Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-05-03 · 18 (3.5.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
18 (3.5.1918)
Date
1918-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438692--5747-2445755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

m ■TzT*: XII. Jahrgang. — Nr. 18 National-jüdifches Organ Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33' Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wen, Freitag, den 3. Mai 191S — 21. Ijjar S67S Bezugspreis: Vierteljährig 4 K ganzj. 14 K, Einzelnummer 30 h Postsparkassenkonto 133.404 Konferenz der westösterreichischen Zionisten Am 27. und 28. d. M. fand in Wien eine Tagung der Zionisten Westösterreichs statt, die von einer großen Zahl von Ortsgruppen beschickt war. Die Konferenz war die erste größere Beratung, zu der die Zionisten Oesterreichs seit Kriegsbeginn zusammentraten. Sic war beherrscht von überaus arbeitsfreudiger Stimmung und auch aus der zum Teil heftigen Kritik und den erreg- .teu Diskussionen klang deutlich und voll der Wille zu intensivster Arbeit im Dienste der Idee hervor. Wenn bisher etwas verabsäumt wurde, so ist es doppelte Pflicht, das Versäumte mit Aufgebot aller Kraft nachzuholcn. An der Parteikonferenz nahmen 106 Delegierte teil. Besonders stark waren außer Wien vertreten: Prag, Pilsen, Teplitz, Brünn, Mähr.- Ostrau, Troppau, Linz, Graz, Proßnitz u. v. a. Die Konferenz wurde Samstag, am 27. April, abends 8 . Uhr, mit einer feierlichen Ansprache des Vorsitzenden des w.-ö. Zentralkomitees, k. k. Reichsratsrevisor Rudolf T a u s s i g,‘ eröffnet. Rede des R.-R. Rudolf Taussig: Ajs derzeit geschäftsführendem Präsidenten des Zionist. Zentralkomitees für Westösterreich ist es mir eine Freude, Sie ais die delegierten Vertreter der zionistischen Organisation Oesterreichs auf das herzlichste zu begrüßen. Als Gäste begrüße ich die Mitdieder des Exekutiv-Komitees mit dem H. Präs. Stand an der Spitze, ferner Herrn Farbstein aus Warschau, den Präsidenten der polnischen Landesorganisation. Ich freue mich, in-einem für unsere Bowegung so ungemein wichtigen Zeitpunkte mit Ihnen Allen, meine Herren, beraten zu können. Zunächst obliegt es mir, eines traurigen Ereignisses zu gedenken, das uns menschlich zu tiefst erschüttert hat und für unsere Bewegung von größter Bedeutung ist. (Die Versammlung erhebt sich.) Der Tod, der jetzt auf den Schlachtfeldern reiche Ernte hält und auch viele unserer besten Arbeiter und Gesinnungsfreunde in der Blüte ihrer Arbeitskraft dahingerafft hat, hat jüngst unserer Bewegung eine schier nnausfüllbare Lücke gerissen. Unser Führer, Dr. Echiel Tschlenow, ist mitten in der rastlosesten Arbeit im Dienste unserer Idee plötzlich gestorben. Wir alle wissen, was Tschlenows Persönlichkeit für unsere Sache bedeutete. Nachdem er 30 Jahre als Führer des russischen Zionismus gewirkt hatte, entschloß er sich, unter großen persönlichen Opferni dem Rufe, der seitens der Partei auf dem letzten Kongresse hier in Wien an ihn erging, zu folgen und in unsere oberste Leitung einzutreten. Seitdem hat er in seiner ruhigen und vornehmen Art, mit seltener Klugheit und politischer Einsicht und mit der ganzen Glut seines für sein Volk schlagenden Herzens die Geschicke der zionistischen Organisation gelenkt. Seine Verdienste, insbesondere in der politischen Leitung unserer Sacne in der durch den Krieg ungemein schwierigen Situation sind unvergänglich. .Wennich heute in der Lage sein werde. Ihnen an einer Stelle meines Berichtes von einer gewissen günstigen Konstellation zu berichten, so haben wir das unserer Leitung und in erster Reihe der Arbeit Tschlenows -zu danken. Gerade in diesem Zeitpunkt .trifft uns der Verlust doppelt schwer. Die westösterreichisdhen Zionisten geben auf ihrer ersten Zusammenkunft ihrem tiefsten Schmerze Ausdruck. Der unvergeßliche Tote hat sich ein Denkmal, im Ijerzen aller Zionisten errichtet,•- die Verehrung für ihn wird auch bei uns weiteriebeii. Noch eines Toten gilt es zu gedenken. Vor ■ einer-Woche Frist kaum über, den .engen Rahmen seines ‘-‘gälizischen Heimatstädtchens hinaus be- . kannt, geht heute sein Name von Mund zu Mund, wo auf der weiten Erde Rund Juden wohnen. Mit Schaudern und. mit Grauen, mit 'tiefer Scham -und ingrimmigem Zorn erfüllt! uns das Schicksal de.s unglücklichen Opfers blindwütigen Judenhasses der entmenschten Söhne einer Nation, die sich zii den;Külturnationen zählt und ihrer Freiheit zustrebt. Wie. einst .im finstersten Rußland