Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 15 (13.4.1917)
- Date
- 1917-04-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bl XI. Jahrgang — Nr. 15 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45*3-25 Nalional-jüdifches Organ Mil der Beilage: v Der Judifche Nationalfonds Wien, Freilag, 13. April 1917 / 21. Nissan 5677 B Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien U/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 Itlllfllt Vo,ksfeinC*- — Ghetto. — Der. Ulllall amjrikanisch-jüd. Kongress. — Die Zionisten in Rußland. — Die konfiszierten Exzellenjüdische Welt — Ankündigungen. — Bezen.; richte und Korrespondenzen. — Personalnachricht. Ein Volksfeind Das„Berliner Tagblatt“ vom 5. April 1. J. bringt an leitender Stelle einen Artikel über die judenfrage'in Polen von.Dr. Paul Nathan, demGeschäftsführerdes HilfsvereinesDeutscher Juden. Der lange Artikel verfolgt einerseits die>Tendenz, den derzeitigen polnischen Führern in der niedrigsten Weise zu schmeicheln, sie. als die vorzüglichsten Träger der Gerechtigkeit und des Fortschrittes zu preisen, anderseits den Zweck, den 'Kampf, der Juden in Polen um nationales Selbstbestimmungsrecht und kulturelle. Freiheit als das Werk einiger weniger unreifer Fantasten und Hetzer hinzustellen. Nathan, stellt fest, daß man das Schicksal der Juden ruhig den polnischen Führern anvertrauen kann, daß es diesen nicht im Traume einfällt, die Juden irgendwie in ihren Rechten zu kränken. Die gleisnerischen Redensarten notorischer Judenfeinde preist er als goldene Wahrheit,. den aus der Seele dringenden-Notschrei der Juden ignoriert er. Und gar der jüdische Nationalismus! Purer Schwindel! Es gibt einfach keine jüdischen Nationalisten. Ein paar Schreier sonst nichts. Es ist zur Genüge bekannt, daß im neuen Warschauer Stadtrat, eine Fülle antisemitischer Anträge angenommen und Ausnahmsverfügungen zuungunsten der Juden getroffen wurden. Man verweist die jüdischen-Kaufleute von den guten Plätzen, man verbietet den Juden das Betreten gewisser Stadtviertel, man stellt beim Magistrat keine Juden an, man nimmt den Juden ausreichend Steuer ab, verweigert aber die Zuwendung entsprechender Geldmittel an jüdische Schulen und Küchen. Während Nathan seinen Artikel über das Wohlergehen der Juden in Polen schrieb, hat der Bürgermeister von Warschau die Vorwürfe und Anklagen der jüdischnationalen Gemeinderäte mit der Behauptung abgefertigt, daß für die Juden die alten russischen Gesetze gelten! Aber Nathan versichert, man könne ganz beruhigt sein! Überall wo freie Wahlen waren, haben die jüdischnationalen Kandidaten gesiegt! Im Warschauer Gemeinderat haben sie die Majorität unter den Juden. Im Lodzer Gemeinderat sitzen nur Nationaljuden-. Kein einziger Assimilationsjude konnte ein Mandat erlangen! Aber Nathan belehrt die westliche Öffentlichkeit dahin, daß die Juden in Polen vom jüdischen Nationalismusnichts wissen wollen! Man kann dem Dr.Nathan nicht schlechte Orientierung als Milderungsgrund zubilligen. Er ist nur zu.gut informiert Er und seine Hilfskräfte haben sich viel im Okkupationsgebiete umgetan und er ist im Besitze ausführlicher Schilderungen. Seine Darstellungen sind dafür bewußt gefälscht. Wer einem um seine Freiheit und sein nationales Selbstbestimmüngsrecht ringenden Volke in den Arm fällt, begeht ein schmähliches Verbrechen. Nathan begeht es zum zweitenmale, und zwar am eigenen, am jüdischen Volke. Sein erster Überfall galt dem herrlich .aufstrebenden jüdischen Gemeindewesen in Palästina. Er hat seine Stellung als Leiter des deutschen Hilfsvereines dazu mißbraucht, um die hebräische