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Jüdische Zeitung · 1917-04-13 · 15 (13.4.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
15 (13.4.1917)
Date
1917-04-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 JÜDISCHE ZEITUNO _ Nr.,15 Der amerikanisch-jüdische Kongreß Laut telegraphischer Nachricht wird der amerikanisch-jüdische Kongreß-am 2. September dieses Jahres, in Washington eröffnet werden. , . Die Zionisten in Rußland Wie der „Frankfurter Zeitung“ aus Stockholm am 11. April telegraphiert wurde fanden in Petersburg, Jekaterinoslaw und Odessa zum ersten Mal von Tausenden besuchte zionistische Versammlungen statt. Diese beschlossen die Interimsregierung mit allen Mitteln zu unterstützen. Der Zentralhilfsausschuß berief einen Kongreß aller jüdischen Bürger Rußlands nach Petersburg ein. Laut Petersburger Telegraphenagentur verlangten die Redner auf d er in Odessa abgehaltenen Versammlung daß die Bedingung .eines Ansiedlungsgebietes für die Juden in Palästina auf das Programm des' künftigen Friedenskongresses gesetzt werde. Ein .Ukas über die volle Gleichstellung der Juden in Rußland wurde am 3. d. unterzeidmet. Die beschlagnahmten Exzellenzen (In eigener Sache.) Die „Jüdische Zeitung“ wird wahrlich durch den Herrn Staatsanwalt nicht verwöhnt Sie erfreut sich seit längerem seiner besonderen Aufmerksamkeit, einer Aufmerksamkeit, die sie beglücken könnte. Wäre sie ein liebeglühendes Mädchen und der Herr Staatsanwalt ihr girrender Adoreur. So aber wäre vielleicht etwas weniger •mehr. Mit dem Weißen Fleck /nämlich, durch den unsere letzte Nummer verschönt wurde, Scheint selbst das übertroffen an was lins der Herr Staatsanwalt schon bisher gewöhnt hat Mif dürren Worten: der Herr Staatsanwalt hat nicht nur sich selbst konfisziert — wir übertreiben beileibe' nicht — er hat auch Worte konfisziert, die Seiner Majestät Geheime Räte, .aktive — wenigstens damals noch aktive — k. u. k. Minister und k. k. Minister in öffentlicher Verhandlung vor Hunderten von Hörem gesprochen, die in zehntausenden von Exemplaren der Tageszeitungen der gesamten Oeffentlichkeit bekanntgegeben wurden und die, aus so einwandfreiem; loyalem1, staatstreuem Munde kommend, nach der Ansicht des Herrn Staatsanwalts. Jausgerechnet gerade nur den Lesern der „Jüdischen Zeitung“ hätten gefährlich werden können. Wir wollen vollständig sein. Wir haben auch noch Worte eines Verteidigers zitiert, des Vize-Präsidenten der niederösterreichischen. Advokatenkamfner ■ Dr. Gustav Harpner, auch eines Christen, so daß wir und bewußt sind, in der Unvoreingenonrtnönheit bis an die äußerste Grenze dessen gegangen zu sein, was man überhaupt von uns füglich verlangen kann. Wir haben diese Zitate wortwörtangeführt, mit Gänsefüßchen zu Beginn und mit Gänsefüßchen am Schluß, wir haben nicht eine Silbe der Kritik oder der Glosse hinzugefügt. Und dennoch! .... Und selbst der unschuldsvolle Titel: „Dokumente der Zeit“ verfiel dem Stifte' des Herrin Staatsanwaltes. Hätteer doch wenigstens ihn stehen gelassen! Mit dem sich daran schließenden weißen Fleck wäre das Schließlich auch ein Dokument der Zeit gewesen. Aber so nichts,' so gar nichts,, so nichts als Weiß in Weiß, das ist hart, Herr - Staatsanwalt! Und seihst dabei ward nicht ganze Arbeit geleistet. Der Stift' _ des Herrn Staatsanwaltes hat vergessen^ den Titel, auch aus der kurzen Inhaltsangabe