Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 22 (1.6.1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XI. Jahrgang - Nr. 22 National-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fer/isprech'Nummer 49«3«25 Mil der Beilage; Der Jüdifche Nalionalfonds Wien, Freiiag, 1. Juni 1917 / 11. Siwan 5677 Einselnumm'er 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/t, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postspar hassen* Konto 133.404 Inhalt* Aufruf. ~~ D‘e jüdische Lage inPaläsl&I j-na _ Ausweis des Palästinahilfswerkes. — Arthur Freud, Dringende Aufgaben. — Max Rosenfeld, Die jüdischen Gemeinden Österreichs. — Der Wiederaufbau Galiziens — Literarische Nachrichten. — Aus der jüdischen Welt — Zionisten im Felde. — Berichte uud Korrespondenzen. — Briefkasten. — Sport u. a. m. Aufruf! Unter dem Zwange unerbittlicher Tatsachen haben Tausende unserer Bruder und Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Heim verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert Fast die ganze jüdische Bevölkerung hat die Stadt verlassen müssen, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbares Zeugnis jüdischer Schaffenskraft geworden ist. In den judäischen Kolonien ist nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung zurückgeblieben. Heimlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlangt die jüdische Bevölkerung, die fast drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. , Juden! In dieser Zeit muß das gesamte Judentum beweisen, daß es die Pioniere unserer Wiedergeburt im Lande unserer Väter nicht verfassen wird. Kinder und Frauen, Alte und Kranke harren unserer Hilfe. Eine große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. An das gesamte Judentum treten wir mit der eindringlichen Aufforderung heran: Helft! Helft schnell! Helft mit Liebe! Das Hilfswerk für Palästina verlangt Eure Tat. Hilfswerk für Palästina Warburg. Die jüdische Lage in Palästina (Aus den Mitteilungen des Kopenhagener Bureaus) Mitte April teilte 'der Leiter 'des Palästina- Amtes in Jaffa, Dr. Jakob Thon, dem' Zionistischen Aktions-Komitee telegraphisch mit, daß er, infolge der von den Behörden angeordneten Evakuierung Jaffas, am 12. April nach Jerusalem: gereist sei und den Sitz des Palästina-Amtes dorthin verlegt habe. Eine Filiale des! Palästina- Amtes sei.unter Leitung des Herrn B. Jaffe in Petach-Tikwah eröffnet worden. Später berichtete Dr. Thon, daß auch die südlich von Jaffa gelegenen Kolonien von der Zivilbevölkerung geräumt seien, und daß für die Evakuierten, die sich zum Teil in Jerusalem, zum Teil in den nördlichen Kolonien befänden und in größter Not seien, dringende Hilfe notwendig sei. Vom Zionistischen Landesverband in Aegypten ist folgendes Telegramm aus Kairo, datiert vom 10. Mai, eingetroffen: „Während Pessach die ganze jüdische Bevölkerung von Jaffa ausgewiesen gegen Norden, Häifser, Eigentum' geplündert; Bevölkerung auf der Flucht beraubt unter stillschweigender Gutheißung der türkischen Behörden; Juden, die gegen Plünderungen Widerstand leisteten, wurden gehängt;, tausende wandern hilflos, auf Wegen verhungernd; UeherföUung-..Kotpaie<.v.&cuiehrt-Elend. Kraidrheih Massen junger Jerusalemer Juden nördlich deportiert, Bestimmungsort unbekannt, zwangsweise Evakuation der Kolonie drohend.“ Von Seiten des Zionistischen Ak - tions-Komitees ist alles unt ernom‘- m e n worden, w a s 'd i e Sachlage erfordert. Es ist dringend notwendig, daß die Zionistischen Landesverbände, zusammen mit anderen jüdischen Organisationen ihrer, Länder, Sammlungen für die Evakuierten einleiten: Eingehende Beträge werden durch das Kopenhagener Büro telegraphisch nach Palästina überwiesen. * Der Schluß des Telegrantiris, das wir an der Spitze der. letzten Nummer veröffentlicht haben, lautet vollständig: „Rationelle Flüchtlingsfürsorge beansprucht wenigstens J2.000 Francs täglich. Für die Erhaltung der Pflanzungen sind für die nächsten fünf Monate bis zur Ernte außerdem 250.000 Francs notwendig. Eine Evakuierung Jerusalems ist nicht erfolgt.“ * Die Kämpfe bei Ghaza. Unterstaatssekretär des Krieges,' Macpherson, führte im Unterhaus aus: Wie bereits mitgeteilt, endeten die Unternehmungen im südlichen'Palästina vom 17. bis 19. April nach heftigem1 Kampf mit der Eroberung der vorgeschobenen türkischen Stellungen in der Nähe von Ghaza. Wir sind jetzt in enger Fühlung mit den feindlichen Hauptstellungen, die die Stadt zwischen der See pnd und Scheik Abbas auf einer Front von 14.000 Yards schützen. Diese Stellung wurde durch eine Reihe von Schanzen und Gräben bis nach Abu Hareira, 11 Meilen Südlich von Ghaza, ausgedehnt. Die verstärkten türkischen Streitkräfte machten sich die natürlichen Hindernisse zunutze und ihre Hauptstellung vor Ghaza ist von großer Stärke, während ihre linke Flanke durch zerklüftetes, wasserloses Land geschützt ist. Infolge dieser Umstände sind unsere Fortschritte notwendigerweise dort nur