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Jüdische Zeitung · 1917-12-28 · 52 (28.12.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
52 (28.12.1917)
Date
1917-12-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XI. Jahrgang. — Nr. 52 Nafional~jüdifche$ Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/lf Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit Öer Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 28. Dezember 1917/13. Teweth 5678 Einzelnummer 30 Meller Geschäftsstelle: WienlI/„Zirkusg.33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise» Ganzjährig K 14.— halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.— Anzeigen nnd Beilagen nach Tarif Postspar kassen-Konto133.404 Infinit* Abg. Dr. Straucher, Zu den Friedensverhandlungen — Judenverfolgungen in Rumänien — Scb. Sirate, Schalom Jak. Abramowicz — W-g„ Der lllllalli Zionismus in der Neuen Deutschen Rundschau — Fresseschau — Aus der jüdischen Welt — Zionistisches Zentralkomitee uaw„ usw. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA In den zwölften Jahrgang tritt unser Blatt! mit der nächsten Nummer. Wir danken allen Freunden für ihre wertvolle Hälfe, die zur Festigung der „Jüdischen Zeitung“ im letzten Jahre wesentlich beigetragen haben. Seid unermüdlich im Dienste unserer Volk&sache! Die Verbreitung unserer Presse äst die Vorbedingung für »Sen Sieg unseres Gedankens. Wir haben das uns vorgesteckte Ziel bezüglich der Zahl unserer Abnehmer erreicht. Sie muß sich im Jahre 1918 verdoppeln. W i r werden es trotz der enormen Schwierigkeiten an Mühe nicht fehlen lassen. Tut I h r deshalb auch das Eurige! Die Teuerung zwingt uns, den Bezugspreis zu erhöhen. Unser Blatt kostet von nun an ganzjährig K 14.—, halbjährig K 7.—, vierteljährig K 4.—. Redaktion und Administration. Tmfmm’mnvmrmmmTr Zu den Friedensverhandlungen Von Dr. Benno Straucher, Reichsrats- und Landtagsabgeordneter. Es ist ein weltgeschichtlicher Augenblick, da jetzt wesentlich durch die kluge Politik unseres Ministers des Aeußem, Grafen Czernin, nach geschlossenem Waffenstillstände, die Mittelmächte mit Rußland zu Friedensverhandlungen zu-, sammentreten. . Von . den Mittelmächten zählen Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Rußland und die Türkei zu den Signatarmächten des feierlich („Im Namen Gottes, des Allmächtigen“) abgeschlossenen Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878. Dieser Staatsvertrag hatte für die Juden Rumäniens eine eminente Bedeutung, ist aber durch die rumänische Regierung in Ansehung der rumänischen Judenschaft auf die gröblichste und perfideste. Art gebrochen worden. Schalom Jakob Abramowicz (Mendele Mocher Sforim.) 1836—1917. Ueber Berlin kommt die Nachricht, daß der Nestor der jüdischen Schriftsteller, Mendele Mocher Sforim (mit dem bürgerlichen Namen Schalom Jakob Abramowicz), in Odessa am 8. d. im Alter von 81 Jahren gestorben ist Geboren in einem kleinen Städtchen des Minsker Gouvernements - in Lithauen, als Sohn eines seiner jüdischen Gelehrsamkeit sowohl auch seiner Wohltätigkeit wegen gleich geachteten Vaters, genießt er eine rein jüdische Erziehung. Im 6. Lebensjahre kann er bereits lesen und schreiben, im 9. beherrscht er die ganze Bibel auswendig, im 12. ist er bereits in den' nachbiblischen jüdischen Schriften wie Talmud, Midrasch etc., bewandert. In seinem 13. Lebensjahre stirbt sein Vater, die Familie in Not und Elend zurücklassend, und da beginnt iür den jungen Abramowicz eine Zeit der Leiden und Entbehrungen. Er wandert von einer Jeschiba (Talmudschule) in die andere herum, bis er zu seiner Mutter, die inzwischen einen Mühlenpächter in einem Dorfe unweit Minsk geheiratet