Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. — Nr. 21 Nalional-jüdifches Organ Redaktion and Administration: Wien II., Zirkusgaase 33 ' Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag« den 24. Mai 1918 — 18. Ssiwan 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 h Postsparkassenkonto 133.404 Protestjuftentum Als vor zwei Monaten die Abordnung der jüdischnationalen Parteien der österreichischen Regierung ihre Denkschrift überreichte, haben wir über die Bedeutung dieses Ereignisses geschrieben: „Wir haben die große Schar unberufener und unverantwortlicher „Ratgeber“ und „Sachverständiger“ in jüdischen Angelegenheiten, welche uns bisher den Weg zu den österreichischen Völkern und zur Regierung mit List und Gewalt versperrt haben, beiseite geschoben. Wir brauchen nicht mehr zu fürchten, daß, wie bisher, über das Schicksal des jüdischen Volkes entschieden wird, ohne daß seine berufenen Vertreter auch nur zu Worte kommen.“ Die unverantwortlichen Ratgeber und Sachverständigen konnten darauf nicht schweigen. Ihre Position war in den Grundfesten erschüttert. Mit der Politik des Ghetto sollte ein für allemal gebrochen sein, nicht mehr war richtunggebend, was dieser oder jener über das Verhalten der Juden sagen oder denken werde, nicht mehr sollte nach rechts und links geschielt werden, nicht mehr wollte das Volk durch die unerschöpfliche Reihe von Bedenken" und Befürchtungen sich den Atem und die Sprache benehmen lassen. Das Volk sollte aufrecht hingehen und. sagen, was es für sein eigenes Leben und für das Zusammenleben mit anderen Völkern Im Staate für erforderlich hält. Aber die unberufenen Ratgeber, noch immer im Besitze der wichtigsten offiziellen jüdischen Aemter, wollen sich nicht beiseite schieben lassen. Es wird versucht, auf Hintertreppen in das Regierungskabinett zu kommen und die Erfüllung dessen zu vereiteln, was dem Volke frommt und was das Volk wünscht — um der Erhaltung der eigenen Machtposition und des eigenen Systems willen. Um zu protestieren, braucht man ein Mandat. Das Mandat des Volkes haben diese Herren nicht Sie" sind Verlassene, Einsame aus versunkener Zeit; die breiten Massen des Volkes, der allein entscheidende Faktor, stehen niqht hinter ihnen. Wie könnte man ein Mandat bekommen, um den im Namen dieses Volkes Sprechenden entgegentreten zu können? Man beruft geheime Versammlungen, Verschwörungen, die vom Geist der Unlauterkeit erfüllt sind, Versammlungen des schlechten Gewissens, man konstruiert Repräsentationsrechte und gibt sich selbst ein Mandat mit einem schönen Namen. Dann begibt man sich auf die Wanderung nach den Hintertreppen. Die Jüdischnationalen haben in ernster, von Bewußtsein schwerer Verantwortung getragener Arbeit versucht, die Richtlinien zu finden, wie 'das Leben des jüdischen Volkes-in Oesterreich in Hinkunft eingerichtet werden könnte, damit es aus dem unglückseligen, unsicheren, verelendeten, unwürdigen, geknechteten, leidvollen und unfreien Leben ein glückliches, gesundes, freies, kulturwürdiges arbeitsfrohes Leben werde. Der einzige Gesichtspunkt, das einzige Ziel aller jüdischen Politik Ist für sie das Wohlergehen, das Hell, die Durchsetzung des Rechtes des jüdischen Volkes. Die Jüdischnationalen sind sich der ungeheuren Schwierigkeiten bewußt, die der Lösung der politischen Probleme entgegenstehen. Sie suchen in hingebungsvoller Arbeit, durch sachliche Betrach~ tung, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Sie werden niemals ablehnen, wenn Juden, die das gleiche Ziel erstreben, über