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Jüdische Zeitung · 1917-05-18 · 20 (18.5.1917) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
20 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ■JÜDISCHE 2E1TUNÖ Nh 2Ö Juden, zeichnet Kriegsanleihel Komitees isftj er Bankier Kamenka, Vizepräsidenten sind Baron Günzburg und Schlößberg. Die russischen Juden in Frankreich und der Militärdienst Die Angelegenheit des Militärdienstes der russischen Juden in. Frankreich hat immer noch keine endgültige Erledigung gefunden. Obwohl vor einiger Zeit bereits im'französischen Parlament der Vorschlag, die russischen Flüchtlinge in Frankreich gewaltsam'zum'" Militärdienst einzuziehen, abgelehnt wurde, fordern die frarzösischen reaktionären ' Zeitungen und Politiker immer von neuem eine gewaltsame Einziehung der russischen Juden in Frankreich. So brachte die „Libre Parole“ jüngst einen Artikel „.Armee-Deserteure“, in dem gefordert wird, daß Frankreich sich jetzt nicht in einem närrischen Liberalismus gefalle, sondern sofort ein Gesetz schaffen solle, welches die russischen Juden in Frankreich zum Militärdienst zwängt. In welcher Weise das Blatt seine Forderungen motiviert, erhellt schon daraus, daß nur ein kleiner Teil des Artikels publiziert werden durfte, während der größere Teil von der Zensur gestrichen worden ist . Antisemitische Hetze gegen die Juden in England. Seit einiger Zeit wird bekanntlich von verschiedenen Seiten in . England ein offenkundiger und systematischer Feldzug gegen die Juden geführt. Besonders hervorgetan hat sich darin die „National Review“, deren Chefredakteur Maxse vor keinem Mittel zurückschreckt, um gegen die Juden' zu hetzen. Das Neueste, das er aiif diesem Gebiete geleistet hat, übertrifft alle seine bisherigen Verläum'dungen. ' fn der letzten Nummer seiner Zeitschrift stellt er die Behauptung auf, daß die Juden am1 Tode des Lord Kitchener schuld seien. „Die „internationalen“ Juden — schreibt er in seiner monatlichen Revue in der letzten Nummer der Zeitung — die sich in diesem' Lande als Spione befinden, haben von Lord Kitcheners Reiste nach Rußland erfahren und haben dies, sofort den Deutschen mitgeteilt, welche auf das Schiff gelauert haben, auf welchem Kitchener fuhr, mif dem bekannten tragischen Ende.“ Daß an der ganzen Nachricht natürlich' kein wahres Wort ist, kann man von vornherein mit Bestimmtheit sagen. Auf der Insel Man haben . internierte Juden mit Zustimmung der 'englischen Regierung einen zionistischen Verein gegründet .Es werden Vorträge und hebräische JCurse gehalten und ßamjnrlungen fürzionistische Fonds mit Erfolg unter den Internierten veranstaltet ' £ie russische Revolution hn Newyorke*- jüdischen Viertel. Wie die amerikanischen jüdischen Blätter berichten, haben die ersten Nachrichten von der Revolution in Rußland im jüdischen Viertel in Newyork eine unbeschreibliche' Freude hervorgerufen. Die jüdischen Redaktionen waren von Tausenden von Menschen umiagert, welche auf die letzten Telegramme warteten. Es wurden 'in den Straßen Versammlungen veranstaltet und begeisterte Reden wurden gehalten. Man tanzte förmlich vor Freude auf den Sjraßen und unbekannte Menschen umarmten und küßten sich- Der Wahlplan des jüdischen Kongresses in Amerika. Das Jüdische Korresponderizbureau im Haag berichtet: Das Administrationskomitee des Kongresses, welchen das gesamte amerikanische Judentum am 2. September abhalten wird, hat in einer Sitzung vom ”27. Februar den Wahlplan ausgearbeitet. An der Sitzung nahmen auch Jakob H. Schiff, Henry Morgenthau, Louis Marsh aII und Harry Friede w a 1 d teil. Alle nationalen Organisationen wurden als wahlberechtigt anerkannt. Ausgenommen wurden nur die nationaLradikalen Schulen. In jeder Stadt soll eine Konvention abgehalten werden, welche die Kongreßdelegierten