Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 13-14 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15/14 JÜDISCHE ZEITUNG öelte 5 Das 15jlhrige Jubiläum des Lemberger „Tagblat“ Unser Bruderorgan in Ltethberg feiert am ersten Pess'achtage das fünfzehnjährige Jubiläum seines Bestandes. Das „Tagblatt“ hat als einziges zionistisches Tagblatt in Galizien und der Bukowina ein großes Verdienst an der Nationalisierüfig des jüdischen Lebens im Lande. VoUfe 15 Jahre steht das „Tagblatt“ auf der Wacht utid beschützt die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen jüdischen Interessen in Galizien und ih der ganzen Monarchie. Es sind das 15 Jahre schwerer, harter Arbeit, 15 Jahre unermüdlichen Kampfes für die Regeneration unseres Volkes. Die hebräische Bewegung in Wien Die Anfänge der hebräischen Bewegung in Wien reichen in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, ln Wien rief Perez Smolensk y seine Zeitschrift „Haschachar“. deren Gründung einen wichtigen Augenblick in der jungen jüdischnationalen Bewegung bildete, ins Leben: hier scharte sich eme ansehnliche Schar hebräischer Schriftsteller tun seine Fahne. Viele Jahre später, in den Anfängen der jungen zionistischen Bewegung, ging ein Mitglied des Aktionskomitees — selbst ein gewiegter Hebraist — Dr. Leopold Kahn daran, die Freunde der hebräischen Sprache in der großen Judengemeinde Wien in einem hebräischen Verein zu organisieren. Der gelehrte Lektor am Wiener Beth-ha-midrasch, Meir Friedmann, ging ihm hiebei tatkräftig an die Hand. Von den weiteren Vorkämpfern für unsere nationale Sprache seien noch Dr. M. Berkowicz (jetzt in Bielitz), der glänzende hebräische Journalist M. A. Lubetzki und E. Torczyner erwähnt. Es kam ein Konversationsklub namens „I v r i a" zustande, der aber allmählich einging. Damit trat eine längere Pause ein. die nur hie und da durch die Veranstaltung von hebräischen Kursen in einzelnen zionistischen Vereinen unterbrochen wurde. Zwei Jahre vor dem Kriege rafiten sich zuerst die Hochschüler auf und gründeten den hebräischen Hochschülerverein „H a t c h i j a“, der bis zum heutigen Tage eine ersprießliche. Tätigkeit entfaltet. Ihr. folgte — durch den Wiener ffrfraaciisnaiiaKrvcrsamfliliiRs des I&MsAeii fiaiidInngsgehilfeii-UerMes. Im Einvernehmen mit der Ortsgruppe Brllnn findet am 7. April 1.1. eine Vertrauensmänner-Versammlung in Brünn statt. Tagesordnung: I. Die Ziele des I. H. V. II. Ausbau unserer Organisation. Zweckdienliche Nachrichten an die Zentrale Wien 11., Ob.-Donauslra8e 63 erbeten. Eventuelle Entsendung eines Vertrauensmannes erwünscht. Mit kollegial. Grüßen Carl Blume Käthe Unger Obmann. Schriftführerin. Zionistenkongreß und die zur selben Zeit abg&- haltene hebräische Sprachkonferenz angeregt — die Gründung des „Vereines für hebräische Sprache und Kultu r“, dessen Tätigkeit durch den Krieg eine jähe Unterbrechung erfuhr. Der Strom jüdischer Flüchtlinge, der sich bei Ausbruch des Krieges über Wien ergoß, hat auf das jüdische geistige Leben überaus befruchtend gewirkt. Eine ähnliche Erscheinung der jüdischen Geschichte hat bereits einmal dieselbe Wirkung ausgelöst. Als im Jahre 1648 infolge des Kosakenaufstandes Scharen polnischer Juden den Wanderstab ergreifen mußten, um nach dem Westen zu flüchten, brachten sie die darniederliegende jüdische Gelehrsamkeit im Westen zur neuen Blüte. Anfang 1916 nahm der Verein für