Sprache, unsere heilige Muttersprache, aus den ihm unterstehenden Schulen Palästinas zu verjagen. Ghetto / Von Paul Monty*) Im Juden viertel. Wie auf einer Insel im Meer wohnt das Volk Israel, heute wie einst, in seinen Gassen, mitten in der großen Stadt'Wilna. Die Mächte der Pietät und der Tradition schmieden die Juden genau so fest zusammen, wehren ihnen das Fortwandern genau so streng wie einst Tor und Riegel des Ghettos. Eine dunkle Wolke scheint, bei jedem1 Wetter, diese Dächer zu beschatten. Beklemmend wirkt deshalb ein Gang durch die trübseligen; Straßen auf die Menschen des Westens. Alte Sinne rebellieren gegen die Eindrücke des Spaziergängers. Das Auge sieht Elend und Schmutz, das Ohr nimmt Mißtöne wahr und die NaSe, ja die Nase hat alte Gründe, sich persönlich be-f leidigt zu fühlen. Muffig und säuerlich brodelt's in einer Luft, in der nur die Eingesessenen zu atmen vermögen. Im Winter mögen die Häuser ihre Bewohner gegen Frost und Wind verteidigen. An warmen Som'mertagen aber dienen sie nur als Prospekte und Kulissen. Zur eigentlichen Bühne, des Lebens wird die Straße, diese enge Straße mit den schmalen Bürgersteigen und Jcdemf holprigen Pflaster. Jedem Orientfahrer ist das Bild eines solchen ünbehausten Daseins geläufig. Aber anders als in Tanger oder Algier führt hier die Gasse die Menschen zusammen. Dort zieht der Einzelne jedem Auge sichtbar, auf Schneidertisch und Schusterschemel in den Vers'chlägen der Häuser, in Armeslänge einander von Häuserfront zu Häuserfront erreichbar. Wie auf eine Schnur auf¬ *) Dieses Kapitel [wurde. dem' .irrt Verlage der „Wilnaer Zeitung“ 1916 herausgegebenenj Büchlein liebenswürdigen, mit künstlerischen Pho- ' thographien geschmückten „Wanderstunden in •Wilna“ von Paul Monty-entnommen. (2. Auff. (Oktav. 116 S.) gereiht, zeigen sich die Emsigen. Aber jeder scheint, in (seine Welt eingesponnen, eine Existenz für sichzu führejm Hier aber löst.sich alle Einsamkeit des Da- , seins zur Geselligkeit auf. Unaufhörlich fließt zusammen und wirbelt durcheinander, was aus . den Häusern hervorgequollen ist. Der Handel, das seit Jahrhunderten diesem Volke aufgezwungene Gewerbe, bestimmt das Gesetz des Umgangs. Zur Handelsstätte. aber wird alles. Nicht bloß diese seltsamen Läden im Erdgeschoß der Gebäude, nur mit einer Oeffnung und Lichtquelle versehen, mehr Höhlen als Kaufgewölbe, Beuten und Löchern vergleichbar, die irgend eine Naturgewalt den Häusern geschlagen hat. Wie der Laden, so die Ware. Es wirkt wunderlich, wenn in diesen Auslagen Lebensmittel auftau-. chen. Denn lichtlos, luftlos scheinen die dunklen Winkel hur das Alte, Stumpfe, aber nichts Frisches und Blinkendes bergen zu können. Recht in den Stil passen deshalb die Alteisenhändler mit ihrembraunen, dem Rost geweihten Gerümpel von Schlüsseln und Ketten. Auch am1 „Flickermarkt“ kann man vom Geiste des Judenviertels einen Hauch verspüren. Ein Durchgang ist‘s und führt vom Hause Fleischmarktgasse 10 im krummen Gassenwinkel hinüber zur Synagoge. Trödelkram und Kleiderflicken werden in den engen Kaufläden feilgeboten, die sich hier, Tür an Tür unter krausen Hausgalerien und windschiefen Treppen öffnen.' Ein buntes Bild? Nein. Denn alle Farben werden im Schatten des Ghettos blaß und stumpf. Nur die steinernen Strebebogen, die hie und da die Gasse überbrücken, leuchten bei alter Verwitterung in südländischem Rot. Alles im Ghetto wird zur Handelsstätte. Wohl beugt sich zuweilen ein Handwerker über seine Arbeit: Scherenschleifer treten mitten auf dem Fahrdamm ihr Triebrad, ein Böttcher klopft auf dem Bürgersteig die Dauben seines Fasses zu- . sammen und aus