wählen "soll; Jede jüdische Vereinigung in -der .Stadt kann sich an der Konvention und der Abstimmung beteiligen. Die Kandidaten, welche in dieser Konvention die größte Stimmenzahl auf sich vereinigten, gelten als gewählt. Eine spezielle Kommission wird die Wahlen leiten. Alte nationalen Organisationen sollen berechtigt sein, außerdem Delegierte zu entsenden, welche ihre Speziellen Interessen wahren sollen. Sie werden* nach ihrer Größe und Bedeutsamkeit in'vier Klassen eingeteilt und erhalten dementsprechend ein, zwei, drei, oder sechs Delegierte. In die oberste Klasse mjt sechs Delegierten wurden lediglich die Zionistische Föderation Amerikas, der Orden Brith Abraham1, das- Nationale Arbeiterkomitee und das1 Jewish Committee aufgenommen'. - Spende für die jüdischen KriegSnotlddenden Herr Julius Rosenwafd in Chicago "übermittelte dem jüdisch-amerikanischen Hilfskemitee ein bedingtes Anerbieten von einer Million Dollar für die jüdischen -Kriegsnotleidenden. Herr Rosenwald will' zu jeder Million Dolar," die im Jahre 1917 für diesen Zweck in Amerika 'gesammelt wird, 100.000 Dollar beisteuern; Die Spende Rosenwälds stellt die größte Schenkung dar,'die jemals von einer einzelnen Person in Amerika für einen Solchen Zweck gemacht wurde. Sie wird einen großen Ansporn für die im ganzen Lande organisierten Subkomitees bilden. Bis jetzt Wurde im Jahre 1917 eine Gesamtsumme von 1,274.839 Dollar für Kriegshilfszwecke gesammelt'. Von der jüdischen. Kongreßbewegung. Am 11 .und 12. Februar fand, so meldet die Haqger Korrespondenz, in Newyork die Konvention des „National Workmen's Comitee of Jewish Rights“ statt. (National bedeutet hier amerikanisch. Die Jüdisch-nationalen Arbeiter sind in dieser Parte; nicht vertreten.) Sie fegte ihre Haltung zum Jüdischen: Kongreß fest und nahm gegen , die vorgeschlägte'ne' .nationale Lösung“ Stellung, gegen die Behandlung der 'Emigrationsfrage den „Wiederaufbau“ in den kriegführenden Ländern und die Permanenzerklärung des Kongresses. Sie beschloß eine Abordnung zu Wilson zu Senden, die im' Namen der Konvention sagen stallte, daß diesegegen einen Krieg mit Deutschland gestimmt sei. Die jüdische Presse in Amerika bedauert es, daß diese Konvention allein dieste Resolution axir nahm und an der Lage der Juden in Polen, Litauen und Rumänen stillschweigend vorbei ging. Palästina als jüdische Republik. Nach einer Newyorker Meldung an die Kopenhagener „Po- Forderung untersuchte. Die Frage'der Beteiligung an dem bevorstehenden Jüdischen Kongreß in Rußland und an der Gemeindearbeit wurde nach langen Debatten bejaht. Die Konferenz beschloß, die Forderung der national-kulturellen Autonomie als die politische Losung des, Tages zii erklären. Dementsprechend müssen in den Städten sofort die Organe der künftigen Autonomie konstituiert werden. Die Provisorische Regierung wurde aufgefordert, einen Erlaß über die Einreihung der jüdischen Schulen in daS allgemeine Schulnetz und über die Berechtigung "des Jidisthen als Unterrichtssprache zu veröffentlichen. Die letzten Sitzungen befaßten sich'mit der Taktik des ,|Rates der Arbeiterunef Soldätendeputierten“, über dessen Tätigkeit Herr G.« Ehrlich berichtete. Die Konferenz war auch von den gegenwärtig in Petersburg weifenden Delegierten der französischen und englischen Sozialisten bemüht, die Begrüßungsreden hielten. Das Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Partei in Finnland berichtete inseiner Begrüßungsdepesche, daß es Schritte zur Abschaffung der Judenbeschränkungen in Finnland unternommen habe. — In das Zentralkomitee wurden gewählt: Wladimir Medern, 'Rein (Abramowitsch), Frau F r u m k i n (Esther), M. J. G o 1 dmann (Liber), A. Weinstein, G. Ehrlicfu G .Eisenstadt (Jüdin), M. Rafeß, Wl. Kofi owSki, Weißenblum, G. H elf mann (A. Litwak), A. Solotarew, Bermann, Epstein