Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Judentums“ gegen den Nationalismus, diesen gelben Fleck, protestiere, schloß der Brünner Seelenhirt. Dr. Hilf (M.-Ostrau) erklärte nicht stimmen zu können, da man den Gemeinden nicht die Möglichkeit gegeben habe, die Angelegenheit zu beraten. Uebrigens müsse er feststellen, daß die Assimilationsbestrebungen der Juden kläglich gescheitert seien und der politische Einfluß, von dem Dr. Löwy gesprochen habe, existiere in Wirklichkeit schon längst nicht mehr. Er verlangt die Vertagung. Es dürfe nicht in so leichtfertiger Form über so wichtige Dinge beraten und beschlossen werden. Dr. Grünner (Neunkirchen) protestierte gleichfalls gegen diese Art der Beratungen. Er will auch die Nationalen hören, bevor er über sie aburteilen solle. Dr. Schneeweis (Tulln-Klosterneuburg) verwahrt sich entschiedenst gegen den Antrag des Präsidenten und gegen die Absicht, die Kultusgemeinden ohne vorhergehende Beratung zu solchen Schritten zu gebrauchen. Dr. Rosenbaum (Prag) sprach sich gegen die Vertagung aus, die Gefahr sei zu groß, man müsse sofort zur Regierung gehen undgegen die nationalen Forderungen protestieren. Er erklärte auch, daß die Zionisten selbst auf die nationalen Forderungen verzichten. Mit dieser ungeheuerlichen Entstellung schloß der Prager Vertreter. Sodann ergriff Staatsbahnrat Stricker, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde, das Wort Er erklärte vorerst lediglich als geladener Gast zu sprechen, da er die Legitimation dieser Konferenz nicht anerkennt. Die Herren haben kein Recht im Namen ihrer Gemeinden zu sprechen, da. wie ja von vielen Rednern konstatiert wurde, diesen Gemeinden, und nicht einmal den Vorständen, keine Gelegenheit geboten wurde, irgendwelche Beratungen abzuhalten. Der Wiener Kultusvorstand, ,die Vertretung der größten Gemeinde, hat überhaupt nie etwas von der ganzen Angelegenheit erfahren. Die Herren, welche hier als Wiener Vertreter sitzen, sind von niemandem delegiert worden und haben keinerlei Mandat. Wenn die Herren offen und ehrlich, mit lauteren Mitteln, gegen das Jüdischnationale Programm kämpfen wollten, so würde er das freudig begrüßen,. damit endlich Klarheit geschaffen werde. Aber diese Art, der Regierung und der Oeffentlichkeit Legitimationen vorzutäuschen, im Namen der österreichischen Judenschaft zu sprechen, ohne diese Judenschaft befragt zu haben, fordert zur. schärfsten - Abwehr heraus. Die Jüdischnationalen werden den Herren die Antwort auf dieses Vorgehen nicht schuldig bleiben. . Nachher sprachen noch einige Redner, unter ihnen besonders unangenehm bemerkbar der „Delegierte“ Pappenheim. Er pöbelte die Zionisten in solcher Form an, daß ihn der Vorsitzende ermahnte. (Dieser Herr ist weder Kultusvorsteher noch-auch von irgendwem delegiert.- Trotzdem hat er wacker mitgesprochen und m i tgestimmt) Sodann wurde abgestimmt. Einen Zusatzantrag des Herrn Dr. Sonnenschein (Troppau), welchem anscheinend spät aber doch Bedenken gekommen sind, es möge in der Resolution nicht „Gemeinden*, sondern „erschienene Vorsteher“ heißen, lehnte der Präsident mit der Begründung ab, daß er dann vor der Regierung nicht ordentlich legitimiert wäre! Für den Antrag des Präsidenten stimmten 35 Herren, 4 (die Vertreter von Triest, Öderberg, Klosterneuburg-Tulln, Neunkirchen) stimmten dagegen, die übrigen enthielten sich aus den vorerwähnten Gründen der Abstimmung. Wie viel die 35 Stimmen wert sind, geht daraus hervor: Wien war durch 5 Herren vertreten, zwei von ihnen sind überhaupt nic.ht Mitglieder des Vorstandes, die anderen drei hatten vom Vorstafl'de kein Mandat bekommen. Herr Dr. Stern aber wird hingehen und im Namen der-. österreichischen Judengemeinden sprechen! Der rumänische Friede Die heute erfolgte Publizierung des Friedensvertrages mit Rumänien hat peinliche Ueberraschung hervorgerufen. Entgegen allen Versicherungen der leitenden Staatsmänner 'der Mittelmächte ist die Bestimmung bezüglich der Gleichstellung der Juden keineswegs eindeutig und