an der Spitze/ des Blattes zu streichen und so konnten wir der. Unzahl der Fragen nicht Herr werden, die uns aus unserem Leserkreis zukamen, was denn die ,.Dokumente der Zeit“' Staatsgefährliches gebracht hätten. Das große Weltringen, das wir nun schon , 33 Monate schaudernd miterleben, hat lins bereits manche Umwertung von Begriffen gelehrt, und viel auf den Kopf gestellt, was bis jetzt Geltung hatte.'Daß der Herr Staatsanwalt, jedoch seine eigene Apotheose .der Gerechtigkeit, gipfelnd in der Zitierung der ewig hehren Worte: '„Justitia regnorum fundamentum“ erbarmungslos streichen werde, das war uns 'denn .doch eine Offenbarung. Die Sitte des Harakiri kannten wir bis nun nur aus den Geschichten des fernen China und Japan. Aus der jüdischen Welt Ueker die Emigration der Juden sprach i..i HanüwerKerKiuo m warsenau aeräekietar der jüdischen oemeinue , in Warsenau, Auvokat itempaer. Die Juden stenen aer Zahl uer Ausgewanderten nach, an zweiter Stehe, nacn den Italienern. Besonders rieten uie Progromjahre in Kuuland zahireicne Auswanderungen ftervor. Von .1899 bis lyul emigrierten aus Runland 7ön.00U Juden; in demselben z-eitraum wanoercen aus Kubiand, Üesterreicft-ungarn und Rumänien zusammen l,074.Uuu Juden aus,'bei einer jüdischen Bevölkerung von b,OUü.Ouu Köpfen. Die jüdischen Auswanderer setzen sich aus $7 °/o Handwerkern, 32®/o „Luitmenschen“ " und l u/o Intelligenzlern zusammen. Bei den Polen waren es nur 6°/o Handwerker und 94^/0 Menschen ohne bestimmten Beruf. Der Redner horft, daß das Arbeitsdepartementdes polnischen Staatsratf.es sich mit dem1 Schutz aucn der jüdischen Auswanderer befassen wird. Die judenfrage in Finnland wird hoffentlich eine Lösung finden. Der finnländische Senat hat sich' für die Gleichberechtigung aller Religionen und Sprachen erklärt. Eine jüdische Deputation wurde vom neuen russischen Ministerpräsidenten Fürsten Lwow, wie der Warschauer „Moment“ berichtet, empfangen. Die Deputation, aus führenden jüdischen Persönlichkeiten gebildet, sprach, die Hoffnung aus, daß die neue Regierung die alten Beschränkungen gegen die jüdische Bevölkerung abschaffen werde. Ferner brachte die Deputation die Bitte vor, den jüdischen politischen Flüchtlingen, die unschuldig in den Gefängnissen schmachten und nach Sibirien verschickt, wurden, die Freiheit wiederzugeben. Sie gab eine Darstellung der entsetzlichen Läge der unzähligen jüdischen Verschickten und Evakuierten und ersuchte, diesen Unglücklichen die Rückkehr in ihre ehemaligen Wohnorte zu gestatten. Der Ministerpräsident dankte für die Loyalitätsbezeigung Und versprach im Namen der Regierung, alle gerechten Wünsche zu erfüllen. Er erklärte, daß alle Juden, die als spionageverdächtig oder anderer politischer Vergehen halber sich in Haft befänden, in den nächsten Tagen in Freiheit zu setzen. Das Komitee Pro Causa Judaica richtete/ wie die „Basler Nachrichten“ aus Zürich melden, heute an Fürst |Lwow, den Präsidenten der provisorischen Regierung Rußlands, folgendes Telegramm: „Das Komitee Pro Causa Judaica,. das 1916 in der Schweiz gegründet wurde, zum! Zwecke der Förderung der Gleichberechtigung Narionaijüöisctie Buchhanülüng R.