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Jüdische Zeitung · 1917-09-28 · 39 (28.9.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IX- Jahrgang Nr. 39 Nalional-jüdifches Organ ■ 'scheint wöchentlich einma Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech'Nummer 45-3-25 Mil der Beilage: Der Judifche Nationalfonds Wien, Freilag, 28. September 1917 /12. Tiscfturi 5678 Elaialnunmtr 24 Heiter Geschäftsstelle: Wien II/,, Zirkusg. 33 Gesch&ftsatunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K1Q-— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Taxit PestsparliMsea-Koato 131.404 U+UnU» Ein Westlude, Neuorganisation der Bukowinaer Judenschaft. — Robert Weltsch, Glossen zu einem Russenbuch.—.Razzia* * gegen *attd»che inflall* Flüchtlinge. — Weitere Äußerungen der deutschen und österreichischen Presse zur Judenfrage. — Dr. S. Bentfeld, Jüdische Lehrerl MlhnscIT schlesischer Distrikstag. — Berichtigungen. — Aus der Jüd. Welt — Dr. Sam. Schur. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. Neuorganisation der Bukowinaer Judenschaft Ein. Kommunique der Bukowinaer Judenschaff, das auch in der Tagespresse veröffentlicht worden ist, teilt die Neuorganisation der Bukowinaer Judenschaft mit. Der aus den zwölf Abgeordneten des Bukowinaer Landtages sich zusta’mmensetzende jüdische Landtagsklub berief eine aus allen jüdischen Kreisen des Buchenlandes beschickte Vertrauensmännerberatung ein und beide bisher bestandenen jüdischen -Parteien beschlossen, eine einheitliche jüdische Landesorganisation zu bilden. Gegenwärtig wird bereits die Bukowinaer Judenschaft von einer geschlossenen Leitung repräsentiert, die bis zur definitiven Durchführung . der Organisation, die der Friedenszeit Vorbehalten bleiben muß, die gesamte Judenschaft des Landes zu vertreten berufen ist. Vom allgemeinen jüdischen Standpunkt ist schon dieser Versuch einer Neuorganisation auf das wärmste zu begrüßen. Beide bisher bestandenen jüdischen Parteien der Bukowina, die „Jüdische Nationalpartei“, zu der acht Abgeordnete sich Bekannt, und die „Jüdische Volkspartei“, welche zwei Abgeordnete vertreten haben, hatten ein völkisches Programm. In prinzipieller Beziehung bestanden keine Gegensätze. In der Anwendung der Mittel zur Erreichung der vorschwebenden Ziele divergierten sie und vorwiegend Personenfragen waren das wirklich Trennende. Letztere scheinen nun beseitigt. Die Judenschaft der Bukowina durfte trotz unverkennbarer Verschlechterung ihrer politischen und wirtschaftlichen Situation In den letzten Jahren, Vielleicht in Friedenszeiten sich den Luxus einer Parteiung noch gestatten. Der Krieg hat eine neue, ernste Situation geschaffen. Wichtige Fragen staatsrechtlicher und wirtschaftlicher Natur erfordern in gleicher Weise wie für das ganze Land die Aufmerksamkeit der Juden. Glossen zu einem Russenbuche (Nadja Strass er, „Die Russin“. Berlin 1917, S. Fischer’s Verlag. Mk. 3.50, geb. 4.50.) Obwohl wir Von der Einheitlichkeit der nationalen Substanz aller Teile des jüdischen Volkes überzeugt sind, haben wir doch niemals an ‘der Tatsache gezweifelt, daß die einzelnen, in verschiedenen Ländern lebenden Gruppen dem starken, umbildenden Einfluß jener Kraft ausgesetzt s'ind, die Auguste Comte „Milieu“ nannte. Die Wirkung des Milieus reicht nicht nur an die Oberfläche, sondern tief in Charakter und Temperament, die sich im historischen Lebensprozeß bilden. Wie deutlich ist der Gegensatz zwischen deutschen und russischen Juden! Nicht nur, weil die russischen Juden ihren jüdischen Volkscharakter besser bewahrt haben, sondern auch weil der russische Charakter auf sie abfärbte. Was aber, wissen wir von Rußland ' und dem russischen Menschen? Leider war es zur Zeit des Zarenregimes bei uns üblich, Rußland nur als die „Hölle“ zu betrachten; und so