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Jüdische Zeitung · 1917-09-05 · 40 (5.9.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
40 (5.9.1917)
Date
1917-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich einma Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 3 ' Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Ut.r Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesand Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uh< Fernsprech-Nummer 45*3-25 Naiional-jüdifches Organ Mil der Beilage: Oer Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 5. September 1917 / 19. Tlschri 5678 Einzelnummer 24 Heiter Geschäftsstelle: Wien ll/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von fl—12 a. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K1Q.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarii Postaparkassen-Konto 133404 Inhalt: Aufruf. —Das Schubhaus, in der neutralen Presse. - - Das Flüchtlingselend und kein Ende. — Aus dem Abgeordnetenhaus.—Neuösterreichische Blätter. — Dar Zionismus Jfld.-pädag. Kurse. — Aus der jüd. Welt. — Persönliche Nachrichten. — Ankündigungen und Beichte. — Ausweis Das Schubhaus Razzia auf Flüchtlinge fürchten. Wie richtig diese Annahme war, haben Gesinnungsgenossen I Das westösterreichische Zentralkomitee hat für das Jahr 1917 die Einhebung eines Kriegsbeitrages in der Höhe von mindestens K 3.— beschlossen. Seit Kriegsbeginn hat unsere Organisation durch Aufnahme einer Reihe von KriegshilfsmaBnahmen — wie Armenambulatorium, Reehtsschutzbiiro u. dgl.— eine erhöhte Tätigkeit entwickelt, indes ihre regelmäßigen Einnahmen durch.Parteisteuern fast völlig versiegten. So war sie auf die Opferwilligkeit eines kleinen Kreises von Zionisten angewiesen, ein Zustand, der für eine Organisation von der Größe der zionistischen unhaltbar ist. Während die Spenden für die Nationalfönd einen ungeahnten Aufschwung genommen haben,stand dieOrganisation selbst ohneMittel. In Deutschland, wo schon im Frieden jeder Zionist nach Kräften regelmäßige Beiträge für die Organisation beisteuerte, ist gleich im ersten Kriegsjahr ein obligatorischer Kriegsbeitrag eingehoben worden. Die deutschen Zionisten sind sich klar bewußt, daß die Organisation so lange zur Ohnmacht verdammt ist, bis sie nicht finanziell genügend fundiert ist Es ist zu hoffen, daß auch in Oesterreich diese Erkenntnis sich endlich einmal; Bahn brechen wird; Die Aufgaben, die vvir zu lösen haben, sind viel unifangreicher und schwieriger als je zuvor. Vor allem gilt es, die Organisation selbst deren Gefüge im Kriege sich gelockert hat, wieder fest aufzurichten und die großen Fortschritte, welche in der Verbreitung unserer Idee wahrzunehmen sind, für sie zu nutzen. Presse und Propagandamittel müssen ausgebaut das Sekretariat durch ständige Kräfte besetzt werden u. a. m. Wir erwarten, daß jeder Zionist auf diesen Aufruf hin und ohne jede weitere Aufforderung den Kriegbeitrag für 1917 einsenden wird'. Der Betrag von K3.—" ist in Anbetracht dessen, daß die Organisation sehr viele Unbemittelte, uinfaßt, nur als Mindestbeitrag stipuliert worden. Das Zentralkomitee erwartet, das jeder. Zionist, dem es möglich ist, mehr-beizusteuern, dies tun wird. Das, Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich . Wien, im August 1917. K. k. Reichsratsrevisor Rudolf Taussig i . derzt stellvertr. Präsident Kriegsbeiträge sind mit dem Kennwort „Kriegsbeitrag“ an das Postscheckkonto des Verbandes „Zion“ Nr. 47115 zii senden. Wie lange noch wird diese unwürdige Menschenhetze andauern? Aus Budapest wurde in dieser Woche gemeldet, daß dort die Ausweisung der „Fremlden“ sich bereits ihrem „Abschlüsse“ nähert! Wer sind diese Fremden? Wir bringen nachstehend wortgetreu als Kulturdokument für den Geschichtsschreiber dieses Krieges den Drahtbericht des „Morgen“, der unter der Ueberschrift: „Rücksichtslose Behandlung der Flüchtlinge“ schreibt: „Die Arbeit zur Entfernung der Fremden aus Budapest nähert sich bei der Polizei ihren! Abschlüsse. Bisher wurden fünf vornehme Oesterreicher und Reichsdeutsche aus Budapest ausgewiesen. 50 andere vornehme Fremde reisten noch Vor der polizeilichen Entscheidung ab. In großer Zahl aber befinden sich jene vollständig mittellosen österreichischen Untertanen, die ihre Existenz in Budapest .nicht nachwejsen - können und deshalb bereits den Ausweisungsbefehl erhalten haben. Anläßlich der Razzia in der vorigen Woche winden neun obdachlose galizische Flüchtlinge aufgegriffen und ausgewiesen. Gleichzeitig mit der Landesverordnung' über die Ausweisung der Fremden ist der Minister des Innern mit der österreichischen 'Regierung in Verbindung getreten und hat das Ersuchen gestellt, man möge für alle in Ungarn weilenden Flüchtlinge aus Galizien und 'der Bukowina in Oesterreich Raum schaffen, da die ungarische Regierung bis zu einem bestimmten