Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 22 (31.5.1918)
- Date
- 1918-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. — Nr. 22 National-jiidifdies Organ Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 31. Mai 1918 — 20- Ssiwan 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 ÜT, Einzelnummer 4» h Postsparkassenkonto 133.404 Palästinaarbeit und Lanöespolitik Von Dr. Leon Reich Mit den nachstehenden Ausführungen greift unser bekannter, führender galizischer Gg., der durch persönliche Umstünde an d r Teilnahme an den gaiizirchen Parteiberatungen verhindert ift, in die Diskussion des meiftumrtrittencn Punktes ein. Indem wir seinem Aufsa& Raum geben, wie wir auch in Hinkunft eine fachliche Diskussion rtets zu fördern bereit find, brauchen wir nicht erft zu bemerken, daß Dr. Reich feine persönliche Anfcha.iung zum Ausdruck bringt, von der die der Redaktion in manchen Punkten abweicht. Die Red. Bei der jüngstens in Lemberg abgehaltenen zionistischen Vertrauensmännerkonferenz traten Erscheinungen zu Tage, diesen alten Prinzipienkonflikt, der viele Jahre vor dem Kriege und bis zu dessen Ausbruch wie ein Bleigewicht am Arbeitsprogramm der zionistischen Organisation in Galizien hing und jedwede regere Tätigkeit im Lande lähmte, wieder aufrührten. Ich werde an einer anderen Stelle versuchen, den Verlauf der Beratungen und deren Bedeutung und Ergebnis kritisch zu beleuchten. Allein schon hier möchte ich feststellen, daß das, was auf der Konferenz beschlossen wurde, vielmehr jedoch das, was nicht beschlossen wurde, davon zeugt, daß die Wortführer der Konferenz ■sich gewiß der Wichtigkeit dieser Tagung, weniger aber der Wichtigkeit de? jetzigen Momentes bewußt Waren. So faßte die Konferenz Beschlüsse, auf deren allgemeinen Anklang sie wohlweislich rechnen 'könnte (Schaffung eines Millionenfonds zur Gründung einer galizischen Kolonie in Palästina, Begründung eines hebräischen Schulrates); riskierte aber nichts, was von irgend einer Seite auf Widerspruch hätte stoßen können und ging allen Fragen, die der jetzige Moment vor der jüdischen Oeffentlichkeit. insbesondere .>v.or .der , .ludenheit. Oesterreichs und . des Ostens aufrollt, behutsam aus dem Wege. Wohl ist in wirtschaftlicher Richtung eine 'Reihe von. Anträgen — wenn, auch bloß allgemeiner Natur — zur Annahme gelangt und ebenso ist die Landespolitik unter Berufung auf den Berschluß der Parteikonferenz vom Jahre 1909 den Zionisten ..als selbständiger Partei“ zur ..Beibehaltung“ empfohlen worden. Allein die Durchführung der akzeptierten Anträge auf ökonomischem Gebiete wie. aller Beschlüsse im allgemeinen wurde der bisherigen Leitung überlassen, •die bekanntermaßen seit der Feindesinvasion in ‘Galizien und der Zerstreuung, beziehungsweise Einrückung der einzelnen Mitglieder sich automatisch aufgelöst hat und nur ab und?u im Wege •eines besser oder schlechter angepaßten „Kriegsersatzes“ zum Vorschein kommt. (Die geltend, gemachte Begründung, daß diese Konferenz zur 'Wahl einer neuen Leitung sich nicht als kompetent erachtet, hält nicht stand angesichts der Tatsache, daß sie sich zur Beschlußfassung in_ viel wichtigeren Dingen voll und ganz berufen fühlte, deren Realisierung jedoch voraussichtlich wegen Mangels an Exekutive leider illusorisch zu bleiben •droht.) Dadurch, aber bei weitem mehr durch die Verschiebung derart aktueller Probleme — wie es u. a. die Wiederaufbau Galiziens, das Verhältnis zii. anderen Nationen, vorzugsweise zu den Polen und Ukrainern-im Lande und außerhalb desselben — die „nationale Autonomie“ in Anwendung