hebräische Sprache und Kultur seine Tätigkeit wieder auf. indem er — mangels einer Konzession — zunächst eine Schule mit hebräischen Kursen für Erwachsene eröffnete. Im Herbst 1916 (am 1. Cheschwan) wurde sie durch Eröifnung einer Schule für Kinder in der Leopoldstadt und einer in der Brigittenau erweitert. Heute studieren in den Kursen des Vereines 160 Volksschüler, 65 Mittelschüler und 110 Erwachsene beiderlei Geschlechtes in 16 Klassen. Der Unterricht wird — unter der Leitung des bekannten hebräischen Schulmannes Moses Rath — in hygienischen, modernen Schulräumen von sechs bewährten Lehrkräften (u. a. N. S i e g el b aum. M. Weinstein) erteilt. Gegenstand des Unterrichts bildet nicht allein die Sprache, deren Kenntnis nur als Mittel zum nationalen Zwecke dienen kann, sondern auch die Einführung in unser altes und neues Schrifttum. Wenn auch der überwiegende Teil der Schüler und Schülerinnen aus Oestlern besteht, so ist doch schon ein erfreulicher Einfluß auf die Wiener Jugend deutlich zu erkennen. Der Jüdische Wanderbund „Blau-Weiß“, der Verein Jüdischer Handelsakademiker ..Neure Jehuda“, der Zionistische Mädchenverein „Moriah“ und der Verein Jüdischer Mediziner unterhalten unter Leitung des Gg. Moses Rath zahlreiche, durchwegs von Westlern besuchte hebräische Kurse. Sehr begrüßenswert ist es. daß die auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge so segensreich wirkende Frau Anitta Müller auch ihrer nationalen Pflicht gerecht wird, indem sie in den von ihr gegründeten und geleiteten Heimen für Wiener jüdische Kinder am Este-Platz und in der Türkenstraße den hebräischen Unterricht entführte, der unter Leitung des Gg. Moses Rath von modernen hebräischen Lehrern und Kindergärtnerinnen erteilt wird. gedeckt war, mußten sie vor den Brotportionen Ehrenwache stehen oder richtig gesagt — jagen. Es galt dem feindlichen Geflügel eines Nachbarn. Ja, wenn wir eigenes Geflügel hätten! Vielleicht finden sich einst Freunde, die uns zu einem eigenen Geflügelhof, zu Kleintierzucht und einer eigenen Milchwirtschaft verhelfen. Einstweilen führten uns die in Kriegsdienstleistung stehenden zierlichen Hundegespanne die Milch aus einem Stadt- Geschäfte zu . . . Nach~der Pause kamen die nächsten Gruppen als Gärtner daran. Das letzte Jahr war recht trocken und da gab das Begießen viel mühsame Arbeit. Doch Frohsinn, Lieder und Freude am gemeinsamen Tun standen uns bei und halfen uns. Beinahe taten sie alles. Und wenn uns neue Heller erstehen, dann wird der Garten für weitere Chaluzim zu einer Farm. Dann wandern eine hebräische Volksschule und all die Kurse in die Gartenbauschule hinaus. Dann sehe ich ein neues Leben beginnen. Nach Arbeit und Spiel sinkt allmählich der Abend hernieder und sein Zauber erweckt in mir eine weiche seltene Stimmung. Alles erscheint mir verklärt und in meinem Geiste lasse ich die Eindrücke des Tages aufs neue erstehen. Wie herrlich erklang das Schalom Alechem-Lied aus dem Munde unserer Kinder da draußen im Freien! •Und die vielen rührenden, wunderschönen Szenen, von denen ich einige im Bilde festhielt . . . Die Ernte im Garten, der Erzähler inmitten der andächtig zuhörenden Kinderschar,. die Kleinen in atemlosem Lauschen beim Vortrag von Bruchs Kolnidre, und viele, viele andere Bilder und Ereignisse tauchen in meiner Erinnerungauf. Ich denke an eine Geschichte: „Wozu dient noch das jüdische Sacktuch?