und Lurje. Eine neue jüdisch-politische Gruppe: „Demokratische Vereinigung“ hielt in Petersburg am 12. März ihre Gründungsversammlung. J eff royk i n charakterisierte die bürgerlichen Parteien als ^Ghetto-Parteien, für die die allgemeine Politik' des Staates wenig Interesse habe. Die linksstehenden Parteien aber seien durchwegs sozialistisch, was. den inneren wirtschaftlichen Verhältnissen der Juden, bei denen der Lohnarbeiter nur eine kleine Minderheit bildet, nicht entspreche. Die Arbeiterparteien zeigten daher wenig Interesse Jür die Lebensfragen der Judenlieit und konntet nicht Volksparteien werden. Die „Demokratische Vereinigung“ wilT die aUgemeine Demokratisierung erstreben, die wirtschaftlichen und nationalen Interessen ' der jüdischen Volksmassen schützen iind für die Europäisierung und Entwicklung der jüdischen Kultur in jüdischer Sprache sorgen. N. J. Stiff sprach sich gegen den Zionismus aus, den er als Ghettoideoiogie bezeichnete, die das Volk seinem Wohnland und dgn jüdisch-nationalen Aufgaben in diesem Lande entfremde. Er ging dann näher auf die Aufgaben ein "die der „Vereinigung“ obliegen (Beteiligung ah den kommunalen Einrichtungen, 'Bildung von Genossenschaften. Ueber- ■nahme der jüdischen Regierungssdiulen in jüdische Verwaltung, Hilfsarbeit, Organisierung der Gemeinden etc.) Auf der Versammlung schlossen sich der' „Vereinigung“ 200 Personen an. Ein jüdisches' Propagandakömitee. das für die neue Freiheitsanleihe agitieren soll, hat sich' in Petersburg gebildet. Dieses Komitee erläßt Aufrufe an die Juden der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Englands und Italiens,, mit der Einladung, die Anleihe zu zeichnen. Präsident des rungsproblemen steht sicherlich eine Gruppe von Erkrankungen des Zentralnervensystems, besonders die ineinander fließenden Formen, der Nervosität und der Hysterie, die besonders unter den Frauen gehäuft, oft unter schwersten Erscheinungen, auftreten. ln einem gewissen Zusammenhänge mit der Hysterie stehen auch die beobachteten Mißbildungen der weiblichen Geschlechtsorgane, welche als individuelle Degenerationssymptome zu deuten wären. Der Grund für die häufigen „Zerrüttungen“ des Nervensystems ist wohl auch in der abnormalen Lage der östlichen Juden mit all ihren Aufregungen und zermürbenden Wirtschaftsverhältnissen zu suchen. Es wurden auch echte Geisteskrankheiten diagnostiziert, deren Großteil jedoch wohl aus irgend einem' äüßeren Grunde der ärztlichen Beobachtung entgangen waren, ähnlich wie die angeblich häutigen Diabetiker, vielleicht darum, weil deren Träger, ■(die Diabetiker) meist Bessersituierte, seit Kriegsbeginn entweder in westlichen Kurorten und Heilanstalten oder Im' russischen Hinterlande festsaßen. — Einem entfernten Grenzgebiete der Geisteskrankheiten wäre auch jene Abart von morai insanity Zuzurechnen, welche sich auf Kuppler und Zuhälter erstreckt Bei dieser Menschengruppe fehlt auffalienderweise jene .Apachenroheit, wie sie bei deren westlichen Kollegen so, ■unangenehm zur Geltung kommt und infolge der: Imbezillität ihrer Träger von diesen oft Verstärkt zur Schau getragen wird. Im' Gegensatz hierzu sind die östlichen Kuppler und Zuhälter eines gewissen Grades von Schamgefühl teilhaftig und zeigen noch eine andere Eigentümlichkeit Aehnlich wie die Epileptiker außerhalb ihrer Trance ganz andere Menschen als während ihres Anfalles sind, so erscheint auch der östliche Zuhälter außerhalb seines Berufes als normaler Mensch. Er bemüht sich auch in einer gewislsen' Kränklieitseinsicht, so rasch als wirtschaftlich möglich, in einen anderen Beruf zu gelangen. Dies gelingt ihm, der, wieder mi Gegensatz zum Westen, mehr Zuhälter und Zutreiber, als" „Freund“ ist, dadurch leichter, daß er meist frei von Berufskrankheiten bleibt. . Beobachtet