zufriedenstellend. vielmehr geradezu eine Verschlechterung gegenüber dem Berliner Vertrag! Die Fassung läßt allen Schikanen Tür und Tor offen. Der Passus: „die im Lande geboren und dort ansässig sind und von dort geborenen Eltern stammen“ ist eine Einschränkung, die jede Durchführung illusorisch machen kann, zumal bei dem Umstand, daß es in Rumänien erst seit 1866 bis 1886 amtliche Geburtsregister gibt, der Nachweis der verlangten Qualifikation überhaupt nur den jungen Leuten von zirka 15 Jahren gelingen kann. Auch alle jene Juden, die sich zum Militärdienst gestellt haben, aber wegen körperlicher Gebrechen nicht genommen wurden, ferner diejenigen, welche infolge der Besetzung des Landes nicht mehr zur Stellung kommen konnten, sind von der Naturalisation ausgeschlossen. Das Judentum der ganzen Welt, das mit Spannung vom Bukarester Frieden die Lösung der rumänischen Judesifrage erwartet hat. wird schwer enttäuscht und empört sein von-dieser Art der Austragung. Es handelte sich ja diesfalls nur um Durchsetzung einer tatsächlich bereits bestehenden Bestimmung, nämlich des Artikels 44 des Berliner Vertrages, und es fällt schwer, einzusehen, daß es den Paziszenten Rumäniens nicht gelingen konnte, gerade diese Bedingung durchzusetzen, während die schweren. Rumänien demütigenden anderen Bedingungen akzeptiert wurden. Vielmehr muß leider angenommen werden, daß die Mittelmächte nicht mit der von ihnen erwarteten Energie für die Rechte der Juden eingetreten sind. Das vom Grafen Czernin angebahnte Befreiungswerk ist unter seinem Nachfolger den widerstrebenden Einflüssen von anderer Seite erlegen. Die Judenschaft blickt mit Sorge der weiteren Entwicklung der Dinge in Rumänien entgegen: sie kann die Bestimmungen dieses Friedensvertrages nicht als endgültige betrachten. Insbesondere in den neutralen Ländern werden heftige Befürchtungen laut Es wird. für die Stimmung dieses politisch immerhin nicht bedeutungslosen Elements von ausschlaggebender Wichtigkeit sein, wie sich das Schicksal der rumänischen Juden gestaltet und in welcher Richtung die Mittelmächte in der Praxis ihren Einfluß geltend machen werden. Zu den Krakauer Vorfällen Von Herrn Dr. S. Tilles, Kultusvorsteher von Krakau, erhalten wir nachstehendes Schreiben vom 3. d. M. Ah die geehrte Redäktibri .der „Jüdischen Zeitung“ ' . Wien, Zirkusgasse 33.- Sehr geehrter Herr Redakteur! Ueber die traurigen Exzesse in Krakau sind in einigen Blättern in den Berichten Mitteilungen betreffend mein Verhalten, beziehungsweise das des'Kultusvorstandgs gemacht worden, die vollständig auf Unwahrheit beruhen. Insbesondere soll ich oder der Kultusvorstand — beide Versionen kommen vor angeordnet -haben, die Leiche des unglücklichen Opfers der Exzesse in aller Stille wegzuführen. Es ist mir nicht möglich, in allen Zeitungen, welche derlei Mitteilungen gebracht haben, solche in erschöpfender Weise zu berichtigen und da sowohl der Kultusvorstand wie auch ich für meine Person ein begreifliches Interesse haben, den wahren Sachverhalt der jüdischen Oeffentlichkeit mitzuteilen, erlaube ich mir, an Sie, sehr geehrter Herr RedMcteur, mit dem höflichen Ansuchen heranzutreten, in Ihrem Blatte dem im folgenden dargestellten Sachverhalt, für dessen wortwört- Karl Marx Am 5. Mai'jährte sich zum hundertsten Male das Geburtsdatum von Karl Marx. In ihm hat das Judentum der Menschheit einen ihrer größten Söhne geschenkt Durch sein gigantisches Lebenswerk hat er dem Denken und Forschen neue Bahnen gewiesen und eine Bewegung entfesselt und in ihren Anfängen selbst organisiert die zu einer der machtvollsten in der Weltgeschichte geworden ist.' Innerhalb der zionistischen Bewegung bekennt sich ein Zweig, die Poale Zion, zu. dem großen Meister. Sie betrachtet sich als ein Teil der „Internationale“ und versucht auch theoretisch Zionismus und Marxismus, zu verknüpfen. Ihr jüngst verstorbener geistvoller Führer, Borocow, hat dies in der Weise getan, daß er sagte, die nationale Frage des jüdischen Proletariats bestehe in der Anormalität seiner „strategischen Basis“, d. h. des Arbeitsplatzes als Ausgangspunkt für den Kampf des Proletariats gegen die anderen Klassen. Der jüdische Arbeiter muß erst diese Basis in der Welt suchen, bevor er den Klassenkampf führen könne, daher werde er Territorialist und Zionist Doch auch diejenigen Zionisten, die nicht in den Reihen der Poale Zion stehen, haben die marxistischen Gedankengänge, insbesondere seine Lehre von der fundamentalen Bedeutung der. Produktionsformen für die Machtverhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaft, darin unterstützt die Judenfrage von ihrer ökonomischen und sozialen Seite her scharf zu erfassen. In seinem inneren Wesen ist aber der zionistische Gedanke geradezu eine Auflehnung gegen die ökonomische Geschichtsauffassung von Marx und deren philosophische Grundlagen. Beide werden eigentlich schon durch die jüdische Diasporageschichte widerlegt So sehr in dieser das äußere Schicksal der Juden von ökonomischen Vorgängen in der nichtjüdiscljen Welt bestimmt worden ist, niemals hat, wie es die Marxsche Philosophie will, ihr ökonomisches ^Sein ihr Bewußtsein bestimmt, immer war den Juden ihr geistiges Sein dasjenige, dem sie alles opferten. Und wenn Marx in seiner Auseinandersetzung mit der Judenfrage diese — getreu seiner Theorie — als eine ökonomisch determinierte bezeichnet, wenn er das Judentum bloß ansieht als den Träger der Geldwirtschaft inmitten der allgemeinen Naturalwirtschaft, und daraus den Schluß zieht, die Judenfrage werde verschwinden, bis die ganze Gesellschaft eine kapitalistische sein wird, so daß die Juden keine besondere Funktion mehr zu erfüllen haben und daher in ihrer Umgebung aufgehen werden, so hat er doch nur zum Teile recht behalten. Zum Teile, denn einerseits ist die Entwicklung nicht ganz so verlaufen, wenn auch zugegeben werden muß, daß die Raschheit der Assimilation in allen Ländern gleichen "Schritt hält mit den Fortschritten der Kapitalisierung der Nationalwirtschaften, andererseits aber zeigt die zionistische Bewegung, daß die Lebenskraft der jüdischen Nation von den ökonomischen Gesetzen nicht zerstört werden, kann, daß sie gegen und außer aller Oekononiiö .sich bewußte Ziele setzt. Wohl wird auch, im zionistischen Lager sowohl von den Poale Zion, als auch außerhalb ihrer Reihen immer wieder versucht, den Zionismus auf ökonomische Besetze zu basieren, aber so wenig auch der Aufbau einer neuen jüdischen Gesellschaft sich vollziehen kann ohne Rücksicht-' nähme auf diese, so kann doch der Charakter der zionistischen Idee niemals anders definiert wer¬ Nr. 19 liehe-Wahrheit ich persönlich einstehe, Raum geben zu wollen. Am Dienstag, den 16. April 1. J. abends wurde ich während einer Versammlung, welche aus Anlaß der Exzesse im kaufmännischen Vereine abgehalten wurde, von dem Ableben des sei. Meller verständigt. Als ich nach Schluß der Versammlung im Begriffe war, das Lokal zii verlassen, es war gegen 10 Uhr abends, erschien eine Abordnung von einigen Herren, welche mir mitteilten, es sei das Gerücht verbreitet, daß die Leiche des Ver- - storbenen heimlich vom Sterbehause auf den Friedhof werde überführt werden; es soll dies von einem Teile der Orthodoxen beabsichtigt sein, das Leichenbegängnis sei aber für Mittwoch, 12 Uhr mittags, angeordnet und es werde an mich das Ersuchen: gestellt, ich möge veranlassen, daß das Leichenbegängnis zur bestimmten Stunde vom Sterbehaus aus stattfinde. Ich habe die Herren eingeladen, sich mit mir in meine vis-ä-vis gelegene Wohnung zu begeben, wo ich dann in Anwesenheit der Abordnung dem Friedhofverwalter Herrn Krengel telephonisch den Auftrag erteilte, alles anzuordnen, damit das Leichenbegängnis vom Sterbehause aus am Mittwoch, 12 Uhr mittags, stattfinde und machte ihn persönlich für die Befolgung dieses Auftrages verantwortlich. Die Herfen dankten und entfernten sich. Gegen 3 Uhr nachts wurde ich von einigen jungen Leuten geweckt, welche mir berichteten, daß soeben ein Polizeikommissär mit Polizeiassistenz und einem