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Jüdische Zeitung · 1917-07-27 · 30 (27.7.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IX ’ahr£an£ — Nr 30 Naikmal-jüdifehes Organ £r»che>ni wöchentlich emma Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von!1—12 Uh- Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurfickgesand! Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fern'sprech-N ummer 45-3-25 Mil der Beilage: Der Judifche Nationalfonds Wien, Freilag, 27. Juli 1917 / 8. Ab 5677 £ uze oummer 24 He-.er Geschäftsstelle: Wien il/t, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7. Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K1Q.— halbiährg K 5.—, verteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tari Postsparkassen-Konto 133.404 T nhat Dr. S. Kassner, Zur Verfassungsrevision. — Dr. A. F., Josef Unger.— Aus dem Abgeordnetenhaus. — Das Flüchtlingsgesetz im Herrenbaus. — * iicü Aufruf. — jüdischer Kongress in Russland. — Nationale Gleichstellung der Juden in Ober-Ost — Norbert Weldler, Zur jüdischen Gartenstadtbewegung. — Glossen. — Aus der jüdischen Welt — Belichte und-Korrespondenzen. - Ausweise des Palästinahilfswerkes und der hebräischen Schule u. a. m. ESI Zur Verfassungsrevision Elite jüdJsidhe Autonomie - In Oesterreich1 wird eine Revision der Verfassung vorbereitet und die Staatsmänner befassen sich jetzt eingehend mit diesem sehr komplizierten Problem. Das bloße Tbeoretisieren in den Arbeitsstuben einzelner 'FachVefererrten muß jedoch1 aufhören. Die nationalen Verhältnisse innerhalb der einzelnen Kronlander können nur dann richtig erfaßt werden, wenn deren Kenntnisnahme auf Grund unmittelbarer Information von Seiten befugter Vertreter erfolgt. Eine politische Neuordnung ohne Anhörung der Parteien ist undenkbar. -J. Eine Handvoll Juden, die sich' zum Deutschtum oder zu einer anderen Nation bekennen wollen, darf über das Schicksal der großen Mehrheit nicht entscheiden. Denn wir istehen jetzt im Zeichen Völker; und Oesterreich hat jederzeit volles Verständnis dafür bekundet, wenn es sich1 darum gehandelt hat, die nationalen > Bestrebungen seiner Bewohner zu berücksichtigen. Warum soll allein hinsichtlich der Juden ein anderer Vorgang beobachtet werden? Die .Juden werden, im' Sinne der österreichischen Verfassung, nicht als Volksstamm anerkannt. Ueb'er den Mangel einer einheitlichen Sprache, als „unentbehrliches“ Requisit zur Konstruktion des Begriffes Nation, noch1 heute zu diskutieren, wäre lächerlich. Die Wissenschaftler sind längst darüber im klaren, daß die nationale Zugehörigkeit durch ein objektives Merkmal, die Muttersprache, zu bestimmen1, sich als verfehlt erweisen müß. Die Sprache ist für den Begriff Nation nicht wesentlich!. Entscheidend sind das Gefühl1, der eigene freie Wille des Individuums oder Handlungen, die erkennen lassen, daß es sich! einer bestimmten völkischen Interessengemeinschaft angeschlossen hat, sein ganzes soziales Verhalten. Es erschwerte oft das Verständnis hiefür, weil mit ausgeklügelter Bosheit auf die Spracbverschledenheit Jiddisch oder Hebräisch hingewiesen wurde. Die Apostel der jüdischen Autonomie unter den SprachSchwärmern zu suchen, führte stets irre. Darum1 müssen alle Unberufenen, wenn es sich um Fragen der praktischen Politik handelt, sich abseits stellen, weil ihre Unklarheit nur dazu benützt werden kann, Verwirrung zu erzeugen und in dem1 Trubel bequem, zum