sind die niedersten Triebe einer verhetzten und nationalistisch fanatisierten Menge in Galizien gegen dig. Juden losgebrochen. Jüdisches Blut ist geflossen: ein Jude ist wegen seiner Volkszugehörigkeit— aus keinem anderen Grunde sonst — erschlagen worden, nachdem er selbst dem Vaterland gedient hatte, in einem Augenblick, als er seinem Sohne, der krankin einem Krakauer;Militärspitale darniederlag, vom Schützengraben heimgekehrt, seinen Besuch abstatten wollte! Wir geben unserer tiefsten Trauer, unserem wärmsten Mitgefühle, aber auch unserer tiefinnersten Empörung und Entrüstung ob dieser eines zivilisierten Volkes unwürdigen Verfolgung und Mißhandlungen unserer unglücklichen Volksgenossen in Galizien Ausdruck und wir fordern Schutz, nachdrücklichsten Schutz vom Staate, schon aus Gründen der Dankbarkeit, die der Staat'und die im Staate maßgebenden Faktoren den Juden iür ihre dem Staate gebrachten Opfer und Dienste schuldig sind. Wir aber schöpfen auch aus diesen Ereignissen wiederum die Lehre, die die Geschichte dem Jüdischen Volke schon so oft gegeben: das - jüdische Volk wird nur dann geschützt sein, wenn es sich selbst schützt. Das aber kann es nur, wenn es geschlossen und solidarisch für jeden Volksteil und Volksgenossen einsteht. Nicht nur unseren Brüdern in einer fernen Stadt gilt es heute zu helfen, sondern uns selbst, dem ganzen Volke, und nicht durch Abwehr und Proteste allein kann uns geholfen werden, sondern nur dadurch, daß die unerträgliche Lage unseres Volkes eine radikale Umgestaltung erfährt. Angesichts der blutigen Ereignisse der letzten Tage werden wir uns in erhöhtem Maße der Pflicht bewußt, unablässig mit aller Opferfreudigkeit für unser Ziel zu arbeiten. Wir müssen das Volk organisieren und auf den Weg der Rettung führen. Es gibt nur einen Weg. Unsere große rettendeldee ist der Zionismus, ist der jüdisch-nationale Gedanke! Verehrte Vbrsammlung! t Die Lage des Zionismus hat, seitdem wir zum letzten Maie zusammengekommen sind, eine grundlegende Aenderung erfahren. Der Weltkrieg, der so viele offene politische Fragen in Fluß gebracht hat, um sie auf lange Zeit hinaus zu entscheiden. hat auch die jüdische Frage in das helle Licht der politischen Weltbühne gerückt. In Jahrzehnten des Friedens waren wir bemüht, das Bestehen. das Wesen, den Umfang und die Bedeu- . tung dieser Frage der jüdischen und nichtjüdischen Oefientlichkelt zum Bewußtsein zu bringen. Leider mit sehr geringem Erfolge. In der Judenheit war der am meisten leidende Teil, die Ostjuden, infolge politischer Entrechtung um die Möglichkeit gebracht, sich zu organisieren und ais Kollektivkörper zu handeln, d.ie Westjuden wiederum fühlten sich viel zu fest in die Gemeinschaft der Völker, unter denen sie leben, eingefügt, als daß sie im Stande gewesen wären, die Judenfrage anders als unter dem Gesichtswinkel, formaler Zivilisation zu betrachten, d. h. sie glaubten, daß in West und Ost die' Hemmnisse, die der vollen Ausreife jüdischer Gleichberechtigung im Wege stünden, durch fortschreitende Aufklärung und Kultivierung der Nichtjuden beseitigt werden würden. Soweit sie überhaupt den Bestand einer Judenfrage zugaben, verkannten sie dennoch ihr Wesen. Sie kannten weder .die innere Kraft des Judentums, das sich gegen die Auflösung wehrte und um Erneuerung rang, noch die Besonderheit der ökonomischen Lage der jüdischen Masse, die Folge ihrer Aterritoriaiität. ihrer besonderen Berufsschichtung und der Gegebenheiten der Umwelt. Die nichtiüdischen Völker, von denen ein Teil die Judenfrage als eine solche der Eximierung der Juden aus ihrer Gemeinschaft ansah, hatten kein Interesse an den jüdischen Massen, soweit sie überhaupt Kenntnis von ihrem Vorhandensein besaßen. Eines der hauptsächlichsten Prinzipien unseres großen Führers, Theodor Herzl, war es deshalb, unermüdlich bestrebt zu sein, Regierungen und Volker über das Wesen und die Bedeutung der Judenfrage aufzuklären. Stärker und nachhaltiger' als wir es durch unsere Kongresse und politischen Bemühungen je vermochten, hat der Weltkrieg diese Aufklärung besorgt. Dadurch ist in der Sphäre der allgemeinen Politik das Dictum Herzls: „Die Judenfrage ist eine europäische Frage“ restlos angenommen worden. Noch mehr: Die Judenfrage ist nicht nur vor das Forum der Weltpolitik gebracht worden, sondern ihre Lösüngsmöglichkeit durch den Zionismus ist von den maßgebenden Politikern aller Mächte anerkannt' worden. ■Dies bewirkt zu haben, ist hauptsächlich das Verdienst unserer