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Jüdische Zeitung · 1918-07-12 · 28 (12.7.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang — Nr. 28 Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Br. 45-325 Naiional~jüdifche$ Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wien, Freitag, den 12. Juli 1918 — 3. Aw 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 2T, Einzelnummer 40 A Postsparkassenk'onto 133.404 Verhandlungen mit der türkischen Regierung (Telegramm der „Jüd. Ztg.“.) Berlin. Auf Einladung der türkischen Regierung haben sich kürzlich Vertreter’ des zionistischen Aktionskomitees, der „Viod“ und der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“ nach Konstantinopel begeben, um mit der türkischen Regierung in Verhandlungen über die Wünsche der Juden hinsichtlich der Kolonisation Palästinas einzutreten. Zu welchem Resultat die Verhandlungen führe.n werden, ist bisher noch nicht zu übersehen. Auf türkischer Seite besteht offenbar-der Wunsch, den jüdischen Forderungen möglichst entgegenzukommen. Schon die Einladung an die oben erwähnten jüdischen Organisationen spricht von der Bildung eines „jüdischen Zentrums“. Anderseits ist die Prüfung der von jüdischer Seite vorgebrachten Vorschläge im einzelnen noch nicht erfolgt. Vielmehr wird die türkische Regierung voraussichtlich hiezu eine besondere Kommission ernennen. , Parlamentstagunr Es gibt Skeptiker, die noch immer nicht glauben, daß die Abgeordneten der österreichischen Völker sich wirklich in einigen Tagen wieder versammeln sollen. Seitdem Herr Seidler das Haus geschlossen hat, sind die Verhältnisse, nicht günstiger geworden. Die Lage ist so unklar wie zuvor und wird täglich verwickelter. Eine Mehrheit für die Regierung ist bisher nicht vorhanden und die Völker haben keine Sympathie für Herrn von Seidler, solange nicht ein ernster Wille sich zeigt, aus Halbheiten herauszukommen und wirklich den Staat nach den Bedürfnissen der Völker auszugestalten. Jedesmal, wenn das Parlament Zusammentritt, wirbelt das ganze österreichische Chaos durcheinander. Es wird wieder offenbar, wie wenig der Staat seinen Anforderungen gerecht werden kann, bevor nicht die Verfassung den heutigen Verhältnissen entsprechend ausgebaut ist; die Revision der Verfassung kann aber nur in einer Richtung erfolgen: in der Statuierung der Autonomie der Nationen mit Schutz der nationalen Minoritäten. Eine große Menge Stoff hat sich seit der letzten Session aufgehäuft, der Besprechung und ernste Beratung erheischt. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen die Fragen der Volksernährung und der Wirtschaftsorganisation. Das Volk will Aufklärungen über die Notwendigkeit und die Ursachen der letzten drückenden Maßnahmen. Ferner ist das Volk beunruhigt infolge der Unklarheit der außenpolitischen Situation, insbesondere des Verhältnisses zu Rußland und der Ukraine. Alle österreichischen Völker haben nur einen dringenden Wunsch: Frieden. Und die Volksvertreter werden die wichtigste Pflicht haben, zu prüfen, ob die österreichische Politik geeignet ist, uns diesem ersehnten Ziel näherzubringen. Es ist kein Zweifel, daß die außerpolitischen Fragen einen großen Raum in den Debatten einnehmen werden, zumal der Friede mit Rumänien und die Ratifikation des Brester Friedens gewiß dazu Anlaß bieten. Die Juden sind in vielfacher Hinsicht an den Beratungen des Parlaments interessiert. Nicht nur darum, weil auch das jüdische Volk, das zu den staatstreuesten gehört, eine Konsolidierung der österreichischen Verhältnisse wünscht und daran nutarbeiten will; nicht nur, weil auch die Juden wie alle Menschen unter den drückenden Lasten des nicht - endenwollenden Krieges leiden, sondern weil auch spezifisch jüdische Angelegenheiten werden erörtert werden müssen. In erster Linie wird es Sache der jüdischen Abgeordneten sein, wegen der wachsendenan/tisem i tische« Bewegung zu. interpellieren." Die Ausschreitungen in Galizien, bei denen Leben und Eigentum jüdischer Bürger den entfesselten Instinkten bestialischer Massen schutzlos preisgegeben sind, werden von der Regierung zu