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Jüdische Zeitung · 1918-08-09 · 32 (9.8.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
32 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang — Nr. 32 Naiional~jüdifches. Organ Redaktion nnd Administration: Wien II., Zirkusgas'se 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wen! Freitag, den 9. August 1918 — I. Eiul 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 S. ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 h Postsparkassenkonto 133.404 Der erste Schritt Die Resolution, die der Wiener Kultusvorstand als Protest gegen die judenfeindlichen Ausschreitungen und Kundgebungen, die sich in letzter Zeit nicht nur im Osten der Monarchie, sondern insbesondere auch in Wien und der umliegenden Provinz häuften, gefaßt hat, kann nicht dazu beitragen, das Ansehen unseres Vaterlandes in den Augen der Welt zu heben. Die ganze Welt weiß, wie schwer sich das offizielle Judentum zu einer derartigen Kundgebung aufrafft; in dieser Hinsicht bestehen wohl überall in der Welt die gleichen Verhältnisse. Wenn nun trotzdem sogar die Wiener Kultusgemeinde gesprochen hat, so ist das ein Beweis, daß der Ernst der Situation ein Schweigen nicht mehr zuläßt, sogar die sonst Untätigsten der Untätigen, die sonst Rücksichtsvollsten der Rücksichtsvollen, die sonst stets, selbst unter Preisgabe der eigenen Würde, zur Bekundung der Loyalität Bereiten konnten nicht mehr die Verantwortung dafür übernehmen, zuzuschen, wie eine beispiellose systematische Verleunidungs- und Verhetzungskampagne gegen die Juden alle Völker Oesterreichs vergiftet, die Existenz und Sicherheit der jüdischen Bevölkerung auf das schwerste bedroht. Das Bedauerliche und Beschämende war, daß die staatlichen Behörden das Treiben der antisemitischen Agitatoren duldeten, so daß es den Anschein gewinnen mußte, daß auch die österreichische Regierung in irgend einer Beziehung und aus irgend welchen Gründen einverstanden ist. Die Resolution der Kultusgemeinde stellt zunächst einen Appell an die Einsicht der österreichischen Regierung dar. Aber so sehr wir auch von dem Ausland abgeschnitten' sind, ist doch nicht zu vermeiden, daß eine solche Kundgebung auch draußen ein Echo findet. Durch die Wirkungen im Auslande wird der österreichischen Regierung klar werden, wie durch und durch unklug ihre bisherige Haltung in der Judenpolitik war. Die Resolution ist zugleich ein Appell an das Kulturgewissen Europas und es ist eine seltsame Erscheinung, daß trotz. Krieg und- Entzweiung etwas wie ein europäisches Gewissen wenigstens rudimentär noch immer existiert. Immer wieder wird „Europa“ von den Unterdrückten und Entrechteten augerüfen, und in allen Staaten finden diese Rufe mehr oder weniger aufrichtige Beachtung. Die Entente z. B. hat aus solchen Stim- . mungen und Imponderabilien ein ganzes System gebildet, durch das sie allenthalben Sympathien für sich zu erwerben sucht. Die Zentralmächte waren in dieser Hinsicht immer vielungeschickter. Das ist um so bedauerlicher, als wir der Ansicht sind, daß gerade Oesterreich-Ungarn seinem inneren Wesen nach mehr als irgend ein anderer Staat der Welt berufen wäre, die Sympathien auf sich zu ziehen. Welche schwere Fehler in dieser Hinsicht gemacht wurden — vielleicht nicht gerade durch die Schuld Oesterreichs —, beweist wieder die letzte Rede Margilomans in der rumänischen Kammer anläßlich des Judengesetzes. Marghiloman spricht davon, daß die Zentralmächte in der Judenfrage Rumänien keineswegs „harte Bedingungen gestellt“, daß vielmehr die Entente in diesem Punkte weit mehr verlangte. Das bedeutet, daß die Zentralmächie dem besiegten Rumänien zwar allerhand territoriale