wurde-ferner noch die auffallende Neigung der Ostjuden zu rheumatischen und gichtischen Erkrankungen mit schwersten Herzkomplikationen, die teils, mit der Nahrungs-, sicher mit der Wohnungsfrage im1 Zusammenhänge stehen, ebenso 'Wie vorzeitige Verhärtungen des Gefäßsystems, die durch erschwerte Lebensbedingungen eiklärbar, übrigens nicht häufiger als z. B. in einer Wiener Ambulanz zur Beobachtung gelangten. Trotzdem' die Wohnungen der Juden int beobachteten Gebiete, wie schon erwähnt, fast ausschließlich in sumpfigen Niederungen standen, wurden bei ihnen relativ weniger Malariafällte diagnostiziert als unter der besser wohnenden niditjüdischen Bevölkerung, was aber möglicherweise auf Beobachtungsfehler zurückzuführen ist Die Entbindungen waren meistens! leicht und unkompliziert; nur selten brachten mangelhaft entwickelte Baüchmuskulatur oder Formfehler des Knochengerüstes Verzögerung oder Erschwerung des Geburtsaktes. Der niedrige Prozentsatz in den Folgeerscheinungen des Venus vulgivaga-Dienstes und die hier sta erwünschte, zivilisatorische Rückständigkeit machen auch Fehlgeburten zu seltenen Erscheinungen in den ostjüdischen Ehen. Dem Uebermüdungszustande, nicht der Rasse, sondern dieses Volksteiles, entsprechend, verbunden mit der bereits besprochenen körperlichen Inagilität, finden wir noch häufige Gruppen vbn Erscheinungen, (die auf Erschlaffung der betreffenden Muskulatur und des Bindegewebes zurückzuführen sind. Dazu gehören das Einsinken der Fußgewölbe in verschiedensten Graden, Krampfadern der Beine und 'des MittelfleiSches, sowie die verschiedenen „LeibSchäden“. Hier bedarf es aber wohl nur der körperlichen 'Erziehung einer Generation, um', wie das Beispiel verschiedener Einwanderungsländer lehrt, sie alle restlos' zum Verschwänden zu bringen. Insgesamt erscheint nach allem der Gesundheitszustand der Ostjuden derzeit, insbesondere 7m! Hinblick auf die Tuberkulose und die nervöse Erschöpfung als tein kritischer. Diese Erfahrung bildet mit den Prognosen Ruppins und Theilhabers ein starkes Memento. Denn, wenn das jüdische Volk die im' Westen fortschreitende Zersetzung infolge von Geburtenrückgang, erhöhten Sterblichkeitsquoten Und immer wachsender Zahl des Tauf- und Mischehenabfalles nicht mehr imstande ist, zu paralysieren aus einer Quelle kräftigen und gesunden Volkstumes, wie sie bisher die Ostjuden dargestellt haben, dann ist der völlige Verfallt! es jüdischen Volkes nur mehr eine Frage weniger Generationen. Doch scheint trotz der so mißlichen Augenblickserfahrung unser östlicher Volksteil ganz gewdß nicht als ein verlorener oder ein unrettbar schwer durchkrankter, sondern, kann sich unter normalen Lebens-/1 bedingungen rasch erholen. In diesem Falle ist er sogar großer körperlicher Entwicklung fähig, wofür viele Beobachtungen auserlesener Kraftexemplare sprächen. Allerdings pericuhim1 in -mora! Mit vorstehendem Beitrage ist keine Neuentdeckung verbunden, denn schließlich kennen diese Lage alle im1 .Osten arbeitenden Berufskollegen; dazu ist er auch zu negativ ausgefallen; aber gerade in dieser Negativität liegt für uns Trost und Hoffnung, weil wir erkennen, daß das jüdische Volk nur insofern als ein abnorm1 krankes zu bezeichnen ist, als seine Lebensbedingungen abnorm schlechte sind1. Mit deren Aenderung, die wir ja mit aller Energie anstreben, wird eS auch ^gelingen, das Ideal de9 Nörmalkranken tu erreichen. Wir brauchen darum In unseren Bestrebungen und Zielen nichts Zu ändern, , insbesondere, da Lahdünd Berufsziel, Palästina und. Ackerbau, Wie wir anderweitig wissen, die beiden' HauptSchäden günstigst zu beeinflussen imstande sind. WäS Wir ändern müssen, und zwar sobald, als es in unserer Macht steht, ist tdas [TemjJQ. Denn nochmals: periculum in mtara! , . ' ,

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