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Jüdische Zeitung · 1917-04-27 · 17 (27.4.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
17 (27.4.1917)
Date
1917-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XI. Jahrgang - Nr. 17 National-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurfickgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Farnsprech>Nummer 4S>3-25 Mil der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 27. April 1917 / 5. Ijar 5677 Elnselnumm'er 24 Heiter Geschäftsstelle: Wien II/i, Zirkusgr. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise; Ganzjährig RIO.— halbjährig K 5.—. vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 Inhalt * Otto Klein, Die erforderlichen Min- 1I111h.11 destlcistungen der zionistischen Organisation nach dem Kriege. — Georg Gotheln, Die Juden in Polen. — Polen and Juden. — Besprechungen. — Die jüdische Mädchen - Arbeiis - Schule Beth-Melachah in Jerusalem. — Aus der jüdischen Welt — Literarische Nachrichten. — Dokumente derzeit. — Personalnachricht — Zloristen im Felde. Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen. Einsendung. Briefkasten u. a. m. Die erforderlichen Mindestleistungen der zionistischen Organisation nach dem Kriege Wenn wir die Ausdehnung der zionistischen Partei im Jahre 1913 betrachten, so entnehmen wir dem Berichte, daß sie auf 125.000 organisierte Mitglieder unter 12 Millionen Juden gewachsen ist. Im Selben Jahre zählte die Sozialdemokratie Deutschlands 700.000 organisierte Mitglieder unter 70 Millionen Einwohnern, also .ebenfalls l«/o. Wir haben also Grund, mit der Entwicklung unserer Partei zufrieden zu sein. Aus den Zahlen, die das Nationalfondbüro veröffentlicht, kann man berechtigter Weise schließen, daß die Opferwilligkeit unserer Anhänger denen anderer Parteien nicht nachsteht wenn äu-h viele Nichtzionisten zum Nationa’fond eine Beisteuer leisten. Und trotzdem steht unsere Organisation an Leistungsfähigkeit auch verhältnismäßig hinter der sozialdemokratischen zurück.. Einer . der Gründe, daß 'in den zionistischen Kreisen im allgemeinen das Verständnis für rein organisatorische Zwecke nicht allzu groß ist, liegt darin, daß den Ku’t'irfragen viel mehr Zeit gewidmet wurde, als den organisatorischen. "Es wurde im ganzen mehr von der Erschütterung der Seelen als von der Festigung der Organisation gesprochen. Und wenn einmal manche Zionisten Vorschläge zur Organisationsgabe machen, ergibt eine strengere Prüfung ihre .Undurchführbarkeit. Der Artikel von Robert Welt sch über die zionistische Dienstpflicht wird vie’’eicht einigemal erörtert werden, aber p-aktische Resultate dürfte er kaum ergeben. Denn in Betracht kämen nur die 'zionistischen Studentenkreise; unter ihnen sind die Wohlhabenden, denen es ihre Mittel erlauben, die Dauer ihrer Studien zu verengern. nicht a’lzu zahlreiche - Aber in Oesfrr’-ci-h haben wir'beuründele Hoffnung auf eine bedeutende Pessemng nach dem Kriege. Schrieb 'do"h der bedeutende österreichische Kulturzionist Dr. Hugo Bergmann an den böhmischen Distriktstag aus dem Fe’de. daß! dieprak'iche Arhep nach dem Kriege im' Vordergründe stehen müsse. An Dr. Max Br o d hat die zionistische Bewegung eipen..neuen Mann gewonnen, der ungemein klar denkt, -für die Wichtigkeit der Kuiturf'nge im Zionismus volles Verständnis besitzt und doch den Blick für das Ganze behä’t, Ein Zweiter Grund der gegenwärtigen Schwäche der rioristischen Organisation1 ist die allzu «roße Nachsicht der Partei'eifung geben die zionistischen Vereine. Zwar hat die Leitung auch die Organisation in bedeutendem ' Maße durch Ausgestaltung des Zentn'fondes, Vermehrung der bezahlten Stellen et", ausgebaut, 'aber sie hat viel zu geringe Anforderungen an die Leistungen ihrer Mitglieder gesfeßt. Eine Jede Organisation ühertrifft die zionistische an Geldopfer. Es war der Gedanke vorherrschend, durch möb’i'-hst geringe 'Be'astnng des einzelnen und der Vereine jedem die weitestgehende . Opferwilligkeit zu ermöglichen. Somit si"d für den einzelnen 7jonjsten nur der Schekel und die Part?is‘euer ob’i'Tatorisch. Die Erfahrung hat gezeigt, daß p»erade.