hatte, zurückkehrt Hier lernt er die Natur in ihrer ganzen Fülle kennen, und sie regt -sein poetisches Schaffen an., Im 17. Lebensjahre beginnt die zweite Etappe seiner Wanderung. Er kommt nach Kamenez- Podolsk, studiert außer Hebräisch auch Russisch und andere europäische Sprachen, bereitet sich für eine Lehrerprüfung vor, die er auch besteht und erhält dann eine Stelle als Lehrer an einer Es ist von hohem Werte, sich die grundlegenden Bestimmungen des Berliner Staatsvertrages, betreffend die bürgerliche und politische Emanzipation der rumänischen Juden zu vergegenwärtigen, um der geschichtlichen Wahrheit gemäß festzustellen, welcher unglaublichen Ränke und Hinterhältigkeiten, welcher Umgehungen und Verdrehungen klarer Vereinbarungen, welch anwidernden Zynismus* sich die rumänische Regierung bedient hat, um durch fast vierzig Jahre die feierlich verheißene, bürgerliche und politische Emanzipation der Juden Rumäniens zu hintertreiben und alle Signatarmächte — zu denen noch England, Frank* reich und Italien gehören — zu täuschen und zu verhöhnen. Der einschlägige Artikel 43 lautet: „Die hohen vertragschließenden Teile erkennen die Unabhängigkeit Rumäniens an, indem sie sie an die in den beiden folgenden Artikeln aufgezählten Bedingungen knüpfen.“ Also die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens durch die Signatarmächte des Berliner Vertrages war eine bloß bedingte, nämlich: wenn dieses die in den Artikeln 44 und 45 dieses Vertrages ihm auferlegten Verpflichtungen erfüllt — so daß Rumänien bei Nichterfüllung dieser Bedingungen und Verpflichtungen rechtlich und vertragsgemäß seine Unabhängigkeit verwirkt hat! Wie lauten nun aber diese beiden Artikel, und welche Verpflichtungen und Bedingungen sind Rumänien als Voraussetzung seiner Unabhängigkeit von den Signatarmächten auferlegt worden? Hier der Wortlaut des Artikels 44: „In Rumänien darf der Unterschied der Religion und der Konfession gegen Niemand als Grund der Ausschließung oder der Unfähigkeit, insoweit er den Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte, die Zulassung zu öffentlichen staatlichen Schule. Von da geht er nach Berdyczew, dann nach Zytomir, wo er an der Rabbinatsschule ein Rabbinerdiplom erhält und bis 1891 verbleibt In diesem Jahre kommt er nach Odessa als Leiter der dortigen jüdischen Schule „Talmud Thora“. In den Jahren 1905—8 hält er sich in Genf in der Schweizauf und kehrt schließt lieh nach Odessa zurück, wo er bis zu seinem Lebensende verbleibt Infolge seiner vielen Wanderungen und seiner Beobachtungsgabe ist er auch in der Lage, das traurige jüdische Leben kennen zu lernen.. Von dem Wunsche beseelt, hier helfend einzugreifen, veröffentlicht er eine Reihe von kritischen Aufsätzen über die hebräische Literatur, eine Naturgeschichte in drei Teilen und übersetzt die russische Geschichte ins Jüdische. Sein eigentliches Gebiet aber ist das eines Erzählers und Schilderers. Die wichtigsten Arbeiten, von denen einige ins Russische, sowie von Klemens Junosza ins Polnische übersetzt wurden, sind: „Das WOnschfingerl“, „Väter und Söhne“, „Die Taxe“, „Fischke der Krumme“, „Die Klatsche“, „Reisen Benjamins des Dritten“, „Der jüdische Don Quichotte“, „Der Prlsiw“ (ein Drama) u. v. a. Bei Mendele kann man am besten sehen, was der jüdische Geist, ohne daß er von seiner Umgebung beeinflußt worden wäre, geschaffen hat Mendele ist jüdisch in seiner Sprache; seinem Stil, seiner Beobachtung, sowie in der Art wie er das Gehörte und Gesehene wiedergibt. Mendele steht mit beiden Füßen im Judenghetto und schildert durch 50 Jahre (sein erster Roman „Väter und Söhne“ erschien 1867) alles, was er in diesem engen Kreise beobachtet Seine