Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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National-judifches Organ rschelni wöchentlich efnma* Redaktion: Wien TI, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Mentag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne'Rückporto"nicht zurückgesandt Re'daktionsschluß Dienstag um 7 Uhr 7cirnsprach*Numiiier 45-3-25 Mü der Beilage: Der Jüdifdie Nationalfonds Wien, Freitag, 19, Oktober 1917 3 Chesdiwan 5675 Clnialnumner 24 Halter QeschSftsstelte: Wien D/i, Zirkus«. 33 GesehSft8stunderi: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—. vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen' nach Tarii Postsparkassen - Konto 133.404 Tnliolf« W.-G., Päpstlicher als der Papst — Ein Vorira? des Herrn Richard Lichthelm. — Ad. Bm., Jüdischer Na ionalkalender 5678. — Die Rückkehr mmtU. der Heimatlosen. — Verschiebung des Termins, für die, Rückkehr der Flüchtlinge. — Aus dem Abgeordnetenhaus. — Ob’s etwas nützt — Nationale Jugendarbeit in Galizien. — Aus der Jüdischen Welt— Literirische Nachrichten. —‘Zionisten im Pelden, s. w. Päpstlicher, als der Papst Ein Leitartikel der „Reichspost“ (Morgetiblatt vom 30. September) befaßt sich niit den Palästinaforderungen der Zionisten. „'Es ist ein heuer Anwärter auf Eroberungen. entstanden, der gestützt auf'Wilson und die Ermutigungen Englands, seine Ansprüche auf .einen Siegespreis im Weltkriege mit derselben Ernsthaftigkeit anmeldet wie Frankreich die seinen auf Elsaß- Lothringen, Italien auf Trient und Triest: das internationale Judentum begehrt Palästina.“ Wir Wissen nicht, wie weit die „Reidispost“ den Begriff'des „internationalen Judentums“ gefaßt haben 'will. Doch hat sie mit dieser Behauptung zwiefach tunrecht. Die Zionisten, die . dabei in erster -Linie in Betracht kommen, sind keine „neuen“ Anwärter auf Palästina; sie streben seit 20 Jahren 'danach, dem jüdischen Volke in Palästina eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen. In der Aufstellung des Begriffes „internationales Judentum“ aber und in seiner weitern Ausführung liegt eine bewußte, diffamierende Verdächtigung. jHier (wird (mit einem Male der durch, diesen VerheerenUen Krieg mehr denn^ je;ierri|as(.enen .Jgdenheit eine, mystische Ein- 'heit'^pponleft;'fiief"'\viFd'i§iHfE^rh«föe'f 'sehnlich- * ster: Zukunftswunsch, der leider noch fin" weiten ■ Feld liegt — Zu einem 'geschlossenen Volkskörper -gemacht, der über alle feindlichen Grenzen hinaus sich zu bestimmten Zwecken'geheim ciie * Hand, reicht. Wie Herrn Fritschens irrsinniger „Hammer“ phantasiert die /Reichspost“ von der - Macht des Judentums in der Freimaurerei, „von dem grqßten-Triumph „d^s -jüdischen Logentüms“, der im Verrat Italiens an seinen Bundesgenossen zum Aüsdjrucjc gekommen sei. Dieses '„mtematio-? nalcf.F (sagen'- Ayir 'richtig; statt, dessen Entente-) ‘ Judentum . aber' stehe; führt Hie „Reidispost“ aus, gänzlich im Banne des Vierverbandes. Durch. England erhoffe es* sein Ziel, den jüdischen Staat j in Palästina zu gewinnen. Deshalb sei es Völlig in den Dienst Englands getreten; im ganzen Machtbereich der jüdischen Einflußsphäre, in "der Presse, der Finanzwelt, durch eigene jüdische Regimenter, wurde für die Enteilte geworben. Die „Reichspost“ wird zugeben, daß die Juden der Ententeländer durchaus berechtigt sind, auf die ihnen gegebene Art für ihre ZieTe zu "arbeiten. Das Judentum in den Ententeläridern ist — das steht außer Zweifel — heute ein Machtfaktor, der von seinen Regierungen entsprechend gewertet wird. r * Die „Reichspost“ ist auch im Prinzip nicht gegen eine neue Siedetung der Jude«. Sie lobt die Idee Zangwills, Uganda mit Juden zu bevölkern. Aber „Palästina, das Land der heiligen Stätten des Christentums, mögen sie uns gefälligst in Ruhe lassen.