«diejenigen Organisationen, die von ihren Mitgliedern hohe Beitrags'eistun^en verlangen, nicht nur an Zahl und innerer Geschlossenheit wachsen., sondern auch die Opfer- Billigkeit des einzelnen, die Sich in freiwilliger Beitragsleistung äußert, in ihrem Wachstum steigert. Es geht den Organisationen, wie dem einzelnen Menschen. So wird eine Organisation, die z\var ihren Mitgliedern nur die notwendigsten Geldopfer auferlegt, aber diese mit unerbittlicher Strenge fordert, selbst wenn sich der Zwang weiterer Erhöhungen heraussteilt, immer weitere Kreise an sich ziehen und ihre Anfänger zu großer Opferwilligkeit begeistern, während Organisationen, die wenig Ansprüche an ihre Mitglieder steilen, keine solchen Erfolge aufzuweisen Tiaben. ' t Nach dem1 Kriege wird der Maßstab dafür ins ungemessene wachsen und 'durch den Krieg verelendete jüdische Massen werden von uns ihre Rettung envarten. Können wir diesen Forderungen nicht einigermaßen entsprechen, dann ist die Gefahr des Rückschlages für unsere Partei in ihrer drohendsten Form aufgetaucht. Und bei allen Fähigkeiten und Bemühungen der Parteileitung, diesen Ansprüchen zu genügen, wird sie es ohne tatkräftige Mitarbeit der Organisationen nicht leisten können. Das Aktionskomitee wird sich zu dem Schritte entschließen müssen, es einem jedem zionistischen Vereine zur Organisationspflicht zu änachen, jährlich eine bestimmte Geldsumme zu erlegen, so wie es für den einzelnen ‘Bedingung ist, Schekel und Parteisteuer Pzn zahlen. Heute wäre es kein großes Opfer für die zionistischen Vereine, denn so viele besitzen eine ziemlich gün^ stige Vermögenslage und bei den Veranstaltungen wie Makkabäerfeiem usw., können die Vereine auf eine derartige Besucherzahl rechnen, daß der zur Ablieferung dieser Summe erforderliche Reingewinn eingebracht wird. Bei denjenigen Vereinen, bei denen dies ausgeschlossen ist, dürfte eine bescheidene" Erhöhung der Mitgliedsbeiträge genügen, um diese Summe Kriegen zu können. Ein Betrag von 150 K jährlich wäre hinreichend, und zwar: 50 K für die Landspende; 50 K für 'den Genossenschaftsfond; 50 K für den Arbeiterheimstättenfond. Die Notwendigkeit der Landspende brauche ich nicht näher zu begründen. Auch der Genossenschaft?- und Arbeiterheimstättenfond sind für unsere Kolonisation so wichtig, daß diese Institutionen auf Spenden allein nicht angewiesen sein dürfen, sondern mit bestimmten Einnahmen rechnen müssen. Der Oenossenschaftsfond dient zur Bildung von Okkupations-Genossenschaften, ohne die sich keine Kolonisation durchführen läßt, da nach den bestehendentürkischen Gesetzen der Grundbesitzer das Eigentumsrecht verliert, wenn er das Land unbebaut läßt. Und die Okkupations-Genossenschaften dienen in erster Reihe der Wahrung des Beritzrechtes. Je stärker.wir den Genossenschaftsfond ausrüsten um so mehr erhöhen wir die Möglichkeit einer planmäßigen Kolonisation. Ueber den Einfluß eines starken Arbeite rheimstättenfondes auf die Kolonisation ist schon so viel geschrieben worden, daß ich an dieser Stelle nichts darüber zu sagen brauche. Nur so viel will ich bemerken, idaßhunderte Häuser jährlich gebaut werden könnten, wenn von allen zionistischen Vereinen Beitragsleistungen erfolgen, ich schätze die Zahl der zionistischen Vereine in allen Erdteilen auf 10.000 (zehntausend). Bringen sie jährlich 150 (hundertfünfzig) Kronen auf, dann kommen jährlich 1,500.000 Kronen zusammen;.