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Jüdische Zeitung · 1917-06-08 · 23 (8.6.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
23 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XL Jahrgang - Nr, 23 Naiional-jüdtfches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4.Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mil der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freilag, 8. Juni 1917 / 18. Siwan 5677 Eimelnummer 24 Heiter Geschäftsstelle: Wien ll/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— ■halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen •Konto 133.404 Ititiolf* Dr. Hermann Kadlscb, DasdemokratitllllCll L. sche Neuösterreich. —Aufruf. — Palästina. — Ausweis des Palästinahilfswerkes. — Aus Palästina. — J. Oettinger, Kolonisation und Industrie in Palästina. — Der jüdische Nationalfonds in Rußland. — Aus der allgemeinen Presse. — Aus der jüdischen Welt. — Dokumente der Zeit — Literarische Nachrichten. — Kdt.-Asp. Elias Frisch — Zionisten im Felde. — Berichte und Korrespondenzen. — Ankündigungen. — Spenden u. a. m. Das demokratische Neuösterreich Von Dr. Hermann Kadisch. Nach dreieinvierteljähriger Pause ist das österreichische Abgeordnetenhaus wieder zusammengetreten, nicht mehr von den Massen mit den großen Erwartungen wie bei seiner Wahl vor sechs Jahren begrüßt, af>er immerhin als Herold einer neuen Zeit des Völkerfriedens, der Demokratisierung des Reiches und einer großzügigen neuösterteichischen Wirtschaftspolitik Sehnsuchtsvoll erwartet. Wollen unsere. Volksvertreter diese ihnen auch in der historisch denkwürdigen Thronrede Kaiser Karl I. — der sich mit NaChd'uek zu den Grundsätzen einer modernen Demokratie bekannte und das Banner des sozialen Kaisertums entrollte — gestellten Aufgaben' auch nur teilweise bewältigen, dann müssen sic aus dem bald, drei Jahre dauernden Weltkrieg und den1 fünfzigjährigen Krisen unseres vaterländischen Parlamentarismus endlich die richfgen Lehren ziehen." * Sie müssen, ohne Unterschied der Nationalität vor allem ihre schon in der Friedensepoche, noch mehr aber während des Krieges durch die Entwicklung als irrig widerlegten Programme einer durchgreifenden Revisionunterziehen, wie es teilweise bereis auf tschechischer und südslawischer Seite geschah. - Ueberaus treffend schreibt über die in der Sitzung abgegebene staatsrechtliche tschechische Verwahrung, welche die Vereinigung mit den Slowaken fordert lind sich wie die südslawische in erster Linie gegen den Dualismus richtet, das „Berliner Tageblatt“: „Diese Erklärung mag auf den ersten Blick etwas weitgehende Forderungen stellen, tatsächlich modifiziert sie aber die bisherigen staatsrechtlichen Wünsche der Tschechen in einer sehr bemerkenswerten, dem Geist der Zeit nicht eben widersprechenden Weise. Sie läßt den Begriff von der historisch-politischen Individualität der Länder der. Wenzelskrone nach wie vor nicht fallen, aber sie stellt sich in ihren Forderungen im wesentlichen doch auf den Boden einer n a t i o n a 1 - staatlichen Lösung im Rahmen des Gesamtstaates Oesterreich (das dualistische Verhältnis zu Ungarn wird ausdrücklich abgelehnt),^stellt also die Forderung nach Einbeziehung der deutschen Gebiete Böhmens, und Mährens in die neu zu errichtende tsc’hechoslawische - Gemeinschaft nicht mehr auf.“ ,;Das ist — Schreit das „Berliner Tageblatt“ — wenn man will, ein gewisser Fortschritt.“ Jawohl, das ist eine tatsächliche Annäherung genau so wie die staatsrechtliche Erklärung der Südslawen an das von Ignoranten so verlästerte national-autonomistische -großösterreichische Programm und an die Thronrede. Diese proklamiert die Einheit des Staates, gleichzeitig aber auch im Rahmen des historisch Gegebenen, die freie nationale und kulturelle Entwicklung aller Reichsvölker und kündet eine diesbezügliche Ausgestaltung der Verfassung an. Daß die Krone eine Verfassung, welche die Quelle aller staatsrechtlich - nationalen Kämpfe nicht nur in Cisleithanien, sondern auch in Ungarn-Kroatien bildet, nicht beschwört, darüber hat man keinerlei Ursache, sich aufzuregen, am allerwenigsten haben wir nationale Jungjuden hiezu Ursachen. Wir wollen einen demokratischen Völkerstaat Neuösterreich mit einer starken ZentraL gewalt, aber auch national-autonomen Völkern. So lange die Völker im allgemeinen nicht als Kollektivkörper in unserer Reichsverfassung anerkannt und voneinander abgegegrenzt werden, solange; wird es nicht nur steten Streit zwischen ihnen untereinander und mit den Juden geben, sondern so lange ist auch die staatliche Anerkennung der Juden als gleichb exechtigte- Nationalität ein frommer Wunsch. Da aber diese das Fundament