begreiflich es ist, daß der Schmerz über die Pogromschrecken unseren Blick trübte, so bedauerlich ist es, daß wir dem Wesen gerade der besten unserer russischen Brüder verständnislos gegehüberstanden, weil wir nicht erfaßten, wie sehr Rußlands Geist in ihnen lebt, jener Geist, der in unseren Tagen bebend Und frühlingshaft nach Gestaltung sucht. (Rußland ist ein seltsames, Widerspruchs volles!, bewegungsreiches Phänomen, .und wir sollten uns hüten, es mit einem 'Schlagwort zu erledigen. Weder das alte Rußland der absolutistis'di'en Knute, der Pogrome und Schwarzen Hundert, Die gebührende Anteilnahme am politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau der Bukowina kann nur eine geschlossene Judenschaft und eine einheitliche Führung ihnen sichern. Diesem vorläufigen Zwecke soll die Neuorganisation dieneä und, wenn sie das so gesteckte Ziel bald erreicht, wird sie nicht nur für sich1 wertvolle Arbeit geleistet, sondern auch für den Zusammenschluß der Judenschaft G e s a m t Österreichs vorbildlich gewirkt und bei dieser dann einen kräftigen Rückhalt gefunden haben. Es bleibt allerdings abzüwarten, -ob diese Neuorganisation, der sich zweifellos auch Viele Hindernisse in den Weg stellen könnten, die nötigen Grundlagen 'für einen dauernden Bestand erhalten wird. Dies hängt von der Führung ab. In der Bukowina ■ gibt es wohl keine sog. „deutsch-freiheittichen“ oder „deutsch-fortschrittlichen“ Gruppen von 'Juden mehr. Eine Vereinigung jüdisch-liberaler Juden deutscher oder anderer Richtung existiert zurzeit nicht Die beiden völkischen Vereinigungen habenauch1 die wenigen Politiker, die ehemals solchen Vereinigungen noch angehörten, aufgesogen. Die nationale Verständigung 'in der Bukowina* die in der auf nationalen Kurien basierenden Landtagswahlordnung zum Ausdruck kam, wies jedem Volke seinen Platz an und so gab es bald nur schlechtweg Jüdische Parteien. Die Grundsätze einer völkischen Richtung müssen nun aber auch konsequent durchgefuhrt werden und die Betätigung der Juden in politischer Beziehung nicht bloß in tönenden Schlagworten, sondern in streng sachlicher einverstähdlicher Arbeit für das Volksganze zum Ausdruck kommen. Hiezu wird eine bloße Deklarierung eines völkischen Programmes nicht ausreichen. - Alle Führer, müssen wirklich auf einem SÖfchen stehen, sonst wird von vornherein eine Einheitlichkeit fehlen. Zur Lauterkeit der jüdischen Gesinnung muß die Einheitlichkeit der angewandten Mittel "hinzukommen. Dann wird für die Wiederholung der das doch auch das Rußland Dostojewskis, Tofstojs, Gorkis, der ersten Duma, der Bilu war, noch das heutige Rußland der paradiesischen Freiheitsverkündigung und Menschenrechte. Daß es für uns angesichts der hervorragenden Rolle des russischen .Judentums, das gerade jetzt an der Schwelle neuer Entfaltung steht, von Bedeutung ist, auch von Rußlands Wesen und Volkscharakter ein tieferes “Wissen zu empfangen, bedarf keines Beweises. Wehn es gestattet ist, auf einige hilfreiche Werke hinzuweisen, so sei hier — abgesehen von den Werken der großen Dichter, von denen insbesondere'der größte, Dostojewski (deutsche Gesamtausgabe bei R. Piper, München), geradezu erleuchtend wirkt — nur das monumentale Werk Prof. Th. G. Masaryks erwähnt, “„Zur russischen Geschichts- und ReligianSphilosopbie“ (2 Bde. Jena, Eugen Diederichs), das, auf einer umfassenden Kenntnis der Quellen sowie des Landes und der Menschen beruhend, ein Bild des gesichichtlichen Werdens, der geistigen und sozialen Struktur des russischen Volkes — freilich von etwas einseitig aufklärerischen Standpunkt aus — aufbaut. Derselbe verdienstvolle Verlag Eugen Diederichs gibt auch die Werke des bedeutend-’ sten russischen Philosophen, WTadimir Solowj e f f, in deutscher Sprache heraus "(bisher zwei Bände; vergleiche auch Müller, „Solowjeff