermann Stellung nehmen und jeder'ankämpfen. Wir müssen das Volk aufklären, darin nicht konfessionelle oder Rassensymptome zu erblicken. An dieser Arbeit muß das Judentum seinen werktätigen Anteil nehmen.“ „Im Kampf gegen den Antisemitismus muß uns zunächst das Judentum zu Hilfe eilen . . ." Grat Tisza wünscht, daß die Regierung Maßnahmen treife. damit die Behörden bei Anwendung der Verordnungen betreffend die Preistreiberei sich gewöhnen, höhere Geldstrafen zu verordnen. Ferner müssen sowoh' die bürgerlichen wie die Militärbehörden dafür'sorgen, daß „die Verkehrtheiten bei den Enthebungen auf das Minimum reduziert werden“, namentlich aber bei der Einteilung der Soldaten in die Marschkompagnie aufhören. „Werden auf diesem- Gebiete die notwendigen Schritte getan und werden namentlich die Juden uns zu Hilfe kommen, damit die Erlässe auf das strengste eingehalten werden, so werden wir imstande sein, mit vereinter Kraft der Gefahr des Antisemitismus zu begegnen." — Man muß wirklich über die Naivität des Grafen Tisza staunen. Er meint, daß die Judenfrage ein Problem der Judikatur ist und daß der Antisemitismus durch administrative Maßnahmen, und zwar notabene gegen die Juden, beseitigt werden könnte. Der Antisemitismus soll also bekämpft werden, indem er von der Behörde offiziell akzepiert wird. Implicite Ist damit gesagt, daß die Juden gegenwärtig gar gewisse Begünstigungen genießen und schonender behandelt werden, was in Hinkunft vermieden werden soll. Dazu soll das Judentum helfen! ' Ministerpräsident Dr. Wekerle beteuerte, die Regierung sei bestrebt, auf die öffentliche Meinung den entsprechenden Einfluß auszuüben, damit diese wegen Handlungen einzelner nicht Konfessionen verantwortlich mache. Er muß aber „zu seinem Bedauern feststellen, daß einzelne Behörden gerade aus konfessionellem Gesichtspunkte allzuweit gegangen sind und sich zu Schritten hinreißen ließen, gegen die er Verfügungen treffen mußte.“ Man sieht also, das Tisza'sciie Rezept wurde in der Praxis schon angewandt. Zu größerer Strenge gegen die Juden brauchen die Behörden nicht mehr ermahnt zu werden. Aber Wekerle hat den richtigen Ausweg aus dem Labvrint gefunden. Er spricht von den G a 1 i z i a n e r n und teilt mit. daß die Rückbeförderung dieser lästigen Ausländer im Gange, sei. Es werden auch außerordentliche Maßnahmen getroffen, um die durch tiieSef Leute erzielten Gewinne besonders zu besteuern. Nämlich „diese Leute" haben besondere Gewinne erzielt Die ungarischen Agrarier und Großgrundbesitzer dagegen sind bekanntlich in diesem Krieg verarmt. II. Die Bruderhand. Das Verhältnis zwischen Oesterreich und Ungarn hat sich, wie man weiß, in der letzten Zeit nicht gerade aiizu innig gestaltet. Es ist eine Tatsache; von der jeder Mensch im Volke spricht, daß man in Oesterreich hungert und in Ungarn im Ucberflusse schwelgt. Der ungarische Ernährungsminister hat nntgeteilt. daß Ungarn in normalen Zeiten SO bis 100 Millionen Meterzentner Getreide •lach Oesterreich lieferte und jetzt, wo wir in viel höherem Grade auf Ungarn angewiesen sind, nur 2S Millionen, in Hinkunft wird man uns überhaupt nichts mehr geben, wenn wir nicht als Acquivalent allerhand Industrieprodukte, besonders Textilwaren. liefern. Man wird mit Seelenruhe Oesterreich verhungern lassen. Dieses Verhalten Ungarns ist nicht geeignet, in Oesterreich freundschaftliche Geiühle zu wekkcn. Aber es gibt noett ein Mittel, das über alle diese Konflikte _ und Gegen^itze .hinweg eine Brücke schlägt. Im üngarischljir Parlament