langsam' gewesen. Seit dem 18. April fanden keine ernsten Kämpfe statt, aber wir haben andauernd Gelände gewonnen und die bei Ghaza eroberten Stellungen eingerichtet und befestigt. Palästinahilfswerk für jüdische Kolonien 19. Ausweis. Die letzten Nachrichten aus Palästina haben die Judenheit der ganzen Welt aufgerütteit und ihrer Pflicht den leidenden Brüdern gegenüber ermahnt Die Tatsachen müssen es beweisen, ob unsere Liebe zu Erez lisrael auch wirklich aufrichtig ist! Geld- und Briefsendunge* sind zu richten an: Palästinahilfswerk für die jüdischen Kolonien, Wien, 18., Hasenauerstraße 43. Bei Einzahlungen im Wege der Postsparkasse bediene man sich mit entsprechendem Vermerk der Erlagscheine des Verbandes „Zion“ Nr. 47.115. K 435.— Sammlung Chaja Kobe, Pasia Vorschirm, Aron Stenipler, Certa Dienstag, Rosa Nuß- Literarische Nachrichten Zum zweiten Jahrgang ,',des Juden“ Das erste nun abgelaufene Jahr des „Juden“ hat uns von seinem unschätzbaren Wert, von seiner Unentbehrlichkeit für das jüdische Denken überzeugt. Wir müßten erst jene vielen Jahre . familienhafter „Renaissance“-Blätter und „alljüdischer“ Ueberhebung auskosten, um den Abstand ermessen zu können, der den „Juden“ von. allen bisher erschienenen jüdischen Zeitschriften trennt.' Zum erstenmal haben wir eine jüdische Zeitschrift, die mit wissenschaftlichem' Ernst und in vornehmer Form jüdische Probleme behandelt und neben den Dingen seelischen Erlebens in immer erhöhtem Maß auch das Festland der Wirklichkeit in ihren Kreis einbezieht. Daßder „Jude“ Mitarbeiter .aus Lagern geworben hat, die sich bisher* jüdischen Angelegenheiten fernhielten, bliebe wohl immerhin ein Verdienst, das den Leser zu Dank verpflichtet; er hat es aber auch vermocht, ihnen ihr Bekenntnis zum 'Judentum zu entreißen, Schweigende und Abseitsstehende zur Rede und hoffen wir auch, zum Tun zu bewegen. Wir wünschen, daß es dem „Juden“ gelinge, immer mehr' ein Quell lebendiger Wirksamkeit zu werden. Dasuerste Doppelheft des. zweiten Jahrganges ist reich Hän interessanten' Darbietungen. Mit den prägnanten'Worten: „Dies ist der . Weg des ,Juden£, das ganze Judentum sehen und das ganze Judentum wollen“, kennzeichnet der Heiausgeber Martin Bube r seinen „Nationalismus“’, der ihm' nicht ein „Durchsetzen“, sondern ein „Gestalten“ der Nation ist, nicht eine Lostrennung der Nation von der Menschheit, sondern ihr enger wechselseitiger Zusammenhang. Eine ausgezeichnete Arbeit ist „Der jüdische Kongress“ von Leo Chasanowitsch. Abgerissene Zeitungsmeldungen gaben uns bis jetzt nur ein verworrenes Bild von der .amerikanischjüdischen Volksbewegung; nun wird . uns hier Entstehung und Zusammenhang mit gründlicher Sachkenntnis und abgerundeter Gestaltung - vorgefi'thrt. Der polnische Zionist Apolinar Hartglas' sieht in seinem1 Artikel „Die Krisis des polnischen Judentums“ eine bessere Zukunft der Juden in Polen voraus, wenn, wie er glaubt, die christlichen kleinen Kaufleute, die bish'er mit den Juden konkurrierten, sich im neuen Polenreich der freigewordenen Beamtenlaufbahn zuwenden und den Juden den Handel in der Provinz überlassen. In dem Bündnis der Juden mit den übrigen kleineren Völkerschaften Polens und mit dem polnischen Proletariat stellt Härtglas eine hoffnungsfrohe Perspektive für die Juden Polens. Im Feld schrieb Arnold Zweig eine Auseinandersetzung mit M. H. B o e h m, „Jude und Europäer“ Bubersche Erfassung von der Erneuerung des Judentums spricht aus dem schönen Aufsatz: „Wir wollen uns aus der Verbannung jetten, unser Volk, unsere Gemeinschaft, um der jüdischen Seele willen; um ihr, der verschütteten, entstellten, zum Wiedererscheinen zu verhelfen, die nie in der Vereinzelung des zersplitterten Individuums, 'die nur an 'der vollen jüdischen Gemeinschaft offenkundig zu werden vermag“ oder in dem' starken Hymnus des Schlusses: „Mit unseren erregten Herzen umfassen wir alles, was jüdisch ist, in gleicher Wachheit und ohne Lücke. Nichts ist so infam in dieser entarteten Judenheit, nichts so erniedrigt in diesem zertretenen Volk, daß wir es nicht als unsere Infamie, unsere Erniedrigung mit stockendem Blick spüren; nichts so erhaben und nichts so königlich rein in diesem grandiosen Judentum, daß wir nicht erschauernd und hingerissen uns selbst in dieser Größe verschwinden fühlten. Wir führen nur unsere Sache, aber sie ist die .Sache der Juden; wir blicken nicht auf unsere Werke, aber wir fühlen die Augen Gottes auf unseren Händen und unsere Verantwortung 'möchte uns erdrücken. Die ganze, wirre, wilde, jauchzende Fülle des Frühlings ist wieder auf uns gegossen. Mitten im tjefsten Elend und in der Vernichtung, mit der der Krieg unserem Volk droht, einem Volke, das sich nidht wehrt, sehen wir das Neue mitden Augen der Seele und 'erleben die Gewalt der Tröstung, erleben in einem1 das ungemeine Leid und das ungemeine Glück. Jude zu sein.“ Rafaet Seligmanns kluge „Gedanken über die Emanzipation“ gipfeln in den "Sätzen: