Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. — Nr. 6 l National-jüdifclies Organ Erscheint wöchentlich einmal - Mit der BeilaQet Redaktion Wien II/., Zirkusgasse 33.- Sprechstunden: Montag bis Freitag von II—1 Uhr, Sönntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurüdtgesandt Redaktionsschluß Dienstag um TUhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Wien, Freitag, 8. Februar 1918/26. Schewat 5678 Der Jüdische Nationalfonds Einzelnummer 30 Heiter Verwaltung: i Wien II/., Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzeigen und Qpilagen nach Tar Postsparkassen-Konto 133.404 w' « |, Tschlenow. — Robert Stricker: Das neue Polen und seine .Bürgen. — Heinr. Maigulies: Zum jüdischen Kongreß III. — Abr. Schwadron: mnait: Wein, Weib und Gesang. — Arthur Rosenberj: Archiv für jüd. Familienforschung. — Meldungen zur Palästinafrage. — Aus der jüd. Welt. — Berichtigung. - Aufruf. — Hebräisches Fest in Wien. — Zionisten im Felde. — Berichte. — Ankündigungen. — Treffpunkte. | E. W. Tschlenow | Immer aufs neue erfährt die zionistische Bewegung die gleiche Tragik: An jeder Wende ihrer Geschichte sinkt der berufene Führer frühzeitig ins Grab. So starb uns Herzl inmitten der Nachwehen des Ugandastreites und vor der entscheidenden Neuorientierung der Bewegung, so starb Wolffsohn im Momente, wo seine Kraft und Erfahrung wieder nötiger waren als sonst, beim Beginne des Weltkrieges, und so stirbt uns Tschlenow jetzt, wo sich für den Zionismus die größte Perspektive eröffnet, eine Wendung, an deren Herbeiführung er selbst am eifrigsten gearbeitet. E. W. Tschlenow war einer der alten Chowewe Ziongarde vom Jahre der Bilu 1882. Damals noch Schüler, hat er gleichzeitig mit Ussischkin dem Rufe der Lilienblum und Pu’nsker Folge geleistet und: seit dieser^ Zeit standen sie beide an der Spitze der russischen Bewegung: Am 10. Kongreß -in das engere Aktionskomitee gewählt, hat Dr.' Tschlenow das große Opfer gebracht, seinen Wohnsitz und seine ärztliche Praxis in 'Moskau aufzugeben und nach Berjin zu. übersiedeln. Denn er war der berufene Führer der obersten Leitung und ihr politisches Haupt. Durch 36 Jahre stand Tschlenow in der ersten Reihe der zionistischen Arbeiter und Führer. Seit mehr als 25 Jahren stand er an der Spitze der russischen Organisation und der russischen Sämmelstclle des Jüdischen Nationalfonds, seit dem ersten Kongreß gehörte er dem Aktionskomitee an und seit ihrer Gründung der Leitung von Bank und Nationalfonds. Zuletzt war er Vizepräsident und politischer Leiter des engeren Aktionskomitees. Der Arbeit in Palästina galt sein innigstes Interesse. Als Tschlenow in die oberste Leitung gewählt wurde, war es sein erstes, wieder einmal nach Palästina zu fahren und zu prüfen, welche Fortschritte gemacht wurden und was für die weitere Arbeit not tut. Sein Bericht (als Broschüre „Fünf Jahre der Arbeit in Palästina“ erschienen) zeigt von seiner tiefen Sachkenntnis und Urteilskraft. In dieser Broschüre legt er auch in einer Polemik gegen Achad Haains Reisebericht „Sach hakol“ sein Glaubens- -bekenntnis zum politischen Zionismus mit größter Entschiedenheit ab und er betont gegen Achad Haanr, daß wir in Palästina „die Vor- .bedingungen für ein vollwertiges und selbständiges Leben. unseres Organismus schaffen“ wollen. Was Tschlenow in den fast vier Jahrzehnten seiner intensiven zionistischen Tätigkeit — die er in erstaunlicher Arbeitskraft neben seinem.Berufe als vielbeschäftigter und geschätzter Arzt Moskaus, der sich wissenschaftlich fortbiidete, entwickelte. — geleistet hat, kann nicht mit wenigen Worten gewürdigt werden. Seine Persönlichkeit war durch die Vereinigung einer Reihe von ausgezeichneten Eigenschaften zum Führer prädestiniert. Eine unerschütterliche Ueberzjeugung verband sich bei ihm mit Milde und Konzilianz der Formen, eine tiefe Kenntnis alles Jüdischen mit moderner Bildung und politischem Weitblick, eine pedantische Genauigkeit mit warmfühlendstem Herzen. Was ihn aber zum unbestrittenen Vertrauensmann aller machte, war seine schwerblütige Gewissenhaftigkeit, seine tiefe Ehrlichkeit und Treue. Wie kämpfte und rang er mit sich, als er in dem Streite zwischen „Politikern“ und „Praktikern“ sich mit seinen näheren Gesinnungsgenossen gegen Wolffsohn stellen mußte! Und diesen selbst hat keine Gegnerschaft so tief geschmerzt, wie die Tschlenows. Noch im letzten Kongreß Tand Wolffsohn in der Schlußrede Worte höchsten Lobes für Dr. Tschlenow, der das große Opfer gebracht, nach Berlin zu übersiedeln, um an der Spitze unserer Bewegung zu stehen und unser Führer zu sein; — „solange wir solche Männer haben, braucht uns um unsere Zukunft nicht bange zu sein.