einer schmalen Werkstatt leuchtet ein Schmiedefeuer auf die Straße hinaus. Der Handel aber sprießt und wuchert allerorten. Der gebührende Lohn ist ihm zuteil geworden Als er nach Palästina kam, um sich von seinen willfährigen Beamten und gekauften Bettlern als Beglücker feiern zu lassen, da haben sich die Intelligenz und die Jugend wie ein Mann gegen ihn erhoben, und er mußte fluchtartig das Land verlassen. Um sich zu rächen, hat er die nationale'Judenschaft bei der türkischen Regierung verdächtigt, sein Spießgeselle Efraim Cohn, der Leiter des Schulwerkes des Hilfsvereines in Palästina, hat die Denunziation fortgesetzt und gesteigert. Wohl ist hiedurch schweres Leid über die Zionisten gebracht worden, aber die hebräische Sprache ist Siegerin geblieben, trotz Nathan und Cohn. Damals schon hat sich Nathan den Namen „Volksfeind“ redlich erworben. Nunmehr setzt er sein in Palästina begonnenes Werk in Polen fort. Aber wie in Palästina, so wird auch in Polen sein Plan scheitern. Niedrige Rachsucht und feile Liebedienerei können bösen Schaden anstiften, aber sie können den endgültigen Sieg einer gerechten Volkssache auch verhindern. Mag sich Nathan heute an seinen „weitreichenden“ Beziehungen vergnügen, mag er sich der Gunst der fremden Führer, denen zuiieb er täuscht und fälscht, erfreuen. Diese Gunst wird schwinden, aber der Name „Volksfeind“ wird immer an ihm haften bleibeit. Der Öffentlichkeit und den von Nathan beeinflußten Stellen möchten wir aber zu bedenken geben, daß es ihnen selbst nur zu Schaden gereichen kann, wenn von persönlichem Haße und Rachedurst beseelte Menschen ihre Aufklärer und Ratgeber sind, wenn sie ihre Kenntnisse von der aufstrebenden, gewaltigen nationaljüdischen Bewegung aus so trüben Quellen schöpfen. Nichts anderes gehört dazu als ein Korb und eine Messingwage. Mit dieser Ausstattung wird das Geschäft in Hausfluren, Torwegen und mit Vorliebe am Uferrande des Rinnsteins eröffnet. Wer einen handfesten Appetit hat, mag hier Obst, Käse, gelbe Plinsen' von beredten Frauen beziehen. Oder er kann bei einem Aveißbärtigen Hiob ein Glas aus den Selterflaschen trinken, die der Alte, auf den Knien hockend, im Wasserbassin eines Holzbottichs kühlt. Handelskörbe und Kinder — so schwimmen allmählich beim Wandern im Judenviertel die Eindrücke zusammen. Ueberall kribbelt und trippelt der Nachwuchs dieser vom Daseinsglücke gewiß nicht. Verwöhnten umher, kriecht durch die Rinnsteine und liegt unbekümmert, bäuchlings auf den Planken des Bürgersteigs. Bis eines Abends mit einem Schlage Kinder und Körbe, Schleifrad und Messingwage verschwinden, bis das Gebot der Sabbatruhe für vierundzwanzig Stunden alle Luken und Läden schließt, das Geschrei verstummen; läßt und die lebendige Bühne des Alltags, die Straße, verödet. Die große Synagoge. Anders als die Bauwerke Wilnas, die wir bisher auf unsern Streifzügen betrachteten, muß die alte Synagoge aufgesucht werden. Hier heißt's wirklich suchen. Denn sie gibt sich dem Blick nicht preis. Sie versteckt sich. Hundertmal kann man an ihr vorbeigewandert sein, ohne etwas vom Dasein des Gotteshauses zu spüren. Deshalb sei einer, jener Durchgänge verraten, die in Wilna so viele Geheimnisse erschließen: wir gehen die Deutsche Straße hinunter, bis wir bei der Hausnummer 12 einen Torweg finden. Am Freitag, abends in der sechsten Stunde, durchschreitet man diesen Torw'eg am besten. Er führt uns aus der Deutschen Straße mit ihren Schaufenstern und ihrem lebhaften Wagenverkehr nur ein paar Meter fort. Aber während wir diese kurze Entfernung zurücklegen, wandern wir stracks um Jahrhunderte zurück. In der kleinen,