einzelne Mittel, Wege oder die Anwendbarkeit bestimmter politischer Systeme und Methoden sachlich diskutieren werden. Dies wäre nicht Gegnerschaft, sondern Mitarbeit. Die unerläßliche Voraussetzung aber ist, daß man die Verantwortung dem Volke gegenüber fühlt und daß das einzige Ziel, aus dem der entscheidende Antrieb für das Handeln folgt, die Erfüllung der Lebensbedürfnisse des jüdischen Volkes ist Gibt es außerhalb der nationalen Kreise solche Juden? Wir würden wünschen, es annehmen zu können, und wir wären überzeugt, daß diese Juden früher oder später auch die Wahrheit des nationalen Gedankens erkennen würden. Statt dessen aber sehen wir leider keine sachliche Gegnerschaft, leider überhaupt keine würdigen Gegner, mit denen sich zu messen und auseinanderzusetzen Mannesehre gestattete: " Wir sehen nur Scheeisüchfige, wir sehen Verneiner, wir sehen Zerstörer, wir sehen ängstliche und würdelose Gestalten am Werke. Wir sehen Juden, die hingehen, um zu protestieren, wenn dem jüdischen Volk sein Recht gegeben werden soll. Was wollen die Jüdischnationalen? Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des freien Bekenntnisses zu derselben. Sie wollen also zunächst die Feststellung einer Wahrheit: daß das jüdische' Volk existiert. Sie wollen, daß keinem aufrechten Juden, der sich stolz zu seinem Volke bekennt, dieses Bekenntnis als Verbrechen, als strafbare Handlung angerechnet werde. Es ist zunächst eine moralische Sache, daß jeder seine Wahrheit sagen und leben darf. Es ist eine Sache, die jedem Kulturmenschen, der die Ideen des Liberalismus verstanden und in sich aufgenommen hat, selbstverständlich ist. Da kommen Leute, die den Liberalismus im Munde führen, aber von seinem geistigen Gehalt ganz unberührt sind, die sich ein egoistischen Zwecken angepaßtes Zerrbild des Liberalismus zurecht gelegt haben, — und protestieren. Wir fordern, daß Gebrauch der jüdischen und hebräischen Sprache und Schrift zumindest gestattet werde; da kommen Juden, die sich traditionstreu nennen und Verehrung der hebräischen Sprache heucheln, — und protestieren. Die Jüdischnationalen fordern das Recht der Juden auf ihre Schulen, auf Erziehung ihrer Kinder in jüdischem Geiste. Sie wollen dem Kinde die unglückseligen Konflikte ersparen, die sein Gemüt bedrücken und seine Seele in früher Jugend knicken. Sie wollen es vor Anfechtung, Anfeindung, Gemeinheit bewahren und ihm die Frohheit der Jugend sichern. Sie wollen vor allem die Sorge für ihr teuerstes Gut selbst auf sich nehmen, wie die Mutter nur sich allein eine richtige liebevolle Erziehung des Kindes zutraut. Sie wollen, daß das jüdische Kind auch Wissen von der jüdischen Vergangenheit, der jüdischen Sprache und Literatur, des jüdischen Lebens aufnehme, daß es das stolze Bewußtsein seines Judentums aus der Kenntnis des Judentums schöpfe. Da kommen die Leute, denen an aufrechten, moralischen, seelenstarken Menschen nichts liegt, die nur eine Eignung für dieses oder jenes Geschäft durch die Schule erzeugen wollen; — und protestieren. Die Jüdischnationalen fordern ferner eine entsprechende Vertretung der Juden im Reichsrat und anderen Vertretungskörpern und wollen diese Vertretung verfassungsmäßig garantiert. Sie wollen also daß die jüdischen Interessen von Männern vertreten werden, die anerkanntermaßen. '■Mändäläre des Judentums sind, denen demnach das jüdische Interesse das ausschlaggebende für ihr politisches Verhalten ist, die abhängig sind nur von dem Willen der Judenschaft, die die Aufgabe haben, über die Erfüllung der gesetzlichen