Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-05-24 · 21 (24.5.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
21 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438695--5777-2445788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNQ SV*?, Nr. 21 Große Ausschreitungen in Wieiiczka Am 15. Mai hat in Wieiiczka ein regelrechter Pogrom stattgefundeu. Die bäuerische Bevölkerung zog durch die Straßen. Plünderte jüdische Geschäfte und schlug Jeden Juden* der sich auf der Gasse sehen ließ. Viele Geschäfte wurden gänzlich ausgeraubt Halbwüchsige Burschen liefen mit Stöcken durch die Straßen; Die Juden .sind in niedergeschlagener Stimmung. Spät abends kam militärische Assistenz, aus Krakau, da die Polizei wieder einmal völlig versagt hatte. Viele Menschen wurden verwundet; der materielle Schaden beträgt über 1 Million Kronen. * * » Der Pogrom scheint in Galizien schon zu den Alltäglichkeiten zu gehören. Immer wieder kommen derartige grauenhafte Nachrichten und es zeigt sich, daß keineswegs der Wille zu bestehen scheint, die ganze antisemitische Agitation zu ersticken und niederzuschlagen; Die verantwortlichen Führer des polnischen Volkes wasciieu ihre Hände in Unschuld und sind nur besorgt um ihren guten Namen. Wenn die Sache so weitergeht, so wird der Name des polnischen Volkes für alle Zeiten und vor aller Welt mit Blut befleckt sein. Die völlige Duldung dieser Exzesse seitens der Sicherlieitsorgane ist bereits geradezu ein-Skandal. Es wird notwendig sein, aus diesen Vorfällen politische Konsequenzen zu ziehen. Wir hoffen, daß die österreichische Regierung ilire Verpflichtung, zum Schutz der Juden einzutreten, richtig erkennen und erfüllen wird. Möglichkeiten und Wirklichkeiten Handelt *■ es sich darum, das jüdische Volk von seiner gefahrdrohenden Apathie herauszureißen, ihm den großen Ernst des Augenblickes vor Augen zu führen und es zur großen Tat der Selbstbefreiung und Erlösung aufzurütteln, so wird jeder Zionist diese Bemühungen dankbarst anerkennen. Nicht gutheißen kann man es jedoch, wenn manche diese großen Taten und Anstrengungen des Volkes durch das Entfachen seiner Hoffnungen hervorrufen zu können glauben. Als sehr bedenkliche Mittel müssen auch die Versuche erscheinen, alles am eine Karte zu setzen, dem Volke die Ueberzeugung einzuflößen, daß der so lange und so heiß ersehnte Augenblick der Erfüllung jetzt gekommen sei, um schließlich die Konzentrierung aller Hoffnungen und Kräfte auf einen Punkt zu fordern. Und um so bedenklicher ist es, wenn dies nicht von irgend einer unverantwortlichen Seite kommt, sondern von geistigen Potenzen, die überdies in der zionistischen Partei eine wichtige Führerrolle innehaben, von Menschen vom Schlage des Dr. Osias Thon und des Adolf Böhm. „Insbesondere jetzt, wo die Früchte unseres Baumes schon reifen und der Mund wässrig wird auf ihren Genuß, jetzt ist keine Zeit und keine Geduld für andere Dinge. Erez Israel, Erez Israel und noch einmal Erez Israel!“ (Siehe: „Realpolitik“ von Dr. Thon in Nr. 61 der „Wiener, Morgenzeitung“.) „Die große, vielleicht nie wiederkchrende Gelegenheit“ ist nach Böhm der gegenwärtige Moment für den Zionismus und auch für ihn ist „Konzentration der Kräfte auf Palästina das Gebot der Stunde“. (Siehe „Zur Galuth-Theorie des Zionismus“ in „Der Jude“, Heft 12.) Wollen wir nun sehen, was geschehen ist und ob die Frucht unseres Baumes tatsächlich schon der Reife entgegengeht. . Der Weltkrieg hat neben der Entwertung •vieler Werte auch manche früher Völlig unbeachtete und daher scheinbar wertlose; Dinge1 zu Werten erhoben. Infolge der bekannten politischen Vorgänge ist unsere öffentliche Existenz in die Reihe der politischen Entwicklungen und Bewegungen großer Nationen eingefügt worden und der Zionismus erlangte durch die bekannten Deklarationen die Bedeutung eines mächtigen weltpolitischen Faktors. Nun gehöre ich zwar nicht zu denjenigen, die Macht und politische Anerkennung zur Bedeutungslosigkeit