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Jüdische Zeitung · 1918-03-27 · 13-14 (27.3.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
13-14 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XII. Jahrgang. — Nr. 13/14 National'jüdifches Organ * Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/S, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: .Montag bis Freitag von 11—1 Uhr; Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurlickgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Mittwoch, 27. März 1918 □ 14. Nissan 5678 Doppelnummer 45 »etter Verwaltung: .Wien ü/„ Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkas sen-Konto 133.404 Inhalt* Mich. Walter/Zweifache Befreiung — Julius Löwy, Und Moses sprach . . . — Ad. Böhm, Zionismus und Weltpolitik — Otto Abeies, Tagebuch- IllllCtll« biatier aus der FlUchllingszeit — Aufruf der Tsdilenow-Koionie — Meldungen zur Palästinafrage — Pinkas Goldwasser, Der jiid. Garten in Krakau — Dr. S. Kassner, Zur Verfassungsreform — Ludw. Batö, Die hebr.Bewegung in Wien — Linzer Brief — Semesterschluß der jiid.-pädagog. Kurse usw. D|e nächste Nummer erscheint am 12. April.!' Zweifache Befreiung Am Anfang der Geschichte unseres Volkes Steht die beireiende Tat des Geistes. ' " Knechte sind wir gewesen in Aegypten. Nicht. , weil ein böser König uns bedrückte und verfolgte, sondern weil wir dem naturgewaltigen Mechanismus des Sklavenlebens verknechtet waren. Aus dem Knechttum .führt nur ein Weg zur Freiheit: durch Besinnung auf Menschentum und Geist. Das Wort „Freiheit“ hat einen Doppelsinn: der eine meint einen Zustand, der andere eine Eigenschaft. Der Zustand der Freiheit ist nach unseren politischen Begriffen für ein Volk gegeben, wenn es von keinen Machthabern unterdrückt, beherrscht, gezwungen wird. Er ist das Resultat von Machtkämpfen, geschichtlichen Ereignissen: und seine klarste Ausprägung ist der unabhängige Staat, die souveräne Organisation des Volkes. Daneben aber gibt es eine Freiheit, die unverlierbare Qualität jedes Menschen ist, sei er auch „in . Fesseln geboren“. Diese Freiheit bedarf der Besinnung: ich bin so lange unfrei, Sklave der „Verhältnisse“, so lange ich nicht weiß: an mir liegt -es,, so oder so zu tun; die.Wahl ist mein; ich bin im höchsten Sinne verantwortlich, geistiges Wesen,- zur Tat berufen, der Gestalter des Lebens, ..nicht der Gestaltete. Auf meinen .Willen-kommt 'es an — gegenüber der' Tatsache' dieses' meines;Willens verstummen alle Beweise materialistischer Ableitung. und kausaler Erklärung meines Tuns. Wir waren Knechte in Aegypten, weil wir nicht;zur Freiheit erwacht waren' und uns dem Leben ergaben, das über uns hinwegrollte. Das schwere Leben in Aegypten war ein leichtes Leben: murren ist leicht und dienen ist leicht, -weil das eigene Bewußtsein dabei, ruhen kann. Das niedere Ich hat es gut dabei; das höhere Ich ist noch nicht entdeckt. Erst als einer unter uns aufstand, dem aus dem brennenden Feuer die .Offenbarung kam: Ich bin, der ich bin, der ewig Seiende, nie Voll-Endete— damals schlug die Ge- .burtsstunde unseres Volkes. Und es begann das Ringen um die Freiheit. Das Volk aber war unzufrieden una .begriff es nicht; es scharte sich erst um das goldene Gerät der Aegypter, dann um das goldene Kalb-; es wollte