Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 46 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. — Nr. 46 Naiional~jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II/i, Zirkusgasse 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 11—1 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto n i ch t zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdische Ngtionalfonös Wien, Freitag, 16. November 1917/1. Kislew5678 Einzelnummer 24 Meller Geschäftsstelle: Wien II/,, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—11 Bezugspreise: Ganzjährig K 10.— halbjährig K 5.—. vierteljährig K3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 IflllJllt* ^a^z'en- ~ Die englische Regierung für den Zionismus. — Rede des Abgeordneten Dr. Strancher. 111110.11. _ Internationale jüdische Bezehiungen. — Pressestimmen zum Zionismus. — Ans der jiid. Welt. Korrespondenzen. — Persönliche Nachrichten. — Ausweis. Die Entente und die Paliistinafrage. Zionisten im Felde. — Berichte und Galizien Die öffentliche Meinung Oesterreichs hat die Bildung eines polnischen Staates, dem Galizien ungegliedert werden soll, abgelehnt. Presse und Parlament haben eine ungewohnt deutliche Sprache geführt und der geheimen Diplomatie einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben. Der „Segen“ des Dualismus ist für die Völker Oesterreichs so wohltuend gewesen, daß noch ein Paziszent für künftige „Ausgleichs“verhandlungen nicht herbeigesehnt wird. Das polnische Volk wird nunmehr, wenn aus der entschiedenen Willenskundgebung der öffentlichen Meinung die entsprechende Nutzanwendung gezogen wird, den Auf- und Ausbau seines Staates selbst besorgen müssen, und so hoffentlich die Lösung dieser Frage mitten im Kriege nicht mehr versucht werden. Wir haben genug der eigenen Sorgen! Zweifelles findet das Freiheitsringen eines Volkes die Sympathie aller Edeldenkenden, eine Staatsbildung mit Einverleibung eines fremden gemischtsprachigen Kronlandes, in dem die andern autochthonen Völker wie Heloten behandelt werden, muß jedoch stets gemischte Gefühle auslösen. Und dies ist wieder einmal der Fall gewesen. Wir wollen die Lösung des polnischen Problems vom Standpunkte des österreichischen bewußten Judentums betrachten. Galizien hat 900.000 Juden. Welch trauriges Los war ihnen im Lande beschieden. Sie waren zuerst deutschfreundlich und zentralistisch gesinnt. Die österreichische Verwaltung hat diesen Trägern des österreichischen Staatsgedankens wenig Dank gezollt. Als die Polonisierung Galiziens begann, ließ man es ruhig geschehen, daß die Juden der Willkür der Machthaber des Landes völlig ausgeliefert wurden. Eine rückständige Landesverwaltung erstickte jedes Bildungsbestreben, Fanatismus und Aberglaube bei den Juden wurden gehegt und gepflegt und die wirtschaftliche Unfreiheit als politische Notwendigkeit statuiert. So wurde es möglich, daß die Polen, ursprünglich eine Minorität, die herrschende Nation im Lande wurden, die ohne Rücksicht auf die Zahl der Ruthenen, Juden und Deutschen Galizien zur ausschließlich polnischen Domäne machten; bei Beschwerden dagegen an die Träger der Staatsgewalt ist dann die lakonische Antwort oft erteilt worden: Dies sei eine Sache, deren Erledigung nur einvernehmlich mit dem Polenklub erfolgen könne! Und vor dem mächtigen Polenklub erzitterten alle Regierungen! 900.000 Juden wurden so mit einem Federstrich eine „ga 1 i z i s ch e Lande s an g e 1 e g e n h e i t!“ Da sie vergebens ihre Blicke nach Wien richteten, redeten Realpolitiker unter ihnen einer neuen Orientierung das Wort. Vor ungefähr einem halben Jahrhundert begann unter den Juden Galiziens eine polnischföderalistische Partei sich zu bilden. Aus den „polnischen Juden“ sollten „jüdische Polen“ werden. Der Abgeordnete für die Krakauer Handelskammer, Mendelsburg gab im Reichsrate diese Parole aus und viele begeisterte jüdische Jünger nahmen die Aufgabe sehr ernst. .Juden Galiziens dienten der polnischen Sache mit Eifer und Ehrlichkeit. Sie haben auf allen Gebieten des polnischen Lebens, sowohl in volkswirtschaftlicher, als in literarischer und wissenschaftlicher Beziehung für die polnische Nation Hervorragendes geleistet. Das jüdische Volk in Galizien aber verkümmerte. W:js diesen bedauernswerten Massen, denen man im Westen während des Krieges in tiefstem Elend begegnete, an Feldern vorgehalten wurde — mit Recht oder Unrecht — wahrlich es ist nicht ihre Schuld! Als trotz wirtschaftlicher Not und trotz des Druckes der politischen Machthaber des Landes die Judenschaft Galiziens sich aufraffte und den Versuch machte, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, war der schöne Traum bald zu Ende. Während einer Wahlperiode saßen im österreichischen Parlamente jüdische Abgeordnete. Bei den nächsten Wahlen hat der Bezirkshauptmann gründlich „Ordnung“ gemacht: kein bewußter Jude wurde mehr gewählt. Es sitzen im Hause nur „Polen mosaischer Konfession“. Und diese haben es sich ruhig gefallen lassen, daß polnische Klubgenossen antisemitische Interpellationen einbrachten, während mangels Zustimmung des Präsidiums des Polenklubs die Unterfertigung einer Interpellation für die Revision des Hilsnerprozesses