üowii, Wicn l, Rotenturmitra6e22 Heue Jüdische Bücher: 2 iir Ö st j u den f ra g e ~ Max Rosenfeld Polen und luden K 1.50 Prof. Franz Oppenheimer urteilt in den „Neuen jüdischen Monatsheften“ vom 25. März 1917. Die kleine Schrift von Rosenfaid ist das Werk eir.es gebildeten Volkswirtes und Historikers mit so viel Objektivität, wie der Mensch mitten im Kampfe irgend aufbringen kann . ... Das predigt nicht, beschimpft nicht, klagt nicht an und keucht nicht! das sucht zu verstehen, auch den Gegner, und entwickelt in ruhiger, Vornehmheit die Ideologie aller Parteien aus ihrer ökonomisch-sozialen, Lagerung. Nafhan Birnbaum Den Ostjuden ihr Recht! Diese Schrift des bekannten Führers, und Politikers ist für jeden, der sich ein klares Bild über die Ostjudenfrage bilden will,- durchaus unentbehrlich. Die chassidische Welt hat ihren reinsten dichterischen Ausdruck gefunden in folgenden Werken von Jizchok Leib Perez Chasidische Geschichten Aus dem Jüdischen von. Alex. Eliasberg Brosch. K 6.—, kart. K 7.20, gbn. K 8.— Oie goldene Kette Das Drama einer chassidischen Familie Aus dem Jüdischen von Siegfried Schmitz Brosch. K 2.40, ln Samtkalbleder K'25.— Jüdische Kunst — Jüdische Liebhaberausgabe — Reiches jüdisches Antiquariat.— Kataloge gern zur Verfügung. Hationaljüöische Buchhandlung K. Mt, Wien l,Roienfiu>mMe22 vor. dem Gesetz und der politischen - und wirtschaftlichen Befreiung .für die Juden Rußlands1, und das von vielen politischen Persönlichkeiten, Professoren und Intellektuellen aller Bekenntnisse in der Schwefe unterstützt wird, drückt der provisorischen Regierung Rußlands ' seine vollkommene S y m p a t h i e aus und dankt ihr im Namen aller neutralen Juden für die Proklamation der Rechte für die Juden Rußlands. Gezeichnet: J. Dreyfus-Brodsky, Präsident, Dr. Felix Pinkusy Aktuar.“ Die Gleichberechtigung der Juden in der russischen Armee bezweckt eine Bekanntmachung des Kriegsministers Gutschkow; Juden und andere Nationalitäten, die über die genügende Bildung verfügen, werden in die Offiziersschulen aufgenommeh “werden, mit "Ausnahme der Deutschen, für deren Loyalität bei der gegenwärtigen Kriegslage keine genügenden Garantien bestünden. Der Dumaabgeördnete Friedmänn schickte dem „Joodsch Correspondentie-Bureau“ im'Haag folgendes Telegramm: In den Freudentagen des Triumphes des Rechtes, und der-Gerechtigkeit hat das neue Regime die Prinzipien der bürgerwinkligen Gasse, die uns aufnimmt, weht Ghettolufi: hebräische Schrift an allen Wänden, jüdische Tempelbesudier im geschäftigen Gange, niedrige Häuser mit seltsamen Türen. Wir folgen zunächst dem Strome der Frommen, ohne das Ziel wahrzunehmen. Nirgends erhebt sich ein Bau, der beanspruchen dürfte, das Gotteshaus einer kopfreichen Gemeinde zu sein. Dieses unscheinbare Haus doch nicht, in dessen Tür unsere Vorgänger verschwinden? Kopfschüttelnd vertrauen wir uns ihren Spuren an. Eine dunkle Treppe führt abwärts, und mm zeigt sich, daß hier im Gassenwinkel doch ein Tempel Raum gefunden hat. Nur tief in die Erde hinab mußte er flüchten, als ein Symbol jener Zeit, die seinen Gläubigen ein Verkriechen-fühlbarer als ein. Prunken am offenen Markte nahe legte, ln den Tagen des Polenkönigs Sigismund August, um 1573, ist die Wilnaer Synagoge entstanden. Jahrhunderte haben ihre Mauern geschwärzt, Jahrhunderte haben um ihre Halle eine Tradition der Ehrfurcht und der Pietät gesponnen. ■' Einfach, wie in allen jüdischen Gotteshäusern, ist der Bau gegliedert. Vier .mächtige Säulen, mitten in den Bankreihen, stützen die „Bi-, ma“, jene Empore, von deren Kanzel die Bibel verlesen wird. An der Stirnseite steht zu ebener Erde ein Altar, vor dessen altertümlichem Aufsatz pus gehämmertem Golde kleine Kerzen brennen. Vom .