Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Regierung in Zukunft gegen solche den Staat schädigende Agitationen energisch einschreiten?“ Deutschland + Ostjüdische Kunstkolonie ln Franken. Kürzlich von der „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler“ ausgegangene Veröffentlichungen bringen in Erinnerung, daß in Deutschland, und zwar im bayerischen Franken, eine ziemlich ausgedehnte, aus Polen heriibergekommenc Kunstkolonie der Ostjuden besteht. Als im 18. Jahrhundert die bis dahin glänzenden Verhältnisse der Ostjuden wesentlich eingeschränkt wurden, wanderten einzelne Gemeinden, aus und wandten sich nach Franken, der Heimat so vieler ihrer Vorfahren. (Man braucht nur an die Namen „Frank“, „Fränhel", zu erinnern.) Mit diesen Rückwanderern ging aber auch ihre Kunst nach der früheren Heimat. In kleinen Städten und Dörfern des oberen Maint'ales, so in Horb, Redwitz, in der Umgebung von Würzburg (zum Beispiel in Allersheim und Kirchheim), ferner in der Umgebung von Ansbach (Bechhoven) erbauten die aus Polen Vertriebenen schmucklose, nüchterne Bet-, Stuben, die außen scheunenartig, innen aber nach dem Vorbilde der ostjüdischen Gotteshäuser reich . bemalt wurden. Diese farbenprächtigen Innen- ' räume sind nun von dem Direktor des Düsseldorfer Kunstgewerbemuseums Frauberger im Aufträge der ,-,Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler“ aufgenommen worden. Bechhoven, das vollkommenste Beispiel, ist im Gegensatz zu den übrigen noch als Gotteshaus benutzt: die anderen Bauwerke sind dem Untergange geweiht. ln Würdigung des kunsthistorischen Wertes dieser Innenräume wurde jedoch Kirchheim •vom bayerischen Staat erworben und dem Luitpold-Museum zu Würzburg eingereiht. Von Bech- .hoven und Horb ist auch der Name des Baumeisters und Malers erhalten. Es war Elieser, der Sohn des Salomo Sußmann, der die Bauwerke streng nach dem Muster polnischer Vorbilder errichtete. Bezeichnenderweise sind aber t beim Außenbau bereits starke Anklänge an die deutsche Umgebung festzustellen. Rußland * Ausbleiben der amerikanischen Hilfsgelder für Litauen. Bekanntlich hat die amerikanische Regierung vor kurzer Zeit die Sendung der Hilfsgelder der amerikanisch-jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen für die litauische Judenheit untersagt. Das Ausbleiben der amerikanischen Gelder bedeutet für die litauische Judenheit geradezu eine Katastrophe. Von verschiedenen jüdischen Seiten sind Schritte eingeleitet worden, um die amerikanische Regierung zu , veranlassen, das Verbot auizuheben.. In der Tat besteht kein berechtigter Grund für dieses Verbot, da auf Grund der vor einiger Zeit durchgeführten Neuorganisation der Verteilung der Hilfsgelder dieselbe ganz in die Hände jüdischer Komitees gelegt ist, die vollkommen selbständig arbeiten, so daß die Garantie gegeben ist, daß dje Gelder in der Tat lediglich der armen jüdischen Bevölkerung zugute kommen. Die Bemühungen, die amerikanische Regierung zur Aufhebung des Verbotes zu veranlassen, haben bis jetzt noch zu keinem Ergebnis geführt. In diesem Monat sind bereits die amerikanischen Gelder ausgeblieben,. wodurch tausende jüdische Familien in die furchtbarste Not geraten sind. Dieser Zustand hat nun den Befehlshaber Ost veranlaßt, dem jüdischen Zentral-Unterstützungskomitee in Wilna zu Händen des Wilnaer Oberrabbiners Rubinstein den Betrag von Mk. 200.000.