Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438680--5625-2445621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XII. Jahrgang. — Nr. 5 Naiional-jüdifdies Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion : Wien II/2, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandi Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 . Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 1. Februar 1918/19. Schewat 5678 Eeinzlnummer 30 Heiter Verwaltung: Wien II/., Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonmag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—. vierteljährig K 4.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 H. Margulies: Zum jüdischen -Kongreß. — Kongreßbewegung in Deutschland. — Parteitag der holländischen Zionisten. - Zwei zionistische Inhalt: Manifeste. — Presseseban. — Ans den Delegationen. — Meldungen zur Palästinafrage. — Jüdische Massendejnonstration in Kiew. — Arbeiterfürsorgeamt d. jlid. Org. in Deutschland. — Aus der jüd. Welt. Zion. Konferenz in Krakau. Zion, im Felde. — Preisausschreiben usw. . Zum Jüdischen Kongreß Von Heinrich Margulies. , I. Die Idee. /Rasch hat sich die Kongreßidee unsere Her- , zen erobert In allen-, Ländern, wo Juden leben, wird sie heute erörtert. .Erwartungsvoll hofft man ihre Erfüllung und freudig arbeitet man, sie zu bereiten. ... Denn der große Krieg ist ein großer Versöhner, und die Kongreßidee ist eine Versöhnungsidee. Der große Krieg bringt alles zutage, was der Alltag des menschlichen' Lebens unterdrückte. Die innersten Kräfte im Menschen wirken sich aus, die positiven wie die negativen. Man steht sich heute unverhüllter und unverlogener' gegenüber als früher. ( : Und da sieht man, wer zusammengehört. Die jüdische Kraft, von den meisten verhöhnt, von allzuvielen bezweifelt —> sie hesteht. Es besteht ein jüdisches Volk mit einem jüdischen Willen. Niemand vermag es mehr zu übersehen. Jahrzehntelange Bindungen, die nicht in der Seele wurzelten, hat der Krieg zerfetzt: an ihre Stelle traten endlich die neuen Gemeinschaften des Blutes. So fand sich als eine der imgewollten Segnungen dieses Krieges: die jüdische Einheit! - . . ■ Der große Krieg macht menschlich und drängt nach Zusammenfassung. Die Wenigen, die ihn überleben, kauern enger zusammen, sie sind sich näher als. je zuvor und vergessen, was säe . gestern trennte. In neuer und versöhnender Gemeinschaft sproßt neue und fruchtbringende Arbeit. Einst forschte man, bevor man Arbeit und Hilfe eines anderen nahm, nach all seinen "Schlupfwinkeln, ob sich nicht doch etwas ent- . decken ließe, was trennt. Eine andere Theorie, 'ein anderes Gefühl wären Grund genug: und zwischen zwei Diskussionsrednern blieb der Boden .unbebaut. Das war, als die Gemeinschaft noch nicht stark war. Heute, wo unsere Einigkeit unangreifbarer ist als je, . darf Mißtrauen, Argwohn imd Hinterhalt in jene trüben Winkel fliehen, aus denen sie einst gekrochen sind. Heute entscheidet nur noch das Eine: die gemeinschaftliche Arbeit. Wir sind Wenige geworden, aber die Arbeit wuchs und verlor alle Dimensionen. Wir sind* zusammengeschmolzen — aber die Aufgabe ist größer als je und wir dürfen nicht warten. Wir können nicht warten, denn die Dinge schreien. So fragen wir nicht mehr so scheu wie einst nach dem Wie und Woher, sondern nur , nach der gemeinschaftlichen Arbeit. .Wir rufen Jeden, wir suchen Jeden, wir nehmen Jeden auf, der dieser Arbeit teilhaftig werden will und der an der Sicherung der Existenz seines Volkes arbeitet gleich uns. Wir gehen noch weiter: wir grenzen zunächst einmal die Größe unserer eigentlichen Aufgabe ab und stellen hier nur jene Forderungen vor uns hin, die bis zu den Grenzen des Landes reichen. Wir nehmen das, was alle