auf die jüdische Nationalität; bilden—bis zur nächsteji Konferenz,-sowie ferner-durch die absolut negative Stellungnahme zur Frage des österreichisch-jüdischen, Kongresses, scheinen die Führer der. Konferenz — vielleicht, ohne sich hierüber Rechenschaft zu geben — angedeutet haben, -zu wollen, daß sie jegliche innerpolitische Betätigung im Lande noch immer als Dornröschen, zumindest als etwas außerhalb; des Rahmens der unbedingten Parteinotwendigkeit Liegendes beeilten. Den Gipfelpunkt; dieser sozusagen „pastResistenz“ gegenüber der Landespolitik bil- ■von einem Delegierten im Namen einer, iich.; nicht näher fixierten, Organisation len Chojren“ abgegebene „Rechtsverdie alles, was etwas mit Landespolitik it, entschieden von sich weist. Alle, diese aber,; im übrigen p noch in Uebereinmit der im. letzten, „Almanach abgedruckten r theoretischen . Aus-, Jirsetzung,:eines so bewährten Gesinnungs- Sössen,; wie Dr. T h;on, könnte den. Eindruck; •ewÄteckehii daß-zur gleichen--Zeit,; da^diep-Palästitia- •sajjtCso«üppig inudie Halme:schießt,r?in;Bezug-auf die Laride§polit.ik; das;;„Nöli)me jangere“ als‘;det demjiWilleni'.äer.;zionistisch?n;;Masseiijfn'LGaiizien: <d$qn:'t vonr einer, Organisation in.Tegejrechtem ■Signejkannihierijnicht rdie Resde^-sein), alleinig entsprechende’ Grundsatz in Betracht käme. Glücklicherweise aber ist dies.nicht der Fall und die. erwähnten Aiisnahmserscheinungen können nicht zur Bekräftigung einer Rede angeführt werden. Im Gegenteil! Unter dem Einfluß des lehrreichen Meister Krieg ist auch hinsichtlich dieses Punktes, der von den sogenannten „reinen Palästinensern“ als Krebsschaden des Zionismus verpönt, von der offiziellen Parteileitung als „malum necessarium“ toleriert und von den eigenen Anhängern oftmals mißverstanden wurde, ein durchschlagender Umschwung in der zionistischen Gedankenwelt eingetreten. Viele von jenen Parteiideologen, die mit in die Ferne gerichtetem Blicke und alles, was dazwischen liegt, übersehend, davon träumten und — der Wahrheit die Ehre! — auch daran arbeiteten, die Zukunft der jüdischen Nation auf eigener Scholle an die ebenso herrliche als heroische Vergangenheit anzuknüpfen, wurden von den niederschmetternden Ereignissen aus ihren Träumereien geweckt und immer mehr dringt es ihnen ins Bewußtsein, daß die Brücke von der Vergangenheit zur Zukunft nur durch die Gegenwart führt Diese Gegenwart aber sieht noch vor sich ein teils verkrüppeltes, teils dahinsiechendes Ghettojudentum, das keinesfalls verstehen würde, wenn ihm die Verfechter der nationalen Zukunft im Momente der bittersten Darbnis ihre Schutzfittiche entziehen würden. Ueberdies spricht diese Gegenwart eine zu beredte Sprache von Erwartungen und Erfüllungen, von Schaffensmöglichkeiten und Umwandlungsfähigkeiten, als daß sie im Zukunftskalkül der Vertretung des nationalen Judentums stillschweigend übergangen werden könnte. - Sechs Millionen Juden in Rußland und den aus Rußland losgelösten Provinzen sind zu neuem Leben erwacht. Und da wirft sich von selbst die Frage auf: Wer denn mehr berechtigt, aber auch verpflichtet sei, diesen zu neuem Leben Auferstandenen auf der Bahn der wirksamen Ausnützung .und Ansübung der ihnen zugestandenen Rechte vöranzugehen und -s-'e von-dieser Bahn auf den „Weg ins Freie“ hinüber zu geleiten, als die Partei, die ihre innere Stärke und ihre stolze Kraft aus dem Freiheitsbom des jüdischen Willens und der Bewegungsfreiheit der jüdischen Seele schöpfen will?! — Neben diesem erfreulichen Umstand der bürgerlichen und teilweise auch nationalen Gleichberechtigung' ist es