‘Altar aufwärts aber führt der Weg zum Allerheiligsten : ein grüner, reich gewirkter Damastvorhang verschließt die Gebetsrollen. Ein Murmeln erfüllt-die Halle: die Andächtigen auf den Bänken sprechen ihre Gebete in jenem1 eigentümlich singenden Tonfall der jüdischen Kultustradition. Vorn am Altar neigt sich ein hochbetagter Vorbeter, vom weißen Gebetsmantel eingehüllt, im Rhythmus seines Zwiegespräches mit dem Ewigen. Ringsum nur Männer, alle nach dem Brauch des Orients, mit dem Hut auf dem Kopf. Unwillkürlich sucht das Auge des Fremden nach den* frommen Frauen. Umsonst- Der jüdische Ritus trennt sie im* Tempel von den Männern und läßt sie im* Dämmerlicht auf einer hohen Galerie verschwinden. Der Chor der alten Synagoge, von einem weit bekannten Kantor geführt, singt heute nicht. So gehen wir die Stufen hinauf, aus dem Dämmern ins Tageslicht Der Kundige findet hier reiche Gelegenheit zur Andacht. Denn fast" jede Haustür, die auf die Gasse “mündet, führt treppauf zu einer Betstube. Kostbar ausgeschmückte und unscheinbare Räume wechseln ab. Aber alle sind wirklich Stuben, in ihrer Intimität wie geschaffen zur Sammlung und Einkehr. Ihr Inneres folgt im Aufbau überall den vorgeschriebenen Richtlinien: in der. Mitte die Estrade der ,,'Bima“, vom der Altar mit dem verschlossenen Vorhang. Die Beter sitzen zwanglos auf Schemeln und Stühlen, ohne' die starre Bankreihe der großen Synagoge. Pulte mit Gebetbüchern stellen sie vor sich. An der Wand jaher darf der große russische Ofen nicht fehlen. Den Rücken daran gelehnt, stehen weißbärtige Gläubige, vor sich ihr Betpult, so daß. der Körper sich einklemmt und wohl au di einmal, ita' jähen Schlafe des ATte'rs, vornübersinkt. In diesen Stuben kehrt der Fromme ja nicht bloß zu kurzer Andacht ein. Er verbringt zuweilen den ganzen Tag 'hier, die Alten wie die Jungen,' die hier ihre Glaubenslehre empfangen. An einem langen Tische sitzen, in emsiger Sammlung, betagte Männer. Alle blicken in die heiligen Bücher und lauschen andächtig dem Vortrage eines Alten. Auch er ist ein Laie, ein Bürger wie seine Zuhörer.. Kein geistliches Amt hat ihn geweiht, aber seine Kenntnisse verleihen ihm1 das Vorrecht des Lehrers. Mit lauter Stimme liest er den hebräischen Text des Talmuds vor, um ihn sodann in der jiddischen Umgangssprache auszulegen und den Gefährten mundgerecht zu machen.' Es ' steht ihnen frei, mit ihm zu debattieren. Aber nur selten machen sie respektvoll Gebrauch von diesem' - Anrecht. So beherrscht er, mit der Unruhe seiner Schultern, mit den gescheiten Blicken über die Brille hinweg, mit seiner geläufigen Suada „ die ganze Stube. Nur fern vom Altar her klingt das Mürmeln der Beter., In. Andacht versunken, überhören sie die Stimmen am* langen Tische. Ein. Badehaus, eine hebräische Bibliothek sind ganz in der Nähe, immer in;der' gleichen Gasse zu finden. So kann der Beter, über die kurzen, gemeinsamen Versammlungen hinaus, ein ganzes Leben'hier verbringen. Ein Leben, in Bruch und Sitte, in Lehre und Weisheit der Väter versenkt, heimisch in fernen Jahrhunderten, und doch nur wenige Schritte vom' Treiben der Wilnaer Straße entfernt.- (Schluß folgt.) Gesinnungsgenossen, zahlt den Schekel für 56771

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