österreichisch-ungarischen Juden angeht, als ihre unmittelbar eigene Sache. Und diese Sache wollen wir tun. Wir alle — und nur noch jene Armseligen bleiben verfehmt und ausgeschlossen, die ganz aus dem Kreise des Volkes traten. Wir wollen ihnen nicht nachtrauern und sie nicht schmähen. Der Abfallprozeß im Judentum war stets ein organischer. Um so gewichtiger zählen die Zurückbleibenden, gering an" Zahl, aber groß an Kraft und Liebe. Kraft und Liebe: für beides suchen wir einen lebendigen Ausdruck, ein Symbol, das den Weg zur Tat beginnt Und als dieses Symbol bereiten wir den Kongreß. II. Das jüdische Wirtschaftsamt Stecken wir die Grenzen ab, damit wir nicht die Ufer verlieren. Der Kongreß darf seine Zeit nicht mit Debatten über die Gründe seiner Einberufung verlieren. Diese liegen klar für jeden, der sehen kann, es gilt nur, sie zu packen, zu formen und zu formulieren. Von allen Fragen, die ihn beschäftigen werden, ist jene am wenigsten erörtert und geklärt die am unzweideutigsten aus den Gegebenheiten abzulesen wäre: die ökonomische. Aber mindestens so wichtig als das zu wissen, was wir wollen, ist zu wissen, wie wir es erreichen. Und ganz gleich, was wir wollen: Ideelles oder Materielles, Nationales oder Konfessionelles, für hier oder für Palästina — wir werden es nur erreichen, wenn der materielle Körper dieses Willenssubjektes ein kraftvoller ist. Die Stärke unseres Wollens ist stets nur ein Exponent der Stärke, unserer Existenz. Somit ist diese letzten Endes entscheidend und nie werden die Wünsche einer deformierten Gruppe von Hungerleidern aus den Studierstuben von Komitees hinaus ins Leben dringen. a) Unsere ökonomische Existenz war sch&n vor dem Kriege notleidend. Amerika hat einen jüdischen Aufschwung erlebt, Polen war in den letzten 20 Jahren ein Land blühender Entwicklung und stets steigender jüdischer Immigration — Galizien aber hat Jahr für Jahr Tausende über seine Grenzen gespült, da es sie nicht ernähren konnte: Die Ursache dieses Niederganges war die anormale Berufsgliederung. Zusammengepfercht in nur wenige Berufe, verteidigten die Juden fast ausnahmslos solche ökonomische Positionen, die dem fortschreitenden Geist wirtschaftlicher Entwicklung. mchLstandzuhalteu1 vermochten, ja ihm im Wege standen. Sie waren die Rückscnrittler und verfochten den primitiven Kleinhandel gegen die Genossenschaft noch zu einer Zeit, wo ihre Brüder in .Amerika, zu.m Teil auch in Rußland sich schon längst zu Trägern der fortschrittlichsten Wirtschaftsformen . gemacht und ein Waffenarsenal von . Organisationen, Gewerkschaften und Genossenschaften errichtet hatten. Hier lautet die Aufgabe: Normalisierung des Wirtschaftslebens. Hier lauten die Maßnahmen: erstens Organisierung eines gewerblichen Schulwerkes und zweitens Ueberführüng der Juden in andere Berufe und Wirtschaftsformen als die bisher innegehabten. b) Die ohnehin so sanierungsbedürftige Lage des galizischen Judentums wurde durch den Krieg maßlos erschüttert. Die Juden hatten nicht erdgebundene, sondern nur Wanderberufe inne. So warf sie der Krieg wild umher. Das Wenige, was sie an ökonomischen Positionen besaßen, verloren sie und völlig voraussetzungslos mußten sie in neuer Gegend beginnen. Ohne anderes Kapital und ohne anderes Werkzeug als ihren Intellekt trieben sie allerhand Beschäftigungen zu, von denen eine kulturelle Hebung-ihrer ökonomischen Existenz nicht erwartet werden durfte. Möglich, ja wahrscheinlich, daß viele von ihnen Geld verdient haben; aber die ökonomische Struktur der Gesamtheit hat damit nur verloren, nicht gewonnen. Die ungesunde Berufsverteilung ist durch den Krieg nur verschlimmert worden. Und gerade die armseligen gesunden Positionen, die besessen wurden, sind zerstört. Hier lautet