sich verdingen, um nicht selbst handeln und entscheiden zu müssen. Es ertrug nicht die ewige Bedrängnis, die Unsicherheit und Gefahr; um der Sicherheit willen erhob es das Greifbarste aller Dinge, das von. aller Welt begehrte Gold zu seinem Götzen. Da aber ertönte unter Donner und Blitz, aus Wolken und Sturm und Posaunengedröhne das Wort: „I c h bin der Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Hause der Knechte; du sollst keine anderen Götter haben vor mir . . Dies war de$ Aufruf zum Werke der Befreiung. Gott, das f t h. das die Freiheit gibt; neben diesem Gott'd^r Befreiung, des befreienden Geistes, sind andere Götter nicht denkbar. Du sollst dich keinem Ding unterwerfen als der Freiheit; die Freiheit selbst aber fordert unerbittlich: „Du sollst“ — ein scheinbares Paradox, diese zwingende Freiheit . . .’ Auf diesem Grunde ruht Lehre und Leben des jüdischen Volkes. „Siehe,- ich lege dir heute vor das Gute und das Böse, das Leben und den Tod . . Du hast zu wählen. Freiheit, ihr Brüder, verpflichtet. Hätte Pharao uns aus Aegypten geführt und in einem blühenden Land angesiedelt — wir wären nicht befreit worden. Solange wir in Aegypten waren, gab es für uns kein Sollen. Wir kannten es nicht. Wir folgten dem Zwange, .der. Nötigung, wie die gestoßene Billardkugel notwendig ihren Weg rollt: nach dem Gesetz der Elastizität. tmijje.t: aber und überall sind wir gestoßen- und solange wir, ahnungslos, es dulden, geschieht unsere Bewegung nach dem Gesetz des Stoßes. Aber, Juden, erinnern wir uns: an uns erging einst die gewaltige Donnerstimme: Du sollst! Wir sind nicht Spielkugeln, sondern geistige Wesen! Vor dem „Du sollst“ steht das „Ich bin“. Wir £ind erst dann wirklich, wenn wir uns im Geiste gefunden haben. Der Auszug aus Aegypten war nur ein Anfang. Und dennoch die entscheidende Stunde unseres Volkes, weil die Idee der Freiheit erschaffen ward. Die wirkliche Befreiung war der Auszug nicht: er setzte nur die ewige Aufgabe. Ein Mann hatte Gott geschaut, mit Gott gesprochen; aber das Volk mußte in die Wüste ziehen, und der Mann, nach rahmenlosem Sehnen und Mühen, nach heldenhaftem, vertrauendem Kampfe,' am Wege sterben. Und selbst als ein neues Geschlecht erstanden w u ’ i*i das Land kam, war das Werk nicht volltndet . d in jedem Geschlecht, auch heute noch, ist jeder verpflichtet, es so zu sehen, als ob er selbst aus Aegypten gezogen wäre. Die Aufgabe ist jedem Menschen gesetzt, seitdem wir einmal lernten, daß durch übermächtigen Eingriif die drückendste, schmählichste Knechtschaft gebrochen werden kann. Knechtschaft ist ein Zustand, aber auch ein Charaktermerkmal. Und in der Zeit, wo so viel von Selbstbestimmungsrecht der Völker und von Freiheit gesprochen wird, ist es notwendig, sich zu besinnen, was Freiheit ist. Man kann auch Schlagworten verknechtet sein, und stärker als die Faust des Unterdrückers lastet der Fluch der Gewohnheit und Gewöhnlichkeit. Heute, wo von so viel Seiten uns Hilfe und Beistand iür die Wiederherstellung unseres Volkslebens geboten wird — Hilfe, die wir dankbaren Herzens annehmen, —, müssen wir uns darüber klar werden, daß das Werk der Befreiung nur von uns selbst atisgehen kann. Nicht nur in dem Sinne, daß wir uns auf andere, die doch auch in unserer Sache nur i h r Interesse svahrnehmeii, nicht