Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nalional-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/S, Zirkusgasse-33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t ziirückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 15. März 191812. Nissan 5678 Einzelnummer 30 Haller Verwaltung: Wien*II/,,, Ziritusg. 33 Geschäftsstanden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von ^—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—. vierteljährig K 4.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Poslsparkassen-Konto133^63 Infinit* Pr°f- Carl Bailod: Der Zionismus und die Zentralmächte. — Telegramme — Kundgebung der holländischen Sozialdemokratie — Meldungen lliltaUi zur/Palästinafrage — Presseschau — l. B.: „Viele“ und „sie“. — Aus dem Abgeordnetenhause — Preßheti.e in Komotau — Rumänien — Aus der jüdischen Weit — Vertrauensmännertagung — Personalnachrichten — Zionisten im Felde — Ankündigungen Der Zionismus und die Zentralmächte Aus einem Vortrag von Prof. Carl Bailod. In einem der größten Säle Wiens, dem Großen Konzerthaussaal, veranstaltete die rührige Arbeitsgruppe der jüdischen Studentenschaft Oesterreichs am 10. März einen Vortragsabend. Der ordentl. Prof, der Nationalökonomie an der Berliner Universität Bailod. hielt einen gehaltvollen, an neuen Gesichtspunkten und Belegen reichen Vortrag. Das weit mehr als 2000 Köpfe zählende Publikum, unter denen viele prominente Persönlichkeiten sichtbar waren, folgte den Ausführungen des Redners mit warmer Anteilnahme und dankte ihm am Schluß, erfüllt von den Bildern froher Hoffnung auf die Zukunft, mit immer wieder erneutem Beifall und Hedladrufen. An dem geselligen Beisammensein nach dem Vortrag mit dem verehrten Gast nahmen die Vertreter vieler zionistischer^ Organisationen 'teil. Wir können leider die äußerst interessante, fast zwei Stunden dauernde*1» nach" Palästina "leisten? Rede aus Rücksichten des Raumes nur stark gekürzt wiedergeben. kleine Landhufe das fast alleinige Produktionsmittel und damit die Grundlage der physischen Existenz bilden, so entsteht sehr die Frage, ob. wenn schon so wie so eine völlige Umkehrung. Umwandlung der früheren Wirtschaft vorzunehmen ist. wenn die russisch-polnischen Juden im wesentlichen Ackerbauer werden müssen, ob sie dann nicht besser tun. eine im wesentlichen auf der landwirtschaftlichen Produktion aufgebaute Volkswirtschaft gleich in Palästina anzufangen? In Kongreßpolen gibt es zwar keinen Bolschewismus und damit keine ..Umteilung des Schwarzen1', aber dafür die Boykottbewegung, die..einen ansehnlichen Teil der Juden auch dort zum Erwerb von Land und damit zum Uebergang zur Urproduktion zwingen wird. Ob die jetzt allem Anscheine nach gesicherte proportionale Vertretung der. Juden in den künftigen parlamentarischen Körperschaften der russischen Teilstaaten den Juden etwas nützen wird, ist doch sehr die Frage, sie werden doch überall nur eine Ideine Minorität bilden, so daß sie eben doch stets maiorisiert werden würden. Das soziale Problem wird über sie in seiner ganzen Schwere schweben bleiben, die Frage einer völligen Umstellung. Umänderung der gewohnten Wirtschaft. Es fragt sich da. was kann die Auswanderung übe'Hiaupt. was kann der Zionismus, bezw. die Auswanderung .. Es ist eine Frage von außerordentlicher Bedeutung: Lassen sich die Wünsche und Ideale des Zionismus mit den realen Interessen der Zentralmächte vereinigen oder tun sich da klaffende Gegensätze auf? Gewiß ist. schcn.das Wohlwollen, daß sich in einer gefühlsmäßigen Förderung der ethischen Probleme und Wünsche einer Gruppe von Menschen oder eines Volkes ausspricht, eine Kulturmacht — noch wichtiger und wesentlicher für die Fortdauer guter Beziehungen zwischen' den einzelnen Völkern ist. wenn sich Gefühlspolitik und Realpolitik decken. Es soll hier u. a. versucht werden, darzutun. daß der Zionismus nicht nur vom Wohlwollen fast aller. Kulturvölker des Erdballs getragen wird, sondern daß es auch durchaus einer gesunden Realpolitik bei den Zentralmächten entspricht, ihn zu fördern. Bevor wir näher darauf eingehen. sind eine Reihe von Vorfragen zu erledigen, die sich In zwei Gruppen zusammenfassen lassen: 1. Hat der Zionismus heute, angesichts der Emanzipation des Ostiudentums durch die russische Revolution, der Aufhebung des Ansiedlungsrayons für die russischen Juden, überhaupt noch einen vernünftigen Zweck? 