die Aufgabe: Wiederherstellung und wirtschaftliche Fundierung der beruflos gewordenen Existenzen. Hier lauten die Maßnahmen: erstens Subventionierung ökonomischer Betriebe und zweitens Errichtung ökonomischer Hilfswaffen wie Genossenschaften, Kreditkassen etc. Diese doppelte Aufgabe: Erziehung zum Wirtschaftsleben und Organisierung des Wirtschaftslebens kann aber nur dann erfolgreich in Angriff genommen werden, wenn sie großzügig begonnen wird. Hier ist Kleinarbeit nutzlose, schädliche Vergeudung, jede Zersplitterung Verbrechen. Hier muß zentralisiert, organisiert, dirigiert werden, hier bedarf es einer straffen Einheitsinstanz, die vom Vertrauen und von der Unterstützung der Gesamtheit getragen wird. Und somit legen wir als eine der wichtigsten Aufgaben dem Kongresse vor: Schaffung eines jüdischen Wirtschaftsamtes! (Schluß folgt.) Gesinnungsgenossen! Unsere Organisation hat durch den Weltkrieg tiefe Verluste erlitten, aber sie lebt und wird leben. Jeder Gesinnungsgenosse, dem au der Existenz der Partei gelegen ist. wird seinen Schekel entrichten und auch damit die Lebensfähigkeit der Organisation bekunden. Das Judentum steht vor gewaltigen Entscheidungen. Die Hoffnung zweier Jahrtausende scheint wenigstens teilweise in Erfüllung zu gehen; die zionistischen Ideale erfreuen sich der Sympathien der Regierungen fast aller in Betracht kommenden Staaten. Noch nie sind wir dem 2iele so nahe gestanden wie jetzt, wenn wir uns stark erweisen. Das Judentum muß sich der großen Ereignisse würdig zeigen und einig hinter den Fahnenträgern seiner erhabenen Ideale stehen. Schon durch den Hinweis auf viele zehntausende Schekelzahler können und werden wir alles durchsetzen. was das Volk wilL Daher kommt dem Schekel eine gewaltige Bedeutung zu und ist es die elementarste Pflicht eines jeden Juden, einen Schekel zu .kaufen. Der'Zionismus vertritt jetzt, nicht mehr einen Bruchteil des jüdischen Volkes. Das ganze Volk ist von der Bewegung ergriffen worden. Gesinnungsgenossen!, Wir können nicht genug eindringlich auf die Notwendigkeit einer unge- . wohnten Schekelpropaganda hinweisen. Der Schekel stärkt materiell unsere Organisation und gilt zugleich als der Ausdruck unseres organisierten Willens. Das Judentum verlangt von uns derzeit nur geringe Opier. Die müssen wir bringen, wenn wir vor unserem Gewissen und dem Urteil der Geschichte bestehen wollen! Verzehnfacht den Verkauf der Schekel! Erfüllet Euere Piiicht! Adolf Stand Rudolf Taussig k. k. Reichsratsrevisor. Schekelblocks sind zu beziehen vom: Zionistischen Zentralbureau, Wien II. Zirkusgasse 33. Schekelgelder sind zu senden an: Verband „Zion“, Postscheckkonto 47.115. Kongreßbewegung Deutschland in Die in den feindlichen, neutralen Ländern und Oesterreich im Gang befindliche Kongreßfragc beginnt auch die reichsdeutsche Judenschaft stark zu beschäftigen. Sonntag, den 21. Jänner traten von der „Zion. Vereinigung f. Deutschland" Dr. Hantke und Dr. Klee, vom „Komitee i. d. Osten" die Professoren Dr. Oppenheimer und Dr. S obern heim, vom „Deutsch-Israel. Geineindebund“ Prof. Dr. K a 1 i s c h e r, vom „Hilfsverein d. deutschen Juden“ Dr. Simon, Dr. Nathan, Geheimrat Cassel und Generalkonsul Landau, vom Vorstand der Berliner Gemeinde Kommerzienrat Eisner, Badt, Dr. Feilchenfeld und Dr. Netter, von der „Liberalen Vereinigung“ Justizrat Dr. Plonsk e r und viele andere Persönlichkeiten wie die Justizräte Dr. Blau und Dr. Auerbach aus Frankfurt a. M. zu einer Besprechung zusammen.' Ais unmittelbare Folge davon wurde ein geschäftsführender Ausschuß eingesetzt, der sich mit der Form, in der die deutsche Judenheit zu den Friedensverhandlungen Stellung zu nehmen hat. beschäftigen wird. Organisiert die Propaganda für die Jüdische Zeitung!