— zur Verfügung zu stellen, um der dringendsten Not steuern zu können. Man wird auch außerhalb Litauens in jüdischen Kreisen von diesem Akt der deutschen Verwaltung mit Genugtuung Kenntnis nehmen. + Das Departement für Volksbildung beim jüdischen Ministerium versendet ein Zirkular an sämtliche jüdischeKjemeinden der Ukraine, in dem die Gemeinden ersucht werden, dafür Sorge zu tragen, daß ihre Primarschulen in das allgemeine Schulgesetz eingeschlossen werden und danach eine entsprechende Unterstützung aus öffentlichen Mitteln erhalten. Auf der gleichen Basis müssen auch überall, wo es not tut, neue Schulen gegründet werden. * Neue Pogrome. Herzerschütternde Berichte über neue Judenpogrome kommen aus verschiedenen Teilen Rußlands. Im Städtchen L i s i n k a, unweit von Kiew wurden am 18. und 19. Juni .27 Juden getötet und 50 verwundet. Weiter kamen blutige. Ausschreitungen vor in Kokant', Kundan, Skobelow, Andan, Körte und Sadischanz. In einigen asiatischen Teilen Rußlands wurden Juden gezwungen, die mohammedanische Religion anzunehmen. Selbst im Kaukasus, wo man bis . jetzt wegen der geringen Anzahl der Juden keine Pogrome kannte, spielten sich beim Rückzüge des ■ russischen Militärs große Unruhen ab, bei denen viele Juden zum Opfer gefallen sind. Die Not der , jüdischen Bevölkerung spottet dort jeder Beschreibung. In Baku hat sich ein Hilfskomitee zugunsten der neuesten jüdischen Pogromopfer gebildet. Zweierlei Recht Montag nachmittags ging ich mit den Kindern der Donau entlang spazieren. Wir kamen gerade zur Landungsstelle Praterquai, als der von Budapest ankommende Dampfer anlegte. Interessiert ^blieben die Kleinen stehen. Ein schier endloser, nach Hunderten zählender, Menschenstrom entstieg dem Schiffe. Jeder einzelne mit Rucksäcken, Koffern’ öder Paketen belastet, viele mit großen Reisekörben. Niemand wurde von den „Finanzern“ beanständet. Ja, zwei, einen großen Wäschekorb tragende Männer freuten sich nicht wenig, das ganze Mehl und Fett glücklich. „hinüberbugsiert“ zu haben. Nachdem wir. noch, bei dem aus Linz angekommenen Dampfer das Gleiche beobachtet hatten, gingen wir weiter. Am nächsten Tage gegen Abend führte mich mein Weg durch die große Pfarrgasse. Von weitem schon sah ich einen Knäuel schreiender und lärmender Menschen. Grundsätzlich weiche ich solchen Ansammlungen aus. Diesmal aber zog es mich, wie magnetisch, der Ursache dieser Aufregung nachzuforschen. Ein polnischer Jude kniete vor einem Wachmann und bat ihn mit den flehendsten Worten, ihm doch seinen Pinkel, den er einen solch* langen Weg habe tragen müssen und der doch nur etwas Lebensmittel für seine kranken, hungrigen, elternlosen Enkel enthalte, frei zu geben. Aber das Auge des Gesetzes lachte und zerrte den alten, halb verhungerten Juden zur Wachstube. Für die Wiener war‘s a Hetz! Ich wollte einen verwundeten Freund im Grinzinger Kriegsspital besuchen. Dabei traf es sich, daß ich viele der nahezu zur Gänze von Schwerverwundetetj belegten Baraken durchschreiten mußte. Ich sah Czechen, Polen, Ruthenen und dazwischen sehr viele Juden. Aber nicht einen Deutschen. Wie wäre es, wenn der Mietling Jerzabek, bevor er wieder eine seiner verlogenen Verläumderreden vom Stappel läßt, die Kriegsspitäler durchwandern würde, statt um II Uhr nachts auf der Praterstraße in die Kaffeehäuser zu gucken? H a m a b b i t. Zionistische Bewegung Ein Opfertag Ueber Anregung des Zionistischen Zentralvereines Sektion II im Einvernehmen mit dem Exekutivkomitee konstituierte sich am 20. d. M. ein Komitee, das in den nächsten Wochen einen allgemeinen Oesterreichischen jüdischen Opfertag veranstalten wird, der folgenden Zwecken dienen soll: a) Förderung der Palästina-Hilfsaktion, b) Schaffung eines Fonds zwecks weiterer Ausbildung von jüdischen Kriegswaisen in Galizien und der Bukowina zu produktiven, gewerblichen und landwirtschaftlichen Berufen. Das Komitee wird in Bälde mit einem Appell an die gesamte österreichische Judenheit heran treten, um sie für die eminent wichtigen Zwecke des Opfertages — sowohl bezüglich .Linderung der gräßlichen Notlage, in welcher unsere palästinensischen Brüder des alten und neuen Jischub infolge der Kriegsereignisse geraten sind, als auch