verantworten sein. Auch der Krakauer Pogrom konnte infolge der Parlamentspause noch nicht vor das Haus gebracht werden. Es wird nötig sein, daß der ganze Ernst dieser Vorgänge, die Oesterreichs Ruf in der Welt verderben und die öffentliche Sicherheit überhaupt gefährden, im Volkshause eingehend dargestellt wird und von der Regierung Schutz- und Abwehrmaßnahmen gefordert werden. Bel dieser Gelegenheit wird sich wieder zeigen, welche Völker und Parteine es wagen, die antisemitische Propaganda zu billigen oder gar offen in ihr Programm aufzunehmen. Bei Besprechung des rumänischen Friedens werden auch die mangelhaften Bestimmungen über die Lösung der Judenfrage erörtert werden müssen, die auch im deutschen Reichstag diskutiert worden sind. Auch hier wird die Stellungnahme der Parteien von charakteristischer Bedeutung sein. Das wichtigste und aktuellste Problem der inneren Politik ist gegenwärtig die polnischgalizische Frage. Es kann bezweifelt werden, daß die vielbesprochene Teilung Galiziens wirklich in so kurzer Frist, wie den Ukrainern angeblich zugesichert wurde, durchgeführt wird. Gegenwärtig verlautet, daß eher eine Art Kreiseinteilung nach böhmischen Muster in Galizien in Aussicht steht. Sicher ist, daß die Verfassung und Verwaltung Galiizens vor einer Wandlung steht, und die Juden als dritte Nation des Landes und nicht unwesentliches Bevölkerungselement müssen bei dieser Gelegenheit aut der Wacht sein, damit ihre Lebeusinteressen nicht verletzt werden. Es wird notwendig sein, daß die Vertreter der jüdischen Nation ihre Forderungen nach nationalen Minderheitsrechten mjt allem Nachdruck geltend machen. Wenn wir nicht geschlossen für unsere Rechte einstehen, so werden die wichtigen Veränderungen ohne uns vollzogen werden, und die jüdische Sache wird unwiederbringlichen Schaden leiden. Es wird letzten Endes nur von der Intensität unseres politischen Wollens abhängen, ob wir als Faktor in das politische Kalkül eingestellt werden, oder ob man über uns zur Tagesordnung übergehen wird. Bei der Lösung der galizischen Frage muß das gesamte Judentum, auch das Judentum Westösterreichs, für die Respektierung der jüdischen Lebensnotwendigkeiten geschlossen eintreten. Die Pogromhetze in Polen Eine „kleine Anfrage“ Im deutschen Reichstag. BerBn, 8. Juli. Die sozialdemokratischen Abgeordneten C oh e n (Reuß) und N o s k e haben im Reichstag folgende kleine Anfrage an den Reichskanzler gerichtet: „Nach zuverlässigen Nachrichten waren in Warschau und Lodz Anfang dieses Monats Aufrufe angeschlagen, die in unverblümter Weise zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung aufforderten. Es heißt in diesen Aufrufen u. a.: „Jüdische Banden plündern Polen! Durch ihre Hände nimmt die Okkupationsmacht alles, was sie will. In dem Bestreben, die Spuren dieser vernichtenden Arbeit zu verwischen, säen die Juden Unfrieden zwischen uns, rufen in unseren Reihen Streitigkeiten hervor, organisieren den Bürgerkrieg. — — — Man muß diese Bande vertilgen! Diesen Juden muß man eine Lehre geben. Sie sollen wissen, daßdieStrafesieereilenwird.- Zum Kampf, Polen! Schützt unser Land, Polen!“ Drei Tage lang konnten diese aufreizenden Schriftstücke an allen Ecken und Enden der beiden genannten Städte prangen, bevor sie entfernt wurden, während die Polizei sonst die Beseitigung unerwünschter öffentlicher Aufrufe im Handumdrehen zu bewerkstelligen weiß. Den jüdischen Zeitungen Polens wurde von der Zensur verboten, irgend etwas über diese Pogromplakate zu schreiben, während der polnischen in Lodz erscheinenden Zeitung „Nowy Kurjer Lodzki“ nicht nur gestattet war, die Aufrufe im Wortlaut wiederzugeben, sie konnte noch dazu sagen: „Der Inhalt d i e s er«A u i r u f e entspricht der Stimmung der polnischen Masse n.“ Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, damit unter den Augen der deutschen Besatzungstruppen derartige den inneren Frieden in Polen gefährdende politische Mittel, die den Methoden des korrupten ehemaligen zaristischen Systems entnommen sind, nicht mehr angewendet werden können? Ist der Herr Reichskanzler bereit, auch im Interesse Polens selber, seinen großen Einfluß auf die polnische Regierung dahin auszuüben, daß diese für die Folge energisch gegen die Urheber von Pogromaufrufen vorg e h t und nichts unterläßt, was die Wieder- _ holung solch beschämender Vorgänge zu verhindern geeignet ist?