2. Wenn dies der Fall ist. ist darin Palästina tatsächlich noch als das gelobte Land nicht nur im idealen, sondern auch im realen Sinne des Wortes änzusehen. bezw. ist es nicht viel zu arm. zu klein geworden, um einem irgend erheblichen Teil des auf 14 Millionen Köpfe angewachsenen Judenvolkes Unterkunft zu bieten? Bezüglich der ersten Frage läßt sich heute schon sagen, daß auch die russische Revolution die russische Judenfrage nur sehr bedingt gelöst hat; die religiös-ethische Sehnsucht großer Massen russischer Juden hat sie nicht befriedigen können, ja nicht einmal die materielle Lage ist so sehr gebessert, daß für die Zukunft nicht außerordentlich viel zu wünschen übrig bliebe. Was soll z. B. die Erweiterung des Ansiedlungsrayons, wenn die große Masse jüdischer Handwerker in dem er- . weiterten Rayon doch angesichts der Konkurrenz russischer. Arbeiter und elend gelöhnter Hausindustrieller' keine verbesserten Existenzbedingungen finden kann? Für die jüdischen Handelsbeflissenen aber erhebt sich als drohendes Ge- . sperist die Monopolisierung fast aller wichtigen Waren, insbesondere des für Rußland so wichtigen Getreidiehandels. Die kooperative Bewegung im Königreich Polen, diean Stärke noch zunimmt, entzieht dort ebenfalls immer mehr zunehmenden Teilen der jüdischen Bevölkerung die Existenzbedingungen. Es bleibt für die russischen Juden die von den Bolschewik! zugesagte allgemeine Landzuteilung, d. h. also eines vollständig neuen Aufbaues der Grundlagen der materiellen Existenz.; Denn bekommt der russische Bauer das ganze 'Land' ohne Entgelte werden die öffentlichen Schuldverschreibungen für ungültig erklärt, so. sind die wohlhabenden- Schichten und damit Handel und Wandel im wesentlichen erledigt. Soll aber im künftigen Rußland und Polen eine durch die Gesamtbevölkerung dividierte, also recht Die Auswanderung, wie sie bis jetzt nach Amerika stattfand, hat wedei^ eine erhebliche soziale Verbesserung noch eine Befriedigung der brennenden Sehnsucht des jüdischen^Volkes gebracht Die Auswanderung nach Palästina hat es ermöglicht wirtschaftliche.'; Erfahrungen und , Kenntnisse:^ Sammeln: es‘sind:'bereits etwa 44000 ha in jüdischem Besitz, der Betrag der direkten Steuern, den die jüdischen Kolonisten an die türkische Regierung zahlen, ist auf über 300.000 Mark gestiegen. Dabei sind aber erst 1)4% der palästinensischen Erde im jüdischen Besitz, und dieselbe ist im allgemeinen, von einigen 100 hä Orangengärteu abgesehen, äußerst extensiv bewirtschaftet Es läßt sich so leicht ausrechnen, daß, wenn ganz; Palästina auf diese Art in jüdischen Besitz übergegangen wäre und bewirtschaftet würde, hier .eine Steuerquelle in der Höhe von 20 Millionen Mark allein an indirekten Steuern für den türkischen Staat erschlossen wäre. Aber würde eine Fortsetzung der bisherigen Art der Kolonisation das ostjüdische Bevölkerungsproblem lösen? Mag auch die absolute Zahl der Assimilanten. die in der Bevölkerung der Länder, in denen sie wohnen, aufgehen wollen, noch so groß sein, die Massen, in denen der glühende Wunsch' nach dem Lande der Verheißung lebt zählen nicht nach Tausenden, sondern nach Millionen, und das erst beweist uns die ganze Wucht und Schwere des zionistischen Problems, das in der Frage gipfelt: Ist in Palästina für eine Millionenbevölkerung, für drei bis vier oder gar sechs Millionen Platz? Richtig ist, daß die Ausdehnung der Landstriche höchster Fruchtbarkeit in Palästina eine beschränkte ist Es sind das die Täler und Tiefebenen am Meere, sodann die Haurah-Hochebene. Als erstklassig ist zu bezeichnen die etwa 30.000 ha große Ebene Jesreel und wenigstens noch weitere 20.000 ha an der Küste von Galiläa, sodann die etwa 15.000 ha große Ebene am Hule-See, zumal hier überall die Möglichkeit künstlicher Bewässerung und damit die Erzielung doppelter Jahresernten gegeben ist Brauchbar ist im allgemeinen auch das etwa 120.000 ha große Jordantal, wenn es auch im Altertum großenteils dürre Steppe gewesen ist, weil es keine Regierung gegeben hat die so viel Unternehmungsgeist besaß, um in dem 20—30 m tief eingesenkten Jordan eine Anzahl von Stauwerken einzubauen oder