für eine erfolgreiche jüdisch-österreichische Reidispolitik bildet, so ist es dje allerhöchsäe Zeit, daß wir uns eingehend mit dem Verfassungsprobleme und der Stellung der Juden zur Nationalitätenfrage der Monarchie auf einer e h e s t e n s e i n z^u b e r u f e n d e n jüdisch-politischen Konferenz beschäftigen, die eingehend auch die Fragen des Aua biiu.es des Krakauer Programmes und unserer Organisation erörtern mußte. Aber hieVin zeigt sich ja der Mangel an politischer Bildung und Reife hierzulande ohne Unterschied der Nationalität und Konfession — daß man nicht erkennt, daß die chronische Parlamentskrise in beiden Reichshälften die Krise der — Dezemberverfassung von 1867 ist und daß ohne ihre Revision im Sinne unseres Krakauer'Programmes weder die polnische und die ruthenische, noch die südslawische und rumänische Fragegelöst werden kann. Das Donaureich hat als geschichtliche, geographische und wirtschaftliche Notwendigkeit für alle seine Völker sich in dreijährigem, schwerem Kampfe als lebensfähig erwiesen, aber nicht wegen seiner Verfassunginstitutionen .und Wirt-, schaftsformen, sondern trotz derselben. In diesem Sinne-muß man feststellen: der chauvinistische und irredentistische Nationalismus haben in 'Neuösferreich ebensowenig mehr Platz, als der kapitalistische Pseudo-Konservativismus und Pseudo-Liberalismus. AU das wäre schon Gemeineigentum aller Gebildeten in unserem Vaterlande, wenn nicht von allen Parteien seit Jahrzehnten die p o I i t i s c he Erziehung von Jugend auf vernachlässigt und durch den [dogmatischen Parteidrill ersetzt worden wäre. Jede neu zuy Geltung kommende Partei bei unseren elf Völkern begeht denselben und auch die anderen von ihr früher bekämpften Fehler und auf diese Weise erhält sich in in der Erscheinungen Flucht als fixer Pol das System des Fortwursteins. Nicht in letzter Linie ist dies auch darauf zurückzuführen, daß immer mehr der letzte Rest von Ethik aus dem Parteiwesen der Völker schwindet, ein Hauptgrund des Zusammenbruches des Parlamentarismus in' der Vergangenheit und des Triumphes der Parteidemagogie. Wer also ein demokratisches Neuösterreicfr wünscht und im Rahmen desselben auch die Aneikernung der Juden als gleichberechtigter Nation, der muß nicht nur eine neue Verfassung [erstreben, sondern auch neue Menschen erziehen. Neue Menschen, treue Söhne ihres jüdischen Volkes, aber auch frei von jeder nationalen Engherzigkeit, sich ihren völkerverbindenden Aufgaben im Donaureiche und ihrer sozialen Pflichten gegen ihr Volk und gegen den österreichischen Gesamtstaat gleich bewußt. Nur dann werden wir gerüstet sein für unsere Mission im demokratischen Neu-Oesterreich. Aufruf! Unter dem Zwange unerbittlicher Tatsachen haben Tausende unserer Brüder und Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Heim verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Bevölkerung hat die Stadt verlassen müssen, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbar» 3 Zeugnis jüdischer Schaffenskraft geworden ist. In den judäischen Kolonien ist nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung zurückgeblieben. Helmlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlangt die jüdische Bevölkerung, die fast drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. Juden 1 In dieser Zeit muß das gesamte Judentum beweisen, daß es die Pioniere unserer Wiedergeburt im Lande unserer Väter nicht verlassen wird. Kinder und Frauen, Alte und Kranke harren unserer Hilfe. Eine große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. An das gesamte Judentum treten wir mit der eindringlichen Aufforderung heran: Helft! Helft schnell! Helft mit Liebe! Das Hilfswerk für Palästina verlangt Eure Tat Hilfswerk für Palästina Warburg. Palästina Unser neuer Jischub, das Allerheiligste im Heiligtum unserer Nation, ist in seinem Fortbestand bedroht. Unsere tapferen Pioniere im neu erwachenden Land unserer Väter mußten den teuren Boden, den sie geliebt und für den sie gelebt hatten, verlassen, verlassen die Scholle, welche die Bilu mit ihrem Blute besiegelten. Noch haben wir zu den letzten Ereignissen in Palästina nicht die gehörige Distanz, noch sind wir außerstande, uns aus den vielfach verworrenen, [manchmal widerspruchsvollen Berichten ein genaues und klares Bild der Vorgänge zu machen. Aber eines ist gewiß und geht aus allen Nachrichten in trauriger Uebereinstimmung hervor : die Not unserer Brüder in Palästina ist groß. Hunger und Seuchen wüten in den Reihen der Flüchtlinge und fordern grausame Opfer. Flüchtig! Mit Grauen 'erinnern wir Verlangt regelmäßig unser Blatt in Oen Kaffeehäusern!

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