Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 bewegung: wir alle wollen als Landarbeiter nach Palästina sehen. Die zweite ist das Arbeitsjahr, zu dem jeder Jugendliche verpflichtet werden solL Redner bespricht den Unterschied zwischen Schoinrim und „westjüdischer Kulturbewegung“ und überhaupt zwischen Ost und West. Trotzdem aber verbindet uns alle ein Wille, ein einheitliches Daus zu bauen. In der Abenddebatte verdichtete sich die Diskussion zu zwei Generalreden. -Herr Dr. Welt sch setzte in ausführlicher Erörterung das Programm der Kulturrichtung auseinander, MB Verständnisse zerstörend, die im Laufe der Diskussion sich eingeschlichen hatten, entschieden darauf hinweisend, wie die ganze Fragestellung nach dem Primat des Geistes oder der „Wirklichkeit“ eine falsche sei. Die „Kraft“ kann doch nicht frei existieren, sie kann nur unter der Lenkung des Geistes fruchtbar werden. Als Rieger von Kraft sprach, war mehr Geist darin als in allen, intellektualistischen Diskussionen. Denn Geist ist nicht Schöngeistigkeit oder Spielerei, sondern die zwingende Macht der Idee, die alle Tat des Menschen erzeugt Redner befürwortet die Aufnahme des „Arbeitsjahres'* in den Aufgabenkreis des Verr bandes. Der zweite Generalredner, Herr Heinz Margulies. versuchte mit aggressiver Impulsivität die Ausführungen von Dr. Weltsch zn widerlegen und polemisierte gegen Bubers Einfluß in der jüdischen Jugendbewegung, da dessen mißverstandene Ideen üble Folgen haben können. Er wies darauf hin, daß die Noflage des jüdischen Volkes, nicht aber allgemeine Menschheitsideale der Ausgangspunkt für unseren Zionismus sein muß. Die „Geistige Richtung“ beziehe ihre Ideen aus deutscher Gedankenwelt, z. B. von Wyneken, dessen Ideen für unsere Eigenart gar nicht passen. Die Begriffe „Unbedingtheit“ u. ä., mit denen operiert wird, seien zu unklar, und bei aller persönlichen Schätzung von Bubers Werk könne Redner dessen Programm einer „Diktatur des Geistes“, das an der Wirklichkeit vorübersieht, nicht billigen. In einem meisterhaften Schlußworte wendete sich Dr. Bernfeid entschieden gegen Verzerrungen seines Standpunktes und gegen die unzulässige Art der Polemik des Herrn Margulies. Er bemühte sich, noch einmal kurz seinen grundsätzlichen Standpunkt klarzulegen: er zeigte, daß in ihm keinerlei Gefahr für die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung, ja kaum ein wirklich wesentlicher Unterschied von den Meinungen einer großen Anzahl sehr bemerkenswerter Jugendgruppen des Ostens besteht Unter begeistertem Beifall der noch immer den Saal beinahe voll besetzenden Jugend wurde mit Absiiigung der Hatikwah um 9 Uhr abends der Saal geschlossen. Montag, den 20.. vereinigte sich die Jugend, von verschiedenen Wegen herunterkommend, bei klarstem Frühlingswetter auf der Gießhüblerheide in der Nähe Mödlings, und bot in den mannigfaltigen Gruppen der Schomrim. die ihre Zelte aufgeschlagen hatten und Geländespiele aufführten, der Blau-Weißen, die jüdische Lieder sangen, und der riesigen Schar der anderen, die in bunten Gruppen an den Hängen saßen, plauderten und spielten, ein wahrhaft festliches Bild. Was im Saal bei der Diskussion fast wie Parteiung und Gegnerschaft aussah. fand sich hier wahrhaft brüderlich und freundlich vereinigt. Alle Gegensätze der Theorie waren verschwunden durch die verbindende Kraft jugendlichen Lebensgefühls und jüdischer Bewußtheit In der späten Nachmittagsstunde kamen die Delegierten von der Delegiertenkonferenz, die am Vormittag getagt hatte, und Dr. Bernfeld konnte der gespannt aufhorchenden Menge die erfreuliche Mitteilung machen, daß zu Mittag einstimmig alle Jugendgruppen sichzueinem„Verbandderjüdischen Jugend Oesterreichs“ zusammengeschlossen hatten, und daß als vorläufige geschäftsführende Leitung einstimmig gewählt worden waren: Dr. Bernfeld als Vorsitzender, ferner Kien, Dr. Krämer, Dr. Tisch, Artur Engländer, Dr. Baron. S. Horowitz und Koretz. In kaum endenwollenden Hedadrufen bekundete die Jugend ihr Einverständnis mit den Beschlüssen der Delegierten. In einer ergreifenden Ansprache drückte Dr. B u b e r seine Freude über das schöne Bild der Einheit der jüdischen Jugend aus. wie es sich lebhaft vor aller Augen darstellte, die verbunden im Willen zum neuen jüdischen Menschen, zur neuen jüdischen Jugend, zur Erneuerung des Judentums alle Scheingegensätze, wie Ost und West Intellekt und Körper, wahrhaft überwinden müsse: der Geist von dem er spreche, der jüdische Geist sei die untrennbare Einheit von Intellekt Gefühl und Körper. Mit dem Gefühl, daß trotz allen Unzulänglichkeiten, trotz alle» Gegensätzen und Schwierigkeiten in diesen drei Tagen etwas dauernd Fruchtbares und Verbindendes geschaffen wurde, verließen die Teilnehmer in großen Gruppen nach und nach die Heide. Die Gründung des Verbandes ist eine Tat von entscheidender Bedeutung und wird eine neue Epoche der jüdischen Jugendbewegung Oesterreichs einleiten. Die zionistische Öeffentlichkeit beglückwünscht ihre Jugend und wird den Verband mit allen Mitteln zu fördern willens sein. Statistische Daten aus Oesterreich Infolge des .Krieges ist erst jetzt der Jahrgang 1915 des Oesterieichlschen Statistischen Handbuches erschienen. Alis »den Hauptrubriken ist natürlich nichts Neues über die Gliederung der Bevölkerung zu ersehen, da die letzte Volkszählung 1910 stattfand und seither kein-detailliertes Material vorliegt. Immerhin seien des Interesses halber einige Zahlen auch aus jener letzten Zählung ins Gedächtnis zurückgerufen. Zahl der Juden. Die Zahl der Juden betrug 1910 in Österreich 1,313.635 unter 28,570.800, d. i. nicht ganz 4,6%. Berufsgliederung: bei den Juden bei der Gesamtbevölkerung A. Landwirtschaft 110.781 8-4 «/„ 48*45% B. Industrie u.Gewerbe 325.162 24*8 „ 26'47 . C. Handel u.Verkehr 680.692 51-8 „ 12 39, D. Öffentl. Dienste, freie Berufe, ohne Beruf 197.000 15*0 . 12'69 , 1,313.635 100% 100--% Eheschließungen: 1911 1912 1913 Rein jüdische 8249 8685 7656 Bräutigam jüdisch ) 270 108/2/0 165) Braut jüdisch. 123 J Von den 288 Mischehen entfielen auf Niederösterreich 176, Böhmen 58, Triest 24, Mähren 18, Steiermark 4, Galizien 3, Schlesien 2, Tirol 1, Vorarlberg 1, Bukowina 1. Hochschulen. Im Wintersemester 1913 betrug die Zahl der jüdischen Hörer an den Universitäten: Wien 2786 oder 27*5% aller Hörer Graz 56 „ 2*5 B „ « Innsbruck 13 , 0*9 » „ Prag (deutsch) 535 „ 23*3. . „ (böhmisch) 106 , 2 *2 „ , . Lemberg 1611 , 28*4 , „ Krakau 463 „ 15*3 , , (Aus Czernowitz sind wegen des Krieges die Daten noch nicht vorhanden gewesen.) An den technischen Hochschulen waren jüdische Hörer im Wintersemester 1913/14: Wien 660 oder 20*7 % Graz 66 - 80 B Prag (deutsch) , (böhmisch) 223 , 71 , 24*7 „ 2*6 „ Brünn (deutsch) 236 « 24*8 „ « (böhmisch) 23 « 3*9 . Lemberg R 00 3 119 „ An der Hochschule für Bodenkultur wurden 27, an den montanistischen Hochschulen 18, an den tierärztlichen 69 jüdische Hörer gezählt, an der Konsularakademie studierte kein einziger Jude. An den Kunstschulen finden wir einen ganz beträchtlichen Perzentsatz Juden. An den 3 Akademien für bildende Kunst: Wien 15 oder 734%, Krakau 12 oder 9%, Prag 3 oder 2%, an der Akadmie für Musik (Konservatorium) nicht weniger als ein Drittel aller Hörer: 200! Mittelschulen. An allen Gymnasien Oesterreichs zählte man 1911/12 99.675 Schüler, davon Juden 16:471, d. s. 16%%, an allen Realschulen 47.909 Hörer, davon. Juden 4943 oder 10%%. An den Gymnasien für weibliche Jugend gab es 1911/12 4034 Schülerinnen, davon waren 1388 oder 34,4% Jüdinnen. Lehrerbildungsanstalten. Besonders interessant sind die Ziffern der Besucher der Lehrerbildungsanstalten. 