Gleichberechtigung durch die Behörden zu wachen, die die Möglichkeit geben, mit einem gewissen Nachdruck jüdische Postulate zu vertreten, nicht nur bitten zu müssen. Davor nun haben gewisse Leute geradezu einen Horror. Sie können den Begriff eines jüdischen Abgeordneten, der nur jüdische Interessen vertritt, gar nicht fassen, sie können anders als in einer Atmosphäre der Liebedienerei, des Bittstellertums, der erborgten Macht und „scheinbaren Bedeutung nicht leben. Ihnen genügt als Vertreter ein Jude, der in diesen oder jenen andersnationalen Klub eintrltt und ihm seine Seele verkauft, der unter irgend einem falschen Namen sich „hervortut“, so daß man, auf ihn stolz sein kann, der alle möglichen Tätigkeitsgebiete in den Bereich seiner Politik zieht, nur nicht die jüdischen Lebensfragen. Denkbar wäre, daß über die Art und Weise der Bestellung jüdischer Vertreter eine sachliche Diskussion geführt wird. Aber mit Leuten, die keine sachlichen Argumente haben, sondern nur das vage Gefühl, daß diesem oder jenem Juden die Sache irgendwie unbequem wäre, weil sie ihn aus dem trügerischen . Boden reißt, in dem er zu. wurzeln meint und die deshalb den Kämpfern für das jüdische Recht in den Rücken fallen, — mit diesen Leuten kann man anständigerweise eine Verständigung nicht finden. Aber die Leute gehen „bin und protestieren. Es ist kein Spiel,“um das es hier geht. Uns wenigstens ist es bitter ernst. Wir können nicht weiter in einer Welt leben, in der es Protestjuden gibt. Das jüdische Volk strebt zum Leben, ln dieser mühseligen, schweren Arbeit wird der Moment kommen, wo es seine Führer mustert und Abrechnung hält mit denen, die den Namen von Führern sich beilegten, in Wirklichkeit niemals für das Wohl des Volkes gewirkt haben, dann aber hingingen, wenn etwas im Werke war, — und protestierten. Das jüdische Volk wird seinen Willen so deutlich kundgeben, daß auch der Regierung kein Zweifel darüber bleiben wird, ob die positive Forderung und das ehrliche Bemühen im Sinne des Volkes geschah oder der Protest Schon jetzt ist es klar, daß das Mandat, das in so lächerlicher Weise zustande kam, völlig nichtig und fiktiv ist. Die Protestiuden fühlen selbst, wie wacklig Ihre ganze Sache ist und haben deshalb .so krampfhaft gearbeitet. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Regierung diesen Protest so behandeln wird, wie es ihm zukommt Die Regierung hat wahrhaftig wichtigere Dinge zu tun, als Herren zu empfangen, die sich anmaßen, für eine Gesamtheit zu sprechen, mit der sie keine Fühlung haben und die sonach ihre privaten Wünsche und Gefühle der Regierung zu unterbreiten sich vermessen. Auch die Regierung braucht zum Aufbau des österreichischen Staates arbeitswillige; die Lebensbedingungen der Völker nnd des Staates erkennende, tätig nnd verständig wirkende Kräfte. Mit Protesten ist weder der Regierung, noch dem jüdischen Volke geholfen. * Die Sitzung der Wiener Kultusgemeinde. Vorige Woche haben zwei Sitzungen der Wiener Knltusgemeinde stattgefunden mit der Tagesordnung: „Stellungnahme gegen die Forderungen der Jüdischnationalen an die Regierung“. Es war eine Fortsetzung der bereits in unserem Blatte besprochenen Tagung des österreichischen Gemeindebandes. Wie wir berichtet haben, hat dort Herr Dr. Stern das Mandat errungen, mit seinem Protest zur Regierung zu gehen. Scheinbar trug er später doch Bedenken, im Namen einer derartigen Körperschaft, wie der Gemeindebund, von dem niemand was weiß, aufzutreten. Er wollte sich also noch das Mandat der Wiener Kultusgemeinde