Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 13-14 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Öeite 4 jüdische. Zeitung Nr, 15/14 wie sie die Ukraine ihren Völkerstämmen einräumt, jeden Grund zur Unzufriedenheit nehmen. "Wenn Palästina' auch nicht alle Juden umfassen wird, die Millionen von Juden, die in ihren heutigen Wohnländern nicht bleiben können oder wollen, genügen zur Bildung eines Staates.. Die Begeisterung, mit welcher Juden in den verschiedenen Ländern jedes Wort aufnahmen. das ihnen neue Möglichkeiten in Palästina zu öffnen schien, zeigt, daß dieses Land seine Anziehungskraft auf die Juden nicht verloren hat. Die Juden sind eben trotz 2ö00jähriger Diaspora eine Nationalität geblieben. Das ist eine Tatsache, wiewohl sehr viele liberale Juden sie ignorieren möchten. Die Kraft des zionistischen Gedankens, ln Leeds fand unter Vorsitz des Bürgermeisters Clive Behrens eine zionistische Demonstrationsversammlung statt. Diese zionistische Kundgebung ist'von Bedeutung durch den Eintritt des Bürgermeisters Behrens, des Schwiegersohnes des verstorbenen Lords Rotschild, nt die zionistische Organisation. Sokolow berichtete von einem Gespräch mit Henri Bergson, dem jüdischen Philosophen in Paris, und erzählte, daß er sich mit großer Sympathie über den Zionismus ausgesprochen habe. Kommandant Whltson, der in Jerusalem eine Fieldisynagoge eröffnet hat, äußerte seine Freude dkrüber, so kurz nach ■diem Einrücken der Truppen in Jerusalem eine Synagoge entweihen lassen zu können, und sprach' die Hoffnung aus. daß Palästina das Zentrum des indischen Volkes werde. Als Vertreter der englischen Regierung in die Palästinakommission ist Cäptain Armsby Gare bestimmt worden. Er ist ein besonderer Kenner des Ostens und äst über die Forderungen der britischen Politik gut unterrichtet, Den Grund, Sätzen des jüdischen Nationalismus huldigt er mit viel Sympathie. Die Vereinigung der italienischen Rabbiner hat den Oberrabbiner. Dr. Hertz in London ersucht, der englischen Regierung den Daink der italienischen Juden wegen ihrer .Stellungnahme zur PalästinaSräge zu iVberbringen. Ein reicher Jude in Shanghai hat der Leitung der izfon. Organisation in England 10.000 Pfund für den! Bau eines Hospitale« im Jerusalem zur Verfügung gestellt An diese Schenkung ist die Bedingung geknüpft dlaß Palästina den. Juden zurückgegeben werde. Rumänien Der rutnäriische Minister des Aeußern für die Emanzipation! Der rumänische Minister für auswärtige .Angelegenheiten, Dr. Mischu, der bisher Gesandter in London war und sich auf dem Wege nach Rumänien befindet empfing am 14. März 'in Bern eine Delegation des Komitees „Pro Causa Judaica“.’ die aus dem Präsidenten der Berner jüdischen Gemeinde, Bon eff, dem Vertreter des nordamerikanischen jüdischen Hilfskomitees, Conheim, aus New-York, und Redakteur 'Dr. Felix P i n k u s aus Zürich, bestand. Der Minister erklärte, daß er die sofortige Lösung der Judenfrage als unbedingt notwendig anerkenne und gab das feste Versprechen, an seiner Stelle mit allen Kräften dafür einzutreten. Der bulgarische Gesandte in Berlin über die nimäniscfae Judenfrage. Die Jüd. Rundschau veröffentlicht ein.-Interview mH dfem bulgarischen Gesandten Rizoff über die ramiänisclie Judenfrage. Der Gesandte erklärte, daß den rumänischen Juden Jahrzehnte hindurch^ungeheuerliches Unrecht geschehen1 und -daß das Judentum der. ganzen Welt mit Reclft-Bestimmungen im Friedensvertrage zur Sicherung der Gleichberechtigung erwartet. . Die bulgarische (Regierung sei damit einverstanden. Rizoff hiabe sie gebeten, die Initiative für die energische Unterstützung der jüdischen Forderungen zu ergreifen. Eine diesbezügliche Intervention bedeute kerne Einmischung zum Scliadfen der rumänischen (Interessen, weil die jüdische Gleichberechtigung dieselben unmöglich schädigen könne. Die Bulgaren empiänden es als ihre moralische