1912 gab es deren 11.788, davon waren — 80 Juden, d. s. also 0,7%. In den Kronländera Niederösterreich, Görz, Istrien, Mähren und Schlesien gab es 1914 überhaupt nur je 1 Frequentanten der betreffenden Anstalten, in der Bukowina 13, aps Galizien fehlen für dieses Jahr die Zahlen. In den übrigen Kronländem gab es nicht einmal 1 Juden unter den Hörern. In Summa entfielen 1914 — ohne Galizien — auf 7231 Hörer 18 Juden, d. s. genau %%! Gewerbliche Lehranstalten. Unter 243.036 Besuchern 1913/14 gab es bloß 3912 Juden. Ueber die Religionsverhältnisse an Volks¬ und Bürgerschulen enthält das Jahrbuch keine Angaben, wie überhaupt die mitgeteilten dürftigen Zahlen über wenige Zweige der Statistik alles sind, was das Buch über Juden enthält. b. oaoBoaoaoBoaoaoaoaoao RUNDSCHAU Der Bukarester Friede Das Jüd. Preßbfiro in Stockholm schreibt zum Frieden mit Rumänien, nach Darlegung der bereits wiederholt angeführten Einwände gegen die Fassung des die Judenfrage betreffenden Artikels: Der Bukarester Friede ändert somit nichts oder sehr wenig an den bestehenden Zuständen, so daß das jüdische Volk seinen Kampf gegen die Entrechtung der rumänischen Juden mit ungeschwäcbter Energie fortsetzen muß. In einem gewissen Sinne bedeutet der Bukarester Friede sogar eine Verschlechterung, da die Zentralmächte durch ihn die Verletzung des Berliner Vertrages sanktionierten. In eingeweihten Kreisen wußte man bereits vor Wochen von der Formel für die Judenfrage, die der Bukarester Friede enthält. Diese Formel ist nun endgültig festgelegt worden. Aus den politischen Kreisen der deutschen Juden wurde gegen diese Formel mit Nachdruck gewarnt Wir erinnern nur an den Artikel des so gemäßigten jüdischen Politikers und deutschen Patrioten Paul Nathan im „Berliner Tagblatt“ vom 23. April. Die Vertreter der Zentralmächte haben diese Warnungen in den Wind geschlagen und dadurch auf sich eine ungeheure Schuld geladen. Es kann nicht der geringste Zweifel darüber bestehen, daß man in Bukarest die vollständige Gleichberechtigung für die gesamte Judenheit Rumäniens hätte durchsetzen können, wenn die Zentralmächte es ernst gewollt hätten, aber diese haben es vorgezogen, die Juden als Kompensationsohiekt zu behandeln und durch die Sanktionierung der jüdischen Rechtslosigkeit der Bojarenclique die Vertragsbedingungen schmackhafter zu machen. Riesenbrand im Judenviertel von Brzezäny. Lemberg. Der iüdische*Stadteil von Brzezäny wurde von einem Riesenbrand heimgesucht. welchem zirka 100 jüdische Häuser zum Öpfer fielen. Die Zbozowagasse. die Tarnopolergasse und die VorstadtGachywurden vollständig niedergebrannt. Die Zahl der obdachlosen jüdischen Einwohner beträgt zirka 1000. Eine Frau namens Hinde Ruten fand unter den Trümmern ihres Häuschens den Tod. Das Feuer brach um %1 Uhr mittags in der militärischen Entlausungsanstaltaus und griff — vom Winde und dem Mangel an Löschgeräten begünstigt — rasch um sich. Rasche Hilfe tut not. (Nähere Nachrichten liegen noch nicht vor.) Eine Denunziation. Das „Neue Wiener Journal“ zitiert unter der großen Ueberschrift ..Gegen die Zionisten“ einen Artikel des bundistischen Organs „Lebensfragen“, der den Grund für die Pogrome und für den polnischen Antisemitismus in der „nationalistischen Agitation unter der jüdischen Bevölkerung. die auch das kleinste Auftreten von Antisemitismus dazu benutzt, die niedrigsten nationalistischen Gefühle der Menge aufzupeitschen“, sieht. Den Zionisten sei die Schuld an dem Aufkommen