wegen der beruflichen Ausbildung von Waisenkindern nach unseren tapferen Kriegshelden— zu interessieren, und glaubt, der zuversichtlichen Hoifnung Ausdruck geben zu können, daß kein Jude, ohne Partei- und Standesunterschied, sich seiner Pflicht entziehen wird. Mitarbeiter, die an der Agitation und Organisation sich beteiligen wollen, mögen ihre Bereitwilligkeit und genaue Adresse bekanntgeben an das Komitee des „Oesterreichischen jüdischen Opfertages“ in Wien, II., Glockengasse 30. Büro-Ordnung des Wiener zionistischen Büros. Der allgemeine Parteienverkehr im zionistischen Büro, Wien, II., Zirkusgasse 33, wird von nun an auf die Stunden von 10 bis 12 Uhr vor^ mittags festgesetzt (außer bei anderweitigen Vereinbarungen oder m besonderen Angelegenheiten). Ferner wird gebeten, Zahlungen nach Möglichkeit nicht in Barem zu leisten, sondern per Posterlagschein auf Konto 47.115 zu erlegen. Erlagscheine sind vom Büro zu beziehen. Bei jeder Geldsendung bitten wir genau den Zweck anzugeben, durch Anmerkung auf dem Erlagschein (Schekel, Kriegsbeitrag, Palästinahilfswerk usw.). Das Bukowinaer zionistische Landeskomitee hat seine Tätigkeit in Czernowitz wieder aufgenommen und ersucht alle Gg„ die sich im Lande und außerhalb des Landes, im Felde aufhalten, ebenso alle früheren Leiter der Ortsgruppen, ihre Adressen unverzüglich dem Landeskomitee mitzuteilen. Die Gesinnungsgenossen in Czernowitz, die an der zionistischen Aktion mitarbeiten wollen, werden gleichfalls gebeten, ihre Adressen bekanntzugeben. Das Bureau des Landeskomitees befindet sich vorläufig Dr. Reissgasse 1 a. Wiener Nachrichten Der Schekeltag der Sektion II. Es war eigentlich der erste Wiener Schekeltag. Denn spezielle Schekeltage oder -wochen wurden bis jetzt in Wien noch nicht veranstaltet. Die junge Sektion. II, reich an Arbeitskräften, unterzog sich gerne dieser Aufgabe. Sie veranstaltete letzten Sonntag, den 21. Juli, in einer und derselben Zeit drei Schekel-Agitationsversammlungen, welche sich zu einer massenhaften Kundgebung für die zionistische Idee gestalteten, die in Entrichtung des Schekel an Ort und Stelle zum Ausdruck kam. Trotz der gegenwärtigen Abwesenheit eines großen Teiles der Bevölkerung und trotz herrlicher Witterung, die zu Ausflügen cinlud, war der große Saal des „Bayrischer Hoi“ bis zum letzten Plätzchen besetzt, wo Herr Löbl Taubes' in interessanten Worten über alle Phasen des Zionismus, deren erste auf die Zeit unmittelbar nach dem Untergange des jüdischen Staatswesens zurückzuführen sei, Rückschau hielt. Ihm folgte Herr Dr. Tisch, von stürmischem Beifall begrüßt, mit einem formvollendeten Vortrage über den jetzigen Stand der Bewegung. Währenddessen tagte im Arcosaale ebenfalls eine vielhundertköpfige Versammlung, in welcher zunächst Herr Dr. Plaschkes über unsere Erfolge sprach und hernach Herr Adolf S t a u d eine einstündige Rede hielt, worin er sich selber übertrai. Die Schekelzahler, meinte Redner, seien diejenigen, die unser Land fordern. Soviel Zahler, soviel Mahner. Drei Hauptfonds schufen unsere Kongresse, wovon die Kolonialbank als der reichste gedacht wäre, der Nationalfond zum beliebtesten würde und der Schekel der wichtigste sei. Indem die anderen Fonds Geld bedeuten, bedeutet der Schekel Menschen. Es seien somit hunderttausend neue Schekelzahler mehr als ein neuer Fond von hundert Millionen, welch letztere an sich sehr wichtig sein mögen. Wenn jedoch Menschen, so brauchen wir nur ganze Menschen, und so sei ein Zionist, der die Disziplinlosigkeit begeht, keinen Schekel zu bezahlen, noch immer besser als zehn Schekelzahler, die keine Zionisten sind. Unter nicht endenwollendem Beifall schloß der Redner seine trefflichen Ausführungen. Im 20. Bezirke sprach Herr Dr. Arnold Friedmann vortreiilich über unsere Errungenschaften