Pflicht, jüdische Wünsche zu unterstützen und würden auch für die Gteicliberechigung der Juden Bessarabiens in jeder möglichen Situation eimtreten. Der Interview schließt mit einer warmen Syippathieerklürumg des Gesandten für die zionistische Bestrebungen und’ der Mitteilung, daß Ministerpräsident R a d o s 1 a w o w kürzlich einem Mitglied des Aktionskomitees ebenfalls sein regstes Interesse und seine größte Sympathie für die zionistische Bestebungen mitgeteilt hatte. Zur Verfassungsreform Von Dr. Salomon Kassner. Die österreichische Regierung erhofft von dem vollständigen nationalen Ausgleich der Völker eine Gesundung des Parlamentes und die Sicherung einer dauernden Arbeitsmehrheit. Zu diesem Zwecke ist die Verfassungsreform in den Vordergrund der Diskussion mit den nationalen Parteien gerückt worden. Der österreichische Ministerpräsident gab zunächst die Bereitwilligkeit der Regierurig kund, für das Selbstbestilnmungsrecht der Nationen innerhalb der Krpnlandsgrenzen sich einzusetzen. Auf dieser Basis sollen die Verhandlungen mit den Parteien geführt werden. Es ist einleuchtend, daß die Regierung von der Absicht geleitet ist, die nationale Autonomie, die verschiedenartig von den Parteien begehrt wird, mit den Gesamtinteressen des Staates in Einklang zu bringen. Da unterläuft ihr aber ein schwerer taktischer Fehler. Sie 'übersieht alle jene Staatsangehörigen, deren nationale Forderungen keine Gefährdung des österreichischen Staatsgedankens beinhalten, sondern vielmehr eine Stärkung desselben erwarten lassen. Die österreichische Regierung anerkennt nicht die jüdische Nation. Sie läßt es vollends außeracht, 134 Millionen jüdische Staatsbürger, deren Verläßlichkeit im patriotischen Sinne sie selbst niemals a.ngezweifelt hat,, für die Erhaltung und den Bestand des Staates sich dauernd zu sichern, und zieht es vor, mit jüdischen getauften oder ungetauften Schreiern im polnischen, deutschen oder tschechischen Lager über die Bedürfnisse Oesterreichs gelegentlich zu feilschen. Die Tiraden der Abg. Li eb er ma n n oder Dia m and für Polens Heil würden sicherlich verstummen, wenn jüdische Vertreter im Parlament zunächst für ihr Volk zu sprechen ermächtigt wären.' Die Eloquenz des Abg. Löwenstei n müßte sofort durch die eines echten Polen ersetzt 'werden und die Regierung hätte den Vorteil, ,mit wirklichen Mandataren zu verhandeln, während die Juden das widerliche Schauspiel los würden, ihre Stammesangehörigen unberufen in den Völkerstreit eingreifen zu sehen, was gewiß zur Eindämmung des Antisemitismus beitragen könnte. Die. Regierung wird doch, in welcher Form immer Galizien zu Oesterreich, gehören wird, bestrebt sein müssen, dem Völkerstreit in diesem Lande ein Ende zu setzen. Und da werden, ebenso wie. die Ruthenen, die Juden nicht unbeachtet bleiben dürfen. In Böhmen wird gleichfalls in Hinkunft weder von tschechischer noch deutscher Seite die Stärkung des Gegners durch jüdische; Stimmen geduldet werden. Von deutscher Seite/ wird schon jetzt für den Fall der Zweiteilung des Landes den Juden in Aussicht gestellt, in Deutsch-^ Böhmen eigene Vertreter zu wählen, d. h. die- Deutschen wollen dann ihr Haus selbst bestellen, und den Juden wird nichts anderes übrig bleiben,' als sich zur jüdischen Nation zu bekennen. . Der mit Verantwortungsgefühl voraus-! schauende Politiker sieht alle diese Dinge. Die österreichische Regierung wartet. Anstatt die Tat-' Sachen rechtzeitig zu erkennen und .für clie politische Neuordnung die Anerkennung der jüdi-, sehen Nation und das bescheidene Maß ihrer Forderungen, die auch innerhalb der Kronlandsgrenzen erfüllbar sind, die nötigen Garantien zii schaffen, wird noch immer die gelegentliche Aus-I spräche mit Vertretern des Börseniudentums und deren journalistischem Troß oder mit Mandataren, des galizischen Bezirkshauptmannes bevorzugt. Die Stimme des jüdischen Volkes