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Jüdische Zeitung · 1918-06-21 · 25 (21.6.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
25 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang. — Nr. 25 National'jüdifches Organ Redaktion und Administration: Wien II., Zirkuagasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 21. Juni 1918 — II. Thamus 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 k Postsparkassenkonto (33.404 Zionistisdier Zentraluerein und Hrbcifsgruppe fler iuöistfacn Stuflentensdiall Osterreidis. Montag, den 1. Juli im großen Konzerthaus-Saal H ERZL-FEI ER. Programm: Hebräische Ansprache: Ludwig Bato. Herzl als Künstler: Felix Salten. Mitwirkende: Prof. Wolf und andere hervorragende Künstler. Karten bei Kehlendorfer, Krugerstraße, Buchhandlung Löwit, Rotenturmstraße und im Zentralbureau, II., Zirkusgasse 33. Zum deutschen Volkstag Wir leben in einer Zeit der schwersten Not. Die Brotration ist auf ein Quantum herabgesetzt, von dem kaum ein Mensch leben kann, andere Nahrungsmittel sind auch nicht vorhanden, eine Besserung ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Das einzige, was vielleicht eine Besserung .bringen könnte, ist der von allen Völkern, von allen Menschen der Welt mit schmerzlichem Bangen herbeigesehnte Friede. Und trotzdem ist keine Aussicht, daß das gegenseitige Zerfleischen : der Völker ein Ende nimmt. Man sollte annehmen, daß in einer solchen Zeit die Menschen sich zu- ' sammentun, um in der schrecklichen Lage einander zu helien, um zu mildern, Not zu lindern und ' zu erkennen, daß Feindschaft, Haß, Machtgier und Gewalt an einen Abgrund’führen, *in dem die ganze Menschheit stürzt, daß die Rettung nur in der Erneuerung der Gesinnung der Menschlichkeit liegen kann. Wer so dächte, würde grausam irren. Die gequälten, aller Scheußlichkeiten müden, von Ekel und Ueberdruß verzehrten Menschen zeigen keinen Wunsch, besser zu werden und zu bessern; sie Jcennen nur Verbitterung und neuen Haß und ‘.neue Scheußlichkeit. Die verwerflichste und niedrigste Gesinnung feiert auf den Ruinen der Menschheit ihre Triumphe. ‘ Für den Krieg gibt es heute keine Begeiste- : rung mehr. Man sucht'ein Objekt, gegen das man wieder mit Begeisterung kämpfen kann. Dieses Objekt ist seit Jahrhunderten bei allen Welt- Katastrophen das gleiche. Es ist das Volk, das als unheimlicher Geselle mit den 'Völkern lebt, das wehrloseste aller Völker, gegen das stets offen oder latent eine Flut des Hasses bereitliegt. Die Hetzer,' die auf die rechte Stunde lauern, halten diese Stunde für gekommen. Es gibt für diesen Haß keine Erklärung, keine Widerlegung und keine Abwehr. Er ist ein elementares Phänomen, vor dem wir staunend ratlos, fassungslos dastehen. Darum sind wir immer wieder verwundert, wenn man Gründe hervorholt und dem Kampf gegen die Juden den Schein einer Berechtigung ■ verleihen will. Die widersprechendsten Vorwürfe werden erhoben. Die Juden als Kriegsverlängerer und Kriegshetzer — die Juden als schwächliche Pazifisten; die Juden als Drückeberger und Va- ■ terländsfeinde — die Juden als feige Regierungsknechte. Die Juden als Kapitalisten, die Juden als Sozialisten — kurz je nach Bedarf wird den Juden die Schuld an allem Unglück gegeben. Was nützt da alle Statistik? Was nützt der Nachweis der niciitjüdischen Wucherer und Volksverräter? .Der Haß ist da und will sein Opfer haben. Die antisemitische Bewegung, die überall in : letzter Zeit bedrohliche und gefährliche Formen angenommen hat, wird immer stärker und allgemeiner. Sie verbreitet sich lawinenartig und die Juden werden gut tun. auf der Hut zu sein. Nicht nur in Rußland, Turk’estan und der Ukraine, nicht nur in Polen und Galizien haben Pogrome stattgefunden, nicht nur dort steigt die antisemitische Welle Immer höher, sondern auch bei uns, in unserer nächsten Nähe in Deutschland und in Oesterreich. Man müßte blind sein, wenn man . das nicht sähe. Aber die Juden lassen sich gern einschläfern und wollen nicht sehen. Sie werden von Zeit zu Zeit aufgeweckt. Der deutsche Volkstag. der vorigen Sonntag in Wien im schwarz-rot-gold beflaggten Rathaus getagt hat. war eine empörende Herausforderung der Juden. Es wurde in einer unverschämten '.und unverfrorenen Weise buchstäblich zum Pogrom in Wien aufgefordert, wie es bei einer derartigen offiizell gestempelten Veranstaltung noch nicht der Fall war. An. sich legen wir dieser Zu- .. sammenkunft der Deutschnationalen und Christlichsozialen Bierbankpolitiker keine allzu große Bedeutung bei. Aber dieser Volkstag ist ein Symptom und es darf auch nicht übersehen werden, was für einen Eindruck derartige Kundgebungen auf das ausgehungerte, mißvergnügte, : nach Befriedigung seiner Rachegelüste verlangende Volk machen. Wenn der Abgeordnete Wolf und der Landesausschuß Kunschak, beide Personen von höchst zweifelhaftem Charakter und nicht übermäßiger Bildung, judenfeindliche Hetzreden halten, so ist das aus dem Wesen dieser Individuen erklärlich. Wenn aber der Bürgermeister von Wien den Vorsitz führt und der Regierungsvertreter rahig anhört, wie von offizieller Stelle aus in der blutrünstigsten Weise zum Pogrom auf die jüdische Bevölkerung auigefordert wird, wenn der Kunschak unwidersprochen die Kürzung der Brotration als „eine traurige Folge des jüdischen Wuchers“, als eine Schuld der Juden hinstellt, und der Regierungs- Vertreter dazu schweigt, so macht sich die Regierung an diesem Treiben mitschuldig. Man hat bei diesem Volkstag den deutschen Charakter Oesterreichs und Wiens betont und verteidigt. Man hat gegen alle nichtdeutschen Nationen, die die Majorität der Bevölkerung Oesterreichs bilden, den scharfen Kampf proklamiert und sie beschimpft. Es darf niemanden wundern, daß diese Politiker und traurigen Volksvertreter in ihrem beschränkten HorizonL.nicht. verstehen, was das Wesen des österreichischen -Staates Ist;'die weltgeschichtliche Entscheidung dieser Stunde wird sich um die Resolutionen im Wiener. Rathaus wenig kümmern. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Kampfe gegen die anderen Nationen und dem Kampfe, der gegen die Juden geführt wird. Und keine Nation steht den Angriffen so naiv, so unvorbereitet und unorganisiert gegenüber wie die Judenschaft. Der Volkstag war gut vorbereitet. Es war ein Flugblatt ausgegeben worden, in dem in derselben Weise. wie in Kunschaks Rede gegen die Juden gehetzt und zum Pogrom aufgefordert wurde. Wer die Geschichte der politischen Entwicklung in Oesterreich kennt, dem wird die bedingungslose Verbrüderung der Deutschnationalen und der Christlichsozialen mindestens ein wenig pikant Vorkommen. Sie ist überhaupt nur zu verstehen, wenn man weiß, daß das starke, alle Gegensätze überbrückende Bindemittel der Antisemitismus ist. Die Trümmer der liberalen Partei wird man vergeblich suchen. Die gesamte liberale Großpresse Wiens hat nicht ein Wort der Verurteilung für dieses Treiben gefunden. Sie hat zum Teil geschwiegen, zum Teil über den Volkstag berichtet und dabei die antisemitischen Vorfälle unterschlagen. Sie muß deutschloyal sein. Daß durch dieses Verhalten nicht nur ' dem Deutschtum-, sondern auch Oesterreich ein schlechter Dienst erwiesen wird, weil das unvermeidliche Bekanntwerden der Szenen im Wiener Rathaus keineswegs zur Hebung des Ansehens Oesterreichs in der -Welt beitragen wird, wird nfcht bedacht. Für "ns Juden aber ist es von Wichtigkeit fesfzustellen. daß keine Stimme sich zum Schutze der Juden erhoben hat. So sieht es mit der liberalen Judennresse aus. So sieht es mit den liberalen, assimilatorischen Juden aus. deren einziger jüdischer Programmpunkt stets die ■ „Abwehr des Antisemitismus“ war. Wir haben stets die Ansicht vertreten, daß . der Antisemitismus eine Erscheinung ist, der ge- . genüber eine Abwehr ein absurdes und hoffnungsloses Beginnen ist. Wir. die stets für eine Selbstbesinnung der Juden und ein Eintreten für ein gesichertes und freies Leben des jüdischen Volkes auf eigenem Boden eingetreten sind — nicht weil es einen Antisemitismus gibt, sondern weil wir ein eigenes, nach unserem Geiste und unserem Bedürfnis gestaltetes Leben des jüdischen Volkes ersehnen — wir wissen, daß die einzige Rettung für