- Mart kann noch damit rechnen, daß die nichtzionistisehen nationalen Vereine, Turn- Wander- und Jugendvereine sich dieser Steuer ebenfalls freiwillig unterwerfen, werden. Diese Einnahmen der Spezialfonds dürften für die ersten Jahre der Kolonisation nach dem Kriege genügen. Die sichtbaren Erfolge werden ein weiteres Anwachsen der zionistischen Beweguig und der zionistischen Vereine bringen. Mit der Vermehrung der zionistischen Vereine wird die Parteileitung auf jährliche, in arithmetischer Progression ‘ erfolgende Mehreinnahmen rechnen können. Mit dem später gesteigerten Erfordernissen der Kolonisation wird das Aktionskomitee weitere Erhöhung der Geldopfer vornehmen können, da das rt'enge System' der Berufsorganisationen, von ihren Mitgliedern das Notwendige unbedingt zu verlangen, auch bei uns die Opferwilhgkeit des Einzelnen erhöht haben dürfte. Während des Krieges und gar, wenn jetzt Amerika sich auch noch am Kriege beteiligt. müssen wir alle Kraft aufbieten, unr in Palästina das Bestehende zu erhalten. Nach dem Kriege ist das jüdische Volk an einem Wendepunkte seiner Geschichte angefangt. Auch in vielen nicht'üdischen Kreisen sind die Bestrebungen des Zionismus mit Verständhis aufgenommen worden. Wir werden durch intensive Arbeit und Opferfreudigkeit zu beweisen haben, daß wir das Vertrauen und die Sympathie der Weit verdienen. Günstige, \om Glück geschenkte Augenblicke erscheinen sowohl dem einzelnen Mensthen als einem Volke se'ten. Gehen sie ungenützt vorüber, dann sind sie unwiederbringlich dahin. Nachträglich stellt die Geschichte in kühler Ruhe die begangenen Versäumnisse fest und ahndet sie ohne Erbarmen. Die zionistische Organisation ist nicht arm an Talenten und sie kann sich auf ein begabtes und energisches Volk stützen. Nach den Fortschritten des Zionismus in den letzten Jahren ist zu hoffen, daß sich das jüdische Volk des großen Augenblickes würdig erwei-e« wird. Ich möchte am Schlüsse meiner Ausführungen die Worte des geistigen Führers der stärksten Berufsorganisation Mitteleuropas, des Reichsvereines der Bank- und Sparkassenbeamten Oesterreichs. des jetzigen Drektors Hugo Breitner, variiert* anführei: Die Zukunft des jüdischen Volkes ist der Zionismus; die Zukunft des Zionismus ist die starke Organisation; die Zukunft der Organisation beruht auf reich dotierten Fonds. Otto Klein. *) Die Worte Breiters in einem Referat über 'den Widerstandsfond lauteten: „Die Zukunft der Beamten ist die Organisation, die Zukunft der Organisation ist der Widerstandsfond.“ Die Juden in Polen von Georg Gothein M. d. R.*) Eine der schwierigsten Fragen, die in Polen zu lösen sind, ist die der nationalen Zugehörigkeit der luden. In Kongreßnofen leben allein rund 2 Millionen Juden, ln den von uns sonst noch besetzten Tei'en Wesrrußlands rund eine weitere Mil'jon. Jn allen mittel- und westeuropäischen Ländern ist es eine Selbstverständlichkeit die Juden nur als Religiopstremeinsch'aft, nicht als eine besondere Nationalität anzusehen. Für Polen liegt die Sache nicht so einfach. Denn dort sprechen sie als Muttersprache nicht die der sie umgebenden Bevölkerung, sondern den *1 Wir drucken dieses interessante Kapitel aus der kürz'ich erschienenen Broschüre Qoth e i n s ..Das selbständige Po’en als Nationalstaat“ (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart. Ges. M 1.50, geb. M 2.J0) ob, als einen weiteren zustimmenden Beitrag zu der Frage der nationalen Autonomie der fuden in Polen ab. Mai wird umsomehr Gewicht auf diese ZusLmmung Gothei:ns legen dürfen als seine Urteile über die luden durchaus mehr 'rii-süger Vorein’e-omme"- Fieit, sondern viel häufiger einer gewissen kühlen und zuwei'ci 'unfreundlichen Reserve entspringen.

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