und wirtschaftliche Zugeständnisse abnötigten, in der Judenfrage aber zu einem „günstigen Ausgleich“ bereit waren. Man ist eben bei uns nicht diplomatisch klug genug, um zu verstehen, daß nicht nur der nackte Besitz, nicht nur die Befriedigung des brutalen Egoismus dem Staate zugute kommt, sondern daß auch moralische Erwerbungen von nicht geringerer Bedeutung sind. Wenn man schon nicht aus wirklicher Menschlichkeit das Los der Bedrückten zu bessern versucht, so sollte man sich ihrer wenigstens aus politischer Klugheit annehmen. Durch den Appell der offiziellen Kundgebung könnte der Anschein erweckt werden, als ob die österreichische Judenschaft die Aufmerksamkeit des Auslandes erregen wollte. Dieser Anschein würde ganz und gar trügen. Aber die Tatsache würde Eindruck machen. Denn trotz aller antisemitischen Bewegungen, die in Oesterreich immer reichlich geblüht haben, ist es bekannt, daß die österreichische Judenschaft stets zu den staatstreuesten Elementen gezählt hat. Wir sind gezwungen, die unsere Existenz gefährdende, unverantwortliche antisemitische Hetze abzuwehren »nd uns zum Selbstschutz zu organisieren; aber wir bedauern,\ daß die österreichische Regierung nicht energischer für den Schutz der Juden eintritt, da gerade Oesterreich auch in dieser Hinsicht berufen wäre, an der Spitze der Staaten zu marschieren. Die Judenschaft muß. schon aus eigenstem Interesse sich zu Oesterreich bekennen, da' gerade Oesterreich seiner ganzen Struktur nach au den Staaten gehört, in denen das jüdische Volk ein seinem Wesen und seinen Bedürfnissen angemessenes Leben führen könnte. Oesterreich als Nationalitätenstaat kann nur gesunden, wenn es aus einem Bunde freier Nationen besteht. Etwas Neues und Großes soll hier geschaffen werden, ein ganz neuer Typus des Staates soll entstehen. Gerade dieser Typus des Staates ist mehr als irgend ein anderer geeignet, auch für die Juden eine Lebensmöglichkeit zu bieten. Freilich muß man die jüdischen Bedürfnisse anders auifassen. als es jetzt das offizielle Judentum tut. Die Juden müssen in Oesterreich a 1 s V-o 1 k ihre Rechte fordern und können nur auf. dieser Basis zu einer gerechten, unangefochtenen Stellung gelangen. Gerade weil wir hoffen können, im Rahmen des österreichischen Nationalitätenstaates als Volk zu leben und unsere nationalen Bedürfnisse zu befriedigen, gerade darum muß es aller Welt' klar sein, daß die Judenschaft schon nach der Logik der Tatsachen allen Grund hat, für die Erhaltung Oesterreichs einzutreten und an der Umgestaltung und dem Ausbau des Staatswesens werktätig mitzuarbeiten. Nur wenn wir unter diesem Gesichtspunkt unser Verhältnis zu Oesterreich betrachten und darlegen, wird es unzweifelhaft erscheinen, daß wir uns zu Oestereich bekennen. Auch hier gilt der Grundsatz, daß man dem Staate nicht durch Kriecherei und Heuchelei, sondern nur durch mannhaftes und aufrechtes Eintreten für die eigenen gerechtfertigten Interessen im wahren Sinne Dienste leistet. Das wird auch das offizielle Judentum einsehen müssen; es wird durch den Zwang der Entwicklung und der Ereignisse genötigt werden, umzulernen und seine Anschauungen zu revidieren, wie ja in dieser Zeit schon zahlreiche alteingewurzelte Anschauungen umgestoßen worden sind. Das offizielle Judentum hat durch die Resolution der Kultusgemeinde den ersten Schritt getan. Es wird dabei nicht stehen bleiben dürfen. Wir würden wünschen, daß es eine legitime, nach demokratischen Grundsätzen eingesetztte Gesamtrepräsentanz der österreichischen Judenschaft gäbe, die berufen wäre, eine wirklich aktive 4üsKscdie_Politik, zu machen.