Schaden der Gesamtheit, die Existenz einer jüdischen Nation jabzuleugnen. Es sei klipp und klar ausgesprochen, die Frage einer jüdischen Autonomie ist nicht nach vorliegendem Muster, wie sie von den anderen Völkern Oesterreichs begehrt sie behandelt wellte,i. Nachäfferei eines Programnies der Autonomie der Anderen, ohne dieselben Voraussetzungen, ist ein Unding. Es Ist .sehr bedauerlich, daß auch als ’ wissenschaftlich fundiert geltende Interpreten der Forderung einer jüdischen Autonomie sich mit den Inkongruenzen der Postulate zu befassen unterlassen Waben. Dies kann aber der Sache nicht schadeii. Denn das Leben ist stärker als das Fundament der Prinzipien, die in einer westlichen Gelehrtenstube zu einem trag fähigem Volksgebäude herhalten sollen. Man muß sich mit der jüdischen Autonomie im allgemeinen befreunden und nicht'bloß darauf beschränken, von einer solchen für die Ostjüden zu sprechen und für sie zu schreiben,'. Eine Verfassungsrevision mit der Anerkennung einer jüdischen Nation bloß für den Osten ist gleichfalls em Unding Denn auch* der lammfrommste Westjude wird es früher oder später unangenehm empfinden müssen, gegen den Willen des Herrn K. H. Wolf und seiner Gesinnungsgenossen in allen deutschen Parteilagern, um' jeden Preis als Deutscher zu gelten. Die Interessengemeinschaft eines Volksganzen muß nicht gleichzeitige sprachlicher Natur sein. Es gibt zugestandenermaßen Juden deutscher ekler polnischer Zunge usw. Deutsche oder polnische Sprachgenossen sind jedoch keine Deutschen oder Polen u.s.f., mag auch manchmal eine Beizählung von Juden, trotz Antisemitismus, zu statistischen Zwecken da und dort erwünscht sein. In Galizien leben 900.000, in der Bukowina 100.000 Juden. UeberalT wo jüdische Massen in Erscheinung treten erschallen das Bekenntnis und der Ruf: Wir sind Juden. In der Bukowina haben auch sämtliche Nationen dieVolksrechte der juderi respektiert. In der neuen Landtagswahlordnung vom Jahre 1910 ist es zu einer nationalen WaMabgrenzung gekommen. In Wirklichkeit besteht dort die jüdische Kurie, aber als Unterteilung des deutschen Wahlkörpers; denn an dem Einspruch' einer Handvoll außenstehender Juden scheiterte die formelle Anerkennung der jüdischen Nation. In der gal'izischen Landtagswahlordnuog vom Jahre 1913 sind gleichfalls nationale Wablkörper vorhanden, aber nur für Polen und Ruth'enen. Den Juden ist es nicht einmal 'freigestellt worden, ^ich für den einen oder anderen Wahlkörper zu entscheiden, sondern sie wurden einfach in den polnischen Kataster eingetragen. Dies hinderte die notwendige Verständigung zwischen Polen und Juden und bewirkte auch, daß bei der Frage der Sonderstellung Galiziens nur von einer Josef Unger Der Custos 3er Universitätsbibliothek, Dr. S. Frankfurter hat sich, berufen gefühlt, eine, wenn auch zeitlich begrenzte, Biographie Josef Ungers zu veröffentlichen. Es wäre wohl besser gewesen," wenn der Verfasser bei seiner ursprünglichen Absicht geblieben wäre und seine Aufgabe mit der Schilderung der bibliothekarischen Tätigkeit Josef Ungers als. erledigt betrachtet hätte. Für einen Aufsatz: „Josef Unger als Bibliotheksbeamter“ wäre wohl Dr. Frankfurter als Bibliothektächm'ann der prädestinierte Verfasser gewesen; nicht so, wenn es gilt, eine der allgemeinen Bedeutung Josef Ungers adäquate Biographie zu liefern. Schon 'der ganz unzulängliche Aufbau des Buches, in dem rtichts vom Systematik zu merken ist, wirkt in