wird nicht gehört. Schüchterne Ansätze zur Fühlungnahme sind wohl bemerkbar, über sie ist man noch nicht hinausgekommen. Noch immer wird im Widerspruche zur modernen Wissenschaft die Nation als Sprachgemeinschaft angesehen und davon ausgehend den Juden die Durchsetzung ihrer Forderungen erschwert. Die Verfassungsreform solf Wandel schaffen. Zuvor muß die österreichische Regierung die Forderungen der Juden gründlicher' kennen lernen. Nationale Experten aus allen Kronländern müssen gehört werden. Dies ist unverbindlich, schafft aber sichere Informationsgrundlagen. Kein Problem ist verworrener als das der nationalen Autonomie, für österreichische Verhältnisse zur Diskussion gestellt. Da wird man der praktischen Erfahrung nicht entraten können und die Juden insbesondere, haben ein Interesse! daran, schon bei den Vorberatungen gut vertreten zu sein. Es wird dann allerdings Sache der Juden-, schaft selbst sein, dieentsprechenden Experten namhaft zu machen undes entschieden abzulehnen, daß jüdische Vertreter des Polentums oder einer anderen Nation über die Geschicke des jüdischen Volkes in Oesterreich ein Votum abgeben. Zwischen Polen .und Juden, sowie mit den andereri'Nationen wird gleichfalls eine rasche Verständigung erzielt werden, wenn Von Volk zu Volk verhandelt wird. Voraussetzung ist und bleibt jedoch, wenn die Stellung der Nationen in der österreichischen Verfassung geregelt wird, daß die jüdische Nation anerkannt wird. Erklärung der „Poale Zion“ zur Cholmer Frage Die Jüd.-soz. Arbeiterpartei Poale Zion in Oesterreich stellt fest, daß sie zur Proklamation der sog. „Westgalizischen Poale Zion-Partei“, die/ vor kurzem in . einigen . polnischen Zeitungen Westgaliziens veröffentlicht wurde, in keiner Beziehung stehe und daß eine solche überhaupt nicht existiere. Sie nimmt ihrerseits Stellung in einer Erklärung zur Cholmer Frage, in der es heißt: „Wir haben die Bedrückung jeder Nation stets gefühlt, niemals unsere eigene Bedrückung vergessen. Wir empfinden heute den nationalen Schmerz der Polen, wir gedenken auch heute des großen nationalen Unrechtes am jüdischen Volke. So erheben wir jüdische Sozialisten unsere Stimme gegen die überlebten diplomatischen Methoden, für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, für das freie Polen, die freie Ukraine, das freie gleichberechtigte jüdische Volk.“ beiden Spielplätzen vorbei in den Garten. Zwei ständige Lehrer und einige Gruppenführer weisen den kleinen Gärtnern ihre Arbeit zu. Beete, in der früheren Rennbahn fächerförmig ausgesteckt, tragen Täfelchen mit fortlaufenden Zahlen. Gleich im ersten Jahre waren es 107. im Durchschnitt 23 Meter lange Beete, und jedes Beet hat seine eigene geschriebene Geschichte. Aus ihr ersieht jedermann auf den ersten Blick, wann und wer hier schweißtriefend den Boden umgegraben, wer die einzelnen Reihen gesäet oder junge Pflanzen gesetzt hat. Gehet hin und lernet, wie wir arme Judeukinder des Ostens an Ordnung und, Reinlichkeit, an Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit gewöhnten! Tätige, produktive Arbeit, einfache Gerechtigkeit bewährten sich als die besten Erzieher — ein lebendiger Gegensatz zu der leider im Galuth so stark gewordenen einseitigen Geistigkeit, die nicht begreifen will, daß der waltre Geist an seiner Tat gemessen, echte Kultur nur an ihrer Arbeit erkannt wird. Darum unterschätzt auch nicht die organisatorischen Hilfsmittel, die Rubriken und Ziffern, Notizen und Zahlen! Sie halfen uns redlich bei unserem Erziehungswerk. Tretet ein und sehet, was unsere Jugend hier geschaffen! Seht die Farbenpracht in ihrer Flächenwirkung! Aber seht unsere Kinder an, wie sie hier mit Mühe und Freude den Boden.umgraben. dort gewissenhaft den Samen ausstreuen! Ein paar Mädchen haben ihren Widerwillen gegen das kriechende Getier schon soweit überwunden, daß sie das Kraut von Raupen befreien. Jene fünf