und das Judentum“, im Märzheft 1917 des „Juden“)- In die Welt der politischen Leidenschaften und Bewegtheit, des opfervollerf, von wahrhaftiger Hingabe erfüllten Idealismus, dessen au? reale Durchsetzung gerichteter Wille dem deutschen Philistertum von heute ganz?remdTst, gewahrt Fehler der Vergangenheit kein “Platz und im Geiste wahrer Versöhnlichkeit eine Plattform für gedeihliche gemeinsame Arbeit geschaffen sein. Die Bukowina hat tüchtige jüdische Männer von erprobter nationaler Gesinnung, Erfahrung; und Tatkraft. Diese dürfen sich nicht darauf beschränken, das geistige Rüstzeug für allfällige Programmbildungen zu liefern. "Intellektuelle Begabung und aufrechte Gestattung müssen voll berücksichtigt werden und maßgeblichen Einfluß finden. Dann werden Spaltungen ausgeschlossen sein und die Bukowinaer jüdische PoEtik wird von den traurigen Erfahrungen, die anderwärts! das Judentum schädigen» verschont bleiben: sie wird nicht ein Tummelplatz für Hohlheit und Eigennutz bilden, deren sich jeder nach Bedarf bedienen kann; einer völkischen Repräsentanz werden Mandatare, die bloß zu gesättigtem Wohlstand noch äußere Ehren ersehnen, Tembleiben. Der Krieg hat die Juden der Bukowina besonders hart getroffen. Unter erschwerten Bedingungen wird eine Neuorganisation Her Juden arbeiten und deshalb auf fester Grundlage stehen müssen. Stark und geeint! Das muß die Devise sein! Dann werden bessere Tage kommen. Eine Schweizer jüdische Zeitung schrieb auch jüngst (anläßlich einer Besprechung des Buches ,jDie Juden in der Bukowina“, von Dr. S. Kassner: „Hoffen wir, daß unsere Brüder in der Bukowina auch bald wieder bessere Tage sehen werden und weiterhin treu zum Gesamtjudentum Stehen, dem es schon manche bedeutende und tüchtige PersönEchkeit gegeben hat“ Audi wir schEeßen mit diesem Wunsche und fügen hinzu: Möge in der Bukowina eine festgefügte jüdische Organisation den Juden dieses Landes, die so Schwer unter dem Kriege geEtten, eine gesicherte völkische Zukunft bereiten! Ein Westjude. Nachstehend das Kommunique, das wir er-, halten haben: „In der Erkenntnis der Notwendigkeit, für die durch die Kriegsereignisse unter allen Volks-1 einen Einblick das heute besonders aktuelle Werk des Fürsten PeterKrapotkin, Memoiren eines Revolutionärs (2 Bde., Verlag Robert Lutz, Stuttgart). Dieses Heldenbuch berichtet von menschlicher Größe in unserer Zeit 1 Diese ganz fragmentarischen Hinweise mögen ein Rußland andeuten, das auch den besseren Juden Rußlands mehr als eine ,Hölle“ war. * Eine der eigenartigsten Besonderheiten int Leben des russischen Volkes, besonders der Intelligenz, ist die Stellung der Frau, die eine so ganz andere geistige Rolle spielt als etwa in Deutschland. Nadja Strasser führt dies auf das Fehlen der feudalistischen Vergangenheit zurück, die dem Mann die Frau nur als Spielzeug und Dichtungsobjekt für ritterlichen Kultus erscheinen Eeß. In Rußland war die Frau immer Gefährte und Helfer, Teilnehmer “am ernsten Lebensweik. -Wir müssen gleich hinzufügen, daß dies auch für das russische Judentum gilt,! insbesondere wo es — wie die Intelfigenz, auch die nationale — durch russische Bildung ging. Von diesem Gesichtspunkte aus begreifen wfr sogar, daß Nacjja Strasser es mit der Unterscheidung nicht so genau nimmt und Öfterjüdinnen zur Charakteristik des russischen Typus herai* zieht So wird z. B. an einer Stelle darauf verwiesen, daß die Kenntnis der russischen Studenten in Westeuropa vor allem au? die Rechtsbeschränkungen “der Juden zurückzuführen "ist, infolge deren „Tausende von Russen“ Im 'Ausland studieren müßten, das für diese seltsam idealistisch - romantischen und doch so w'irkUchkeitsfesten Menschen nicht immer das rechte je der Zionist muß die Jüdische Zeitung beziehen!

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