“ Im ersten Jahre hatten wir hin und wieder Sabbathbesuch von Eltern der Kleinen. Wir reichten einer Mutter ein frisches, rotes Radieschen; sie wollte aber nicht eher davon kosten, als bis ihre Rajsel daheim die Frucht eigener Arbeit gesehen — und sie hüllte das Radieschen behutsam in ihr sabbatliches Taschentuch. — Der „Z c h n t e“ vom Gemüsegarten wurde „in das Heiligtum des Gelehrten“ gesandt, zu unserem geliebten und verehrten Rabbiner. Hier im Garten erhielt das sonnengebräunte kleine Volk die wirkliche Frucht jüdischer Arbeit, hier feierten wir unsere erste Schlußfeier und endlich unser herrliches Erntefest . . . Und noch etwas gab uns unser Garten: ln ihm sahen wir das Aufblühen bleicher Judenkinder, erlebten wir ein neues Geschlecht junger jüdischer Gärtner, lebten wir selbst unser innerstes Leben. — Die Vergangenheit kam zu uns. Hier weilte sie verträumt und dachte an eine Zukunft. Krakau. PLncihas Goldwasser. Ein jüdisch-literarischer Abend Am 23. März hat unsere wackere Gg. Frau Erna Patak im Cafe „Adlon“ zum Besten einer Aktion für jüdische Kriegsinvalide einen interessanten und überaus erfolgreichen jüdischliterarischen Abend veranstaltet. Den' Reigen der Vorträge eröifnete Herr Sigmund Haber mit einer Vorlesung aus den Schriften von Schalom Alejchem. Der feine Humor des jüdischen Marc Twain, verbunden mit einer glanzvollen Satire'der jüdischen Volksschwächen, haben ihre Wirkung aui das Publikum nicht verfehlt. Zum Verständnis des einzigartigen Stils und namentlich des amerikanischen „Jiddisch" der vorgetragenen .Novellen, hat die bewährte Interpretation des Vorlesers nicht wenig beigetragen. Das überwiegende lntgresse des Publikums vor dem Auftreten der zwei beliebtesten und besten Künstler der jüdischen Bühne: Frau Graf und Herrn Deutsch zugewendet. Das Aufblühen des jüdischen Volksliedes ist der großen jüdischen Renaissancebewegung zu verdanken. Leider hat das jüdische Publikum in Wien nur selten Gelegenheit, das jüdische Volkslied in seiner natürlichen Unmittelbarkeit, in einem geschulten, künstlerischen Vortrag zu hören, ln den wenigen Veranstaltungen dieser Art leidet der Vortrag entweder an mangelnder Natürlichkeit, oder künstlerischer Durchbildung. Diesmal waren diese beiden Erfordernisse harmonisch vereinigt. Der künstlerische Erfolg von Frau G r a f, welcher beim Lied „Jome Jome“ den Kulminationspunkt erreichte, war durchschlagend. Nicht weniger Applaus ernteten_die glanzvollen Leistungen des Herrn Deutsch, dessen schauspielerische Begabung mit einer schönen Tenorstimme gepaart ist. Sein „Sidyniu“ legt ein beredtes Zeugnis ab für eine originelle Auffassung des Textes und der Musik. Eine besondere, anerkennende Erwähnung verdienen noch die musikalischen Darbietungen des Violinvirtuosen Stiefelband, welcher von seiner Schwester in verständnisvoller Weise begleitet wurde. Vor Jahren war es ii> Wien fast unmöglich, die von Birnbaum und C o r a 1ti i k geschaffenen „Jüdischen Abende“ als ständige Institution zu erhalten. Heute würde bei geänderten Verhältnissen eine dauernde Durchdringung des jüdischen Publikums in Wien mit Darbietungen ostjüdischer Kunst und Literatur durch eine ad hoc geschaffene Institution mit weit geringeren technischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Hiezu eine Anregung zu geben, ist -der Zweck dieser Zeilen. Dr. Arnold F r i e d in a n n. Organisiert die Propaganda für die Jüdische ZeitungI