obersten Leitung, die mit Wahrung ihrer neutralen Stellung sowohl von der . Zentrale aus als auch durch ihre auf neutralem Boden etablierten Büros im besten Sinne der Herzischen Tradition unermüdlich Völker und Regierungen über den Zionismus unterrichtet und aufgeklärt hat. Dank dieser Arbeit ist es ihr gelungen, nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch Interesse und werktätige Sympathien für den Zionismus bei allen Großmächten zu erwecken. Wenn iclx sagte: im besten Sinne der Herzlschen Tradition, so ist damit schon ausgesprochen, daß unsere Leitung den obersten Grundsatz unseres großen Führers befolgt hat; der Zionismus kann und dari sich nicht in die Weltpolitik mischen, er kann sich nicht auf irgend eine einzelne Macht oder Mächtegruppe stützen, um seine Pläne zu verwirklichen. Die Juden sind, wenn sie eine alljüdische Sache vertreten, notwendig und selbstverständlich neutral bis aufs Aeußerste. Sie können und werden auch deshalb nicht als Zionisten Machtpolitik treiben, weil sie, was sie erstreben: die öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, einzig und allein zum Wohle des jüdischen Volkes, erringen wollen, das nach seiner ruhelosen Wanderung endlich wieder eine Stätte gesicherter Schaffensmöglichkeit besitzen soll. Wird es ihnen ermöglicht, diese Heimstätte zu errichten, dann wird die Entwicklung des Landes und der jüdischen geistig-sittlichen Kultur nicht nur Palästina zugute kommen, sondern der gesamten Zivilisation. Auf Grund dieser Feststellung können wir in voller Unbefangenheit daran gehen, die Erklärungen zu prüfen, die von den verschiedenen Regierungen den Vertretern der zionistischen Organisation'gegenüber abgegeben wurden.- Als erste hat die englische Regierung die zionistischen Ziele anerkannt und ihnen vollste Unterstützung versprochen. Wir können als österreichische Juden, die ihrem Vaterlande ergeben sind, und ihre Pflichten voll erfüllen, ruhig aussprechen, daß wir diese Erklärung, die an das gesamte jüdische Volk gerichtet ist und keinerlei Spitze gegen das ottomanische Reich enthält, als die erste Enunziation einer Großmacht, in welcher die Ziele des Zionismus volle Billigung finden, begrüßen. Wir zweifeln nicht daran, daß auch die anderen Großmächte die berechtigten Ansprüche des jüdischen Volkes auf freie Einwanderung und "Arbeit in Palästina anerkennen werden, zumal es nicht denkbar ist, daß irgend eine Macht davon eine Gefahr befürchten kann. Vielmehr wird von jeder einsichtigen Regierung darin die schrittweise Lösung der Jndenirage, die in allen Ländern in irgend einer Form vorhanden ist, gesehen werden können. . Mit_ großer Dankbarkeit haben wir deshalb die Erklärung unseres hochgeschätzten früheren Ministers des Aeußern, Grafen Czemin, die er im Vorjahr dem Mitglied des Zionistischen Engeren Aktionskomitees, Dr. Hantke, äbgab, entgegengenommen. Graf Czemin hat unserer Organisation die Unterstützung der zionistischen Pläne bei der Regierung der verbündeten Türkei zngesagt. Wir haben die begründete Hoffnung, daß auch die neue, auswärtige Regierung in verständnisvoller Erkenntnis des Wesens unserer Bewegung und der Parallelität der Interessen unserer bache günstig gesinnt sein wird. Wir glauben, daß es nicht zuletzt dieser Unterstützung zu danken ist, wenn der maßgebende Staatsmann der am Zionismus an erster Stelle interessierten Macht, TalaatPascha, einem Interviewer zugesagt hat, die Türkei werde die jüdische Einwanderung in den Grenzen der Aufnahmsfähigkeit des Landes und Autonomie im Rahmen der Landesgesetze gewähren. Kurz darauf hat auch der deutsche Unterstaatssekretär von dem Bussche eine dem Zionismus freundliche Erklärung abgegeben. Die Erklärungen des Großwesirs bilden einen erfreulichen Fortschritt gegenüber den Deutungen, dje in den ersten Jahren des Krieges seitens führender Persönlichkeiten des ottomanischen Reiches den Bestrebungen des Zionismus, sie vollkommen verkennend, gegeben wurden^ Gestützt auf die Reinheit und Größe unserer Sache hegen wir die Zuversicht, daß auch die Staatsmänner der Türkei beginnen werden, den Zionismus so einzuschätzen, wie er es nach den unzweideutigen Traditionen seiner Politik und seiner klaren Ziele erwarten kann und daß unsere Bestrebungen bald in vollstem Ausmaße die gerechte Würdigung seitens der Staatsmänner der Türkei finden werden. Wir erwarten dies umso Organisiert die Propaganda für die Jüdische Zeitung! v../ ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.