-ifSo lange-wir eine derartige Vertretung nicht haben — und es gehört auch zu den alten Sünden des offiziellen Judentums, daß diese Notwendigkeit bisher nicht erfüllt wurde — müssen wir Wert darauf legen, daß die jetzt bestehenden Körperschaften ihre Pflicht tun und in diesem so ernsten Zeitpunkt die Augen nicht davor verschließen, was wirklich notwendig, was wirklich im Interesse der Juden und ihrer Stellung im österreichischen Staate ist. Die Organisation der Juden, von der die Rede ist, muß auf nationaler Grundlage erfolgen, und die Juden müssen als Nation im österreichischen Nationalitätenstaate ihren Platz bekommen. Damit wird deutlich dargetan sein, daß die Juden mit Oesterreich verbunden sind, da nur dieses neue Oesterreich ihnen Möglichkeiten gibt, die ein einheitlicher Nationalstaat viel widerstrebender gewähren würde. Es hat lange gebraucht, bevor sich die Wiener Kultusgemeinde zu ihrem Schritt entschlossen hat. Es ist den Herren schwer gefalleu, sie mußten erst psychologische Widerstände überwinden Sie müssen auf diesem Weg fortfuhren und die Wahrheit verstehen lernen, auch wenn es ihnen schwer füllt. Eine aktive nationale jüdische Politik ist die einzige, die uns in Zukunit sichern kann und die auch für Oesterreich den einzigen Ausweg ehrenvoller Behauptung aus dem Konflikt der Judenirage weisen kann. Man darf gespannt sein, was auf diesen ersten Schritt folgen wird. Man wird aber nicht untätig zusehen dürfen. f~Moritz Güdemann ] Wer unbeirrt durch die Kämpfe, die vor nicht langer Zeit um die Person des nunmehr Verblichenen ausgeiochten wurden, den Lebensgang Güdemanns überschaut, wird jene Tragik wiederfinden. die fast allen bedeutenden Gestalten des Judentums aus der zweiten, Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eigen ist. Mit der freudigen Gewißheit dem sich assimilierenden Judentum die unerschütterliche Basis der Wissenschaft und damit des ewigen Bestandes bieten zu können, sind sie ausgezogen, um nach Jahren mehr oder weniger energisch geführter Kämpfe für dieses Ideal vor der Wirklichkeit zu kapitulieren, ohne auch nur den festen Willen zu haben, der fortschreitenden Abbröckelung des Judentums entgegenwirken zu wollen. Die Wissenschaft aber ist diesen Männern jener stille, umfriedete Bezirk geworden, in den sich ihre Liebe zum Judentum zurückgezogen hat und die bestenfalls als Waffenkammer dient allzu heftige Angriffe auf das Judentum. die von außen kommen, abzuwehren: als seien jemals" die Feinde des Judentums durch wissenschaftliche Argumente auch nur um einen Schritt zurückgedrängt worden Eine Einwirkung auf das innere Leben des Judentums aber ist ihnen selbst von diesem Gebiet aus versagt, denn das Judentum, das ihnen einmal ein reicher, lebensstarker Organismus war. hat sich für sie zur jüdischen Konfession verflüchtigt, die weder ein schöpferisches Element int Leben der Gemeinschaft. noch ein gestaltender Faktor für das Individuum sein kann. Eine große Hoffnung ist Moriz Oiideinann dem geistigen Zentrum gewesen, das sich am Breslauer Seminar um Heinrich Grätz und Zacharias Frankel gebildet hatte. In Hildesheim im Hannoveranischen 1835 geboren, erwarb er in Breslau nach eifrigen Studien auf allen Gebieten der Wissenschaft des Judentums sein Diplom als Rabbiner, um sofort eine Stelle in Magdeburg zu erhalten. Schon vier Jahre nachher. 