aber auch die trostlose Situation der Jiidenheit im Osten, angesichts der unsere politische Gleichgültigkeit einer nationalen Sünde gleichkäme. Es ist unstreitig die schau erlichsie.Tragödie, daß, während die Völker des Erdballes um die höchsten Güter ihrer Zukunft, ihren Ruhm, ihre Größe und Unabhängigkeit kämpfen, unsere Brüder — die einzigen unter allen Nationen — inmitten dieser Blutarbeit als pflichtbewußte Bürger, jedoch ohne eigene nationale Zwecke, mit Mut und Tapferkeit im Namen der unwandelbaren Staatstreue — einander gegenseitig zerfleischen. Diesem Stück Schicksal, das aus dem schier endlosen Weltfeuer in Form von nationaler Selbstständigkeit hoffentlich auch, für uns erstehen soll, wird nicht aus den Blutströmen unserer Söhne, sondern einerseits aus dem schweißbenetzten Boden Palästinas als Frucht jahrzehntelanger Arbeit unserer Väter und Brüder, andererseits aus der Kulissenregie der Diplomatie, die auf den bluttriefenden* Bajonetten die „Rechte kleiner Nationen“ aufpflanzen will, für uns emporkeimen. Immerhin: die lebenskräftigsten Glieder des jüdischen Organismus sind für fremde Ziele zugrunde gegangen oder verunglimpft worden. Das Peinigendste aber an diesem Jammerschäuspiel ist, daß die meisten der Kämpfer und Invaliden, nach allen Entbehrungen, die sie in den Schützengraben ertragen mußten, zuhause nur das Nichts der Besitzlosigkeit vorfinden, daß viele der Flüchtlinge und Barackenbewohner, die nach den , unsäglichen Qualen ihr Heim wieder begrüßen, jetzt auf der Trümmerstätte ihres einstigen Wohlstandes stehen. Allein in den Trümmerhaufen ihrer zerstörten Existenzen müßten sie auch die geringe Hoffnung auf ein besseres Morgen werfen, wenn diejenige Partei sie im Stiche ließe, die ihre Daseinsberechtigung auf dem Vertrauen der Rassen aufbaut: Der jüdische Handel und Wandel ist außer Rand und Band gebracht, ganze Gemeinden mit ihren herrlichen Ffifsörgeeinrichtungeii und Kulturinstitutionen sind im Gewirr des Kanonendonners in Auflösung geraten-, zahlreiche Denkmäler jüdischer Kultur, .Wahrzeichen uralter Tradition, sind verschüttet worden. Die zionistische Organisation? hat unstreitig die -Pflicht — sei es selbstständig, sei esj gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen? ihre, volle Tatkraft zu entfalten, untanläßlichjdes :Wiederaufbaues der vom Feinde heimgesuchten Gebiete^ an der Regelung der zerrütteten .-Verhältnisse,.den? jüdischen Bevölkerung, mitzuwirken. Es wäre-zumindest verfehlt, wenn unsere Organisation bei. diesem großen Hilfswerke den verschiedenen anderen Gruppen im Judentume den Platz räumen würde. Erst durch unser» Mitwirkung wird der so wichtigen Aufrichtungsmission der Stempel der Philantropie genommen und das Gepräge sozialer Wohliahrtsarbeit, frei von jeglicher Parteileidenschaft und persönlicher Eitelkeit, aufgedrückt werden. Mit Entsetzen erfüllt uns auch der Gedanke an die Hochflut jüdischer Emigration, die nach Abschluß des Weltgemetzels aus den Ländern des Ostens sich ergießen wird. Und da ist es wieder Sache der zionistischen Partei, die hochgehenden Emigrationswellen zu glätten, insbesondere aber dieselben mit den Palästinabestrebungen in Einklang zu bringen und sie den letzteren nutzbar zu machen. Unsere politische Aktivität in den Ländern des Ostens erscheint um so dringender, als das einzig Erhabene, was auf den mannigfachen Schlachtfeldern für die Menschheit emporzublühen scheint, neben den oberwähnten „Rechten der kleinen Nationen“ auch „Schutz nationaler Minoritäten sein dürite — und da heißt es für uns beizeiten auf der Hut