sind Töne einer „Verständigungssprache" erklungen, und sofort streckt sich die Bruderhand aus Wien entgegen. Denn es gibt eine gemeinsame Front, einen gemeinsamen Verteidigungskrieg gegen den Feind, der sowohl Oesterreich. als auch Ungarn bedroht Dieser Feind sind die Juden. Das alles (stellt die „Reichspost" fest. „Man hört drüben jetzt jene Sprache reden, die uns aus der Zeit der Hochblüte der christlichen Volksbewegung in Oesterreich wohlvertraut ist, jene Volkssprache, die man außerhalb Ungarns versteht, jene Sprache, die Brücken schlägt über die Gräben nationaler und staatlicher Grenzen, ln der gemeinsamen Abwehr einer gemeinsamen Gefahr werden wir einander besser kennen und verstehen lernen. Es ist Arbeit für den politischen und nationalen Frieden, für die Volksversöhnung, die da geleistet werden wird.“ So also stellt sich das christliche Volk den Völkerfrieden und die Völkerversöhnung vor. Durch Verbündung der Völker gegen die Juden. Der Ausgleich zwischen Oesterreich und Ungarn ist gesichert und die Freundschait wiederhergestellt. Man hat erkannt, daß man im Grunde doch verwandte Seelen hat. UI. Trauriger Ruhm. Man wird fragen, was die ungarischen Juden dazu sagen. Zwei Stimmen sind bemerkenswert: ein Artikel hn „Neuen Pester Journal” und der Leitartikel im „Pester Lloyd"; beide Artikel stammen ans ungarisch-jüdischen Kreisen. Die Juden sind verblüfft, daß dieses „Gespenst aus alter Zeit", das in Ungarn „fremdartig" und nicht landesüblich ist, auf der Bildiläche erscheint. Anderseits aber ist man befremdet von der Verteidigung des Grafen Tisza. Das ungarische Staatsinteresse fordert bedingungslose Ausschaltung des Antisemitismus. „Es kann nicht gesagt werden, daß Bürger einer bestimmten Konfession nur dann Anspruch habenauf die staatliche Niederkämptung von Tendenzen, die gegen diese Konfession gerichtet sind, wenn sie gewissen theoretischen, strafrechtlichen Auffassungen zustimmen." Das „Neue Pester Journal" findet es unverständlich, was Graf Tisza unter der jüdischen Hilfe zur Bekämpiung des Antisemitismus meint. Aber dabei können es die magyarischen Juden nicht bewenden lassen. Sie beginnen sofort wieder mit der Beteuerung ihres Ungartums und enden mit dem schäbigsten Verrat am Judentum. Zu welchem Grad der Charakterlosigkeit und Gemeinheit die Assimiliationsstreberer führt, geht vielleicht am deutlichsten aus folgender Bemerkung des „Neuen Pester Journals" hervor; „Die.ungarischen Staatsbürger jüdischer Konfession waren, wie sie es immer gewesen sind, erst Ungarn und dann Juden, und sie wünschen es am sehnlichsten, daß ibr reines Ungartiun von allem iremden jüdischen Einschlag ehebaldigst gesäubert werde. Man schafie. dre eingewanderten galizischen Kriegsparasiten über die Grenze, und die Bilanz der kriegswirtschaftlichen Kriminalität wird zugunsten der ungarischen Judeuschaft um eine ausschlaggebende Lastenpnst verbessert werden. Unsere .lundenschaft weiß sich mit dem Ungartum so eins iin Fühlen, Denken und Streben, ilaß ein Antisemitismus in diesen Landen keine Berechtigung und auch keinen Boden haben kamt.