“ Dr. E. W. Tschlenow hat schon unter Herzl eine hervorragende Rolle in der Organisation gespielt, aber erst in den letzten Jahren, insbesondere während des Krieges, ist er, der Vizepräsident und Leiter der Politik des Aktionskomitees, als der eigentliche Führer der Bewegung hervorgetreten. Unermüdlich tätig und fortwährend auf Reisen, hatte er den Hauptanteil an der Aufklärungsaktion, die zum Briefe Balfours an Lord Rothschild führte. In seiner Rede am russischen Zionistenkongreß 1917 zu Petersburg, die man seinen Schwanengesang nennen kann, erwies er sich als staatsmännischer Geist ersten Ranges. Diese Rede, in der er mannhaft und offen erklärte, so sehr die* Zionisten Rußlands der Entente auch dankbar seien für ihre politische Unterstützung des Zionismus, dieser einzig und allein nur zum Wohle des jüdischen Volkes, neutral gegen jede Macht, sein Ziel veriolgt, hat Ungeheuern Eindruck in zionistischen und -allgemein politischen Kreisen gemacht. Der Brief Balfours, der nicht zuletzt der politischen Arbeit Tschlenows in England zu danken ist, zeigt, wie die führende Ententemacht diesen Standpunkt akzeptiert hat, indem sie helfen will, die zionistischen Ziele zu verwirklichen, ohne jede Spitze gegen die Türkei Tider eine andere Macht. Die letzte Kundgebung Tschlenows ist das Manifest, das er gemeinsam mit Sokolow und Weizmann im „Jewish Chronicle“ veröffentlicht hat. Er ruit das jüdische Volk darin zur Einigkeit, Disziplin und Opierwilligkeit auf. Alle Gedanken, alles Tim müssen Bausteine sein zum Gebäude der nationalen Heimstätte, diese werde sein: „ganz hebräisch, ganz national, ganz frei und demokratisch“ ... - All unseren Führern geht es wie Moses. Im Moment der größten, Hoffnung gehen sie dahin. E. W. Tschlenow ist im, Augenblicke von uns gegangen, wos§ineAnstrengungen,^ den Plan. Herzls'auszuführen, und* dem Zionismus die Mithilfe der Großmächte zu gewinnen, von Erfolg begleitet waren. Was er für den Zionismus bedeutet hat, gehört der Geschichte an, die Liebe und Verehrung, die er genoß und die sich diesem allen lauten Kundgebungen abholden Mann gegenüber nur selten äußern könnte, sie. kam in überwältigender Macht auf der Jubiläumssitzung der Chowewe Zion (Februar 1912) zum Ausdruck, in def die Feier der 30jährigen Tätigkeit Ussischkins und Tschlenows begangen wurde. Unter nicht endenwollenden Ovationen wurde beschlossen, in der Nähe Jerusalems eine Gartenstadt unter detjt Namen „Jechiel" (des Vornamens Tschlenows) zu gründen. Wir alle können sein Andenken nicht besser ehren, als zu der; Verwirklichung dieses Planes beizutragen und Tschlenow, dessen Liebe zu Palästina eine unendljch tiefe war, in Erez Israel ein- Denkmal blühenden Lebens zu setzen, i •’ Dr. Jechiel Tschienow (Eiiin Wladimirowitsch) wurde 1863 in Krementschug (Ukraine) geboren. Erfaßt durch die allgemeine Bewegung der russischen Jugend schloß er sich der nationalen Partei der- „Narodniki“ an, erst nach den Pogromen des Jahres 1881 beganner seine Kräfte dem jüdischen Volke zu widmen. Nach dem ersten Basler Kongreß trat er der zionistischen Organisation bei. Seit dem Jahre 1898 leitete er die Arbeit des .INF. in Rußland und seit 1908 betätigte er sich als Bevollmächtigter des Moskauer Rayons,, reorganisierte die Bewegung, gründete Informationsbüros, trug zur Regelung des Schulunterrichtes bei; schuf ein Programm für den Unterricht der jüdischen Geschichte, Kataloge für Volksbibliotheken. Auf dem sechsten Kongreß war er' einer der schärfsten Bekämpfer des Ugandaprojektes. Gegen den- Territorialismus veröffentlichte er eine Artike'serie unter dem. Titel „Zion und-Afrika“. Der „Landkauf“, „Geulath ha-arez“. war sein Lieblingsgedanke. .1909 rief er eine Kapitalistengruppe zur Gründung von Ansiedlungen auf breiter