Zeitpunkte alle ausweisen würde, gl eichgültig, ob sie öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen oder aber von ihrem eigenen Ver» mögen leben. Auf Grund eines mit der österreichischen Regierung getroffenen Uebereinkömmens werden alle jene Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, deren Wohnorte von^ -der feindlichen Invasion bereits befreit wurden, i n - -nerhalb zwei Wochen in den Heimatsort abgeschoben werden. Ein Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde uhd der ungarische Delegierte für Hilfsangelegenheiten österreichischer Flüchtlinge sind bei der Polizei erschienen und haben miigeteilt, daß sie bei der Entfernung der Flüchtlinge Hilfe leisten wollen. Die seitens der österreichischen Regierung gewährte staatliche Unterstützung wird am 12. Oktober .eingestellt werden urfd mehrere tausend gaBzische Flüchtlinge müssen bis am 15. Oktober Budapest verfassen. Wer über diesen Termin hinaus in Budapest verbleibt, wird von der Polizei abgeschoben. Gestern Tand neuerlich eine Razzia auf Flüchtlinge statt Eine Reihe von Personen wurde auf die Polizei gebracht und 25 von ihnen sofort dem Schubhaus übergeben.“ Als die raubenden und plündernden Kosaken in Galizien Und der Bukowina T914 einbrachen, haben die armen, jetzt wie ein Wild gehetzten Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren, sich nach dem Westen ihres Vaterlandes gewendet. Das Gros dieser "Flüchtlinge bildeten Juden. Die jüdische Bevölkerung hatte wegen ihres einwandfreien Patriotismus, wegen ihres Österreichcertums, besonderen Grund, den einrückenden: Felrid zu die speziell gegen die wenigen zurückgeblmbenen Juden und gegen jüdisches Eigentum gerichteten russischen Greueltaten zur Genüge bewiesen. *«-■• Welches Martyrium haben die Flüchtlinge trotzdem erdulden müssen! Es sei nicht uner-J wähnt, daß von mancher Seite auch viel Wohltätigkeitssinn ihnen gegenüber bekundet worden ist Aber der Gesamteindruck der Behandlung dieser Flüchtlinge war der denkbar schlechteste; die Berichte im FKchtlingsausschusse des Parlamentes, sowie einzelner Redner im Hause selbst über den Jammer in den Flüchtlingslagern usw. waren furchtbar und mußte.n jeden menschlich Fühlenden erschüttern. Nim Üreibt Ungarn einfach die Flüchtlinge aus. Auf diese lästigen „Fremden“, die für das gemeinsame Vaterland so schweres Leid erduldet haben, werden Razzias veranstaltet, ein Teil wandert ins Schubhaus!! Und die israelitische Kultusgemeinde bietet ihre Hilfe an. Wo bleibt die große Oeffentlichkeit? Wo bleibt das Menschentum? Warum schweigt die Presse? Wer spricht für diese Unglücklichen, deren "alte Heimat zerstört worden ist und die man nun von "Ort zu Ort bis an die Kriegszone hetzt. Die Kinder diese» Flüchtlinge "stehen int "Felde und bluten für da» Vaterland. Die jüdischen Soldaten und Offiziere haben in den "Reihen der Armee einen hohen Grad von Tapferkeit bekundet und in vielen, vielen Auszeichnungen ist dies anerkannt worden. Die Juden bereiten auch dem Vaterlande und den leitenden Staatsmännern innerpolitisch keine Sorge. Sie erschweren nicht den Gang der Verhandlungen im' Parlamente und fordern keine Lostrennungen vom österreichischen Staatsgebiete. Sie haben im Felde das Vaterland nicht verraten. Warum veranstaltet man also Razzias auf die jüdischen Flüchtlinge? Warum jagt man sie wie die Hunde? In Ungarn soll wohl ein neues Wahlrecht die Massen beglücken und der Wortführer der ungarischen Demokratie ist der Justizminister Wilhelm Vaszony, ein Jude. Warum schweigt dieser Mann? Warum gebietet dieser „Volkstribun“ nicht Einhalt dem Treiben jener Organe, das unglückliche, obdachlose Menschen^ die der gemeinsame Feind von "ihrer Scholle verjagt hat, in die Schubhäuser bringt? Ein trauriges Kapitel. Wir haben kürzlich gelesen, daß Ungarns edle Beispiel die Wiener Polizei zum Nachdenken angeregt hat und daß auch ia Wien versuchsweise eine Razzia auf galizische Flüchtlinge veranstaltet worden ist. Auch der Wiener Bürgermeister kann dem Drängen Jener Parteigenossen, die die schärfere antisemitische Tonart wieder anschlagert möchten, fcieht widerstehen und eine nicht vorhandene Wohnungsnot wird bereits schüchtern als Schreckgespenst voigemalt. „Fremde hinaus!“ Her Ruf bereitet sich langsam aber sicher vor. Diese „Fremden“ sind die galizisdhen Flüchtlinge: Oesterreicher, die vor de» Feinde Schutz bei jenen glücklichen Söhnen, ihre» Vaterlandes gesucht haben, 'deren Haus vor deal Sturme verschont geblieben ist. Das österreichische Parlament ist jetzt versammelt und schweigt zu alledem! Gibt es in Oesterreich wirklich keinen Verantwortungsvollen, der, abgesehen vom rein menschlichen Mitempfinden, die staatliche Gefahr ganz erfaßt, Wenn so vielen patriotisch Gesinnten aftSjj Gewalt ihr« Vaterlandsliebe ausgetrieben wird-

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