verlassen dürfen ühd selbst Hand anlegen müssen, mit ganzem Vermögen und allen Kräften arbeiten; sondern insbesondere in dem Sinne, daß jeder Einzelne von uns sich verantwortlich fühle für die nationale Arbeit und die nationale Zukunft. Dazu gehört, daß er zunächst seine menschliche Freiheit erobere, denn nur sie beiähigt zum eenten Geiiihl der Verantwortung. Nationale Freiheit und menschliche Freiheit liegen so auf derselben Linie. Das Weck der Befreiung kann nur von uns selbst ausgehen: nicht auf die Begründung des Judenstaates durch einen europäischen Kongreß wartet der Genius des jüdischen Volkes, sondern auf die Ueberwindung der Trägheit des Herzens. Wenn der Frühling kommt und ein Sehnen in die Herzen der Jungen und Junggebiiebenen einzieht, haben wir Pessach. Wir gedenken des Auszuges aus Aegypten — aber auch er war nur ein Anfang. Und nachdenklich werden wir ob der Pflichten, die uns obliegen. Das Werk der Befreiung harrt unser; es ist noch ganz zu tun. Wir haben nur die Idee der Freiheit. Der sie uns brachte, starb am Wege. Wirklich und wesentlich zu werden ist unsere Aufgabe. frei zu Und Moses sprach . . . Von Julius Löwy. Als die Aeltesten aus ganz Gosen auf dem weiten Felde versammelt waren, trat Moses auf einen Stein und redete also zu ihnen: Josef, unser Ahne, Jakobs Sohn, hat dieses Land geordnet. Er hat. als es hungerte, seine Vorräte gesammelt und an die Hungernden gerecht verteilt. Er fand wenig Dank. Die Reichen zürnten ihm, weil er sie mit den Armen gleichstellte, die Armen, weil er die Reichen nicht noch schlechter behandelte. Allen aber war er verhaßt, weil er. aus iremden Stamm war. Und als er dann seinen Vater und s’eine Brüder mit ihren Familien zu sich rief, da wuchs der Haß noch stärker. Man zischelte sich zu. er habe sich aus den Vorräten des Landes bereichert und wolle jetzt dieses Vermögen mit seinen Verwandten teilen. Josef starb, der Pharao, dem . er treu gedient, starb, und es kam ein neuer Pharao, der den-Josef nicht kannte. Der war noch jung und unerfahren. Und seine Räte sagten ihm, die Familien der' Fremden, die .in Gosen zu einem ganzen großen Volk geworden waren und fette Rinder und Schafe aufzogen, seien ein Schaden für das ägyptische Land. Aus ägyptischem Geld stamme ihr Vermögen, aus ägyptischem Gras die Nahrung ihres Viehes. Dieses Volk ziehe den leichten Gewinn der Viehzucht. der Arbeit vor. •Man' müsse es deshalb .zur Arbeit zwingen. Auch glaube es nicht an die Götter, an die Hunde, Katzen und Krokodile, sondern "verehre einen unsichtbaren Gott. Und der-Pharao hörte aut diese Reden und bestellte Vögte für die Juden. Seitdem — führ Moses fort und es war tiefe Stille-um ihn — lebt dieser ägyptische Staat von der'jüdischen Arbeit.- 'Juden treiben die Schöpfräder das Nil, Juden treten die Mühlen des Königs und seiner Großen, Juden bauen die Grabmäler. die Mauern, die Festungen. Aus jüdischer Mühe entstanden Pitom und Ramses. Juden bebauen die Felder, Juden singen das Lob des Pharao und seiner Großen, Juden sind dieses Landes Stütze und Kraft. Und dieses Land, dessen Beamte unfähig und bestechlich sind, dieses Land, in dem man den Toten Geld in den Mund legt, damit ihnen Osiris ein gnädiger Richter sei, dieses Land, das ohne den Fleiß jüdischer Bienen keinen Tag und keine