heräbsetzen, die schon heute voreiuem „jüdischen Albanien“ warnen zu müssen glauben (Bube r). Ich gebe im Gegenteil den hohen Wert der erwähnten politischen Erfolge sehr gerne zu. Ich will auch gerne zugeben, .daßTdie neue Lage auch neue, ungeheure Möglichkeiten geschaffen hat, die wir, und nicht allein. die Zionisten, gehörig auszunützen werden trachten müssen. Allein, bedeuten die bloßen Möglichkeiten schon die Erfüllung? Dürfen wir wegen des schönen Zukunftsbildes, das uns unsere Phantasie ausmait, das reale Leben, die nackten Tatsachen und den überaus tristen tatsächlichen Zustand übersehen? Gewiß. Die politische Anerkennung des Zionismus ist sehr wichtig und sie vermöchte auch, uns in Kürze zum Ziele zu führen, aber nur.dann, wenn diese das Letzte wäre, das uns „noch abgeht. Wenn wir. in Palästina bereits festsitzen und zumindest eine ansehnliche Minorität von einigen Millionen Einwohnern bilden würden. Wenn wir bereits eine gesunde soziale Schichtung mit einem genügend starken Bauernstand aufweisen könnten und wenn wir bereits eine nationale Sprache, von allen als solche anerkannt und von einem großen Teil des Volkes gesprochen, hätten, mit einem ausgebauten Schulwerk in dieser Sprache. Allein, von all dem besitzen wir leider noch sehr wenig. Noch sind wir in Palästina eine Handvoll und die in unserem Besitze befindliche Bodenfläche ist beschämend gering. Unser Volk ist ein Volk von Händlern, Vermittlern und Luftmenschen, mit einer Millionenmasse unglücklicher und unbewußter Lumpenproletarier. deren Elend der Krieg noch gesteigert und deren physische Kraft er gebrochen hat. Auch seelisch und kulturell sind wir vielfach zerrissen und zerfahren. Mit einem Worte: Es fehlen uns bislang alle Attribute einer zu neuem Leben und zu vollem- Sich-Ausleben erstehenden Nation. Freilich, unser Streben geht dahin, diese Attribute zu erlangen und-'wir sind auch der zuversichtlichen Hoffnung, daß uns dies gelingen wird. Ist doch unser Glaube an die Kraft unserer Idee und an die Schaffenskraft unseres Volkes stark genug, als daß Depressionen auf uns einwirken und unseren Willen und unsere Lust zur Arbeit schwächen könnten.. Wir müssen jedoch stcls dessen eingedenk sein, daß dies eine Frage angestrengter und •langwährender Wirksamkeit auf den mannigfaltigsten Gebieten, hauptsächlich aber auf dem erzieherischen Gebiet seil Ja, hauptsächlich auf dem erzieherischen. Denn, wenn auch ein Land sich bei günstigen Umständen und bei Beteiligung aller in Betracht kommender Faktoren auf einmal sich aufrichten ließe, muß ein Volk, und obendrein ein Volk, wie das unserige, zur nationalen Freiheit erst erzogen und vorbereitet werden. Und Erziehungsarbeit ist ein Ding, das, wenn es Erfolg bringen soll, systematisch und umfassend geleistet werden muß. , Nun wird man auch begreifen, wie unzeitgemäß es ist, schon jetzt von der Zeit der Reife und der Erfüllung zu sprechen, wo wir in Wirklichkeit noch nicht recht angebaut haben, welcher Fehler es ist, auf Grund von äußeren Vorgängen, zu denen das jüdische Volk keine unmittelbare „und Tnnere Beziehung, hat. „.die Höffnungea des Volkes: auf die restlose und nahe Erlösung zu entfachen,' und wie' gefahrvoll es geradb jetzt, angesichts der obwaltenden . trostlosen Zustände ist, auf Palästina als auf die unmittelbare Rettung des jüdischen Volkes hinzuweisen und daher eine Konzentrierungrder Kräfte auf dieses zu fördern. : 1 - Möglichkeiten und Wirklichkeiten rmüssen im gegebenen Falle scharf" auseinandergehalten werden. Was die günstige politische Konstellation uns gebracht hat, sind Möglichkeiten; fürderhin unsere Palästinaarbeit auf breiter Grundlage und nach großem iMaßstab erfolgreich'zu führen. Diese; Möglichkeiten müssen wir, wie bereits betont, auch gründlich ausnützen. Hüten wir uns aber davor* die große Distanz außeracht zu lassen, die zwischen diesen, und den erhofften Wirklichkeiten liegt und naturnotwendig längere Zeit noch liegen wird. Und doppelt hüten müssen wir .uns, wegen dieser Möglichkeiten-Wirklichkeiten preiszugeben. Mit anderen Worten: Wir müssen uns hüten; in Erwartung der Zukunft die Gegenwart völlig preiszugeben und ob des künftigen Erez Israel das Galuth zu verneinen. In diesem Zusammenhang entsteht auch die Frage hinsichtlich des Verhältnisses der Zukunfts¬ und Gegenwartsarbeit zu einander, die eine eingehende Erörterung seitens der ernst denkenden zionistischen Kreise erheischt M c i r H c n i s c h. Der österreichisch-jüdische Jugendtag in Wien, 18., 19., 20. Mai Die vereinigten jüdischen Jugendgruppen Wiens haben vor kurzem ihre Kameraden aus ganz Oesterreich nach Wien zum, ersten jüdischen Jugendtag cmgeladen. Diese Einladung hat in allen Kreisen der jüdischen Jugend unerwarteten Jubel und Teilnahme erregt. Sch m einige Tage vor der mit Spannung herbei gesehnten Pfingstwoche war der große Musikvereinssaal, der als Orf der Veranstaltung bestimmt worden war, bis auf das letzte Plätzchen ausverkauft. Unter Anwesenheit von mehr als 2000 jugendlichen Personen, darunter etwa 200 Delegierte von Jugendvereinen und über 300 Gäste aus der Provinz, wurde Samstag, den IS. Mai um 7 Uhr abends die Tagung durch eine Begrüssung des Vorsitzenden Dr. Siegfried B e r n f e 1 d eröffnet, der in einer kurzen Ansprache der ungezählten Tausenden Freunde und Brüder, die auf den Schlachtfeldern geblieben waren, gedachte; er führte aus, daß wir. in dieser Zeit nicht zu einem Fest der Freude zusammengekonitnen sind, sondern daß es gilt, das lebendige Gefühl von Einheit, das die jüdische Jugend durchströmt, zu einem äußeren Ausdruck zu bringen.“ Hierauf nahm das Wort unter jubelndem Beifal. der ganzen Jugend Herr Dr. Martin Buber, der in seiner Ansprache „Zion und die Jugend“ die reinsten Saiten aller Teilnehmer aus Ost und West, aus allen Gesellschaftsklassen und aus allen politischen und kulturellen Richtungen zum Mitschwingen brachte und alle, auch seine theoretischen Gegner, in ihrem Tiefsten ergrifi. Wir geben in Kürze den Gedankengang des Vortrages wieder, ohne die Tiefe seines Gehaltes erschöpfen und die unmittelbare Wirkung des gesprochenen Wortes ersetzen zu können. Die Jugend ist die ewige Glückschance der Menschheit, mit einer rückhaltslosen Hingabe an das Ideal, willig, die verrammelten Pforten des Paradieses zu ^sprengen. Zwischen ihr und der Erfüllung steht immer die Tat, die sie tun will. Aber während sie sich bereiten, ergreift das Ge- Cohen Von Dr. J. Obermann, Wien. (U. Teil, siehe vorige Nummer.) Es gilt nun die andere Richtung seines Geistes, das Wesentliche seines Schaffens und Denkens auf dem Gebiete des Judaismus, mit einem Worte zu charakterisieren. Cohens Leistungen liier sind quantitativ viel geringer als in der Philosophie, aber nicht weniger bedeutend und nicht weniger eigenartig. Wie seine Stellung in der Philosophie der Ausdruck seiner persönlichen originellen Denkart ist, so beruht seine geschichtliche und sachliche Auffassung des Judentums auf seiner persönlichen inneren Ueberzeugung von der eigenartigen sittlichen-'' Kraft der jüdischen Religion. Und wie er seine . philosophischen Gedanken in engste Beziehung und Verbindung mit denen der griechischen Denker zu bringen weiß, so wird er in seiner ethischen Würdigung des Judentums nicht müde, auf dessen klassische Vertreter, auf die Propheten, mit immer tieferem und eindringlicherem eigenartigem Verständnis zurückzugehen, wenn er auch dabei den streng historischen und philologischen Gesichtspunkten nicht immer gerecht wird. Im Prophetismus erblickt Gohen den Höhepunkt der religiösen Entwicklung: die endgültige Befreiung und Reinigung der Religion vom Mythos. Die Propheten haben nach ihm den Gedanken (i.,Gesicht“) des Guten in demselben Maß erfaßt, wie die Philosophen den Begriff des Guten. Wie diese die Einheit des Seins fanden, indem sie das Sein des Denkens, der Idee, zur einzigen Realität erhoben, während sie die sinnliche -Wirklichkeit als das „Me on“ betrachteten, so hat