1866. kam er als Prediger nach Wien, um 1868 Rabbiner und 1890 Oberrabbiner der größten ludengemeinde des Westens zu werden. Man wird zugestehen, daß ihm eine Position beschießen war. die mehr als irgendeine andere geeignet ist. die Ideen in die Tat umzusetzen, die seine Breslauer Lehrer als die Grundlagen einer jüdischen Entwicklung in Programinschritten und ihren wissenschaftlichen Arbeiten verkündet hatten. Der Beginn seiner Wiener Tätigkeit konnte allerdings als vielversprechend gelten, denn er stellte sich in heftigste Opposition gegen den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde. der aus dem Gebetbuch sämtliche Stellen streichen wollte, welche sich auf die Zionshoffnung des indischer Volkes beziehen, und drohte selbst mit der Niederlage seines Amtes: seinem Kampfe war auch Erfolg beschießen. Während aber dieses Ereignis längst vergessen ist. anerkennt die Wissenschaft rückhaltslos die Leistungen Güdemanns aui ihrem Gebiete. Nach einigen gelungenen Versuchen, welche u. a. die „Neugestaltung des Rabbinemvesens und deren Einfluß auf die talmudische Wissenschaft im Mittelalter“ und „Jüdisches im Christentum des Reformationszeiialters" zum Gegenstände haben, erschien 1873 mit dem Buche „Jüdisches Umerrichtswesen während der spanisch-arabischen Enache“ der Vorlauter der dreibändigen „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden“, die sich über die Jahre 1880—88 erstreckt und auch in einer von A. S. Friedberg besorgten hebräischen Uebersetzung im Verlag „Achiasai“ herauskam. Dieses Werk enthält bedeutend mehr als der Titel ahnen •ließe; es ist eine meist aus ersten Ouellen geschöpfte Entwicklungsgeschichte der Kultur der Juden Europas mit einer seltenen Kenntnis des jüdischen wie niciuiiidisciien Literaturinaterials und bis heute die beste kulturgeschichtliche Darstellung des mittelalterlichen Judentums: rühmenswert bleibt außerdem die lebendige und eindringliche Darstellung, die das Werk nicht allein zu einer interessanten Lektüre sondern zu einem unvergänglichen Bilde der inneren und äußeren Zustände macht. Mit den „Ouellenschriiten zum Unterricht und der Erziehung der deutschen Juden“ hat Güdemann wichtige charakteristische Texte zugänglich gemacht, die um so wertvoller sind, als eine Geschichte der jüdischen Pädagogik fast keine ausgesprochenen pädagogischem Schriftsteller vorfindet, sondern ihren Weg durch die ungeheuere Literatur des gesamten Mittelalters suchen muß. Eine ganze Anzahl weiterer wissenschaftlicher Leistungen Güdemanns hat vor allem apologetische Zwecke verfolgt, so seine 1890 erschienenen Beiträge zur Erklärung des Mathäusevangeliums. „Das Judentum in seinen Grimdziigen uni in seinen geschichtlichen Grundlagen dargestellt“ (1902) und sciibeßlich „Das Judentum im neutestamentlichen Zeitalter in christlicher Darstellung“ (1903). das sich gegen Boussets das Judentum tief herabsetzenden Geschichte der religiösen Zustände im Zeitalter Jesu Christi in scharfer Weise wendet. Die Krönung dieser abwehrenden Tätigkeit bildet die leider unvollendete „Jüdische Apologetik“, deren erster Band in den Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums im Jahre 1906 herauskam. Daneben hat Güdemann noch eine weitere Reihe kleinerer, zu Tagesfragen Stellung nehmender Schriften verfaßt, wozu ganz wenige veröffentlichte Reden dieses ausgezeichneten Kanzelredners gehören. Gerade dieser Teil von Güdemanns Tätigkeit, seine Bedeutung als Prediger, ist oft und gebührend gewürdigt worden. Uns Zionisten ist Güdemann zu einer besonderen Berühmtheit geworden: vor allem die jüngere Generation kennt ihn aus Herzls vehementer Antwort, die Güdemanns Streitschrift „Das Nationaijudentuin“ zuteil geworden ist: der Wiener Obeirabbiner hatte mit dieser Schrift in entschiedener Weise, es war im Jahre 1897. also in den Anfängen des Zionismus, gegen die nutionaliüdische Idee Stellung genommen, indem er dem Wesen des Judentums jede nationale Basis absprach und es lediglich als religiöse Erscheinung aufgefaßt wissen wollte. Die temperamentvolle "■nMM'iTiirrii iiirfTiiiir y'i p

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