Stunde ein eigenes Leben führen könnte,. dieses Land, dessen Pharao ein schwankendes Rohr wie der Papyrus ist. der morgen nicht tut, was er .gestern gewollt hat, dieses Land, dessen Jugend im Krieg verkommt oder in den Städten in allen Lastern verdirbt, dieses Land, das die Priesterkaste in ihren krummen Fingern hält, dieses Landes Bevölkerung ist dumm genug, nicht seine wahren Feinde zu sehen und redet all denen nach dem Munde, die sich erfrechen, die Juden zu schmähen. Nichts, gar nichts trifft dieses Volk aus seiner eigenen Kraft. Stets ist ihm jüdisches Denken vonnöten, stets dient ihm der jüdische Stab als Stütze. Aber es dankt uns dadurch, daß es aus uns verachtete-Sklaven gemacht-haL Ihre Paläste, die wir bauen, strotzen und prunken in Gold und Glanz. Unsere Wohnungen höhlen wir uns im Nilschlamm. Wir . ziehen ihnen ihre Straßen, auf denen wir dann nicht gehen dürfen, wir zimmern ihre Karren, auf denen wir nicht fahren dürfen. Und jetzt hat der Pharao, von schlauen Männern beraten, ein Neues ersonnen: Juden durch Juden zu verderben. Er bestellt jüdische Vögte, die das Sichelzeichen tragen dürfen und deshalb stolz sind und deshalb ihre jüdischen Brüder ärger peinigen als. der ärgste Kuschite. Und er hat befohlen, daß die jüdischen Knaben ihrer Mutter nach der Geburt, weggenommen werden. Würde man sie in den Nil werfen, den Krokodilen zur Speise, so hätten diese Kinder wenigstens dieses Leben der Schande nicht gesehen. Aber man sagt nnr, daß man dies tun wolle, und man hat zwei Gründe dafür. Man will sehen, ob denn diese jüdischen Sklaven auch ihre Brut nicht verteidigen, und man will diese jüdischen Kinder iür sich, iür Aegypten erziehen. Sie kommen in die Tempel des Ra und des Anubis, sie werden für Horus und Typhon erzogen, sie werden von den Priestern gelehrt und geschult, als Aegypter Aegypten zu dienen, Euch zu hassen und zu verachten. Sie wissen nicht, daß sie aus jüdischem Samen stammen, sie dürfen dies nicht wissen, und sind bestimmt. Aegyptens Führer und Lehrer zu werden, weil das ägyptische Volk in seinem Hochmut verdorrt und verdummt. Und die Priester haben erkannt, daß ihr Volk zugrunde gehen muß, wenn ihm nicht jüdische Führung wird. Deshalb stehlen sie unseren Müttern die Söhne, deshalb erziehen sie jüdische Kinder zu Feinden der Juden, legen sie all ihren Haß in die junge jüdische Seele. Ich weiß es. denn ich selbst bin ejn solch gestohlenes jüdisches Kind. Auch mich hat man Euch, nein, uns hassen gelernt, auch mir hat man die Seele verkrüppeln wollen. Und erst als ich in die Wüste ging und zu der Nacht und zu den Sternen sprach, erst da erkannte ich, -daß ich zum Volk der Juden gehöre für immer und allezeit. Und deshalb habe ich gefühlt, daß mein Volk zum Tier und zum Gewürm der Straße werden muß, weil es seinen Stolz verloren hat. weil es seine Vergangenheit vergessen hat, weil es die Ketten zu den Ahnen zerissen hat. Auch das jüdische Volk kennt den Josef nicht mehr, es ist nicht gebrochen, aber tief gebeugt, seine Seele ist ihm genommen worden. Volk aus dem Land der Sonne! Kinder Jakobs! Eure Seele ist zurückgeblieben in dem Land am Jordan, aus dem ihr stammt. Eure Seele, das Gesinnungsgenossen! Laßt Euch Propagandamaterial der J. Z. kommen!

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