Grundlage ins Leben, ihm ist auch die Schaffung der Kolonie „Medschdel“ (Migdal) zu verdanken. Seine Tätigkeit erstreckte sich auch auf das Odessaer-Komitee. Auf dem Wiener Zionistenkougreß 1913 wurde er zum Vizepräsidenten des E. A. C. gewählt. Bei Kriegsausbruch verließ er Deutschland, kehrte nach Rußland zurück, wo er sich zuerst auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge und nach Ausbruch der Revolution als Führer der zionistischen Partei betätigte. Tschlenow starb nach einem Kopenhagener Telegramm Die „Hatchijah“ und der „Verein-für hebr. Sprache u.Kultur'veranstaltengemeinsameine große hebr. Matinee die Sonntag Vormittag am 17. Februar in der „Neuen Wiener Bühne“ stalllinden wird. Programm: 1) Chor.-Dirig. Frau Dr. Glanz-Sohar 2) Die Festrede: H. Dr. jehoschua Thon aus Krakau 3) Chor 4) Aufführung des hebräischen Schauspiels: „Hadiasdimonalm haktanim“ von K. L. Silman. Der Reinerlrae ist fUr die Gründung einer neuen hebräischen Zeitschrift bestimmt. Karten-Vorverkauf: Buchhandlung R. Löwit, I., RotenlurmstraBe 3?, 1. Schlesinger, )., Seitenstättengalfe 5, Zionistisches Zentralbüro, 11.. CirkusgaUe 39. und Caf6 Marienbrüche (Samstag v. S>/,-11 Uhr Abend). am 1. Februar bei einem Aufenthalt in London. Aon seinen publizistischen Arbeiten sind noch zu erwähnen: eine Broschüre über den zweiten Basler Kongreß, „Entwicklung des politischen Zionismus und die Auigaben der Gegenwart", und eine unübersehbare Menge von Aufsätzen. Tschlenow verfaßte auch einige Arbeiten medizinisch-wissenscliaitlichen Inhaltes. Das neue Polen und seine Bürgen Die Regierungen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns haben im vollen Gange des Krieges das neue Polen erstehen lassen, ihm eine Staatsform gegeben und ausdrücklich und feierlich die Bürgschaft für das. junge Reich übernommen. Es ist anzunehmen, daß sich die Führer der beiden großen Mächte über den Begriff Bürgschaft seinerzeit im Klaren waren und nicht jetzt etwa der Ansicht sind, daß diese Bürgschaft lediglich darin besteht, sich als Befreier feiern zu lassen und Huldigungs- und Dankdeputationeu zu empfangen. Als Bürgen sind die beiden Großmächte für alle Vorgänge, die sich jetzt in Polen unter ihrem Schutze und unter der Mitwirkung ihrer Behörden abspielen, verantwortlich. Sie sind daher auch für die Behandlung der Juden in dem von ihnen organisierten Polen verantwortlich und es wäre ein erfolgloses Bemühen, diese Verantwortlichkeit unter irgendeinem Vorwände ablehnen zu wollen. Die Behandlung, welche die Juden im neuen Polen erfahren, steht, nach dem Falle des Zarismus und der Desorganisation Rumäniens, ohne Beispiel da. Die Selbstverständlichkeit und unbekümmerte Offenheit, mit welcher sich die Führer des neuen Staatswesens bemühen, in jedem Worte und jeder Handlung der Verachtung der Juden und ihrer Rechte Ausdruck zu geben, machen es schier unmöglich, bei der Erörterung der Vorgänge die nötige Ruhe zu wahren. Man schämt sich fast, daß man dabei ruhig bleiben kann. Es sollen und können hier nicht alle Einzelheiten besprochen werden. Sie würden Bände füllen. Für den Zweck dieser Zeilen genügt es, aus der traurigen Fülle einiges Wesentliche herauszugreifen. Der Regentschaftsrat, welcher ohne Befragen und ohne Rücksichtnahme auf die Interessen der jüdischen Bevölkerung eingesetzt wurde, hat Herrn Kucharzewski zum Ministerpräsidenten ernannt und die Regierungen Deutschlands und Oesterreichs itaben, nach Ablehnung anderer Persönlichkeiten, ihre Zufriedenheit mit dieser Wahl ausgedriiekt und sie feierlichst genehmigt und bestätigt. Herr Kucharzewski ist für die Juden ein alter Bekannter, denn er ist der Erreger und Führer der vor dem Kriege betriebenen antisemitischen Boykott- .hetze. Er hat einige Jahre vor dem Kriege in einem jüdischen Wahlkreise Warschaus auf antisemitisches Programm für die Duma kandidiert und mit seltenem Zynismus die Stimmen der Juden iiir sich verlangt. Die Juden weigerten sich und gaben ihre Stimmen — beileibe keinem Juden, soweit verstieg sich ihr' Mut nicht — dein Sozialdemokraten Jagello. Zur Strafe für diese „Frechheit“ verhängten Herr Kucharzewski und seine Partei über alle Juden Polens Organisiert die Propaganda für die Jüdische Zeitung!