“ Ja, wäre Palästina hur das' Land der Stätten des'Christentums I 'Allein es ist die heilige Stätte noch älterer Erinnerungen, die dem jüdischen Volke gehören/ es ist der Wurzelboden nicht hur unserer Religion, Sondern unseres Volkstums, es ist untrennbar verbunden mit unserem Volksleben. Von dem WunsCh und - Willen hach dem heiligen Land ist 'schon 'die Bibel ganz durchtränkt, und durch die Vollen 2000 Jahre unserer Zerstreuung belebt, und halt, diese glühende. - und hie erlöschte ‘ Sehnsucht nach der Urheimat unsern einzigartigen Fortbestand. In Palästina eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für. das jüdische Volk unter türkischer Herrschaft Schaffen, wollen die Zionisten der ZentraTmächte. - , Kein'geringerer als das Oberhaupt der katholischen Kirche, der Papst, hat vor kurzem dieses Bestreben aufs wärmste gewürdigt. Und er sagte eiff gütiges Wort, das Vie mit einem Zauberscblag weite, glückliche Horizonte ef öffnete: „Wir Werden dort gute Nachbarn sein.“ ■ Wollten die österreichischen Katholiken päpstlicher denn fder 'Papst Sein? W—g?' Bin Vortrag des Herrn Richard Lichtheini in München Herr Lichtheim, der Vertreter des Zionistischen Aktionskomitees Tn Konstantinopel, hielt am' 13. v. Mts. in 'München einen bemerkenswerten' Vortrag. Nachdem er einen Rückblick auf 'die Entwicklung der Bewegung gemacht und das die deutschen Juden hoch immer starfc beschäftigende Problem der Stellung der Organisation zur religiösen Frage und das Verhältnis der Zionisten zu ihrem „Wohnlande“ behandelt hatte, führte er nach dem Münchener „Jüdischen Echo** aus, daß der Vorwurf mangelnder Leistungen in Palästina (erhoben vom Hamburger „Iraef. Familienblatt“. D. Red.) ganz imberechtigt sei, da tatsächlich alles, was "in den letzten Jahrzehnten in Palästina geschaffen wurde, ein direktes oder indirektes Ergebnis 'der neuen Zionsbewegung gewesen. — Herr Lichtheiirt berichtete dann über seine Tätigkeit in Konsfantinopel, wies auf die Schwierigkeiten hin, die in der jetzigen Situation liegen und konnte seiner Genugtuung darüber Ausdruck gehen, 'daß es trotz bedauerlicher Denunziationen: von zionistenfeiSdlicher jüdischer Seite und Trotz der ungünstigen Wirtschaftlichen Lage gelungen ist, die Kolonien unversehrt Zn erhalten. 'Für daS Interesse der gesamten Judenheil Zeugt es, daß in den drei Kriegsjahren 15 Millionen Mark durch die zionistischen Kassen nach Palästina 'gegangen sind. . Schließlich machte Herr Lichfheim eine Reihe Von ’ interessanten’ Angaben über das gerade ii* den letzten Monaten zutage getretene Bestreben der Großmächte, der zionistischen Bewegung näher Zn treten.'Dfe Leiter der Bewegung selbst haben seit Jahren stets mit Palästina als mit einer der Türkei gehörigen Provinz - gerechnet, über deren ferneres Schicksal , allein die türkische Regierung zit entscheiden habe. Durch den Krieg hat die ganze Sachlage sich verschöben,'die englische Regierung scheint entschlossen, Palästina' zu erobern und ein selbständiges jüdisches Gemeinwesen daraus zu machen. Die übrigen Entenfestaafeu wollen sie bei diesem' Unternehmen offenbar unterstützen, wobei selbstverständlich nicht nur weigermüfeige, sondern Such politiSdie Beweggründe mitspielen. T)er Zionismus begrüßt es/ Wenn' die Oeffentiichkeit und die Regie- Jüdischer Nationalkalender 5678 Zum dritten Male geben D r. Ö11 o A b e 1 e » und. Ludwig Batö ihren Nationalkalender heraus. Auch heuer ist’s ein prächtiges Büchlein geworden, das eine Fülle anregender Beiträge aktuellen Charakters enthält. Einleitend gibt Ludwig Batö eine nur allzu kurze Uebersicht über die Ereignisse des abgelaufenen Jahres.’ Diese jährlich wiederkehrende Chronik ist' sehr willkommen. Sie hilft einem oft gefühlten Mangel ab. Wir haben zwar eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften, aber die Fülle des Geschehens im jüdischen Leben rauscht vor uns vorüber und wir vergessen sehr bald buch denkwürdige Ereignisse. Die Chroniken . Batos gebejh uns einen gedrän'gten Ueberblick über die widrigsten Vorkommnisse und Werden, aufbewahrt und aneinander gereiht, stets' eine kurze Orientierung über den Gang des Gesdiehens ermöglichen. Vielleicht entschließt sich der Autor, eine ausführliche Chronik stets nach Ablauf von drei oder, fünf Jahren in einer selbstständigen Veröffentlichung zü geben, mit besonderer. Berücksichtigung der. Ereignisse in der nationalen Bewegung. Dann; wäre ‘eine gewisse Vorarbeit zur. Geschichte des 'Zionismus •getan. . ATbrecht Hellmann, der Vorkämpfer der Idee eines jüdischen Kongresses in Oesterreich, spricht von dessen Wichtigkeit und Dringlichkeit in einem , von adeligem Feuer erfüllten Beitrag: „Dies ist die Stunde!