ein jüdisches Mitglied versagen mußte. Als seinerzeit ein Ausgleich mit den Ruthenen auf der Basis der nationalen Wahlkurie angebahnt wurde, ist den Juden von vornherein ihr Selbstbestimmungsrecht genommen worden: sie wurden in den polnischen Kataster eingezwängt. Vergebens haben jüdische Führer stets von neuem darauf hingewiesen, daß im Interesse des Landes eine nationale Verständigung zwischen Juden und Polen erfolgen möge. Ein Erfolg war diesen Bestrebungen nicht beschieden. Auf allen Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens sind die Juden in Galizien zurückgesetzt. Und auch der Krieg brachte keine Aussicht auf Besserung. Schon die Vorgänge bei allen Aktionen des wirtschaftlichen Wiederaufbaues haben deutlich erkennen lassen, daß sich nichts zugunsten der Juden in Galizien geändert hat. Nun kam die Mitteilung von der Absicht, Galizien ganz von den Zentralstellen Oesterreichs zu lösen und damit die Aussicht für die Juden des Landes, die polnische Staatsbürgerschaft annehmen zu müssen. Es ist begreiflich, daß der national bewußten Judenschaft diese Aussicht wenig verlockend erscheinen kann. Nicht aus Abneigung gegen die polnische Nation, sondern aus Selbsterhaltungstrieb. Der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau Galiziens ist und bleibt für die Juden des Landes eine österreichische Angelegenheit. ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Die englische Regierung für den Zionismus Lore! B a 1 f o u r. der englische Minister des Aeuliern. hat Lord Rothschild folgendes Schreiben zugehen lassen: ..Es gereicht mir znr großen Genugtuung, seitens der Regierung Sr. Majestät folgende Svmpatliieerklärnng mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen abzugeben, nachdem sie vom Kabinett untersucht lind gutgeheißen worden waren. Sr. Majestät Regierung ist der Errichtung einer nationalen Wohnstätte für das jüdische Volk in Palästina günstig gesinnt und bereit, mit besten Kräften die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wohlverstanden unter völliger Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender siichtiüdischer Gemeinschaften Palästinas oder der staatsbürgerlichen Rechte der Juden welchen Landes immer. Ich bitte, diese Erklärung zur Kenntnis der zionistischen Föderation zu bringen.“ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Rede des Abg. Dr. Straucher in der Polendebatte ln der 36. Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. November, in welcher die Abgeordneten der verschiedenen Parteien Stellung zur polnischen Frage nahmen, hielt unser Abgeordneter Dr. Straucher eine Rede, die wir hier im Wortlaut folgen lassen: Hohes Haus! Ich eVadkte es'für meine Pilicht. fn dieser hochwichtigen politischen Frage eine kurze Erklärung ::b?u eben, eine Erklärung vom Standpunkte des Oesterrcichers, des Bukowinaers und vom jüdischen Standpunkte. — Was diese meine Stellungnahme, betrifft, so möchte ich betonen, daß während des ganzen Verlaufes des gegenwärtigen Krieges die Judenschafü nicht nur Polens, sondern auch die europäische und außereuropäische Judenschaft, insbesondere aber jene in Nordamerika, die Befreiung der Polen vom russisch-zarischen Joche und die Wiederherstellung des polnischen Staates begrüßt und mit allen Mitteln gefördert hat. Allerdings wurde dabei dem tiefen Schmerze darüber Ausdruck gegeben, daß seit längerer Zeit sowohl in Russisch-Polen wie nicht minder in Galizien ein geradezu brennender Antisemitismus sich geltend gemacht und um sich gegriiien hat, und daß es keineswegs im Interesse des polnischen Vo'kes gelegen sei, die Judenschait, die ihr durch Jahrhunderte freundschaftlich, hingebungsvoll und fördernd, zur Seite stand, derart feindlich zu behandeln. (Abgeordneter Dr. Anger mann: Das ist nicht wahr!) Was ich sage, ist wahr, ist Tatsache. Leider gewährt mir die heutige Debatte nicht die hinreichende Zeit, alle jene Tatsachen vorzuführen, die meine Behauptungen unaufhaltsam beweisen würden. In dem Augenblick, in welchem sich die polnische Nation anschickt1 — was wir ihr alle vom Herzen wünschen — für sich die Freiheit und die staatliche Selbständigkeit zu erringen, in demselben Augenblick, da beispielsweise in der Ukraina die Judenschait als eine selbständige* gleichberechtigte Nationalität anerkannt wird und ihr die Recht'e einer solchen eingeräumt wurden (Zustimmung), können wir an das polnische Volk, ein so großes Kulturvolk, ein Volk von so großer historischer Vergangenheit, gleichfalls die Forderung stellen, daß die Juden als gleichberechtigte Nation im Verbände des Königreiches Polen anerkannt werden. Das eigene Interesse des polnischen Volkes diktiert dies. — Meine Herren! Im Königreich Polen wohnen mindestens 12 bis 15 Prozent Juden in einer Zahl von weit über 2'A Millionen und ich erkläre Ihnen, meine Herren, daß sowohl, aus. jenen Gebieten wie auch aus Galizien bittere Klagen und Beschwerden über Verfolgungen, Unterdrückungen und» kränkende Zurücksetzungen sowie ökonomisches Elend einlangen, denen die Judensehatt dort ausgesetzt ist. (Abgeordneter Dr. A n - g-ermann: Das ist nicht, wahr!) Durch die Gesinnungsgenossen£ Laßt Euch Propagandanummern der J. Zkommen!