“ Die galizischen Juden, die von Haus und Herd vertrieben und in die schmerzensreichste Flucht verschlggjm wurden, damit Ungarns Grenzen verteidigt werden können, sind Kriegsparasiten, die map vertreiben und verhungern lassen kann. Das wagt man im Namen des Judentums zu fordern! — Noch weiter geht der „Pester Lloyd": „Mit Stolz körnten die ungarischen Staatsbürger israelitischer Konfession feststellen, daß sie und ihre Yätpr werktätig, unermüdlich mitgeschaffen haben an der Errichtung und Erhaltung des ungarischen Nationalstaates. In den Städten, in denen das Bürgertum jüdischer Konfession in der Mehrheit war, hat die Magyarisierung triumphiert, und kaum in der Frist eines halben Jahrhunderts sind diese Gemeinwesen aus deutschsprachigen Kommunen oder slowakischen Marktilecken zu ungarischen Kulturfesten geworden." Mit Stolz also rühmt sich das ungarische Israelitentum, daß es der ungarischen Herrennation in ihrem brutalen Unterdrückungskampf gegen alle schwächeren Völker und nationalen Minoritäten Handlangerdienste geleistet hat. Man hat dafür einen besseren Lohn erwartet, als er jetzt geboten wird. Es rächt sich eben die unwürdige Rolle, die das Judentum im nationalen Kampi gespielt hat. Die Nationen hassen die Juden als Repräsentanten der magyarischen Unterdrücker, die Magyaren verachten das Volk, das sich, zu würdelosem Sklavendienst hergegeben hat.-das sofort bereit war, sein' eigenes Volks tut» zu opfern und zu verraten, und sich in den Dienst eines herrschenden zu stellen. Die Dienste kann man sich eventuell geiallen lassen, aber dem Diener versetzt man dann den wohlverdienten Fußtritt. Verrat und servile Anbiederung haben überall in der Welt nur Verachtung geiunden. Das ungarische Judentum rühmt sich noch dieser verwerflichen Dienste und meint aui Lohn rechnen zu können. Es ist von seiner Verblendung noch immer rächt geheilt. Es müßte erst eine große Wandlung im ungarischen Judcnutm vor sich gehen: das ungarische Judentum müßte eine neue Seele bekommen. IV. Die wirkliche Lösung. Damit ist schon angedeutet, wo allein der Ausweg aus der bedrohlichen und bedrückend empfundenen Situation liegt. Graf Tisza hat recht: die luden selbst müssen hellen. Aber nicht so, wie er es meint. Vielmehr mußte das Judentum endlich zu der Einsicht erwachen, daß es seine parasitäre Existenz, sein politisches Trabauienttim und seine nationale Selbstverleugnung auigeben muß. Wenn die Juden selbst sich ihres eigenen Volkstums wieder bewußt werden, dann kann diese Selbstbesinnung auch nicht ohne tiefste moralische Wirkung bleiben. Denn in derselben Stunde müßte ein ganz neues Gefühl der Verantwortung in der jüdischen Seele geboren werden. Das ungarische Judentum muß wie jeder andere Splitter des jüdischen Volkes erkennen, daß es eine Verantwortung gegenüber der Zukunft des eigenen Volkes hat, es muß die alten, verstaubteii Schätze des eigenen Volkstums hervorholen, es muß ..zurückkehren“, wie der Prophet sagt. Dann wird es sich aus der beängstigenden Atmosphäre seiner jetzigen verwesenden Existenz retten, es wird seine ganze tieie Verworfenheit sühnen können. Vielleicht kommt auch für das ungarische Judentum noch verspätet dieses Erlebnis, das in den anderen Teilen des jüdischen Volkes schon Ereignis geworden ist. Vielleicht offenbaren sich dann im ungarischen Judentum ganz andere Kräfte, als die wir jetzt dort zu beobachten gewohnt sind; schöpferische Kräfte, die am Aufbau des Volkes Anteil nehmen könnten. Es müßte eine große Wandlung vorhergeiien, und noch keine Anzeichen deuten darauf hin. daß diese große Stunde iür das ungarische Judentum gekommen ist. Aber eine Krisis ist unverkennbar; die beunruhigenden Wehen sind da. Man kann sich nicht mehr Phantomen und Täuschungen hingeben. Es kommt ein Entweder — Oder; das ungarische Judentum wird entweder versinken, oder es wiru sich besinnen müssen. Gott will aber nicht, daß der Sünder sterbe; sondern daß er umkehre und lebe.