“ Dies ist die Stunde, die uns ruft, daß wir unsere Stimme erheben und. das ganze Volk erwecken. Es ist .? die bange Stunde zwischen Tod und Leben. — Wir werden teben! Der Kongreß‘ist die Stimme des jüdischen. yolkes.. Dr. Siegfried Hemfeld Schreibt über „Die j.ugend und die Parteieri“. Er Zieht in ähnlicher Weise, wie Albrecht Hellmann in seinem Essay „Idee und Organisation“, die Scheidelinie Zwischen' Partei und Bewegung. In der Partei mit ihrem Apparat von Mitteln und Methoden, ihrem Opportunismus, ihren fertigen Meinungen Und ihrem Betriebe, hat die Jugend nichts zu suchen. „Ihr Wert, ihre Schönheit liegt darin, daß sie für jene fernen Ziele, die dem Erwachsenen blasses unerreichbares Ideal erscheinen, als für unmittelbar nahe zri glühen vermag“. Ist auch ‘die zionistische Partei 'nicht im landläufigen Sinne „Partei“, da ja »och die elementarsten Voraussetzungen jeder fruchtbaren ' Parteitätigkeit zü erkämpfen und zu schaffen sind, so kann doch* die Jugend : heute in "der Parteiarbeit keine Befriedigung finden.' Sie Zieht sich' von ihr zurück auf die nationale'-Bewegung, wo ihr lugendgemäße Aufgaben? gesteift sind. Dr, Bemfeld deutet'an, daß diese in der Richtung der Durchführung des Vorschlages von Robert Weltsch betreffend die Dienstpflicht lind in einer Bilu-Tat gelesen Sem könnten'. — Es kann nur begrüßt werden/ wenn die führenden Köpfe der Jugendbewegung den namentlich in Wien übergroßen Anteil der Jugend an "der Bestimmung der Parteipolifik und am bloßen Parteileben eindämmen und sie auf die ihr natürlichen Aufgaben verweisen, zu deren ErfüHimg freilich ein so hohes Maß (von sittlichem Emist''und jugendlicher Begeisterung gehört, daß’ eine strenge Erziehungsarbeit not tun wird. Der von Dr, Bernfeld angeregten Studiengruppe für jüdische Jugenderziehung sind deshalb große Aufgaben gestellt, N ä h u m G o 1 d m ä n n zieht gegen ‘die :„Ghetto;rbmantik“ und die sentimentalen Klaffen über das Verschwinden des Ghettos zu Felde? Er Sagt; daß dieses eine durch 'die äußeren Verhältnisse notwendig 'gewesene- Erscheinungsform des jüdischen Lebens im Gohis war,, damit das Judentum, trotz der trauriffen Exisfeozbedingurtffen, unter denen es stand, sich überhaupt erhalte. Dieser zähe Erhaltungswille, 'der das Ghetto geschaffen, sei aber nur erklärlich, weil das Judentum Wüßte, es müsse sich für eine große Aufgabe erhalten. Heute (sei diese zu verwirklichen, es gelte für das Judentum, wieder schöpferisch zu Werden. Das Ghetto sei dabei nur ein Hindernis. Das, was es im Gefolge hat, sei dem Geist der Erneuerung zuwider. — Goldmann nennt .'.die Vemeimmff der individuellen Freiheit, die Fixierung in des Geistes bestimmten Bahnen, die Ausschließung alles spezifisch Jugendlichen und alles spezifisch Weiblichen, die einseitige Geistigkeit“ — man könnte noch hinzuffigen: Die Verkümmerung des Natursinns:. das Fehlen einer spezialisierenden Erziehung und beruflichen Kultur, das ' Fehlen jeder Differenzierung und Distanzierung im persönlichen Verhalten ü.; 'a. m. Goldm'ann Wird mit diesen Ansichten Zweifellos auf heftige Widersacher stoßen, so wie es-nnir beim' Aussprechen ähnlicher Urteile ergangen ist. Aber an der Wahrheit seiner Worte kann nicht gezweifeit werden. Der Zionismus verlangt ein freischöpferisches Judentum uifd kann sein Wohl nicht im Ostjudentüm und dessen historisch bedingten. Lebensformen sehen. Einen neuen ünd eigenartigen Standpunkt entwickelt A. S. Juris in seinem 'Aufsätze „Die nationale Bedeutung d'ei jüdischen ’A^6eit erschaff“, in welchem er von dieser Rückkehr zur'Tradition verlangt. Er zeigt zunächst, wie sich der westliche materialistische Sozia- (tessinnungsgenossen! Bestellt den Jüdischen Nationalhalender! A .1 . i :%