schon der „Vater der Propheten“ die Einzigkeit Gottes dadurch begründet, daß er Gott als „das Seiende“ erkannte. Das Sein ist ein Problem nicht nur der Griechen, sondern auch der Juden; es ist nicht ausschließlich das Problem der Philosophie, sondern nicht minder das der Religion. Und Moses konnte nur dadurch zum Stifter des Monotheismus werden, daß er die Forderung erhob: Gott ist das Sein. Und in der „Tempusform der Zukunft“, in der die biblische Urkunde diese Forderung ausdrückt, erblickt Cohen die Abstraktion, die Abwehr von allem Wirklichen der Gegenwart. Aber bei der bloßen Abwehr und Negation ist der religiöse Gedanke des Judentums nicht stehen geblieben. Die Propheten haben diesem Gedanken durch ihren Begriff des Messias, als des Sendboten ihres Gottes an die zukünftige Menschheit, einen positiven Inhalt gegeben und so die Urform des sittlichen Idealismus auf dieselbe Weise erzeugt, wie die Griechen durch den Begriff der Idee die des wissenschaftlichen Idealismus. Nicht das soll wirklich sein, was die Gegenwart darbietet in Naturand Menscheinveit, sondern wirklich im eminenten Sinne ist das, was noch nicht wirklich ist, aber in der Idee erdacht, in der Hoffnung vorweg genommen, in der Schau der Hoffnung als Wirklichkeit gefordert wird. „Hoffnung, Zukunft, Menschheit“ gehören bei den Propheten zusammen. Sie bilden den Protest gegen die empirische Wirklichkeit der Gegenwart in Natur und Geschichte. Das ist nach Cohen der Inbegriff des Prophetismus: die Realisierung der einen Menschheit im messianischeu Zeitalter. Und das ist nach ihm der Inbegriff des Messianismus: die Hoffnung, der Glaube, die Zuversicht auf die Zukunft der Menschheit; Dadurch haben die Propheten die Religion versittlicht iujd vom Mythos befreit, dessen „goldenes Zeitalter“ in der Vergangenheit liegt, und dessen; ganzer eigentümlicher Sinn auf das Wesen und Walten, der Götter und ihr Verhältnis zum Menschen gerichtet' ist. Vom Grundgedanken | der Sittlichkeit ergriffen, Vom dem Gedanken des Guten, das unter den Menschen aufzurichten sei, kameii die Propheten-auf die Entdeckung vom eigentlichen Sinn des einzigen Gottes. Das Gute zu stiften, das ist' nicht die Sache der. Götter; dazu bedarf es einer neuen Gottheit, einer „neuen Art von Gott“. Und diese neue Art bedeutet die Einheit Gottes, zu deren Entdeckung die Propheten dadurch gelangten, daß sie das mythische, -»w«mittelbare Verhältnis zwischen Mensch und Gott bekämpften und den Blick des Menschen von Gott überhaupt abwandten, um ihn auf den Nebenmenschen zu lenken. Der prophetische Gedanke Gottes entsteht auf Grund des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch. Indem Gott zurücktrat, wurde er zum Gott der Menschheit. Und je inniger das Interesse am Mitmenschen wurde, je dringlicher die Sorge um das Menschenelend der Gegenwart, desto freier, tiefer, heller wurde der Ausblick auf jenen Gott der Zukunft, desto inniger die messianische Hoffnung auf den Gott der Menschheit als den „Vater der Waisen und Anwalt der Witwen“. Das ist nach Cohen „die erste Stufe zu einem echten Verständnis des Judentums und seiner Geschichte“. Das von den Propheten begonnene Werk wird im Mittelalter durch die scharfe Ablehnung der Attribute philosophisch begründet. Die jüdischen Denker der islamischen Zeit bestreiteii alle Attribute des göttlichen Wesens, welche nicht unmittelbar als Musterbegrlfie der men-s-chlichen Handlungen geilen können. Sie beschränken die Erkenntnis Gottes auf die Erkenntnis der „Attribute der Handlungen“. So wurde nach Cohen die Gottesidee als . Urbild der Sittlichkeit bestimmt. Außerhalb dieses Interesses an der Sittlichkeit blieb das Wesen Gottes unerforscht, war es nicht Gegenstand des philosophischen Interesses und ebesp'.venig des religiösen Glaubens. Das Wesen Gottes ist innerhalb der jüdischen Religion das Wesen der menschlichen Sittlichkeit. „Und dieses Wesen der menschlichen Sittlichkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.