hohem Maße abstoßend. Aber direkt zumf Widerspruch muß die Tatsache reizen, daß ' Dr. Frankfurter, gelinde gesagt, die Geschmacklosigkeit begeht, seine Biographie Josef Ungers „als . Zeichen treuer und dankbarer Erinnerung den Manen, des vornehm1 denkenden idealgesinnten Grafen Stürgkh" zu widmen. Diese auf bekannte Opportunitätsgründe zurückzuführende Widmung, ist nicht nur tief be¬ *) Das Elternhaus — Die Jugendjahre — 1828 — 1857 Biographischer'Beitrag von Dr. S. Fränkf ürter. Wien, 1917. Verlag Wilhelm1 BraümülleT. : schämend für die jüdische Oeffentlichkeit, da doch Dr. Frankfurter ln gewissen Kreisen noch immer als Repräsentant der Juden angesehen wird; sie wirkt auch direkt wie Leichenschändung, wenn man bedenkt, welche Kluft die Gesinnung Josef Ungers,1 der sich, gerne als Josephiner bezeichnete, von der volksfeindlichen Politik eines Grafen Stürgkh trennt. Wenn man bedenkt, daß das Buch Frankfurters in den jüngsten Tagen heräusgegeben wurde, muß diese von einem, wenn auch mit Unrecht als repräsentativ angesehenen Mann, ausgehende Wjdmung einen ganz eigenartigen Eindruck in maßgebenden politischen Kreisen hervorrufen und nötigt zu einer energischen Verwahrung von jüdisch-demokratischer Seite. Dr. Frankfurter beging in seiner Unger- Biographie ein noch größeres Verbrechen an dem Zeitgeist, indem er sich bemüht, eine Apologetik des Uebertrittes Josef Ungers zur katholischen Kirche zu liefern, und dem Versuch macht, diesen Schritt Ungers aus seiner damaligen Geistesrichtung zu erklären, somit den Uebertritt selbst als ausschließliche Folgjd einer religiösen 'Ueberzeugung hinzustellen. Sehr charakteristisch ist die diesbezügliche Beweisführung des Verfassers, weshalb sie hier angeführt werden so!l: „Die geläufige Annahme, daß hier wie in anderen Fällen lediglich Nützlichkeitsgründe die Triebfeder waren, fällt bei einem Manne schwer, als dessen hervorstechendster Charakterzug die vorbildlich« Treue der Gesinnung gerühmt wird. In dem schönen Aufsatz von Max Burkhardt zum 80. Geburtstag Ungers in der „Neuen Freien Presse“ vom 28. Juni 1908, preist er dessen mutvolle ileberzeugungstreue, für die ihm der Kaiser in dem überaus huldvollen Handschreiben anläßlich der Enthebung vom Amt eines Ministers gedankt hat.“ Nach einem weiteren, belanglosen Zitate aus diesem Artikel Burkhardts,'folgert Dr. Frankfurter: „Mit diesen zweifellos richtigen Worten Burkhardts ließ sich das Charakterbild eines Mannes nicht vereinbaren, der um des äußeren Vorteils willen etwas bekennt, was semer inneren Ueberzeugung nicht entspricht. Auch d.e damals ihm vorsenwebende Carriere "konnte dazu nicht zwingerv Als Jude konnte er in der Hofbibliothek und dann in die Universitätsbibliothek eintreten, er wäre auch als Jude wirklicher Beamter und er wäre als Jqde wohl auch Universitätsprofessor geworden. „Dr. Frankfurter beruft sich ferner auf das Zeugnis des Grafen Leo Thun, der hervorgehoben haben soll: daß Josef Unger ohne Ostentation den Uebertritt zur katholischen Kirche vollzogen habe und daß der Stufengang, der Zeitpunkt und die Art und Weise, wie Unger zur Kenntnis der wahren Religion gelangt sei, ihm die sichersten Bürgschaften seien für die Reinheit und Wahrheit * seiner Motive und die Festigkeit seiner gewonnenen religiösen Ueberzeugungen. Zum Schlüsse seiner Ausführung muß aber Dr. Frankfurter folgenden Satz bringen: ,.Damit

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