Leichenwagen vor dem Sterbehause angelangt sei, um die Leiche zur Obduktion zu überführen, und ersuchten mich, zu erwirken, daß. von der Ueberführung der Leiche Abstand genommen werde. Ich verband, mich sofort telephonisch mit der Polizeidirektion. Der diensthabende Polizeikommissär erklärte, daß er den Polizeidirektor nicht wecken dürfe, er habe jedoch den Auftrag, behufs Vornahme der gerichtlichen von der Staatsanwaltschaft angeordneten Obduktion die Leiche zu überführen und daß dieser Auftrag unter allen Umständen ausgeführt werden müsse. Die Anwesenden hörten das ganze Gespräch, sahen ein, daß ein Widerstand nutzlos wäre und entfernten sich. Am Mittwoch vor 9 Uhr früh erschien bei mir der hiesige Advokat Herr Dr., Feldblum mit einigen Herren und ersuchte mich, zu veranlassen, daß die Obduktion ehestens vorgenommen werde,, damit das Leichenbegängnis noch zur angeordneten Stunde stattfinden könnte. Auf mein telephonisches diesbezügliches an den Polizeidirektor in Gegenwart des Herrn Dr. Feldblum gerichtetes Ansuchen erhielt ich die Antwort, die Sache liege nunmehr in Händen der Staatsanwaltschaft. Demzufolge intervenierte ich bei der k. k. Oberstaatsanwaltschaft und erwirkte, daß die Vornahme der Obduktion sofort verfügt wurde. Herr. Dr.. Feldblum teilte,. mir. auch mit,, daß „' er voraiissehe, daß das Leichenbegängnis'’ zur anberaumten Stunde, schwerlich werde, stattfinden können, daß es wahrscheinlich zur für das Leichenbegängnis angesagten Stunde vor dem Sterbehause zu einer großen Versammlung kommen werde, er sei daher besorgt, daß die Polizei einschreiten könnte, daß die_s die herrschende Erregung noch steigern würde, und ersuchte mich, in dieser Richtung beim Polizeidirektor zu intervenieren. Nach einem telephonischen Gespräch mit dem Polizeidirektor konnte ich Herrn Dr. Feldblum mitteilen, daß mir der Polizeidirektor das Versprechen gegeben hat, nicht einzuschreiten. Herr Dr. Feldblum sprach mir hiefür seinen Dank aus. Gegen 1 Uhr mittags telephonierte mir der Polizeidirektor — ich war bei einer Konferenz beim Leiter der hiesigen politischen Behörde, Statthaltereidelegierten Dr. von Biesiadecki —, es werde vor dem Sterbehause eine vieltausendköpfige Versammlung unter freiem Himmel ohne polizeiliche Bewilligung abgehalten, es werden vom Balkon aus an die Menge aufreizende Reden den, denn als Auflehnung gegen die Sklaverei der Menschen gegenüber der angeblich unentrinnbaren Herrschaft von Entwicklungstendenzen, auf die ihm nur geringe Macht eingeräumt sein soll. Selbst nach Marx sind die Produktionsverhältnisse schließlich Verhältnisse zwischen Menschen und deshalb muß der Wille der Menschen imstande sein, sie so zu beeinflussen, daß sie ihre Schrecken verlieren. Mit anderen Worten, es muß möglich sein, die Gestaltung der Gesellschaft nach vorgefaßten Willenszielen zu beeinflussen. Doch hierin liegt nicht die wesentliche Differenz zwischen Zionismus und Marxismus. Sie besteht darin, daß der Zionist fühlt, daß sein Bewußtsein nicht vorwiegend von ökonomischen Verhältnissen bestimmt ist. Er glaubt noch immer an die Macht der von Marx verspotteten Ideologien, denn er ist ein Erbe des altjüdischen Geistes, der immer und immer wieder sich behauptete gegen alle Macht der materiellen Bedingungen und auf ein bestimmtes ethisches. Ziel gerichtet war. In der Hochhaltung dieses Zieles ist aber Marx selbst ein Jude im besten Sinne gewesen. Persönlich hat er allerdings mit dem Judentum und den Juden wenig Berührung gehabt. Als er 6 Jahre alt war, ging sein Vater, der aus einem alten Rabbinergeschlecht stammte, mit seiner ganzen •Familie zum Protestantismus über. Seine Jugendgespielin und spätere Gattin, die - alle Bitternisse des Exils und des Elends mit ihm getreulich teilte, stammte aus dem deutschen Be-, amtenadel, sein geistiger Führer Hegel und seine Schüler Rüge und Bruno Bauer sowie die englischen und französischen sozialistischen Theoretiker waren keine Juden, ebensowenig sein Freund und kongenialer Mitarbeiter Friedrich Engels