Erzählungen schlagen unser mit Blut geschriebenes Lebensbuch auf, Aemtern, Funktionen und Ehrensteilen oder die Ausübung der .verschiedenen Professionen und Industrien betrifft geltend gemacht werden, in welchem Orte es auch sei; die Freiheit aur die öffentliche Ausübung aller Kulte ist allen Einheimischen des rumänischen Staates sowie den Fremden gesichert und kein Hindernis darf ihnen weder in der hierarchischen Organisation der verschiedenen Gemeinden, noch in deren Beziehungen zu ihren geistigen Chefs, in den Weg gelegt werden. Die Staatsangehörigen aller Mächte, Handeltreibende oder andere, werden in Rumänien ohne Unterschied der Religion auf dem Fuße vollständiger Gleichheit behandelt“ Und Artikel 45 setzt fest: „Das Fürstentum Rumänien tritt an Seine Majestät den Kaiser von Rußland den Teil der infolge des Pariser Vertrages von 1856 von Rußland abgelösten Territoriums von Bessarabien wieder ab, welcher im Westen durch den Talweg des Pruth, im Süden durch den Talweg des Kilia- Armes und die Mündung von Stary-Stambul begrenzt wird.“ Die letztere Verpflichtung hat das damalige Fürstentum Rumänien erfüllt — erfüllen müssen, da es sich um das mächtige Rußland handelte — die Bedingungen des Artikels 44 aber sind bis heute nicht erfüllt, nicht durchgeführt worden. Denn es handelte sich ja um die politisch ohnmächtigen — Juden. Für die Verwirklichung ihrer elementarsten Rechte erhob sich keine Stimme! Den Juden selbst, aber standen und stehen keinerlei wirksame Rechts- und Gewaltmittel zu Gebote, die ihnen vorenthaltenen Rechte zu erzwingen. Ich habe seinerzeit, in der Sitzung der österreichischen Delegation vom 21. Juni 1906, in ausführlicher Rede diese flagrante Verletzung des Berliner Vertrages durch Rumänien und das schwere, den dortigen Juden zugefügte, permanent gebliebene Unrecht dargelegt und geschildert und das Gewissen der zivilisierten Staaten aufgerufen — leider vergebens! sie erwecken bei uns oft Heiterkeit, aber noch öfter Trauer. Mendele führt uns den Juden des Ghetto vor, von dessen Geburt bis zum Tode, noch weiter — er begleitet ihn bis auf den Friedhof und liest uns noch die eigenartigen Grabinschriften vor. Im Judenghetto sind neue Typen entstanden, selbst an den alten sind Veränderungen vor sich geangen, auch die Judengasse hat ein anderes Gesicht bekommen. Mendele jedoch ist auch in seinem Greisenalter der Schilderer des Judenghettos des vergangenen Zeitalters geblieben. Einen allgemeinen Maßstab an die Kunstschöpfung Mendeles anlegen zu wollen, wäre fehlgegangen. Ich weiß auch nicht, ob jemand, der das nun im Absterben begriffene Leben der jüdischen Vorstadt nicht mitgelebt, dieses Vergnügen empfindet, das uns das Lesen der Werke Mendeles bereitet Mendele war ein unvergleichlicher Künstler, ein Genius. Wie sehr gefeilt, wie bearbeitet ist jeder Satz, ja jedes Wort in seinen Schriiten! Die Judengasse hat bis heute keinen so originellen Schilderer, wie es Mendele war, gefunden. Seine Bedeutung kam» man dann ermessen, wenn man bedenkt, daß er der Schöpfer'des Stils zweier Sprachen war: des Hebräischen sowohl als auch des Jüdischen. Ja, die jüdische Literatursprache ist sein Werk, so daß sich die jüngeren Schriftsteller, wie die ihm im Tod vorangegangenen Perez und Schalom Alechem, mit Stolz seine Enkel zu nennen pflegten, pflegten. Mendeles Tod ist ein unersetzlicher Verlust nicht bloß für die jüdische Literatur, sondern auch für das ganze jüdische Volk, das in ihm einen seiner bedeutendsten Epiker betrauert Ganz Israel wird ihm das gebührende Andenken weihen. Schewach Sirate. Ohne Presse keine Bewegung! — Agitiert für die Jüdische Zeitung!

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