uns nicht in einem Protest gegen - die Beschimpfungen. Feindseligkeiten und Angriffe bestehen kann, sondern nur darin, daß wir unser jüdisches Volk gesund machen. Die Judenfrage ist zunächst und vor allem eine innere jüdische Angelegenheit. Aber wir wissen, daß es in unseren Reihen noch Leute gibt, die ihr Ideal in einer Anpassung an die Völker unserer Umgebung sehen and die nur möglichst unerkannt unter den Völkern leben wollen. Man erinnert sich noch der Zeit, der ach so lange entschwundenen Zeit der II. Kreis (Westösterr.) der Jüdischen Turnerschaft JüOiidies turn: u. Sportwelt der Damen:, Zöglings: und Rinder:fl6teilnngen Sonntag, den 23. Juni 1918 zu Gunsten der „Hilfsaktion für Palästina“ Nachm. YaSUhr: Sportveranstaltungauf denillakoah- Sportplatz (Floridsdorf) Abends 7 Uhr: Schauturnen im großen Konzerthaussaale. Näheres im Innern des Slsttes. Freia der Karten: K 2.— bis K IO-—. Kartenvorverkauf Bilro der JUd. Turnerschaft, 11. Zirkusg. 35, jüdisches Jugendheim, II. Obere Donaustra e 91. Buchhandl. R. Löwit, I. Roieniurmsiraße 22. ersten Begeisterung bei Kriegsneginn; damals wähnten Toren, daß nun eine Zeit der Versöhnung und Cer Liebe zwischen den Völkern hereingebrochen ist. Es gab keine Parteien mehr, keine Gegensätze zwischen den Bürgern des Staates, die gemeinsame Gefahr und der gemeinsame Krieg sollten die Gegensätze auslöschen. Damals meinte man, daß auch der Antisemitismus für alle Zeiten geschwunden sei. Die Juden zogen in den Krieg mindestens mit der gleichen Begeisterung wie alle anderen Völker und bei ihnen gesellte sich zu dem Gefühl der Größe der Stunde noch die trostreiche Hoffnung, daß die Schmach des Judentums jetzt für immer getilgt werden wird. Unzählige Juden sind seither gefallen, unzählige zu Krüppeln geschlagen, die jüdischen Massen großer Provinzen haben alles verloren und mußten als bedauernswerteste Kriegsopfer in Elend und fürchterlichen Schrecken ihre Heimät fluchtartig verlassen, Greise, Frauen und Kinder in großer Zahl mußten umkommen. Aber die da meinten, daß jetzt wenigstens eine bessere Zeit für die Juden bevorstehe, und daß diese Märtyrer nicht nur für den Staat, sondern auch für das Judentum gelitten haben, sind grausam getäuscht worden. Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, sondern er ist kräftiger als je. Der Antisemitismus wird nicht verschwinden, so lange die Juden im Golus sind. Aber so sehr wir vor aller Welt die gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen zurückweisen, so sehr wir vor dem Richterstuhl Europas und der Geschichte die unerhörten Bestialitäten brandmarken, die gegen Juden verübt werden, so sehr wir als Staatsbürger entrüstet sind, daß die Regierung die judemcindlichen Tendenzen fördert, so sehr wir uns selber zum Schutze rüsten und entschlossen sind, uns zu verteidigen — sc müssen wir doch vor allem Anklage erheben gegen jene Juden, die heute noch abseits stehen, wo es die Sache des jüdischen Volkes gilt. Wir fordern, daß das ganze Volk sich zusammentue und organisiere, daß es sein Leben selbst bestimme, daß es sich seine Stellung in der Welt und unter de Völkern erarbeite. In dieser kritischen Situation darf es kein Schwanken, kein Versteckenspielen, kein Nachlaufen fremden Idealen mehr geben. Die Zeiten sind zu ernst, als daß man weiter Spiegelfechterei treiben und Wortgefechte führen könnte. Die Juden, die letzt nicht entschlossen bei ihrem Volke stehen, begehen schmählichen Verrat. In dieser Zeit der schmerzlichen Umwandlung der Welt muß man auch alte Lieblingsgedanken aufzugeben im Stande sein, und darf sich nicht gegen offenbare Wahrheiten sträuben. Die Wahrheit aber ist, daß dem jüdischen Volke nur aus einem gesicherten, freien, seinem Wesen gemäßen, von ihm selbst bestimmten, jüdischen Leben Heil erwachsen kann. Für diese Aufgabe hat jeder Jude zu arbeiten. Der Schekel ist der Grundstein der zionistischen Organisation. Die Zahlung des Schekels (K 2.—) ist das erste Bekenntnis zum Zionismus. Entgegennahme im Zion. Bureau. Wien, II Zirkusgasse 33. .

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