sein, damit der vielverheißende Samen auch für unser Volk fruchtbringend aufkeime. Die Ukraine hat bereits teilweise die nationalen Rechte des jüdischen Volkes anerkannt, aber die Staatsverfassung in diesem jungen Reiche dürite noch bis zur endgültigen Konsolidierung mancherlei Erschütterungen unterliegen. Allenfalls muß es unser immerwährendes Bestreben sein, die uns gewährleisteten Rechte zu wahren. Aber auch in Rußland dürften uns diese Rechte nicht länger vorenthalten bleiben; in Polen; Litauen und Rumänien — hier allerdings neben der bürgerlichen Emanzipation — müssen wir diese Rechte erkämpien. In Oesterreich befinden sich die Volksstamme vor einem völligen- Umbau ihres Staatsgeiüges. Die Politik des Läcderföderalismus soll einem Bunde freier Nationen weichen und wie immer die Ausgestaltung „nationaler Autonomie“ diesem letzteren Ideale sich nähern würde, dies eine ist bereits mit Sicherheit anznnehmen, daß der Gedanke der Eigenberechtigung und Selbstbestimmung in seiner Entwicklung keine Pause mehr halten und die verankerte Ordnung von gestern auch in Oesterreich nicht mehr lange der Staatsweisheit „letzten Schluß“ bilden wird. Auch für die Judenschaft Oesterreichs gilt es daher, ihre Ansprüche nach dies# Richtung genau zu präzisieren, laut zu verkünden uifd mutig zu erkämpien. Demokratismus ist das tragende Prinzip der Politik der Gegenwart Aus dem Untergrund sozialer Gärungen und nationalen Ringens streben immer weitere Schichten zur politischen Betätigung empor — und da ergibt sich für die nationalen Führer des Volkes von selbst die Pflicht; für diese Lebensfrage der österreichischen Juden das Interesse der breiten Massen wachzurufen. In erster Reihe jedoch müßten wir endlich selbst über die Details unserer politischen Frage zur Klarheit und untereinander zur Einigung gelangen. Es wäre ein Verbrechen, wenn wir auch diesbezüglich nur im Schneckengange den Forderungen des Lebens folgen würden. Dieses Verbrechen aber könnte sogar zum Verrat an den Millionen unserer Mitbrüder sich steigern^ wenn wir uns damit begnügten, das Schmieden des nationalen Schicksals des jüdischen Bürgertums für die heranbrechende Periode einzig und allein den ordensbesäten Männern in Israel, die bereits ihr „otium cum dignitate“ redlich verdient haben, zu überlassen; oder wenn wir durch unsere Passivität allerlei neuen Elementen zum Aufstieg verhelfen würden, die in der letzten Zeit immer zahlreicher aus der Wirrnis der Verhältnisse emportauchen und plötzlich ihre nationale Seele in sich entdecken, um unter dem nationalen Deckmantel um so sicherer — im Trüben zu fischen. * -.Ti.flfV1 Es wird u. a. Sache des. ,österr .-jüdischen Kongresses sein, auf rälle diese-dringenden Fragen wenn nicht Antwort zu geben, so doch einig» Streiflichter zu werfen- unddurcheine imposarrte- Kundgebung des jüdischen Volkswillens einen Beweis für die Berechtigung und die Notwendigkeit jüdisch-nationaler Politik und Arbeit zu erbringen. Allein im Interesse dieser Politik und Arbeit muß schön jetzt hervorgehoben werden, daßauf die Art und in der Form, wie die FfiOe?«olltfscher. kultureller-und wirtschaftlicher Aufgaben — mit dem unglückseligen Namen „Landespolitik“ behaftet — bisher behandelt wurde,, dies nicht geübt werden darf. Politik kann nicht a casu ad casum, was, ins Reale übersetzt (Wenigstens nach bisheriger Pärteipräxis!) — „von Wahlen zu Wahren“ heißen wilF, sondern soll.— allerdings bei Anpassung der jeweiligen Taktik an die momentanen Zeitumstände und Ortsverhältnisse -r i -1. : ä '■y i;3f , V? ' 'k.'- i t.. f. if'r; £7i;.r. •ft \U