Seitenkanäle (wie in Aegypten den Joseikanal) zu bauen. Das Jordantal enthält zwar viel Steingeröll, aber "daneben noch überwiegend fruchtbaren Lehm- und Tonboden, der nur Wasser braucht, um hohe Ernten herzugeben. Die Bewässerung in In-Kultursetzung des Jordantales ist mit das wichtigste Problem bei einer Kolonisation Palästinas im . großen. Hier gibt es Wasser in Hülle und Fülle, ausreichend selbst für den Anbau von Reis und Zuckerrohr, die in der dort herrschenden tropischen Glühhitze ungemein gedeihen würden. Wahrscheinlich könnte daselbst auch Kaffee und selbst Kakao angebaut werden Das ergibt für Abreise der englischen Palästina- Kommission Kopenhagen. 9. März. (Telegramm der „Jtid. Ztg.“.) Der erste Teil der Palästina-Kommission. bestehend aus dem Vorsitzenden Weizmann. den Mitgliedern Joseph Cowen. Leon Simon. Israel Sieff und dem Vertreter der ito. Dr. Eder, ist bereits abgereist. Der zweite Teil der Kommission wird demnächst, begleitet von Prof. Syivain Levy als dem Vertreter der französischen Juden, auf brechen. Amerika und die rumänischen Juden Forderung der amerikanischen Presse. Kopenhagen. II. März. (Telegramm der „Jiid. Ztg.“.) Die amerikanische Presse fordert angesichts der Bukarester Verhandlungen die Intervention der amerikanischen Regierung bei der bulgarischen zugunsten der rumänischen and bessarabischen Juden. Aufschub des russisch-judischen Kongresses Kopenhagen. 9. März. (Telegramm der „Jüd. Ztg.“.) Der russisch-jüdische Kongreh wurde verschoben. Unter Zugrundelegung des Wahlergebnisses zum Kongreß wird ein russischjüdischer Natiönalrat organisiert Palästina allerdings erst 185.000 ha durch künstliche Bewässerung bei fruchtbarem Boden zu höchsten Ernten zu bringende Fläche. Allein auch die Küstenebene, die sich von Gaza bis zum Karmel erstreckt und im ganzen vielleicht 250.000 ha umfaßt dürfte noch zum großen Teil künstlich zu bewässern sein, wie das z. B. schon heute mit den Orangegärten bei Jaffa geschieht. Allein der Nahr-el-Auscha, der nördlich von Jaffa mündet, hat 10 cbm Wasser in der Sekunde, ausreichend für die Bewässerung von 66.000 ha bei 500 mm Rieselwasserhöhe, die für eine Sommerkultur, z. B. für Baumwolle oder die eiweiß- und fettreiche Sojabohne völlig ausreichte. Die anderen, vom Gebirge Juda und den Bergen von Samaria herabfließenden Gewässer bieten auch noch erhebliche Wassermengen für die künstliche Bewässerung. Selbst wenn wir nur die Hälfte der Küstenebene als für künstliche Bewässerung in Betracht kommend ansetzen, bekommen wir für ganz Palästina über 300.000 ha Land, das, künstlich bewässert als doppelwertig angesehen werden, d. h. zu doppelten Jahresernten gebracht werden kann, wo . es zudem selbst in dürren Jahren niemals Mißernten geben kann, da selbst die Hälfte der normalen Rieselwassermengen bereits für Höchsternten ausreichen. Der natürliche Durchschnittsniederschlag ist zudem in Palästina nicht geringer als in den Ackerbaugegenden Europas, insbesondere Deutschlands. Die Regenverteilung ist aber in Palästina eher günstiger: Der Regen fällt im dortigen Winter und kommt so der Winterfrucht vollständig zugute, während in Deutschland der im Spätherbst und Winter fallende Niederschlag — ein Drittel bis ein Viertel des Jahresniederschlags — für die landwirtschaftliche Kultur so gut wie völlig nutzlos ist. Man kann sagen: soweit in Palästina überhaupt eine ausreichende Ackerkrume ansteht, genügt der Regenfall durchaus zu einer Jahresernte. Allerdings kommen starke Schwankungen des Regenfalls häufiger vor, als in der nördlichen gemäßigten Zone. Immerhin hätte man sich in den trockeneren Gebieten, namentlich des Ostjordanlandes, darauf einzurichten, wenigstens beschränkte Wasserreservoirs einzurichten, große Teiche zu graben, die einen gewissen Wasserzuschuß bei eintretender Dürre abgeben könnten. Man braucht zu dem Zwecke nur zu studieren, wo, an welchen Stellen cs bereits im Altertum Wasser^tauanlagen, künstliche Wasserbecken gegeben hat Und was die „verkarsteten Gebirge“ Palästinas aniangt, so berichten alle Forscher, daß sie meist von der sog. „Nari“-Kruste bedeckt sind, die für Baumpilanzungen einen durchaus brauchbaren Boden abgibt Der Oelbaum, die Rebe, der Manfäesinnunfgsgenossen! Laßt Euch Prapagandaniaierial des J» Z. kommen!