einer Pogromhetze zuzuschreiben. Wir finden es höchstbedauerlich, daß ein Wiener Blatt, das doch sonst wahrhaftig nicht die jüdische Presse des Ostens in den Kreis seiner Betrachtungen zieht, eine derartig niederträchtige Denunziation abdruckt. Es ist schon em hoher Grad von Gemeinheit notwendig, um angesichts des Öpfers von Krakau so schäbige Parteigesinnung zu dokumentieren. Es würde uns unangebracht erscheinen. gegen eine so dumm ausgedachte Denunziation. die übrigens in gewissen Varianten zum alten Inventar unserer Gegner gehört, zu polemisieren. ~ Wir wollen es nur festnageln. Jüdischer Arbeiterkongreß für Palästina. Nach einer aus Nem-York eingetroffenen Nachricht findet vom 18. bis 21. Mai ein Kongreß der jüdischen Arbeiterorganisationen Amerikas in New-York statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Unser Programm für den Aufbau Palästinas: a) Souveränitätsfrage; b) Politische Organisationsform; c)' Sozialökonomisches Programm; d) Organisierung der Arbeitsarmee. 2. Die Tätigkeit allweltlicher jüdischer Organisationen in Palästina und unsere Stellung zu denselben: a) Der jüdische Weltkongreß; b) Die zionistische Organisation; c). die_I.„C..A..,-„.. .. 3. Jüdischer Arbeiter-Weltkongreß für Palästina. 4 Permanenzerklärung des amerikanisch-jüdischen Arbeiter-Kongresses. 5. Die internationale Arbeiterschaft und unsere Palästinaforderung. 6. Finanzfragen. 7. Wahl einer Exekutive. Vertreter der Ito und der Emigrationsgesellschaft traten in K i e w zu einer Beratung zusammen. Die Beratung beschloß, in der Erwartung einer jüdischen Massenemigration unmittelbar nach Friedensschluß, Vorbereitungen zu treffen, damit die Auswanderung in Zentren, und zwar nach Palästina und den dünn bevölkerten Teilen Amerikas, geleitet werde. Hebräische Unterrichtskurse ln Lemberg. Nach Wiener Muster wurden vom Lemberger zionistischen Kulturausschuß hebräische, pädagogische Kurse eröffnet Lehrer sind Dr. Gutmann, Meir Chartiner, Dr. Seidemann, Israel Rat, Zwi Karl, Benzion Siwak und Tennenblatt. Unterrichtet wird Bibel (1 Wochenstunde), Mischna und Gemara (je 2 Wochenstunden), Religionsphilosophie (1 Stunde), Mittelalterliche Literatur (1 Stunde), Moderne hebräische Literatur (2 Stunden), jüdische Geschichte (1 Stunde). Unterrichtssprache ist hebräisch. Die jüdischen Arbeiter Amerikas für die europäischen Juden. Die jüdischen Arbeiter Amerikas haben in diesem Jahre am Washingtontage, der. sonst als Feiertag galt, gearbeitet und den Arbeitslohn den kriegsbeschädigten Juden Europas gewidmet. Auf diese Weise wurde eine Summe von 1% Millionen Dollar aufgebracht. Eine jüdische Farm bei Petersburg wurde vom Verein zur Unterstützung rückgekehrter jüdischer Soldaten begründet. Kämpfe zwischen Mlsrachl und Chassldlm haben in Piotrkow zu Pessach stattgefunden. Die Chassidim störten durch Ausstreuen von Nießpulver einen zionistischen Vortrag von Rabbi Jizchak Rapaport, drangen am nächsten Tage, von ihrem Rebben geführt, ins große städtische Rathaus, wo Rabbi Rapaport einen .Vortrag halten sollte. Der Vortrag konnte dennoch stattfinden. Die Chassidim denunzierten Rapaport den Behörden, aber ohne Erfolg. Am siebenten Pessachtage hielt dann der chassidische Rebbe seinen Gläubigen eine Predigt gegen den Zionismus. Der Kampf um die Wahlen in die Kultusgemeinderepräsentanz von Warschau ist in vollem Gange. Die Zionisten veranstalten große, von Tausenden besuchte Versammlungen. In der Panoramahalle sprächen Olschwanger, Gottlieb und Kirschbaum, in der Vorstadt Praga sprach Zemach. Unter anderem verlangen die Zionisten Wiedereinführung des Hebräischen als Amtssprache der Gemeind. Die Misrachi allein haben 35 Wahllokale in Warschau eingerichtet.