in Palästina, die er mit eigenen Augen wahrzunehmen Gelegenheit hatte, worauf Herr Dr. Chaim Tartakower einen interessanten Vortrag über die Pflicht des Zionisten und Juden hielt. S. P. Amtsantritt des Oberrabbiner-Steilvertreters Prof. Dr. H. P. C h a ] e s. Der neuberufene stellvertretende Oberrrabbiner der Israelit. Kultusgemeinde Wien, Prof. Dr. H. P. C h a j e s, wird seine Tätigkeit Samstag, den 3. August 1. J., beim Morgen-Gottesdienste im Stadttempel beginnen. Nähere Mitteilungen werden folgen. Zionistischer Frauenverein. Sonntag, den 28. Juli 1918, um präzise 10 Uhr vormittags, findet im Theater „Neue Wiener Bühne“, IX. Wasagasse, eine Wohltätigkeitsmatinree statt. Einleitende Worte in deutscher Sprache. Zur Aufführung gelangen in jüdisch ej Sprache, dargestellt von Mitgliedern der „Jüdischen Bühne“, „Zyrikgekimen“ von Schalom Asch und „Menschen“ vom Schalom Aleichem. Die Aufführung einiger hervorragender Bühnenwerke der jüdischen Literatur im Rahmen eines modernen Theaters gibt hier auch Fernstehenden Gelegenheit, diese jüdische Produktion, nach Wert und Eindruck unbefangen, auf sich wirken zu lassen. Kartenvorverkauf: Tageskasse der „Neuen Wiener Bühne“, Buchhandlung Löwit, I. Rotentu'rmstraße 22, Zionistisches Bureau, II. Zirkusgasse 33. Vortrag. In den, Räumlichkeiten der Sektion II, II., Glockengasse 30, findet Samstag, den 27. d. um 7 Uhr abends ein Vortrag des Herrn A. M. Gelber über Zeitfragen statt. Gäste, Damen und Herren willkommen. Berichte und Korrespondenzen Drohobyczer Brief Drohobycz, im Juli 1918. Letztens fand im Saale des „Jüdischen Hauses“ die Generalversammlung der zionistischen Ortsgruppe statt. Nachdem der bisherige Obmann des zionistischen Lokalkomitees einen kurzen Bericht über die Tätigkeit erstattet hatte, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, an der sich viele Anwesende beteiligten. Hieraui trat man zur Wahl eines neuen Komitees mit dem Gg. Dr. Leon Tannenbaum an der Spitze. Wir wollen hoffen, daß die neugewählte Verwaltung eine rege Tätigkeit entfalten wird. Die erste wichtige Arbeit war die Veranstaltung einer S c h e k e 1 w o c h e. die sehr günstig ausgefallen ist. Es wurden in verschiedenen Bethäusern Versammlungen abgehalten, auf denen die Herren Dr. Leon Tannenbaum. Moses Tannenbaum, Dr. Simon Lustig, Alter Hauser, Rabbiner Dr. Bernard Schreier, Mechel Rotenberg und Dr. Berisch Rosen über die jetzige Lage im Judentum referierten. Beinahe 400 Schekelzahler wurden geworben. Außerdem wurde eine Frauenversammlung veranstaltet, auf der die Herren Dr. Korne! Alter und Moses Tannenbaum über die Aufgaben der jüdischen Frauen in der Gegenwart sprachen. Der neue gegründete Verein „Jischub Erez Israel" trat bis nun leider noch nicht zu einer regen Tätigkeit vielleicht iniolge der Abwesenheit des Obmanns des ehrwürdigen Rabbiners Schapira. Wir hoffen, daß der Ausschuß des obgenannten Vereines sich baldigst mit einer programmatischen planmäßigen Arbeit befassen wird, sonst wäre die Gründung gänzlich verfehlt. Der Verein „Theodor Herzl“ scheint sich sehr gut zu entwickeln. Zweimal wöchentlich finden Zusammenkünfte der Mitglieder statt. Jeden Dienstag erstattet der Gg. Ornstein Max Bericht aus der Presse und jeden Samstag trägt der Vorsitzende des Vereines Gg. Moses Tannenbaum über dte geschichtliche Entwicklung des Zionismus vor. Es muß noch angemerkt werden, daß fast alle Mitglieder hebräisch lernen. Die hebräische Schule entwickelt sich unter .der tüchtigen Leitung des Herrn Kramrisch sehr rasch; sie>, zählt gegenwärtig gegen 400 Schüler und Schülerinnen. Außerdem' lernen noch Ln der Schule gegen 100 Gymnasiasten und Schomrim. In raschem Tempo geht auch die Entwicklung des Vereins „Haschomer“ vor. Er zählte letztens gegen 300 männliche und weibliche Mitglieder. /