Jungen, die so stolz und doch bescheiden ihre Köpfe erheben, haben hier dieses Farbenwunder im Gemüsegarten geschaffen: eine aus Beeten geformte riesengroße Mcflorah (aus Rotkraut), auf ihrem.Ständer ein Magen-David in duftigen Blumen. Auf einer etwas erhöhten Terrasse halten treue Wacht zwei grüne Fackeln (aus Maisalat) mit feuerroten Flammen von Blumen — und zwei blumenbesetzte Lautenbeete sangen uns ein eigenes Lied . . . In den sonnendurcliglühten Soinmertagen vor den Ferien beschleicht die armen Kinder ein stilles, hoffnungsloses Verlangen. Sie hörten einmal von Kindern oder sie kennen Kinder, die in. die Sommerfrische fahren. Jene werden Wiesen, Wälder und Täler sehen, werden im'- Gräten wandern und spielen. „Warum nicht ich?“ dlenken die Kleinen, „bald kommen die Ferien . . .“ Da bleiben sie in. den Gassen vor einem kunstsinnigen, mit jüdischem Wappen gezierten Plakat, einem Bilde kleiner Gärtner stehen. Sie lesen die Ankündigung der Einschreibungen in die Garten-Kolonien mit gesenkten Blicken. Wir fragen und hören oft: „Ich habe keinen Vater mehr, auch keine Mutter“. Hier enthüllt sich ein ewiges Leid und Elend; jedoch Angaben müssen gesammelt werden. Gar bald wird die Schar immer größer und der Ferien-Turnus mit 150 Kindern komplett. Es folgt die Assentierung: Körpergewicht und Größe und ärztliche Untersuchung .durch liebe, selbstlose Freunde unserer Sache. Das kleine Volk hat es sehr eilig auf dem langen schattigen Weg von der letzten Straßenbahnstation. Mit Armbinden in Weiß, Blau oder Grün kommen sie in Gruppen in dem kleinen Gehöfte an. Doch aus den Garderoben strömt nach einer . Weile ein anderes Volk heraus. Alles ist barfüßig und.läuft freudestrahlend .auf den kühlenden Rasen. Sammelpunkt ist unser Spielplatz und' bald sind die kleinen Kolonisten bei ihren verschiedenen Beschäftigungen. Verzeiht die Uebertreibung, — aber wir haben wirklich eine Gartenstadt im Kleinen. Dort in unserem niedlichen- Wäldchen hausen unsere Werkstätten für Pantoffelerzeugung und Perlenarbeiten. Daneben der gut planierte Krokettplatz mit Rasenplätzen fürs Publikum, etwas weiter eine Reihe blanker 'Tische und Bänke, für Zeichner, Baukastenarchitekten und Beschäftigungsspiele. Auch Rennspiele führen sie auf dem alten“Rennplatz auf. Das sind die schattigen Plätzchen. Ihnen gegenüber, neben einer liarzduftenden Fichtenhecke hat sich auf dem sonnigen Rasen eine Gruppe niedergelassen, die einer Erzählung lauscht. — Nun folgt mir zu unserem kleinen Sa- . natorium. Wie könnte aucli ein solches in einer Gartenstadt fehlen! Bei uns besteht es aus zehn- Segeltuchmatten mit ebensovielen Liegekur-Patienten. Rote Armbinden entheben sie von Gartenarbeiten und berechtigen zuin wirklichen Ruhegenuß ihrer Stammsitze, vielmehr ihrer Liegeplätze, von denen aus sie einem reichhaltigen Programm all der Beschäftigungen, Freispiele und Turnübungen folgen können. — Individuelle Beschäftigungen“ sind.unser Häuptprinzip. Dort weit hinten im Garten wird der strammen und hilfbereiten. Helferschaft ein Zeichen überbracht. Bald sind die Geräte unserer kleinen Gärtner rein und sauber im Magazin abgeliefert und nun ertönt das Glockenzeichen zur Jause. Wie die Herde bei der Tränke, so versammelt sich das ganze lustige Volk beim Brunnen — aber zum Händewaschen. Dann gellt es freudig zu unserem Hur.dertjausentisch — selbstredend mit numerierten Plätzen. Eine überall waltende,, pflichttreue, von den Kindern vergötterte Helferin unserer Sache brachte es mit Hilfe von vier kleinen Wirtinnen immer zustande, daß pünktlich zur fünften Stunde an den Plätzen der Anwesenden so und soviele Portionen Sauermilch und Brot, manchmal mit Käse oder Butter, die Hungrigen erwarteten. Eine leichtere, jedoch verantwortungsvolle Aufgabe mußten zwei weitere Mädchen be- , sorgen. Wenn der Tisch, wie man zu sagen pflegt Quartalsende! Bitte Abonnement erneuern!