holen. Gleich zu Beginn der Sitzung wurde von mehreren Seiten Verwahrung dagegen eingelegt, daß der Präsident ohne Befragen des Kultusvorstandes den Gemeindebund einberufen, Galizien ausgeschlossen und seine Protestresolution dort eingebracht hat. Die erste Sitzung mußte schließlich wegen Beschlußunfähigkeit vertagt werden. In der folgenden Sitzung sprach ausführlich Kultusvorsteher Staatsbahnrat Stricker, begründete das Vorgehen der Jüdischnationalen und warnte den Kultusvorstand vor einer übereilten und unüberlegten Stellungnahme. Die Debatte war übrigens sehr interessant und es kann festgestellt werden, daß trotz allem Widerstand der Einfluß der nationalen Ideologie deutlich erkennbar ist Ais Assimiiant deklarierte sich programmatisch Herr Hofrat Löwner, er sei sogar gegen die Forderung der Sabbatrnhe und der jüdischen Schule, für die auch Dr. Stern eintritt Dr. Schreib er fühlte den ganzen Mangel der Aktion und verlangte, man möge der jüdischnationalen Denkschrift mit einem sachlichen Programm gegenübertreten. Prof. E h r m a n n sprach sich dafür aus, den Ostjuden eine nationale Autonomie zu gewähren. Aber für die Westjuden wäre eine solche Maßregel von Nachteil. Die übrigen Forderungen der Jüdischnationalen akzeptiere er. Zum Schluß sprach noch Stricker, der alle Einwände gegen die jüdischnationale Politik widerlegte. Von den 34 Vorstandsmitgliedern waren 18 anwesend. Davon stimmten 11 für den Protest Dr, Sterns, 3 stimmten dagegen und zwar die Herren Dr. Schreiber, Brod und Stricker, und 4 enthielten sich der Abstimmung. Es war also ein ähnliches Resultat wie beim öterreicbischen Gemeindebund, wo von 280 Gemeinden kaum 34 vertreten waren. Kultusgemeinde Linz. Die am 13. Mai d. J. stattgefundene öffentliche Sitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Linz mit der Tagesordnung „Stellungnahme zu den Forderungen der Jüdisch- Nationalen, insbesondere zur Schaffung des nationalen Katasters“ nahm einen charakteristischen Verlauf. Nachdem Herr Vorsteher Bened. Schwager über die Sitzung des Gemeindebundes ausführlich berichtet und sich gegen den Kataster ausgesprochen hatte, gab Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Friedmann seiner Verwunderung Ausdruck, daß der Vorstand erst befragt wird, nachdem ein Beschluß im Gemeindebund bereits gefaßt worden ist Herr Staatsbahnrat lug. Emil Müller, I. Vizepräsident des zionistischen Volksvereines, erklärte nachdrücklichst, daß die Kultitsgemeinde gänzlich inkompetent ist und gar nicht das Mandat besitzt; zu diesen Forderungen überhaupt Stellung zn nehmen. Herr Heinrich Freund referierte im gegenteiligen Sinne, während Herr Julius Stern vor allem warnte, die Oeffentiichkeit zu alarmieren, (?!) (Schallende Heiterkeit im Auditorium.) In treflichen Ausführungen präzisierte Herr Vorsteher-Stellvertreter Dr. Hermann Schneeweiss seinen Standpunkt, dahingehend, daß die Jüdisch-Nationalen zweifellos wohl übelegt haben, welche Forderungen dem Ministerpräsidenten, zu überreichen sind und daß weder Gemeindebund noch Kultusvorstand über etwas debattieren könnten, dessen Inhalt und Form ihnen völlig unbekannt wäre. Herr Albrecht wiederum sprach $jch deshalb gegen den Kataster ans, weil nach seiner Meinung die Juden kein Volk wären, welche eigenartige Behauptung er naturgemäß nicht zu beweisen vermochte, so daß eine Bekehrung des Großteils des Vorstandes zn seiner etwas waghalsigen Theorie verunglückte. Mit dem Ausdrucke des Dankes nnd des Vertrauens an den Herrn Vorsteher schloß die Sitzung. S. L. Oe. -o