“ Leider wurde nicht nur den jüdischen Zeitungen in Polen, sondern auch bei uns von der Zensur eine Erwähnung dieser skandalösen Vorfälle verboten. Unsere diesbezüglichen Meldungen aus Warschau wurden in Nr. 24 der „J. Z." von der Zensur unterdrückt. So kommt es. daß unsere Leser erst durch die Interpellation im deutschen Reichstag Kenntnis von diesen Vorgängen erhalten, die ein charakteristisches Licht auf die verhetzende Propaganda werfen, die insbesondere von polnischer Seite jetzt oiten betrieben und dann von den polnischen Führern gewöhnlich mit der Miene eines unschuldigen Kindes abgeieiignet wird. Forderungen Von Eugen Hoeilicb. I. Abgesehen von der Conditio sine qua non einer gegen jedwedes Eindringen merkantilistischer Einflüsse gerichteten Tendenz erfordert jede jüdische- Gemeinschaft in Palästina, die auf der Basis eines echten, in allen Aeußerungen und Innerungen durchaus jüdischen Geistes gegründet ist, Einrichtungen die nicht am grünen Tisch in Europa erwogen, bemessen und dekretiert werden, sondern solche, die den Bedingungen des Landes gleicherweise wie dem Geiste dieser Gemeinschaft entbunden sind: Es geht nicht an, daß von einem Komitee in Europa, das meistenteils aus Leuten besteht, die das Land entweder gar nicht oder aber nur als Turisten flüchtig kennen, die Bauart der Kolonistenhäuser die Araber- Politik, der Lehrgang in den Schulen oder die Einführung eines neuen Pfluges bestimmt wird. Es haben die Vertreter des jüdischen auf Palästina gerichteten Gedankens in Europa nichts weiter zu tun; als darüber zu wachen, daß die Zusammenhänge zwischen dem palästinensischen und dem ausländischen Judentume nicht verloren gehen, die Hindernisse, die der Gemeinschaft in Palästina vom Auslände her drohen aus dem Wege geräumt und die Mittel zur Verfügung gestellt werden, seien es nun geistige oder ökonomische, die das Land heute noch nicht atifbringen kann. Man täte schlecht an der Sache, wollte mail das heutige jüdische Palästina kritiklos ohne Widerspruch in sein Erleben aufnelimen: es ist wertvoller diesen oder jenen sonst hochverdienten Pionier zu kritisieren, als Schlechtes zu verschleiern, sei es, um die Propaganda nicht zu stören und Mitläufer der fdee nicht kopfscheu zu machen oder sei es aus der Ansicht heraus, daß das Erlebte nur Anfänge darstelle, denen bessere Fortsetzungen folgen würden. Die Verwirklichungen der aui Palästina gerichteten jüdischen Idee erfordert Taten, die ein in aller Mensehengesehichte durchaus Neues darstellen sollen und müssen. Taten, die keine andere geistige Basis haben, als den jüdischen Geist, die in keinen früheren Versuchen Fußpunkte suchen können, Taten zu einer Kolonisation, die grundverschieden ist, von allen Kolonisierungen, die von europäischen Staaten je in überseeischen Ländern unternommen wurden. Man darf, wenn man an jüdische Kolonisationsarbeit herangeht, nie attßeracht lassen, daß es sich hier nicht um die Gründung. Verwertung. Exploitieriing eines von einer Macht usurpierten Landes handelt, um Werteschaffung für ein Mutterland; man muß stets eingedenk sein, daß die jüdische Koionisatioir'Tiicht die Aeußerung des Expansionsdranges irgendeiner europäischen (ökonomischen, staatlichen oder geistigen) Macht aut ein neues Land bedeutet, sondern im Gegenteil die Konzentrierung aller Potenzen eines Volkes in einem alten Lande; man muß stets erkennen, daß die Machtmittel auch theoretisch durchaus andere sind, als bei der rein ökonomischen Kolonisation, daß es in diesem Falle in . keiner Beziehung ein Anlehnen an ein Mutterland gibt, weil eben ein Mutterland konsolidiert. kolonisiert, wiederrichtet werden soll. Die Geschichte aller Kolonisanonsbestrebungen Europas ist die Geschichte brutalen Machtbetonens wirtschaftlich höher stehender Staat-

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